ARMUTDEUTSCHLAND
Was sie bedeutet

Einkommensverteilung · Infografik · Deutschland

Sozialbericht 2024

Einkommensverteilung in Deutschland.
Was die Daten zeigen — und wie die Bevölkerung das bewertet.

Einkommensungleichheit gehört zu den umstrittensten Themen in der deutschen Sozialdebatte. Die einen sehen moderate Verhältnisse im internationalen Vergleich, die anderen einen anhaltenden Trend zur Spaltung. Beide haben Recht — je nachdem, was man misst. Diese Seite zeigt, was die Daten tatsächlich sagen.

Auf einen Blick

  • Gini-Koeffizient (Nettoeinkommen) ~0,29 — moderater EU-Mittelwert, aber seit 1990 gestiegen.
  • Das reichste Fünftel verdient rund viermal so viel wie das ärmste Fünftel (S80/S20-Verhältnis ~4,0).
  • Ostdeutschland: rund 85 % des Westniveaus — langsame, ungleichmäßige Angleichung seit 1990.
  • Die Mehrheit der Deutschen hält die Einkommensverteilung laut ISSP 2019 für ungerecht.
  • Markteinkommensungleichheit (Gini ~0,49) wird durch den Sozialstaat erheblich ausgeglichen.
  • 14 % Armutsrisikoquote — rund 13 Millionen Menschen leben unterhalb der relativen Armutsschwelle.

Infografiken zur Einkommensverteilung

Einkommensanteil nach Dezilgruppen

Anteil am Gesamtnettoeinkommen in %, Deutschland

Dezil 1 (ärmste 10 %)
3.5 %
Dezil 2
5.5 %
Dezil 3
6.5 %
Dezil 4
7.5 %
Dezil 5
8.5 %
Dezil 6
9.5 %
Dezil 7
10.5 %
Dezil 8
11.5 %
Dezil 9
13.5 %
Dezil 10 (reichste 10 %)
23.5 %

Näherungswerte auf Basis Sozialbericht 2024 / SOEP-Daten. Oberstes Dezil enthält breit gestreute Einkommen.

Real vs. “Gerecht”: Einkommenswahrnehmung

Wie die Bevölkerung gerechte Verteilung einschätzt (schematisch, ISSP 2019)

Reale Einkommensverteilung

+
Niedrige EinkommenHohe Einkommen

“Gerechte” Verteilung (Bevölkerungsvorstellung)

+
Niedrige EinkommenHohe Einkommen

Die Bevölkerungsvorstellung einer “gerechten” Einkommensverteilung wäre gegenüber der realen leicht nach links verschoben — Niedrigere bekämen mehr, die Spitze weniger. Radikale Gleichmacherei wünscht sich dabei kaum jemand. (ISSP 2019, schematisch)

Ost-West-Einkommensgefälle: Angleichung seit 1990

Ostdeutsches Einkommensniveau als Anteil am Westniveau (schematisch)

1993
57 %
West = 100
1998
68 %
West = 100
2003
74 %
West = 100
2008
78 %
West = 100
2013
81 %
West = 100
2018
83 %
West = 100
2022
85 %
West = 100

Schematische Näherung auf Basis SOEP und Sozialbericht 2024. Angleichung verläuft ungleichmäßig nach Einkommensgruppe.

Wie gerecht ist die Einkommensverteilung?

Bevölkerungseinschätzung in Deutschland, ISSP 2019 (schematisch)

Sehr ungerecht25 %
Ungerecht45 %
Gerecht26 %
Sehr gerecht4 %

Ergebnis: 70 % empfinden die Verteilung als ungerecht

Schematische Darstellung auf Basis der ISSP-Erhebung 2019. Deutschland lag damit im europäischen Mittelfeld.

Einkommensungleichheit polarisiert. Wer sie als Problem benennt, gilt manchem als neidgesteuert. Wer sie bagatellisiert, ignoriert die Erfahrungen von Millionen Menschen, die sich vom gesellschaftlichen Wohlstand abgekoppelt fühlen. Dabei ist die Frage, wie Einkommen verteilt sind, keine ideologische — sie ist empirisch und lässt sich messen. Was die Daten zeigen, ist komplexer als beide Seiten in der öffentlichen Debatte meist zugeben.

Was Einkommensungleichheit bedeutet — und wie man sie misst

Einkommensungleichheit ist kein einheitliches Konzept. Je nachdem, was man misst — Markteinnahmen vor staatlichen Transfers oder Nettoeinkommen nach Steuern und Sozialleistungen — erhält man sehr unterschiedliche Bilder. In Deutschland ist diese Unterscheidung besonders bedeutsam.

