Was Altersarmut in Deutschland bedeutet
Altersarmut ist keine Randerscheinung. Rund 17 Prozent der über 65-Jährigen gelten als armutsgefährdet — das entspricht Millionen Menschen, die monatlich weniger zur Verfügung haben als die gesellschaftlich anerkannte Mindestgrenze. Die Armutsschwelle lag 2022 für einen Einpersonenhaushalt bei rund 1.200 Euro netto im Monat.
Brigitte hat 42 Jahre gearbeitet — als Verkäuferin, als Pflegehilfe, zwölf Jahre in Teilzeit, weil sie ihre Mutter betreut hat. Mit 68 bekommt sie 840 Euro Rente. Miete, Strom, Lebensmittel. Es bleibt kaum etwas übrig. Einen Antrag auf Grundsicherung zu stellen, das fühlt sich an wie scheitern — dabei haben die Strukturen versagt, nicht sie.
Illustratives Beispiel
Armutsgefährdung im Alter ist dabei kein kurzfristiges Problem. Mehr als die Hälfte der Betroffenen lebt seit drei Jahren oder länger in dieser Lage — ein Hinweis darauf, dass Altersarmut selten durch vorübergehende Engpässe entsteht, sondern das Ergebnis langer struktureller Benachteiligungen ist.
Die Grundsicherung im Alter nach SGB XII soll das Existenzminimum sichern, wenn die eigene Rente nicht ausreicht. Doch ein erheblicher Teil der Anspruchsberechtigten beantragt sie nicht — aus Scham, aus Unwissenheit oder wegen falscher Vorstellungen über eine mögliche Belastung der eigenen Kinder.
Wer besonders betroffen ist
Frauen sind weit häufiger von Altersarmut betroffen als Männer. Ihr persönliches Einkommen im Alter liegt im Schnitt 27,1 Prozent unter dem der Männer — der sogenannte Gender Pension Gap. Er spiegelt direkt wider, wie Frauen erwerbstätig waren: kürzer, in schlechter bezahlten Berufen, häufig in Teilzeit und mit Unterbrechungen durch Kindererziehung oder Angehörigenpflege.
Menschen aus Ostdeutschland sind strukturell benachteiligt, weil die Löhne und damit die Rentenanwartschaften dort historisch niedriger waren. Wer in den 1990er-Jahren in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit erwerbstätig war oder Unterbrechungen erlebte, hat über Jahrzehnte weniger in die Rentenkasse eingezahlt.
Selbstständige ohne Rentenversicherungspflicht stellen eine weitere besonders exponierte Gruppe dar. Wer über Jahre keine eigene Altersvorsorge aufgebaut hat, steht im Rentenalter ohne ausreichendes Einkommen da und ist vollständig auf staatliche Grundsicherung angewiesen.
Wie Erwerbsbiografien die Rente bestimmen
Das deutsche Rentensystem ist beitragsbasiert: Wer mehr und länger verdient, bekommt mehr Rente. Das klingt gerecht, blendet aber aus, dass Erwerbsbiografien von Millionen Menschen — vor allem Frauen — von Unterbrechungen, Teilzeit und Niedriglohn geprägt sind. Sorgearbeit für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige ist gesellschaftlich notwendig, rentenmäßig aber kaum abgesichert.
Wer 15 Jahre lang ein Kind oder einen Angehörigen gepflegt hat, hat weniger eingezahlt. Das Rentensystem rechnet Erwerbsjahre, nicht Lebensleistung. Das ist kein individuelles Pech — es ist eine strukturelle Entscheidung, die Millionen Frauen trifft.
Illustratives Beispiel
Minijobs gelten seit Jahrzehnten als verbreitetes Beschäftigungsmodell für Menschen, die Familie und Beruf vereinbaren wollen. Rentenrechtlich sind sie eine Sackgasse: Die Beiträge sind minimal, die späteren Ansprüche entsprechend gering.
Erwerbsminderungsrente ist ein häufiger Weg in Altersarmut. Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden, erhalten eine deutlich geringere Rente — und haben keine Möglichkeit mehr, die Lücken durch weitere Beitragsjahre zu schließen.
Besonders kritisch ist der vollständige Ausfall privater Altersvorsorge. Rund 14 Prozent der Bevölkerung verfügen über keinerlei finanzielles Vermögen für das Alter — weder Wohneigentum noch eine private Rentenversicherung. Bei Menschen mit niedriger Schulbildung ist dieser Anteil noch einmal deutlich höher. Für diese Gruppe ist die gesetzliche Rente die einzige Einkommensquelle im Alter. Reicht sie nicht aus, bleibt nur die Grundsicherung.
Was Betroffene tun können
Wer im Alter merkt, dass die Rente nicht reicht, hat verschiedene Möglichkeiten, die jedoch aktiv eingefordert werden müssen. Grundsicherung im Alter nach SGB XII sichert das Existenzminimum und kann rückwirkend für maximal einen Monat beantragt werden. Zuständig sind die Sozialämter der Kommunen.
Wohngeld ist eine separate Leistung, die auch Rentnerinnen und Rentnern zusteht, die keine Grundsicherung beziehen. Nach der Wohngeldreform 2023 haben deutlich mehr Menschen Anspruch als zuvor. Die Beantragung erfolgt beim kommunalen Wohnungsamt.
Beratungsangebote von Caritas, AWO, Diakonie und lokalen Seniorenbüros helfen dabei, Ansprüche zu klären und Anträge zu stellen. Viele ältere Menschen kennen ihre Rechte nicht oder scheuen den Gang zu Behörden. Niedrigschwellige Beratung kann diese Hürde senken.
Missverständnisse über Altersarmut
Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass Altersarmut vor allem Menschen trifft, die "nicht vorgesorgt haben". In Wahrheit sind viele Betroffene jahrzehntelang berufstätig gewesen — in Berufen, die strukturell niedrig entlohnt werden, oder in Beschäftigungsformen, die keine ausreichenden Rentenansprüche aufbauen.
Ein weiteres Missverständnis betrifft die Nicht-Inanspruchnahme von Leistungen. Es wird häufig angenommen, wer Anspruch habe, beantrage die Leistung auch. Das stimmt nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass ein beträchtlicher Teil der Anspruchsberechtigten keine Grundsicherung beantragt — aus Scham, aus der Sorge, Kinder zu belasten, oder schlicht weil das Verfahren als unzugänglich erlebt wird.
Auch die Vorstellung, Altersarmut sei ein Phänomen der Vergangenheit oder werde mit der Zeit weniger, ist falsch. Die Altersarmutsquote steigt tendenziell, weil die Rentenniveaus sinken und prekäre Beschäftigung zunimmt.
Hans-Jürgen, 71, hat sich nie als jemand gesehen, der Hilfe braucht. Rentenbescheid: 950 Euro. Krankenversicherung, Miete, Heizung. Am Monatsende zählt er das Wechselgeld. Den Antrag auf Wohngeld hat er dreimal angefangen und nie abgeschickt. Nicht aus Unwissenheit — sondern weil es sich falsch anfühlt. So geht es vielen.
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Quellenangabe
Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.
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Weitere Quellen: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2023; Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Lebenslagen in Deutschland — Sozialbericht 2024; Deutsche Rentenversicherung, Rentenversicherung in Zeitreihen 2023; Bundesministerium für Soziales, Grundsicherung im Alter SGB XII
Stand: 2024