Wohnen · Ausgrenzung · Hilfe
Wohnungslosigkeit in Deutschland. Wer betroffen ist — und warum.
Über 231.000 Menschen waren im Januar 2023 in Deutschland ohne eigene Wohnung untergebracht — ein Anstieg von fast 30 Prozent gegenüber der ersten bundesweiten Erhebung 2022 (178.000). Hinter der Zahl stecken Familien, Alleinerziehende, Menschen auf der Flucht und Menschen, die durch Einkommensverlust, Schulden oder Trennung ihren Halt verloren haben.
231.000
untergebrachte wohnungslose Personen am 31. Januar 2023 — Anstieg gegenüber 178.000 im Vorjahr
16,4 %
der untergebrachten Wohnungslosen sind Alleinerziehende (2023)
30,9 %
leben als Paarhaushalt mit Kindern in Notunterkünften (2023)
29,3 %
sind alleinstehend untergebracht (2023)
2022
erste bundesweite Wohnungslosenstatistik nach WoBerichtsG eingeführt
§ 67 SGB XII
Rechtsgrundlage für Hilfen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten
37 %
der Wohnungslosen haben ihre Wohnung wegen Mietschulden verloren — der häufigste einzelne Auslöser
90 %
aller Menschen, die länger als zehn Jahre wohnungslos sind, sind männlich
531.600
So viele Menschen waren Anfang 2024 in Deutschland wohnungslos — davon 439.500 untergebracht, 60.400 verdeckt wohnungslos und 47.300 ohne jede Unterkunft.
372.000
Am Stichtag 31. Januar 2023 waren knapp 372.000 Personen institutionell untergebracht — 2022 waren es 178.000. Der starke Anstieg geht maßgeblich auf eine verbesserte Datenmeldung zurück, nicht auf eine reale Verdopplung der Betroffenen.
86 %
So hoch ist der Anteil der Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit unter den in der Bundesstatistik erfassten untergebrachten wohnungslosen Personen.
2/3
Knapp zwei Drittel aller wohnungslosen Personen sind männlich. Frauen sind überproportional häufig verdeckt wohnungslos, etwa bei Bekannten oder Angehörigen untergekommen.
8.396
So viele Menschen waren 2024 in Berlin obdachlos oder verdeckt wohnungslos — das entspricht 0,2 Prozent der Berliner Bevölkerung, doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt (0,1 Prozent).
531.600
Geschätzte Gesamtzahl wohnungsloser Menschen in Deutschland Anfang 2024, laut Wohnungslosenbericht 2024 der Bundesregierung.
439.500
Davon waren Anfang 2024 institutionell untergebracht, etwa in Notunterkünften oder Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe.
372.000
Institutionell untergebrachte wohnungslose Personen zum Stichtag 31.01.2023 — der Anstieg gegenüber 2022 geht vor allem auf verbesserte Datenmeldung zurück.
60 %
Anteil der verdeckt wohnungslosen Menschen, die nach einem Wohnungsverlust wohnungslos wurden — die häufigste Ursache.
86 %
Anteil der Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit unter den institutionell untergebrachten wohnungslosen Personen.
531.600
Menschen waren Anfang 2024 in Deutschland wohnungslos — davon 439.500 untergebracht, 60.400 verdeckt wohnungslos und 47.300 ohne jede Unterkunft.
2030
Bis zu diesem Jahr will die Bundesregierung Obdach- und Wohnungslosigkeit überwinden. Der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit wurde am 24. April 2024 vom Bundeskabinett beschlossen.
2/3
Knapp zwei Drittel aller wohnungslosen Menschen sind männlich. Frauen sind überproportional häufig von verdeckter Wohnungslosigkeit bei Bekannten oder Angehörigen betroffen.
86 %
So hoch ist der Anteil der Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in der Bundesstatistik untergebrachter wohnungsloser Personen, davon rund 42 Prozent aus dem europäischen Ausland.
2020
In diesem Jahr wurde das Gesetz geschaffen, das die Bundesregierung zu regelmäßiger Berichterstattung über Wohnungslosigkeit verpflichtet. Bis 2019 gab es keine offizielle bundesweite Erhebung.
Haushaltstypen untergebrachter Wohnungsloser — Verteilung nach Haushaltsgröße, 31. Januar 2023 (%)
Statistik untergebrachter wohnungsloser Personen (WoBerichtsG), Sozialbericht 2024. "Sonstige" = sonstige Mehrpersonenhaushalte (9,3 %) + unbekannt (10,4 %).
Untergebrachte Wohnungslose nach Staatsangehörigkeit — Vergleich Jan. 2022 vs. Jan. 2023
Statistik untergebrachter wohnungsloser Personen, Bundesamt für Statistik. Erfasst: Personen in ordnungsrechtlicher oder sozialhilferechtlicher Unterbringung.
Auf einen Blick
- Die erste bundesweite Wohnungslosenstatistik (2022) zählte 178.000 untergebrachte wohnungslose Personen.
- Fast jede sechste untergebrachte Person ist alleinerziehend — eine der am stärksten betroffenen Haushaltsformen.
- Fast ein Drittel der Untergebrachten lebt als Familie mit Kindern — Wohnungslosigkeit ist kein Randphänomen von Einzelpersonen.
- Die Zahl untergebrachter Wohnungsloser stieg zwischen 2022 und 2023 deutlich, u. a. durch Fluchtmigration.
- Ordnungsrechtliche Unterbringung ist gesetzlich garantiert — aber die Qualität und Dauer variiert stark nach Bundesland.
Wohnungslosigkeit ist eine der sichtbarsten und gleichzeitig am schwersten zu erfassenden Formen sozialer Not. Wer kein Dach über dem Kopf hat, verliert oft gleichzeitig Meldeanschrift, Bankzugang, Arbeitsverhältnis und soziales Netzwerk — eine Abwärtsspirale, die sich ohne externe Unterstützung kaum selbst stoppen lässt. Dabei ist Wohnungslosigkeit in Deutschland kein Schicksal von Einzelnen, sondern ein strukturelles Problem — und eines, das statistisch lange unsichtbar war.
Erst 2022 wurde in Deutschland eine bundesweit einheitliche Statistik zur Wohnungslosigkeit eingeführt. Das Wohnungslosenberichtsgesetz (WoBerichtsG) verpflichtete Kommunen erstmals zur systematischen Erfassung. Das Ergebnis der ersten Erhebung zum Stichtag 31. Januar 2022 war ernüchternd: rund 178.000 wohnungslose Personen wurden in Deutschland untergebracht — in ordnungsrechtlichen Unterkünften, in Einrichtungen nach dem Sozialgesetzbuch oder durch kommunale Notfallhilfen. Und dieser Wert unterschätzt die Realität erheblich, denn er erfasst nur die Untergebrachten — nicht die auf der Straße Schlafenden, nicht die Sofa-Surfer, nicht die Menschen in akuter Wohnungsnot ohne Hilfezugang.