Die Markteinkommensungleichheit — was Menschen durch Arbeit, Kapital und Eigenständigkeit verdienen, bevor der Staat eingreift — ist in Deutschland ausgesprochen hoch. Der Gini-Koeffizient liegt hier bei rund 0,49, was Deutschland in der oberen Hälfte der OECD-Länder platziert. Das liegt daran, dass ein erheblicher Anteil der Bevölkerung (Rentnerinnen, Arbeitslose, Menschen mit Behinderungen) kaum oder kein Markteinkommen hat und vollständig auf Transferleistungen angewiesen ist.

Nach Umverteilung durch das Sozialversicherungssystem, Steuern, Renten und Sozialleistungen fällt der Gini-Koeffizient der Nettoeinkommen auf rund 0,29 — deutlich niedriger. Damit liegt Deutschland im moderaten europäischen Mittelfeld, moderater als Großbritannien, Spanien oder die USA, aber ungleicher als Dänemark, Schweden oder Tschechien. Der deutsche Sozialstaat leistet also erhebliche Ausgleichsarbeit — aber er gleicht nicht vollständig aus.

Ein anschaulicheres Maß als der Gini-Koeffizient ist das S80/S20-Verhältnis: Es vergleicht das Gesamteinkommen des reichsten Fünftels der Bevölkerung mit dem des ärmsten Fünftels. In Deutschland liegt dieser Wert bei rund 4,0 — das reichste Fünftel verdient also viermal so viel wie das ärmste. Im europäischen Vergleich ist das ein mittlerer Wert, der aber zeigt: Die Spanne zwischen oben und unten ist real und erheblich.

Für das Verständnis sozialer Ungleichheit ist die Dezilbetrachtung besonders aufschlussreich. Die Bevölkerung wird dabei in zehn gleichgroße Einkommensgruppen eingeteilt. Die oberen und unteren Grenzen dieser Gruppen — die sogenannten Dezilschwellen — zeigen, wie weit die Einkommen auseinanderliegen. Das oberste Dezil — die einkommensstärksten zehn Prozent — vereint rund ein Viertel des gesamten Nettoäquivalenzeinkommens auf sich. Das unterste Dezil teilt sich rund 3,5 Prozent. Diese Asymmetrie ist das Kernmerkmal der deutschen Einkommensverteilung.

Kurzantwort: Einkommensungleichheit in Deutschland ist stark davon abhängig, was man misst. Die Markteinkommensungleichheit ist hoch (Gini ~0,49), wird aber durch den Sozialstaat erheblich reduziert (Netto-Gini ~0,29). Das reichste Fünftel verdient viermal so viel wie das ärmste. Das oberste Dezil vereint rund ein Viertel aller Nettoeinkommen auf sich.

Wie sich die Ungleichheit seit den 1990ern entwickelt hat

Die Einkommensverteilung in Deutschland ist keine statische Größe — sie hat sich über die Jahrzehnte deutlich verschoben. Der Ausgangspunkt der heutigen Debatte liegt in den frühen 2000er Jahren, als die Einkommensungleichheit merklich anstieg.

In den 1990er Jahren — nach der deutschen Wiedervereinigung — war die Einkommensverteilung vergleichsweise komprimiert. Der Sozialstaat war stark, die Gewerkschaften hatten hohen Organisationsgrad, und der Flächentarifvertrag deckte breite Beschäftigtengruppen ab. Mit den Hartz-Reformen Anfang der 2000er Jahre änderte sich das: Ein ausgeweiteter Niedriglohnsektor drückte Löhne am unteren Ende, gleichzeitig stiegen Kapitaleinkommen und Managervergütungen. Die Schere öffnete sich.

Seit etwa 2010 hat sich die Nettoungleichheit — nach dem starken Anstieg der Nuller-Jahre — stabilisiert, aber nicht zurückgebildet. Das bedeutet: Die stärkere Ungleichheit ist strukturell eingeschrieben, nicht nur ein vorübergehendes Phänomen. Gleichzeitig zeigten die wirtschaftlichen Aufschwungjahre bis 2019 eine leichte Verbesserung bei einkommensschwachen Gruppen durch den gesetzlichen Mindestlohn (2015 eingeführt) und wachsende Beschäftigung.

Was sich über den gesamten Zeitraum kaum verändert hat, ist die Spitze: Vermögenseinkommen, Unternehmensgewinne und Spitzengehälter wuchsen stärker als mittlere und untere Löhne. Das ist der eigentliche Treiber der langfristigen Entwicklung — nicht dass Arme ärmer wurden (in absoluten Zahlen verbesserte sich die Lage der unteren Einkommensgruppen), sondern dass die Abstände zum oberen Ende größer wurden.

Die Coronapandemie 2020 und 2021 hat dieses Muster in Teilen verstärkt: Kurzarbeit schützte Beschäftigte im Mittelfeld, während Selbstständige und Solo-Selbstständige in prekären Lagen stark getroffen wurden. Gleichzeitig stiegen Vermögen durch Immobilienpreisanstiege weiter an — ein Mechanismus, der Eigentümer bevorteilt und Menschen ohne Vermögen strukturell zurücklässt.

