Das Armutsrisiko in Deutschland ist nicht gleichmäßig verteilt — das ist keine neue Erkenntnis. Aber die Dimension des Unterschieds entlang des Merkmals Migrationshintergrund überrascht dennoch: Während 14 von 100 Menschen ohne Einwanderungsgeschichte unter der Armutsschwelle leben, sind es bei Menschen mit Migrationshintergrund 25 von 100. Bei Geflüchteten steigt diese Zahl auf 68 von 100. Das sind keine Randphänomene — das sind strukturelle Realitäten einer Gesellschaft, die Migration zugelassen hat, aber Integrationshürden nie vollständig beseitigt hat.
Gleichzeitig ist das Bild vielschichtiger, als ein einziger Prozentwert vermitteln kann. Denn “Menschen mit Migrationshintergrund” ist keine homogene Gruppe. Dahinter stehen Arbeitsmigranten der 1960er Jahre und ihre Nachkommen, Spätaussiedler, EU-Bürger, Hochqualifizierte aus aller Welt — und Geflüchtete, die unter völlig anderen Umständen nach Deutschland kamen. Wer verstehen will, warum Migrationshintergrund das Armutsrisiko beeinflusst, muss diese Gruppen auseinanderhalten.
Was Migrationshintergrund mit Armut zu tun hat — und was nicht
Die zentrale Frage lautet: Macht Migrationshintergrund arm? Die Antwort ist: nein — aber er korreliert mit Faktoren, die Armut verursachen. Einwanderungsgeschichte ist kein Armutsgrund an sich. Wohl aber gehen mit ihr häufig Merkmale einher, die das Armutsrisiko erhöhen: geringere Vertrautheit mit dem deutschen Arbeitsmarktsystem, Anerkennung ausländischer Qualifikationen, die oft jahrelang dauert oder ganz scheitert, und der eingeschränkte Zugang zu sozialen Netzwerken, die beim Berufseinstieg entscheidend sind.
Dazu kommen strukturelle Ungleichheiten, die sich in den Daten klar abbilden: Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten weit häufiger in einfachen Arbeiterpositionen — 17 Prozent gegenüber 7 Prozent bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte. Sie sind doppelt so oft arbeitslos — 11 gegenüber 5 Prozent. Und bereits die Zugehörigkeit zu bestimmten Branchen erklärt einen Teil des Einkommensunterschieds: einfache Dienstleistungen, Gastronomie, Logistik, Reinigung — Sektoren mit niedrigen Löhnen, hoher Unsicherheit und geringen Aufstiegschancen.
Wichtig ist: Höhere Qualifikation schützt nicht automatisch. Auch Hochqualifizierte mit Migrationshintergrund stoßen auf Barrieren — bei der Anerkennung ihres Abschlusses, beim Zugang zu Führungspositionen, beim Namen auf dem Bewerbungsschreiben. Diskriminierung ist messbar und gut belegt. Sie ist kein gefühltes Problem, sondern ein struktureller Faktor, der wirtschaftliche Teilhabe systematisch erschwert.
Das Armutsrisiko variiert auch regional. In Stadtstaaten wie Berlin oder Bremen waren 2021 bei Menschen mit Migrationshintergrund besonders erhöhte Einkommensrisiken zu beobachten — das hängt sowohl mit den hohen Lebenshaltungskosten als auch mit spezifischen Arbeitsmarktstrukturen dieser Städte zusammen. Bereits längere Zeit in Deutschland lebende Personen mit Migrationshintergrund erreichten im Durchschnitt rund 86 bis 88 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung — ein Zeichen, dass wirtschaftliche Integration mit der Zeit gelingt, aber eine erhebliche Lücke bleibt.
Die großen Unterschiede zwischen den Gruppen
Wer über Armutsrisiko und Migrationshintergrund spricht, muss die Diversität dieser Gruppe ernst nehmen. Denn 25 Prozent ist ein Durchschnittswert — und Durchschnittswerte verdecken, wie weit die Realitäten auseinanderliegen.
Geflüchtete: 68 Prozent Armutsrisiko
Die mit Abstand höchste Armutsrisikoquote tragen Geflüchtete: 68 Prozent. Das heißt, mehr als zwei von drei Geflüchteten lebten 2021 unter der deutschen Armutsschwelle. Dieser Wert erklärt sich aus den besonderen Bedingungen des Ankommens: Viele Geflüchtete hatten bei der Erhebung noch keinen oder nur eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Ihre Sprachkenntnisse waren im Aufbau begriffen, aber oft noch nicht auf dem Stand, der qualifizierte Beschäftigung erlaubt. Und ihre Qualifikationen — häufig aus Bildungssystemen, die in Deutschland nicht unmittelbar anerkannt werden — lagen brach.