Was Wohnungslosigkeit bedeutet — Definition und gesetzlicher Rahmen
Im deutschen Sozialrecht und in der Sozialberichterstattung wird zwischen verschiedenen Graden der Wohnungsnot unterschieden. Obdachlosigkeit im engsten Sinne bezeichnet das Leben ohne jede Unterkunft — auf der Straße, in Parks oder Bahnhöfen. Wohnungslosigkeit ist der weitergefasste Begriff: Er umfasst alle Menschen ohne mietrechtlich gesicherte eigene Wohnung, also auch jene, die vorübergehend in Notunterkünften, Pensionen, Gemeinschaftsunterkünften oder bei Bekannten und Verwandten unterkommen.
Das WoBerichtsG erfasst drei Kategorien untergebrachter Personen: Erstens Menschen, denen ordnungsrechtlich Wohnraum überlassen wird — das ist die kommunale Pflichtaufgabe zur Vermeidung akuter Obdachlosigkeit. Zweitens Menschen, die im Rahmen der Sozialhilfe nach §§ 67 ff. SGB XII Hilfen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten erhalten — ein Hilfesystem für Menschen mit komplexen Problemlagen wie Sucht oder psychischer Erkrankung. Drittens Menschen, die über zuwendungsrechtliche Förderungen der Kommunen untergebracht werden — etwa in Kältehilfe-Einrichtungen.
Was die Statistik nicht erfasst: Menschen, die ohne Anmeldung bei Freunden schlafen ("verdeckte Wohnungslosigkeit"), oder jene, die in Asylbewerberunterkünften leben und formal nicht als wohnungslos gelten. Die tatsächliche Gesamtzahl liegt daher erheblich über den 178.000 Erfassten.
Kurzantwort: Wohnungslosigkeit bezeichnet das Leben ohne mietrechtlich gesicherte Unterkunft. Die amtliche Statistik zählte 178.000 untergebrachte Personen im Januar 2022 — im Januar 2023 waren es bereits über 231.000. Die tatsächliche Gesamtzahl liegt noch höher, da verdeckte Wohnungslosigkeit nicht erfasst wird.Wer betroffen ist: Haushaltstypen und Staatsangehörigkeit
Wohnungslosigkeit ist kein homogenes Phänomen. Die Zusammensetzung der untergebrachten Bevölkerung zeigt ein vielschichtiges Bild — mit zwei dominant betroffenen Gruppen, die auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen scheinen: Familien und Alleinstehende.
Zum Stichtag 31. Januar 2023 lebten rund 30,9 Prozent der untergebrachten Wohnungslosen als Paarhaushalt mit Kindern — fast ein Drittel. Weitere 16,4 Prozent waren Alleinerziehende. Das bedeutet: Fast die Hälfte aller untergebrachten Wohnungslosen lebt in Haushalten mit Kindern. Gleichzeitig sind 29,3 Prozent alleinstehend — oft ältere Männer oder jüngere Männer ohne familiären Rückhalt, die durch Sucht, psychische Erkrankung oder Schulden in die Wohnungslosigkeit geraten sind.
Diese Verteilung hat sich zwischen 2022 und 2023 leicht verschoben: Der Anteil Alleinerziehender stieg von 13 auf 16,4 Prozent, Paarhaushalte mit Kindern blieben auf hohem Niveau. Das spiegelt auch den Anstieg der Fluchtmigration wider, die überproportional Familienverbände betrifft.
Betrachtet man die Staatsangehörigkeit, zeigt sich ein deutlicher Anstieg von Personen aus typischen Fluchtherkunftsländern zwischen 2022 und 2023. Deutsche Staatsangehörige blieben die größte Gruppe — von 71.525 auf 107.735 —, aber auch Menschen aus Syrien (27.675 → 44.425), Afghanistan (19.290 → 32.695) und dem Irak (9.120 → 10.810) nahmen stark zu. Dieser Anstieg ist teilweise methodisch bedingt: Im ersten Erhebungsjahr wurden ordnungsrechtliche Kurzunterbringungen oft misinterpretiert, was die Vergleichbarkeit einschränkt.
Die Geschlechterverteilung in der Wohnungslosigkeit ist differenzierter, als das öffentliche Bild nahelegt. Unter verdeckt wohnungslosen Personen — also jenen, die vorübergehend bei Bekannten oder der Familie unterkommen — sind knapp 57 Prozent männlich und 43 Prozent weiblich. Der Abstand ist kleiner als oft angenommen.
Deutlicher fällt der Unterschied bei der Dauer aus: Langzeit-Wohnungslosigkeit ist überwiegend männlich. Neun Prozent der wohnungslosen Männer sind bereits länger als zehn Jahre wohnungslos — bei Frauen sind es nur 2,1 Prozent. Insgesamt sind 90 Prozent aller Menschen, die länger als ein Jahrzehnt ohne eigene Wohnung leben, männlich. Diese Verfestigung hängt eng mit Sucht- und psychischen Erkrankungen zusammen, die bei langzeitwohnungslosen Männern besonders häufig auftreten und den Zugang zum Hilfesystem erschweren.
Seit zwölf Jahren hat Werner keine eigene Wohnung. Er kennt die Notschlafstellen in drei Städten. Er hat aufgehört zu zählen, wie oft er einen Antrag gestellt hat. Mit Suchterkrankung und ohne Meldeadresse gelangt man selten durch das Hilfesystem hindurch — man landet darin. 90 Prozent derer, die länger als ein Jahrzehnt wohnungslos sind, sind wie Werner: männlich.
Illustratives Beispiel
Kurzantwort: Fast die Hälfte der untergebrachten Wohnungslosen lebt in Haushalten mit Kindern — entweder als Paarhaushalt (30,9 %) oder als alleinerziehende Person (16,4 %). Langzeit-Wohnungslosigkeit über zehn Jahre ist mit 90 Prozent nahezu ausschließlich männlich.Wie Menschen wohnungslos werden — Wege in die Krise
Es gibt keinen typischen Weg in die Wohnungslosigkeit. Stattdessen gibt es viele Wege — und fast alle beginnen mit einem Zusammentreffen mehrerer Belastungen, von denen jede einzelne bewältigbar wäre, die zusammen aber zu viel werden.
Der häufigste Auslöser bei Familien ist der Verlust des Einkommens. Jobverlust, Krankheit, Trennung — alle drei führen dazu, dass die Miete plötzlich nicht mehr bezahlbar ist. In Großstädten mit angespannten Wohnungsmärkten reichen wenige Monate Mietrückstand, um eine Kündigung zu riskieren. Sozialleistungen greifen, aber nicht sofort und nicht immer in ausreichender Höhe. Wer keine Ersparnisse hat — und das ist bei armutsgefährdeten Haushalten die Regel — hat keine Puffer.
