Rund 28 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben einen Migrationshintergrund — das sind laut Mikrozensus 2021 etwa 23 Millionen Menschen. Ihre wirtschaftliche Lage unterscheidet sich erheblich von der der übrigen Bevölkerung: beim Armutsrisiko, beim Einkommen, bei der Beschäftigung. Das Gefälle ist nicht neu. Aber seine Ursachen sind komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint.
Wer die Zahlen versteht, erkennt: Es geht nicht um fehlende Bildung oder mangelnde Arbeitsmotivation. Es geht um strukturelle Barrieren, um rechtliche Zugangsgrenzen, um Berufsprofile, die dauerhaft am unteren Ende der Lohnskala verankert sind — und um Gruppen innerhalb der großen Kategorie "Migrationshintergrund", die sehr unterschiedliche Ausgangsbedingungen mitbringen.
Armutsrisiko: Der Vergleich auf einen Blick
Die zentrale Kennzahl ist die Armutsrisikoquote — der Anteil der Personen, die mit weniger als 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens auskommen müssen. 2021 lag dieser Wert bei Menschen mit Migrationshintergrund bei 25 Prozent, bei Menschen ohne bei 14 Prozent. Das ist fast das Doppelte.
Noch deutlicher wird das Gefälle, wenn man zwischen direkt Eingewanderten und in Deutschland geborenen Personen mit Migrationshintergrund unterscheidet. Direkt Eingewanderte kamen zwischen 2020 und 2022 auf eine Armutsquote von rund 30 Prozent. Für Geflüchtete lag der Wert 2021 bei 68 Prozent — mehr als viermal so hoch wie bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.
Auch die breitere Armutsgefährdungsquote — die neben dem Einkommen auch materielle Entbehrung und fehlende Erwerbstätigkeit einbezieht — bestätigt dieses Bild. 2022 waren 24,3 Prozent der Menschen mit Einwanderungsgeschichte armutsgefährdet, gegenüber 11,5 Prozent bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte.
Herkunftsgruppen: Keine homogene Kategorie
"Menschen mit Migrationshintergrund" ist eine statistische Kategorie, die sehr unterschiedliche Lebenslagen zusammenfasst. Innerhalb dieser Gruppe gibt es erhebliche Unterschiede beim Armutsrisiko — je nach Herkunftsregion, Einreisezeitpunkt, Aufenthaltsstatus und Bildungsbiografie.
Türkischstämmige Personen tragen ein Armutsrisiko von 36 Prozent — das ist mehr als doppelt so hoch wie bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler kommen auf 31 Prozent, Personen mit osteuropäischem Migrationshintergrund auf 29 Prozent. Türken und Personen aus südwesteuropäischen Herkunftsländern weisen 2021 eine erhöhte Arbeitslosenquote von rund 13 Prozent auf — deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.
Am stärksten betroffen sind Geflüchtete. Ihre Situation unterscheidet sich strukturell von der anderer Gruppen: rechtliche Beschränkungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt, häufig niedrige Schulbildung (39 % der Geflüchteten haben einen Grundschulabschluss als höchsten Abschluss), fehlende Sprachkenntnisse bei Ankunft und keine beruflichen Netzwerke. Zugleich haben 15 Prozent der Geflüchteten einen tertiären Bildungsabschluss — ein Potenzial, das der Arbeitsmarkt bislang kaum ausschöpft.
Arbeitsmarkt: Beschäftigung, Einkommen, Berufsstruktur
Das Armutsrisiko hängt direkt mit der Stellung auf dem Arbeitsmarkt zusammen. Hier zeigen sich systematische Unterschiede — auf mehreren Ebenen gleichzeitig.
Die Arbeitslosenquote bei Menschen mit Migrationshintergrund liegt bei 11 Prozent, bei Menschen ohne bei 5 Prozent. Bei Geflüchteten beträgt die Arbeitslosigkeit 16 Prozent — etwa das Dreifache des Wertes der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Die Erwerbsbeteiligung insgesamt ist ebenfalls niedriger: 69,2 Prozent der direkt Eingewanderten gehen einer Erwerbstätigkeit nach, gegenüber 81 Prozent bei Personen ohne Einwanderungsgeschichte.
Wer beschäftigt ist, verdient im Schnitt weniger. Das mediane Nettoerwerbseinkommen liegt bei Menschen mit Migrationshintergrund bei rund 1.800 Euro, bei Menschen ohne bei etwa 2.000 Euro. Das Haushaltsnetto-äquivalenzeinkommen von Personen mit Migrationshintergrund beträgt rund 1.700 Euro. Diese Einkommenslücke ist kein Zufallsprodukt — sie spiegelt die Berufsstruktur wider.