Entscheidend ist: Das Armutsrisiko von Geflüchteten sinkt mit zunehmender Aufenthaltsdauer erheblich. Die wirtschaftliche Eingliederung ist ein Prozess, der typischerweise viele Jahre umfasst. Gleichzeitig ist der Ausgangspunkt so hoch, dass selbst erhebliche Verbesserungen die Gruppe noch weit über dem Gesamtdurchschnitt lassen.
Türkischstämmige: 36 Prozent
Personen mit türkischem Migrationshintergrund — eine der größten Einwanderungsgruppen in Deutschland — hatten 2021 eine Armutsrisikoquote von 36 Prozent. Das ist deutlich über dem Durchschnitt aller Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Teil dieser Diskrepanz ist historisch erklärbar: Die Gastarbeiter-Migration der 1950er bis 1970er Jahre rekrutierte gezielt einfache Arbeitskräfte — ohne Bildungsangebote, ohne Bleibeperspektive, ohne Aufstiegswege. Diese strukturelle Benachteiligung hat sich über Generationen fortgeschrieben.
54 Prozent der türkischstämmigen Bevölkerung machten sich 2021 große Sorgen wegen Ausländerfeindlichkeit — der höchste Wert aller untersuchten Gruppen. Das ist kein persönliches Gefühl, sondern Ausdruck gelebter Erfahrung: Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, bei Bewerbungen, im Alltag. Diese Erfahrungen hinterlassen Spuren — auch in der wirtschaftlichen Entwicklung.
Spätaussiedler: 31 Prozent
(Spät-)Aussiedlerinnen und Aussiedler — also Menschen, die als Volksdeutsche aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen — hatten 2021 eine Armutsrisikoquote von 31 Prozent. Das mag überraschen, da Spätaussiedler formal über die deutsche Staatsangehörigkeit verfügen und im Alltagsleben nicht als “Migranten” wahrgenommen werden. Dennoch sind viele von ihnen in einkommensschwachen Regionen verortet, haben in Positionen unterhalb ihrer ursprünglichen Qualifikation gearbeitet, und gehören in der zweiten Generation zu jenen, die vom deutschen Bildungssystem häufig unterschätzt wurden.
Menschen aus Osteuropa: 29 Prozent
Personen mit osteuropäischem Migrationshintergrund — darunter EU-Bürger aus Polen, Rumänien, Bulgarien oder den baltischen Staaten — hatten 2021 eine Armutsrisikoquote von 29 Prozent. Diese Gruppe ist intern sehr heterogen: Sie umfasst sowohl Hochqualifizierte, die für deutsche Unternehmen tätig sind, als auch Saisonarbeiter in der Landwirtschaft, in Schlachthöfen oder im Pflegebereich — Branchen, in denen Einkommensschwäche strukturell angelegt ist.
Bildung: Das unterschätzte Paradox
Ein weit verbreitetes Vorurteil lautet: Menschen mit Migrationshintergrund seien schlechter gebildet — und das erkläre ihr höheres Armutsrisiko. Diese Aussage ist zumindest auf der Ebene der Hochschulabschlüsse nicht haltbar. Der Anteil von Menschen mit tertiären Bildungsabschlüssen — also Hochschul-, Universitäts- oder gleichwertigen Abschlüssen — beträgt bei Menschen mit Migrationshintergrund 25 Prozent, bei Menschen ohne Migrationshintergrund 26 Prozent. Der Unterschied ist marginal.
Das Paradox ist: Gleiche Bildung führt nicht zu gleichen Chancen. Ein Hochschulabschluss aus der Türkei, dem Iran oder Polen ist in Deutschland oft nicht dasselbe wert wie ein gleichwertiger Abschluss einer deutschen Universität — nicht wegen tatsächlicher Qualitätsunterschiede, sondern wegen bürokratischer Anerkennungsverfahren, die langwierig, teuer und oft erfolglos sind. Die Folge: Hochqualifizierte arbeiten unterhalb ihrer Qualifikation. Bildungsarmut betrifft in diesem Sinne nicht nur den fehlenden Abschluss, sondern auch den blockierten Zugang zu dem, was der Abschluss eigentlich ermöglicht.
Anders stellt sich das Bild bei mittleren Abschlüssen dar — also beim deutschen Sekundarbereich II (Abitur oder vergleichbare Abschlüsse). Hier klafft eine größere Lücke: Rund ein Drittel der Menschen mit Migrationshintergrund hat einen solchen Abschluss (33 Prozent). Bei der jungen Generation gleicht sich dieser Anteil jedoch an: Rund 38 Prozent der 17- bis 45-jährigen Nachkommen von Migrantinnen und Migranten haben einen Sekundarbereich-II-Abschluss als höchsten Bildungsabschluss — ähnlich wie gleichaltrige ohne Migrationshintergrund.