Konkrete Zahlen aus dem Wohnungslosenbericht 2024 belegen den Stellenwert von Mietschulden: 37 Prozent der wohnungslosen Menschen haben ihre Wohnung aufgrund von Mietschulden verloren — das ist der häufigste einzelne Auslöser von Wohnungslosigkeit überhaupt. Wenige Monate ausstehende Miete reichen rechtlich für eine fristlose Kündigung, und in einem angespannten Wohnungsmarkt findet man danach kaum schnell eine neue Wohnung.
Thomas, 44, verliert seinen Job im März. Im Juli sind drei Monate Miete offen. Der Vermieter kündigt fristlos. Die Jobcenter-Zahlung kommt sechs Wochen später. In dieser Zeit findet Thomas keine neue Wohnung — wer mit negativer SCHUFA und ohne Arbeitgeber-Nachweis sucht, bekommt keine Rückmeldung. Am Ende zählt er zu den 37 Prozent, die wegen Mietschulden wohnungslos werden.
Illustratives Beispiel
Bei Alleinstehenden sind die Wege oft länger und vielschichtiger: Suchterkrankungen, psychische Erkrankungen und Schulden bilden Kombinationen, die den Zugang zu normalem Wohnraum dauerhaft erschweren. Wohnungslosigkeit und körperliche wie psychische Gesundheit hängen dabei eng zusammen — beide verstärken sich gegenseitig. Wer als potenzieller Mieter mit negativer SCHUFA, ohne stabiles Einkommen und mit sichtbarer Suchterkrankung auf den freien Wohnungsmarkt trifft, hat kaum Chancen — auch dann nicht, wenn die Person selbst Hilfe möchte.
Geflüchtete geraten in die Wohnungslosigkeitsstatistik auf einem anderen Weg: Nach anerkanntem Schutzstatus müssen sie Asylbewerberunterkünfte verlassen und auf den regulären Wohnungsmarkt wechseln. Ohne Sprachkenntnisse, Netzwerke und mit begrenzten Mitteln ist das in angespannten Städten kaum zu schaffen. Die Übergangsphase zwischen Asylheim und eigenem Mietvertrag ist ein besonders gefährlicher Moment.
Kurzantwort: In die Wohnungslosigkeit führen meistens mehrere gleichzeitige Belastungen — Einkommensverlust, Schulden, Trennung oder Sucht. Mietschulden sind mit 37 Prozent der häufigste einzelne Auslöser. Wer keine Ersparnisse hat und auf einem angespannten Wohnungsmarkt lebt, verliert bei einem Schicksalsschlag schnell die Wohnung.Regionale Unterschiede: Wer schläft wo?
Wohnungslosigkeit sieht in Deutschland je nach Region sehr unterschiedlich aus — nicht nur in ihrer Häufigkeit, sondern auch darin, wie sie sich konkret äußert. In den ostdeutschen Bundesländern und in Baden-Württemberg ist etwa die Hälfte der wohnungslosen Menschen ohne eigene Unterkunft bei Bekannten oder Angehörigen untergekommen oder lebt auf der Straße. Das verdeckte Segment — die sogenannten Sofa-Surfer — ist dort besonders groß.
In Hamburg, das als Stadtstadt eine eigene Wohnungsloseninfrastruktur vorhalten muss, liegt der Anteil der Menschen, die auf der Straße leben oder in Behelfsunterkünften nächtigen, bei rund 31 Prozent. Das ist relativ hoch für eine wohlhabende Metropole — und ein Hinweis darauf, dass Obdachlosigkeit im engsten Sinne kein ostdeutsches, sondern vor allem ein städtisches Phänomen ist.
Diese regionalen Muster haben praktische Konsequenzen: Ein auf Untergebrachte konzentriertes Hilfesystem erreicht in Regionen mit hohem Straßen- und Verdeckt-Anteil einen großen Teil der Betroffenen gar nicht. Hilfsangebote müssen aufsuchend sein — nicht nur stationär.
Kurzantwort: In Ostdeutschland und Baden-Württemberg ist rund die Hälfte der Wohnungslosen bei Bekannten oder auf der Straße — das verdeckte Segment ist groß. In Hamburg schläft oder lebt rund 31 Prozent auf der Straße oder in Behelfsunterkünften.Das Hilfesystem: Was es gibt — und wo es endet
Deutschland hat ein gut ausgebautes Hilfesystem für Wohnungslose — im Vergleich zu vielen anderen Ländern. Kommunen sind gesetzlich verpflichtet, Menschen ohne Unterkunft unterzubringen. Fachberatungsstellen nach § 67 SGB XII begleiten Menschen mit komplexen Problemlagen. Freie Träger der Wohlfahrtspflege betreiben Tagesaufenthalte, Beratungsstellen, betreutes Wohnen und Notschlafstellen.
Das System hat aber strukturelle Lücken. Erstens ist die Qualität der ordnungsrechtlichen Unterbringung sehr heterogen: Manchmal bedeutet sie eine Notschlafstelle in einer Gemeinschaftsunterkunft, manchmal ein möbliertes Zimmer — aber selten eine eigenständige Wohnung, die tatsächlich Stabilität schafft. Zweitens ist das Fachberatungssystem nach § 67 SGB XII auf freiwillige Inanspruchnahme angewiesen: Menschen müssen aktiv Hilfe beantragen und aufrechterhalten — was bei schweren psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen oft nicht möglich ist.
Drittens fehlt es an der entscheidenden Ressource: Wohnraum. Soziale Träger können begleiten, beraten und stabilisieren — aber wenn am Ende des Prozesses keine bezahlbare Wohnung zur Verfügung steht, bleibt die Hilfe wirkungslos. Das "Housing First"-Prinzip — zuerst eine eigene Wohnung sichern, dann Probleme angehen — hat sich international als wirkungsvoller erwiesen als klassische Stufensysteme, wird aber in Deutschland bislang nur selten konsequent umgesetzt.
Die freie Wohlfahrtspflege — AWO, Caritas, Diakonie, Rotes Kreuz und Paritätischer Wohlfahrtsverband — trägt in Deutschland den Großteil der niedrigschwelligen Wohnungslosenhilfe. Kältehilfe-Einrichtungen in Städten sind oft vollständig ehrenamtlich organisiert und decken in den Wintermonaten die schlimmsten Lücken im System.
Soziale Stabilisierung braucht zuerst eine Adresse. Wer täglich kämpft, wo er schläft, kann keine Kraft für Bewerbungen, Behördengänge oder Therapie aufwenden.Kurzantwort: Das Hilfesystem für Wohnungslose ist in Deutschland gut strukturiert, aber lückenhaft. Kommunen sind zur Unterbringung verpflichtet, Fachberatungsstellen und Wohlfahrtsverbände bieten Begleitung — aber bezahlbarer Wohnraum als finale Lösung fehlt in angespannten Städten häufig.