17 Prozent der Beschäftigten mit Migrationshintergrund sind in Arbeiterberufen tätig, gegenüber 7 Prozent ohne Migrationshintergrund. Diese Berufe sind typischerweise schlechter entlohnt, bieten weniger Aufstiegsmöglichkeiten und sind stärker konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt. Die Konzentration auf bestimmte Branchen — Gastronomie, Bau, Reinigung, Pflege, Logistik — erklärt einen erheblichen Teil der Einkommenslücke.
Bildung: Warum Abschlüsse allein das Gefälle nicht erklären
Ein häufiger Erklärungsversuch lautet: Menschen mit Migrationshintergrund seien schlechter gebildet, und das erkläre das Armutsrisiko. Die Daten stützen das nicht — zumindest nicht pauschal.
Bei tertiären Bildungsabschlüssen ist der Unterschied marginal: 25 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund haben einen Hochschulabschluss, bei Menschen ohne sind es 26 Prozent. Ein kaum messbarer Unterschied — und dennoch klafft beim Armutsrisiko eine große Lücke.
Das liegt daran, dass formale Bildung allein nicht ausreicht, wenn Abschlüsse nicht anerkannt werden, Sprachkenntnisse für bestimmte Berufe als unzureichend gelten oder Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt faktisch vorhanden ist. Ausländische Hochschulabschlüsse werden in Deutschland oft nicht oder nur teilweise anerkannt — das betrifft besonders Menschen aus Drittstaaten. Wer als Ingenieur, Arzt oder Lehrerin eingewandert ist, findet sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt häufig in unqualifizierten oder angelernten Tätigkeiten wieder.
Bei Geflüchteten ist das Bildungsniveau tatsächlich im Schnitt niedriger: 39 Prozent haben einen Grundschulabschluss als höchsten Abschluss, nur 15 Prozent einen tertiären Abschluss. Hier spielen Herkunftsland und Fluchtverlauf eine zentrale Rolle.
Erwerbsbeteiligung im Haushalt: Die Rolle von Paarfamilien
Ein zentraler Armutsfaktor ist die Erwerbsbeteiligung auf Haushaltsebene. Ob und wie viel alle erwerbsfähigen Personen im Haushalt arbeiten, bestimmt das verfügbare Einkommen erheblich — besonders bei Familien.
Bei Paarfamilien ohne Einwanderungsgeschichte gingen 2023 in 77 Prozent der Haushalte beide Partner einer Erwerbstätigkeit nach. Bei Paarfamilien mit Einwanderungsgeschichte waren es nur 50 Prozent. Diese Lücke von 27 Prozentpunkten erklärt sich aus mehreren Faktoren: unterschiedliche Rollenmodelle, Betreuungspflichten ohne ausreichende institutionelle Unterstützung, eingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt für Zugewanderte — und bei Geflüchteten auch rechtliche Beschränkungen.
Die fehlende zweite Erwerbsperson im Haushalt ist einer der stärksten Armutsverstärker. Haushaltseinkommen, das nur auf einer Erwerbsquelle beruht, bietet wenig Puffer — bei Krankheit, Jobverlust oder unerwarteten Ausgaben.
Was das Gefälle erklärt — und was nicht
Das Armutsrisiko von Menschen mit Migrationshintergrund ist nicht monokausal. Es entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die sich gegenseitig verstärken: geringere Erwerbsbeteiligung, höhere Arbeitslosigkeit, Konzentration auf schlecht entlohnte Berufe, Nicht-Anerkennung von Abschlüssen und rechtliche Zugangsbeschränkungen — besonders für Geflüchtete.
Was das Gefälle nicht erklärt, ist fehlende Bildung oder fehlende Arbeitsbereitschaft. Die nahezu identischen Anteile tertiärer Bildung bei beiden Gruppen zeigen das deutlich. Das Problem liegt im Übergang zwischen Bildung und Beschäftigung — und in den strukturellen Hürden, die diesen Übergang für viele Menschen mit Migrationshintergrund schwerer machen.
Wirkungsvolle Ansätze sind daher weniger auf individuelle Förderung ausgerichtet als auf systemische Öffnung: schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse, konsequenter Abbau von Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, besserer Zugang zu Grundsicherung und Bürgergeld für Personen in der Ankommensphase, und gezielte Unterstützung für Haushalte mit geringer Erwerbsbeteiligung — etwa durch Kinderbetreuung, die eine zweite Erwerbsperson überhaupt erst möglich macht.
Das Armutsrisiko ist auch mit Fragen der sozialen Teilhabe und der Einkommensungleichheit verbunden. Wer dauerhaft am Rand des Arbeitsmarkts steht und in Armutsnähe lebt, ist von gesellschaftlicher Partizipation strukturell ausgeschlossen — unabhängig von Herkunft, Bildung oder individueller Leistung.
Quellenangabe
Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.
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Weitere Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), Mikrozensus 2021, Sozioökonomisches Panel (SOEP), Bundesagentur für Arbeit, Datenreport 2023 des Statistischen Bundesamts, Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung
Stand: 2024