Das sind gute Nachrichten — und sie stehen im Widerspruch zu einer Erzählung, die immer nur von Bildungsversagen spricht. Bildungsintegration funktioniert. Sie braucht aber Zeit, Investition und ein Schulsystem, das aktiv fördert statt selektiert.
Sprache, Zugehörigkeit und der Wille zum Bleiben
Ein weiteres verbreitetes Bild ist das des mangelnden Integrationswillens — die Annahme, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich bewusst abgrenzen, die Sprache nicht lernen und Deutschland als vorübergehenden Aufenthaltsort betrachten. Die Daten zeichnen ein grundlegend anderes Bild.
83 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund schätzten 2021 ihre deutschen Sprechfähigkeiten als gut oder sehr gut ein. 84 Prozent bewerteten ihre Lesefähigkeit auf diesem Niveau, 75 Prozent ihre Schreibfähigkeiten. Zum Vergleich: 98 Prozent der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund verfügen über sehr gute Sprachkenntnisse beim Schreiben und Lesen. Der Abstand ist real — aber er erklärt sich zum Teil daraus, dass ein erheblicher Anteil dieser Gruppe selbst zugewandert ist, also Deutsch als Zweitsprache erworben hat — oft ohne die professionelle Förderung, die das erleichtern würde.
Bei der zweiten Generation liegen die Sprachkenntnisse nahezu auf dem Niveau der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. 98 Prozent der 17- bis 45-jährigen Nachkommen sprechen Deutsch gut oder sehr gut. Das ist keine Integration als Projekt — das ist Integration als gelebte Realität.
Und der Wille zum Bleiben? 84 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund äußerten 2021 den Wunsch, dauerhaft in Deutschland zu leben. Dieses Land ist ihre Heimat — mit allen Chancen und allen Hürden, die das bedeutet. Die verbreitete Vorstellung des temporären Gastes, der irgendwann zurückkehrt, entspricht für die große Mehrheit schlicht nicht der Realität.
Sorgen, Diskriminierung und was wirklich hilft
Menschen mit Migrationshintergrund tragen nicht nur ein höheres Armutsrisiko — viele von ihnen erleben zusätzlich gesellschaftliche Verunsicherung. 33 Prozent der Gesamtgruppe machten sich 2021 große Sorgen wegen Ausländerfeindlichkeit. Bei türkischstämmigen Personen war dieser Anteil mit 54 Prozent besonders hoch. Diese Sorge ist kein Ausdruck von Empfindlichkeit, sondern von gelebter Erfahrung: Diskriminierung bei der Wohnungssuche, auf dem Arbeitsmarkt, im Alltag. Sie ist messbar, dokumentiert und ein eigenständiger Risikofaktor für wirtschaftliche Ausgrenzung.
Denn wer bei der Wohnungssuche diskriminiert wird, zahlt mehr Miete für schlechtere Lagen. Wer im Bewerbungsverfahren benachteiligt wird, landet in Positionen unterhalb der eigenen Qualifikation. Und wer Diskriminierung als Dauererfahrung kennt, trägt einen psychischen Preis — der sich in Gesundheit, Motivation und sozialer Teilhabe niederschlägt. Armut und Diskriminierung verstärken sich gegenseitig, das ist empirisch belegt.
Was die Situation strukturell verbessert: eine verlässliche und schnellere Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse, frühzeitige Sprachförderung ab dem Kleinkindalter, ein Antidiskriminierungsrecht mit echten Sanktionsmöglichkeiten, mehr Diversität in Einstellungskommissionen und Führungsebenen, und ein Grundsicherungssystem, das beim Übergang in den Arbeitsmarkt trägt statt bremst.
Für Betroffene in aktuell schwieriger wirtschaftlicher Lage stehen verschiedene Wege offen: Wohngeldfür Haushalte mit niedrigem Einkommen, Kinderzuschlag für einkommensschwache Familien, ergänzende Grundsicherung für diejenigen, deren Einkommen nicht reicht. Migrationsberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände, Jobcenter und Schuldnerberatungen helfen bei der Orientierung im System — viele davon mehrsprachig.
Primärquelle
Sozialbericht 2024 der Bundesregierung — der umfassendste amtliche Bericht zur sozialen Lage in Deutschland, herausgegeben vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS). Alle Statistiken und Armutsdaten auf dieser Seite beziehen sich, sofern nicht anders angegeben, auf diesen Bericht.
Weitere Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), EU-SILC, Bundesagentur für Arbeit, Mikrozensus; Armutsschwelle: 60 % des Nettoäquivalenzeinkommens (Median); Bezugsjahr Hauptdaten: 2021–2022
Stand: 2025