Alleinerziehende: Die am meisten übersehene Risikogruppe
Der hohe Anteil Alleinerziehender unter den Wohnungslosen — 16,4 Prozent im Jahr 2023 — ist ein Befund, der politisch mehr Aufmerksamkeit verdient, als er bekommt. Alleinerziehende verbinden nahezu alle Risikofaktoren für Wohnungslosigkeit: ein Einkommen für mehrere Personen, hohe Mietbelastung, eingeschränkte Arbeitszeiten wegen Kindererziehung und häufig fehlende soziale Unterstützung durch ein zweites Elternteil.
In Städten mit hohem Mietniveau ist die Situation für Alleinerziehende besonders angespannt. Eine Drei-Zimmer-Wohnung für 1.200 Euro kalt ist für eine Person mit einem oder zwei Kindern und einem Einkommen im Niedriglohnbereich kaum finanzierbar — und Wohngeld oder Kinderzuschlag gleichen die Lücke nur teilweise aus. Wer zudem keine Familie in der Nähe hat, die kurzfristig einspringt, hat bei einem Einkommensverlust kaum Puffer.
Fatima, 31, alleinerziehend, zwei Kinder. Nach der Trennung reicht ihr Einkommen für keine Dreizimmerwohnung in der Stadt. Die Notunterkunft hat ein Zimmer. Die Kinder teilen sich ein Bett. Die Tochter muss die Schule wechseln. Fatima gehört zu den 16 Prozent der untergebrachten Wohnungslosen, die alleinerziehend sind — eine Zahl, hinter der fast immer eine ähnliche Geschichte steckt.
Illustratives Beispiel
Für Kinder bedeutet Wohnungslosigkeit der Eltern tiefe Einschnitte: Schulwechsel, fehlende Rückzugsmöglichkeiten, soziale Isolation, fehlende Materialien. Die Auswirkungen auf Bildung und Entwicklung sind langfristig — und machen Kinderarmut und Wohnungslosigkeit zu eng verbundenen Phänomenen. Mehr zu den Zusammenhängen findet sich im Abschnitt zu Kinderarmut.
Kurzantwort: Alleinerziehende tragen überproportional hohes Wohnungslosigkeitsrisiko — 16,4 % der untergebrachten Personen (2023) leben in dieser Haushaltsform. Ihr Risiko ergibt sich aus der Kombination von niedrigem Einkommen, hohen Wohnkosten und fehlenden sozialen Auffangnetzen.Was die erste bundesweite Statistik verändert hat
Bis 2022 existierten keine verlässlichen bundesweiten Zahlen zur Wohnungslosigkeit. Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) auf Basis von Hochrechnungen waren das einzige Instrument — mit erheblichen Unsicherheiten. Das WoBerichtsG hat erstmals eine gemeinsame Datenbasis geschaffen, die Kommunen, Länder und Bundesregierung zur Zusammenarbeit zwingt.
Die neue Statistik hat Grenzen: Sie erfasst nur Untergebrachte, nicht verdeckt Wohnungslose. Die Methodik ist noch nicht vollständig vereinheitlicht — das zeigte sich daran, dass im ersten Jahr ordnungsrechtliche Kurzzeitunterbringungen von vielen Kommunen unterschiedlich klassifiziert wurden. Dennoch ist allein die Existenz der Statistik ein Fortschritt, der langfristig politischen Druck erzeugt: Was gemessen wird, kann nicht mehr ignoriert werden.
Der Anstieg der Zahlen zwischen 2022 und 2023 — über alle Staatsangehörigkeitsgruppen hinweg — ist ein Signal. Er zeigt, dass Wohnungslosigkeit kein Problem ist, das sich von selbst löst, und dass der Druck auf das Hilfesystem wächst. Gleichzeitig blieb der politische Wille, strukturell gegenzusteuern — durch sozialen Wohnungsbau, Mietpreisbremsen oder "Housing First"-Programme — bislang hinter dem tatsächlichen Bedarf zurück.
Kurzantwort: Seit 2022 gibt es erstmals bundesweite Zahlen zur Wohnungslosigkeit. Die Statistik zeigt einen Anstieg untergebrachter Personen zwischen 2022 und 2023. Politisch relevanter Hebel: Was gemessen wird, kann nicht mehr ignoriert werden.Aktuelle Zahlen zur Wohnungslosigkeit in Deutschland
Kurzantwort: Anfang 2024 waren rund 531.600 Menschen in Deutschland wohnungslos, davon 439.500 institutionell untergebracht, 60.400 verdeckt wohnungslos und 47.300 ohne jede Unterkunft.
Der Wohnungslosenbericht 2024 der Bundesregierung liefert erstmals ein umfassendes Bild: Rund 531.600 Menschen waren Anfang 2024 in Deutschland wohnungslos. Davon lebten 439.500 in institutioneller Unterbringung, etwa in Notunterkünften oder Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Weitere 60.400 Menschen waren verdeckt wohnungslos, kamen also ohne eigene Wohnung vorübergehend bei Bekannten oder Verwandten unter. 47.300 Menschen hatten keinerlei Unterkunft und lebten auf der Straße.
Die Bundesstatistik zu untergebrachten wohnungslosen Personen zeigt zusätzlich einen Zeitverlauf: Am Stichtag 31. Januar 2023 waren knapp 372.000 Personen institutionell untergebracht — gegenüber 178.000 am 31. Januar 2022. Dieser Anstieg bedeutet jedoch keine reale Verdopplung der Betroffenenzahl. Er ist zu einem großen Teil auf eine verbesserte Datenmeldung der Kommunen zurückzuführen: Die zweite Erhebung erfasste mehr Gebietskörperschaften vollständiger als die erste, wodurch die Dunkelziffer sank.
Bis 2022 gab es in Deutschland keine amtliche Statistik zur Wohnungslosigkeit. Die Grundlage dafür schuf das Wohnungslosenberichterstattungsgesetz, das seit 2020 eine jährliche Statistik zum Stichtag 31. Januar sowie alle zwei Jahre eine erweiterte Berichterstattung vorschreibt. Die erste Erhebung wurde am 14. Juli 2022 veröffentlicht, die zweite am 2. August 2023.
Die Bundesregierung hat sich im Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP W), der am 24. April 2024 im Bundeskabinett verabschiedet wurde, das Ziel gesetzt, Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland bis zum Jahr 2030 gemeinsam mit Ländern, Kommunen und Verbänden zu überwinden. Der NAP W bildet dabei erstmals einen bundesweit abgestimmten Handlungsrahmen für alle beteiligten Ebenen. Weitere Details liefert die detaillierte Wohnungslosenstatistik Deutschland und die Anzahl der Obdachlosen in Deutschland.
Wer ist von Wohnungslosigkeit betroffen?
Kurzantwort: Die Mehrheit der untergebrachten wohnungslosen Menschen ist männlich und hat eine ausländische Staatsangehörigkeit; Frauen sind häufiger verdeckt wohnungslos.
86 Prozent der in der Bundesstatistik erfassten untergebrachten wohnungslosen Personen haben eine ausländische Staatsangehörigkeit, rund 42 Prozent davon stammen aus dem europäischen Ausland. Im Jahr 2023 wurden zudem knapp 130.000 kriegsbedingt geflüchtete Menschen aus der Ukraine in dieser Statistik erfasst.
Knapp zwei Drittel aller wohnungslosen Personen sind männlich. Frauen sind dagegen überproportional häufig verdeckt wohnungslos: Sie kommen eher vorübergehend bei Bekannten oder Angehörigen unter, statt in institutionellen Unterkünften zu leben — und tauchen dadurch seltener in der amtlichen Statistik der Untergebrachten auf. Mehr dazu im Beitrag zu Geschlecht und Staatsangehörigkeit wohnungsloser Menschen.
Das Durchschnittsalter der 2023 untergebrachten wohnungslosen Personen lag bei 31 Jahren, ein Jahr niedriger als 2022 (32 Jahre). 69 Prozent der erfassten Personen sind ordnungsrechtlich, also durch die Kommune, untergebracht.
Ein wesentlicher Auslöser für Wohnungslosigkeit ist der Verlust der eigenen Wohnung: 59 Prozent der Menschen ohne Unterkunft und 60 Prozent der verdeckt Wohnungslosen sind nach einem Wohnungsverlust wohnungslos geworden. Ausführlicher beschreiben das die Beiträge Ursachen von Wohnungslosigkeit und Ursachen von Wohnungslosigkeit in Deutschland: Dauer, Hergang und soziale Faktoren. Eine spezifische Ursache — die Entlassung aus der Haft — behandelt der Beitrag Wohnungslosigkeit nach Haftentlassung.
Regionale Unterschiede: Berlin und Bundesebene im Vergleich
Kurzantwort: In Berlin waren 2024 rund 8.396 Menschen obdachlos oder verdeckt wohnungslos — ihr Anteil an der Bevölkerung ist doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.
Der Berliner Sozialbericht 2025 zählte für das Jahr 2024 insgesamt 8.396 obdachlose oder verdeckt wohnungslose Menschen in Berlin. Das entspricht 0,2 Prozent der Berliner Gesamtbevölkerung — doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt von 0,1 Prozent. Die zugrundeliegende Studie wurde von der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e. V. gemeinsam mit der Verian Group durchgeführt und baut methodisch auf dem Wohnungslosenbericht der Bundesregierung auf.
Auch in Berlin zeigt sich: Verdeckte Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit betreffen Männer deutlich häufiger als Frauen, und Menschen ab 30 Jahren häufiger als jüngere Menschen. Besonders ausgeprägt sind die Unterschiede nach Staatsangehörigkeit — Menschen ohne deutschen Pass sind deutlich stärker betroffen als Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Praktische Hilfsangebote fasst der Beitrag Hilfe bei Obdachlosigkeit in Berlin zusammen.
Zwischen den Bundesländern gibt es weitere Unterschiede in der Zusammensetzung der Betroffenen. Den höchsten Anteil wohnungsloser Frauen unter den Bundesländern verzeichnet Bremen mit 48 Prozent. Einen vollständigen Überblick über die Länder bietet der Beitrag Wohnungslosigkeit im Bundesländervergleich.
Was bedeutet wohnungslos, was bedeutet obdachlos?
Kurzantwort: Wohnungslos ist, wer keine mietrechtlich abgesicherte eigene Wohnung hat; obdachlos ist, wer zusätzlich keinerlei Unterkunft hat und im öffentlichen Raum lebt.
Als wohnungslos gelten Menschen, die aktuell nicht über eine eigene, mietrechtlich abgesicherte Wohnung oder über Wohneigentum verfügen. Das schließt Menschen ein, die institutionell untergebracht sind — etwa in einer städtischen Notunterkunft oder in einer Einrichtung nach dem Sozialgesetzbuch XII — ebenso wie Menschen, die ohne jede Unterkunft leben, in Behelfsunterkünften wohnen oder vorübergehend bei Bekannten und Verwandten untergekommen sind.
Obdachlosigkeit bezeichnet demgegenüber, dass jemand nicht nur ohne Wohnung, sondern auch ohne jede andere Unterkunft ist. Manche Kommunen verwenden die Begriffe unterschiedlich: Mancherorts wird von Obdachlosigkeit gesprochen, wenn Familien betroffen sind, und von Wohnungslosigkeit bei Alleinstehenden. In anderen Kommunen gelten ortsansässige Personen in ordnungsrechtlicher Unterbringung als obdachlos, während nicht-ortsansässige Personen ohne Wohnung als wohnungslos gelten.
International orientiert sich die Abgrenzung häufig an der ETHOS-Light-Typologie des europäischen Dachverbands FEANTSA. Sie unterscheidet vier Kategorien: Obdachlosigkeit im öffentlichen Raum, Wohnungslosigkeit ohne eigene Wohnung etwa in Wohnheimen, ungesichertes Wohnen wie eine vorübergehende Unterkunft bei Bekannten, und ungenügendes Wohnen, etwa in Wohnwagen oder stark überbelegten Räumen.
Wie viele Menschen sind in Deutschland wohnungslos? Die Zahlen 2022 bis 2024
Kurzantwort: Anfang 2024 waren schätzungsweise 531.600 Menschen in Deutschland wohnungslos, davon 439.500 institutionell untergebracht — die genauen Zahlen stammen aus zwei unterschiedlichen amtlichen Erhebungen.
Seit 2022 gibt es in Deutschland erstmals eine gesetzlich verpflichtende, jährliche Bundesstatistik zur Wohnungslosigkeit. Das Wohnungslosenberichterstattungsgesetz ordnet an, dass das Statistische Bundesamt jeweils zum Stichtag 31. Januar die Zahl der institutionell untergebrachten wohnungslosen Personen erhebt. Vor 2022 gab es keine amtliche Statistik zu diesem Thema in Deutschland.
Am 31.01.2022 waren 178.000 Personen institutionell untergebracht. Am 31.01.2023 waren es bereits knapp 372.000. Dieser starke Anstieg ist keine reale Verdopplung der Wohnungslosigkeit innerhalb eines Jahres, sondern maßgeblich auf eine Verbesserung der Datenmeldung durch die beteiligten Stellen im zweiten Jahr der Statistikdurchführung zurückzuführen. In der Statistik für 2023 waren zudem knapp 130.000 geflüchtete Menschen aus der Ukraine erfasst.
Zusätzlich zur jährlichen Unterbringungsstatistik gibt es alle zwei Jahre eine erweiterte Berichterstattung, den Wohnungslosenbericht der Bundesregierung. Er schätzt auch Personengruppen, die die Unterbringungsstatistik nicht erfasst: Menschen ohne jede Unterkunft und verdeckt wohnungslose Menschen, die vorübergehend bei Bekannten oder Verwandten unterkommen. Für Anfang 2024 kommt der Bericht auf eine Gesamtzahl von rund 531.600 wohnungslosen Menschen: 439.500 institutionell untergebracht, 60.400 verdeckt wohnungslos und 47.300 ohne jede Unterkunft.
Diese beiden Zahlenreihen – die jährliche Unterbringungsstatistik von Destatis und die zweijährliche Gesamtschätzung im Wohnungslosenbericht – messen unterschiedliche Dinge und sollten nicht direkt verglichen werden. Detaillierte Kennzahlen zur Bundesstatistik finden sich auf der Seite Wohnungslosenstatistik Deutschland.
Wohnungslos, obdachlos oder verdeckt wohnungslos: Was bedeutet das genau?
Kurzantwort: Wohnungslos ist jeder Mensch ohne mietrechtlich gesicherte eigene Wohnung; obdachlos ist eine engere Untergruppe ohne jede Unterkunft, und verdeckt wohnungslos sind Menschen, die vorübergehend bei anderen unterkommen.
Wohnungslosigkeit ist der weiter gefasste Begriff. Er umfasst alle Menschen, die nicht über eine eigene, mietrechtlich abgesicherte Wohnung oder Wohneigentum verfügen. Das schließt Menschen ein, die institutionell untergebracht sind, etwa in einer städtischen Notunterkunft, aber auch Menschen ohne jede Unterkunft und Menschen in verdeckter Wohnungslosigkeit.
Obdachlosigkeit bezeichnet im engeren Sinn das Leben ohne jede Unterkunft — auf der Straße, in Parks oder an anderen öffentlichen Orten. In der alltäglichen und teils auch kommunalen Verwendung werden beide Begriffe jedoch nicht immer trennscharf genutzt: Mancherorts wird von Obdachlosigkeit gesprochen, wenn Familien betroffen sind, und von Wohnungslosigkeit bei Alleinstehenden.
Verdeckte Wohnungslosigkeit beschreibt eine dritte Form: Betroffene haben keine eigene Wohnung, leben aber nicht auf der Straße, sondern kommen vorübergehend bei Bekannten oder Verwandten unter. Diese Gruppe ist statistisch am schwersten zu erfassen, weil sie in keiner amtlichen Meldung sichtbar wird. Eine ausführliche Definitionsabgrenzung bietet die Seite Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit in Deutschland.
Wer ist von Wohnungslosigkeit betroffen?
Kurzantwort: Knapp zwei Drittel der erfassten wohnungslosen Personen sind männlich, während Frauen überproportional häufig in verdeckter Wohnungslosigkeit leben.
Die Geschlechterverteilung unter wohnungslosen Menschen ist ungleich: Knapp zwei Drittel aller erfassten wohnungslosen Personen sind männlich. Frauen sind dagegen überproportional häufig verdeckt wohnungslos — sie kommen also eher bei Bekannten oder Angehörigen unter, statt in einer institutionellen Unterbringung oder auf der Straße sichtbar zu werden.
Auch bei der Staatsangehörigkeit zeigt sich ein deutliches Muster: Unter den institutionell untergebrachten wohnungslosen Personen liegt der Anteil von Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit bei 86 Prozent. Ein Teil dieser Gruppe sind Menschen, die im Zuge der Flucht aus der Ukraine ab 2022 in Deutschland Schutz gesucht haben.
Eine ausführliche Aufschlüsselung nach Geschlecht, Alter und Staatsangehörigkeit bietet die Seite Wohnungslosigkeit nach Geschlecht und Staatsangehörigkeit.
Warum werden Menschen wohnungslos?
Kurzantwort: Der Verlust der eigenen Wohnung ist die mit Abstand häufigste Ursache für Wohnungslosigkeit in Deutschland.
59 Prozent der Menschen ohne jede Unterkunft und 60 Prozent der verdeckt wohnungslosen Menschen sind nach einem Wohnungsverlust in Deutschland wohnungslos geworden. Ein Wohnungsverlust kann viele Auslöser haben — von Mietschulden über Trennungen bis zu gesundheitlichen Krisen, die eine Wohnsituation plötzlich unhaltbar machen.
Regionale Auswertungen zeigen zusätzliche Muster: Der Berliner Sozialbericht 2025, der auf den Daten des bundesweiten Wohnungslosenberichts aufbaut, kommt für Berlin auf einen Anteil verdeckt wohnungsloser oder obdachloser Menschen an der Gesamtbevölkerung von 0,2 Prozent — doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt von 0,1 Prozent.
Eine vertiefte Ursachenanalyse mit weiteren Einzelfaktoren findet sich auf der Seite Wohnungslosigkeit: Ursachen. Weiterführende regionale Daten bietet der Berliner Sozialbericht 2025.
Was unternimmt die Politik gegen Wohnungslosigkeit?
Kurzantwort: Die Bundesregierung hat im April 2024 einen Nationalen Aktionsplan verabschiedet, der die Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 überwinden soll.
Am 24. April 2024 hat das Bundeskabinett den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP W) verabschiedet. Er bildet erstmals einen bundesweiten Handlungsleitfaden, der die gemeinschaftlichen Anstrengungen von Bund, Ländern und Kommunen zur Überwindung der Wohnungs- und Obdachlosigkeit zusammenfasst. Ziel ist es, Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland bis zum Jahr 2030 zu überwinden.
Dem Aktionsplan ging ein breiter Beteiligungsprozess voraus, in den auch Menschen mit eigener Erfahrung von Wohnungslosigkeit eingebunden wurden. Der Plan benennt Rahmenbedingungen und Herausforderungen und setzt inhaltliche wie verfahrensbezogene Leitlinien für alle beteiligten Akteure.
Regionale Unterschiede in der Umsetzung und bei den Betroffenenzahlen zeigt die Seite Wohnungslosigkeit im Bundesländervergleich 2024. Zur sichtbaren Straßenobdachlosigkeit siehe Anzahl Obdachlose in Deutschland.
Aktuelle Zahlen: Wohnungslosigkeit in Deutschland 2024
Kurzantwort: Anfang 2024 waren rund 531.600 Menschen in Deutschland wohnungslos — das zeigt der Wohnungslosenbericht 2024 der Bundesregierung.
Zum Jahresanfang 2024 waren rund 531.600 Menschen in Deutschland wohnungslos. Davon waren 439.500 Personen kommunal oder institutionell untergebracht, 60.400 galten als verdeckt wohnungslos — sie kamen vorübergehend bei Bekannten oder Angehörigen unter — und 47.300 Menschen hatten keinerlei Unterkunft.
Zum Vergleich liegen auch andere Schätzungen vor: Für 2022 wurden 607.000 wohnungslose Menschen in Deutschland angegeben, für 2021 waren es 383.000. Diese Werte stammen aus einer anderen Erhebungsmethode als die Zahl für 2024 — einer Hochrechnung statt einer amtlichen Vollerhebung. Die Zahlen lassen sich deshalb nicht als durchgehende Zeitreihe lesen, sondern zeigen jeweils die Einschätzung der jeweiligen Erhebung zum jeweiligen Zeitpunkt. Ein direkter Vergleich der absoluten Höhe zwischen den Jahren ist daher nur eingeschränkt möglich.
Bis 2019 gab es in Deutschland keine offizielle bundesweite Erhebung zur Wohnungslosigkeit. Erst ein 2020 geschaffenes Gesetz verpflichtet die Bundesregierung, regelmäßig einen Bericht zu Ausmaß, Struktur und sozialstrukturellen Merkmalen von Wohnungslosigkeit vorzulegen. Detaillierte Zahlen zur Verteilung nach Bundesländern finden sich im Bundesländer-Vergleich, weiterführende statistische Auswertungen in der Wohnungslosenstatistik Deutschland.
Nationaler Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit bis 2030
Kurzantwort: Am 24. April 2024 hat das Bundeskabinett den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit beschlossen — Ziel ist die Überwindung von Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030.
Am 24. April 2024 verabschiedete das Bundeskabinett den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit. Er bildet als bundesweiter Handlungsleitfaden erstmals die gemeinsamen Anstrengungen von Bund, Ländern und Kommunen zur Überwindung der Wohnungs- und Obdachlosigkeit ab. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, dieses Problem bis zum Jahr 2030 in Deutschland grundsätzlich zu überwinden.
Dem Plan ging ein Beteiligungsprozess voraus, in den auch Menschen mit eigener Erfahrung von Wohnungslosigkeit einbezogen wurden. Der Plan benennt Rahmenbedingungen und Herausforderungen und formuliert inhaltliche wie verfahrensbezogene Leitlinien für alle beteiligten Akteure.
Wohnungslosigkeit ist dabei kein rein deutsches Phänomen: Europaweit waren 2024 mindestens 1.300.000 Menschen ohne Wohnung.
Wer ist betroffen: Geschlecht und Staatsangehörigkeit
Kurzantwort: Knapp zwei Drittel der wohnungslosen Menschen in Deutschland sind männlich, während Frauen häufiger von verdeckter Wohnungslosigkeit betroffen sind; der Anteil ausländischer Staatsangehöriger in der Bundesstatistik liegt bei 86 Prozent.
Knapp zwei Drittel aller wohnungslosen Menschen in Deutschland sind männlich. Frauen sind dagegen überproportional häufig von verdeckter Wohnungslosigkeit betroffen — sie kommen häufiger vorübergehend bei Bekannten oder Angehörigen unter, statt in einer institutionellen Unterkunft erfasst zu werden.
In der Bundesstatistik untergebrachter wohnungsloser Personen liegt der Anteil von Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit bei 86 Prozent, davon rund 42 Prozent aus dem europäischen Ausland. Zum Stichtag 31. Januar 2024 wurden zudem 136.900 geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer in der deutschen Wohnungslosenstatistik erfasst, im Jahr zuvor waren es 130.000.
Ausführliche Auswertungen nach Geschlecht und Staatsangehörigkeit bietet die Seite Wohnungslosigkeit nach Geschlecht und Staatsangehörigkeit. Zur begrifflichen Abgrenzung von Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit siehe Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit in Deutschland.
Quellen
- Wohnungslosenbericht 2024 (Bundesregierung)
- BMWSB Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit
- Von untergebrachten wohnungslosen Menschen und einem Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit – Aktuelle Sozialpolitik
- BAG W Statistikbericht 2023 (DzW-Dokumentation)
- Wohnungslosigkeit – Wikipedia
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit?+
Obdachlosigkeit ist die sichtbarste, extremste Form: Menschen ohne jede Unterkunft, die auf der Straße schlafen. Wohnungslosigkeit ist der weitergefasste Begriff. Er umfasst alle Menschen, die keine eigene, mietrechtlich gesicherte Wohnung haben — also auch Menschen in Notunterkünften, Gemeinschaftsunterkünften oder bei Freunden einquartiert ('Sofa-Surfer'). Die amtliche Bundesstatistik erfasst ausschließlich untergebrachte Wohnungslose — die tatsächliche Gesamtzahl liegt deutlich höher.
Warum sind so viele Familien mit Kindern wohnungslos?+
Familien verlieren ihre Wohnung oft durch Mietschulden nach Einkommensverlust (Jobverlust, Trennung, Krankheit), durch Kündigung nach Modernisierung oder durch Eigenbedarfskündigungen in angespannten Märkten. In Großstädten fehlen bezahlbare Familiengroßwohnungen. Alleinerziehende sind besonders gefährdet: Ein Einkommen für mehrere Personen, eingeschränkte Arbeitszeiten und hohe Wohnkosten bilden eine schwer zu überwindende Kombination.
Welche Hilfen gibt es für wohnungslose Menschen?+
Das Hilfesystem ist in Deutschland dreigeteilt: Ordnungsrechtliche Unterbringung durch Kommunen (Pflicht bei drohendem Obdach), Fachberatungsstellen nach § 67 SGB XII für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten, und freie Träger mit niedrigschwelligen Angeboten (Tagesaufenthalte, Kältehilfen, Suchtberatung). Wichtige Anlaufstellen sind die Wohnungslosenhilfe der Wohlfahrtsverbände (AWO, Caritas, Diakonie, Rotes Kreuz, Paritätischer) und städtische Sozialstellen.
Wie hat sich die Wohnungslosigkeit in Deutschland entwickelt?+
Verlässliche Bundeszahlen existieren erst seit 2022, als das Wohnungslosenberichtsgesetz (WoBerichtsG) die erste amtliche Statistik ermöglichte. Die Zahlen stiegen schnell: von rund 178.000 untergebrachten Personen im Januar 2022 auf über 231.000 im Januar 2023 — ein Zuwachs von fast 30 Prozent innerhalb eines Jahres. Als wesentliche Ursachen gelten gestiegene Fluchtmigration, Mietsteigerungen und die Nachwirkungen der Energiekostenkrise. Der Wohnungslosenbericht 2024 der Bundesregierung dokumentiert diese Entwicklung auf Basis des WoBerichtsG und bildet die Grundlage für den Nationalen Aktionsplan zur Überwindung von Wohnungslosigkeit.
Hat man als wohnungslose Person Anspruch auf staatliche Unterstützung?+
Je nach persönlicher Situation können wohnungslose Menschen verschiedene Leistungen in Anspruch nehmen: Erwerbsfähige Bedürftige können Grundsicherungsgeld nach SGB II beantragen, Kinder Sozialgeld. Kommunen sind ordnungsrechtlich in der Regel zur Notunterbringung verpflichtet. Fachberatung nach §§ 67–69 SGB XII kann weitere Unterstützung ermöglichen. Das zentrale Problem ist nicht das fehlende Recht, sondern der fehlende Zugang: ohne Konto, ohne Meldeadresse oder aus Scheu vor Behörden bleiben viele Ansprüche faktisch ungenutzt. Soziale Beratungsstellen helfen, diese Barrieren zu überbrücken.
Wie viele Menschen sind in Deutschland wohnungslos?+
Anfang 2024 waren rund 531.600 Menschen in Deutschland wohnungslos. Davon waren 439.500 institutionell untergebracht, 60.400 verdeckt wohnungslos bei Bekannten oder Verwandten und 47.300 ohne jede Unterkunft.
Warum ist die Zahl von 2022 auf 2023 so stark gestiegen?+
Die Zahl institutionell untergebrachter Personen stieg von 178.000 (Januar 2022) auf knapp 372.000 (Januar 2023). Dieser Anstieg ist überwiegend ein Erfassungseffekt: Die zweite Erhebung erfasste die Kommunen vollständiger, wodurch die Dunkelziffer sank. Es handelt sich nicht um eine reale Verdopplung der Betroffenenzahl.
Was ist der Unterschied zwischen wohnungslos und obdachlos?+
Wohnungslos ist, wer keine mietrechtlich abgesicherte eigene Wohnung hat — das schließt auch Menschen in Notunterkünften oder bei Bekannten ein. Obdachlos ist enger gefasst: Es bezeichnet Menschen ohne jede Unterkunft, die im öffentlichen Raum leben. In manchen Kommunen werden die Begriffe unterschiedlich verwendet.
Wer ist besonders von Wohnungslosigkeit betroffen?+
Knapp zwei Drittel aller wohnungslosen Personen sind männlich. 86 Prozent der institutionell untergebrachten Personen haben eine ausländische Staatsangehörigkeit. Frauen sind häufiger verdeckt wohnungslos, etwa bei Bekannten untergekommen, und dadurch seltener in der amtlichen Statistik erfasst.
Gibt es eine amtliche Statistik zur Wohnungslosigkeit in Deutschland?+
Ja, seit 2022. Das Wohnungslosenberichterstattungsgesetz verpflichtet das Statistische Bundesamt, jährlich zum Stichtag 31. Januar eine Statistik über untergebrachte wohnungslose Personen zu veröffentlichen, ergänzt durch eine erweiterte Berichterstattung alle zwei Jahre. Vor 2022 gab es keine bundesweit einheitliche Erfassung.
Wie ist die Situation in Berlin im Vergleich zum Bund?+
In Berlin waren 2024 rund 8.396 Menschen obdachlos oder verdeckt wohnungslos — das entspricht 0,2 Prozent der Bevölkerung und ist doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt von 0,1 Prozent.
Was ist der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit?+
Der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP W) wurde am 24. April 2024 von der Bundesregierung im Bundeskabinett verabschiedet. Er bildet erstmals einen bundesweiten Handlungsrahmen und verfolgt das Ziel, Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland bis zum Jahr 2030 zu überwinden.
Wie viele Menschen sind aktuell in Deutschland wohnungslos?+
Anfang 2024 waren rund 531.600 Menschen in Deutschland wohnungslos. Davon waren 439.500 institutionell untergebracht, 60.400 verdeckt wohnungslos und 47.300 ohne jede Unterkunft.
Seit wann gibt es eine amtliche Statistik zur Wohnungslosigkeit in Deutschland?+
Seit 2022. Das Wohnungslosenberichterstattungsgesetz verpflichtet das Statistische Bundesamt, jährlich zum 31. Januar die Zahl der institutionell untergebrachten wohnungslosen Personen zu erheben. Vor 2022 gab es keine bundesweite amtliche Statistik zu diesem Thema.
Warum ist die Zahl der Wohnungslosen zwischen 2022 und 2023 so stark gestiegen?+
Der Anstieg von 178.000 auf knapp 372.000 institutionell untergebrachte Personen ist maßgeblich auf eine Verbesserung der Datenmeldung im zweiten Erhebungsjahr zurückzuführen, nicht auf eine reale Verdopplung der Wohnungslosigkeit.
Was ist der Unterschied zwischen wohnungslos und obdachlos?+
Wohnungslos ist der weiter gefasste Begriff und umfasst alle Menschen ohne mietrechtlich gesicherte eigene Wohnung, auch institutionell Untergebrachte. Obdachlos im engeren Sinn bedeutet, ohne jede Unterkunft zu leben, etwa auf der Straße.
Was ist die häufigste Ursache für Wohnungslosigkeit?+
Der Wohnungsverlust ist die mit Abstand häufigste Ursache: 59 Prozent der Menschen ohne Unterkunft und 60 Prozent der verdeckt Wohnungslosen wurden nach einem Wohnungsverlust wohnungslos.
Wie viele Menschen sind in Deutschland wohnungslos?+
Anfang 2024 waren rund 531.600 Menschen in Deutschland wohnungslos — davon 439.500 untergebracht, 60.400 verdeckt wohnungslos und 47.300 ohne jede Unterkunft.
Was ist der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit?+
Der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit wurde am 24. April 2024 vom Bundeskabinett beschlossen. Er ist der bundesweite Handlungsleitfaden mit dem Ziel, Obdach- und Wohnungslosigkeit in Deutschland bis 2030 zu überwinden.
Warum weichen die Zahlen zur Wohnungslosigkeit zwischen den Jahren so stark voneinander ab?+
Die Werte für 2021, 2022 und 2024 stammen aus unterschiedlichen Erhebungsmethoden — teils aus amtlichen Vollerhebungen, teils aus Hochrechnungen. Unterschiedliche Methoden und Erhebungszeitpunkte machen die Zahlen nicht direkt vergleichbar.
Seit wann gibt es eine amtliche Statistik zur Wohnungslosigkeit in Deutschland?+
Bis 2019 gab es keine offizielle bundesweite Erhebung. Ein 2020 geschaffenes Gesetz verpflichtet die Bundesregierung seither zu regelmäßiger Berichterstattung.
Sind mehr Männer oder Frauen von Wohnungslosigkeit betroffen?+
Knapp zwei Drittel der erfassten wohnungslosen Menschen in Deutschland sind männlich. Frauen sind jedoch überproportional häufig von verdeckter Wohnungslosigkeit betroffen, die in Unterbringungsstatistiken schwerer sichtbar wird.
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