Kurzantwort: Die Einkommensungleichheit in Deutschland stieg in den 2000er Jahren deutlich an — durch Hartz-Reformen, Niedriglohnsektor und steigende Kapitaleinkommen. Seit 2010 hat sie sich stabilisiert, aber nicht zurückgebildet. Der Mindestlohn (2015) federte das untere Ende ab. Vermögensbasierte Ungleichheit blieb ein ungelöstes strukturelles Problem.

Der Ost-West-Vergleich: Angleichung mit Grenzen

Die Einkommensungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschland ist einer der am besten dokumentierten regionalen Befunde der deutschen Sozialforschung. Sie verkleinert sich — aber langsam und ungleichmäßig.

In allen gemessenen Jahren lagen die Einkommen in Ostdeutschland auf allen Einkommensniveaus unter den vergleichbaren Schwellen in Westdeutschland. Direkt nach der Wiedervereinigung betrug das ostdeutsche Einkommensniveau rund 55 bis 60 Prozent des westdeutschen — eine dramatische Lücke, die aus dem Zusammenbruch vieler Industriebetriebe, hoher Arbeitslosigkeit und fehlendem Kapitalstock resultierte.

Im Zeitverlauf fand eine schrittweise Angleichung statt. Heute liegt das mittlere Einkommensniveau in Ostdeutschland bei rund 85 Prozent des Westniveaus. Das ist ein erheblicher Fortschritt — und doch: 85 Prozent bedeutet, dass eine Lücke von 15 Prozent fortbesteht. Bei konkreten Beträgen macht das für eine vierköpfige Familie einen erheblichen Unterschied in Kaufkraft, Sparfähigkeit und Altersvorsorge.

Besonders auffällig ist, dass die Angleichung bei Mitteleinkommensgruppen stärker verlief als bei den Extremen. Die oberen Einkommensgruppen in Westdeutschland — geprägt von Unternehmensstandorten, Finanzsektor und globalen Konzernen — legten stärker zu als vergleichbare Gruppen im Osten. Die Angleichung ist damit weniger ein Aufholen der Leistungsstarken als ein Annähern der Mitte.

Ein strukturelles Problem bleibt: In Ostdeutschland sind weniger Unternehmenszentralen angesiedelt, der Anteil von Menschen mit hohen Kapitaleinkommen ist geringer, und die Immobilienwerte — wenn auch gestiegen — bleiben unter dem Westniveau. Das Vermögensgefälle zwischen Ost und West ist damit noch ausgeprägter als das Einkommensgefälle.

Kurzantwort: Ostdeutschland hat sein Einkommensniveau von rund 57 % (1993) auf ~85 % des Westniveaus (2022) angehoben — eine erhebliche Verbesserung, die aber eine bleibende Lücke lässt. Die Angleichung verlief bei Mitteleinkommensgruppen stärker als bei Spitzeneinkommen. Das Vermögensgefälle ist noch größer als das Einkommensgefälle.

Was die Bevölkerung als gerecht empfindet

Einkommensverteilung ist nicht nur eine statistische, sondern auch eine normative Frage: Wie viel Ungleichheit ist gerecht? Und wie nehmen Menschen in Deutschland die tatsächliche Verteilung wahr? Das International Social Survey Programme (ISSP) gibt dazu seltene, aber aufschlussreiche Daten.

In einer Befragung aus dem Jahr 2019 wurden Bürgerinnen und Bürger aus verschiedenen Ländern gefragt, ob sie die Einkommensverteilung in ihrem Land für gerecht oder ungerecht halten. In Deutschland antwortete die Mehrheit: ungerecht oder sehr ungerecht. Rund 70 Prozent der deutschen Befragten bewerteten die Verteilung kritisch — ein Wert, der für ein vergleichsweise gut ausgebautes Sozialstaatssystem bemerkenswert ist, aber im europäischen Kontext kein Ausreißer darstellt.

Noch aufschlussreicher ist ein weiterer Befund: Wenn Befragte angeben sollten, wie eine ’gerechte’ Einkommensverteilung ihrer Meinung nach aussähe, ergibt der Vergleich mit der realen Verteilung ein klares Bild. Die von der Bevölkerung als gerecht empfundene Verteilung wäre gegenüber der realen leicht nach links verschoben — Niedrigere erhielten etwas mehr, die Spitze etwas weniger. Das Gefühl der Ungerechtigkeit richtet sich also nicht gegen jede Form von Ungleichheit, sondern gegen das aktuelle Ausmaß — insbesondere gegen die Einkommensspreizung an den Extremen.

Das ist ein wichtiger politischer Befund: Die Bevölkerung wünscht sich keine Gleichmacherei, aber eine sichtbar gerechtere Verteilung. Leistungsunterschiede werden als legitim akzeptiert — aber extreme Spreizung zwischen Spitze und Boden nicht. Dieses Gerechtigkeitsgefühl ist stärker als die reine Einkommensstatistik nahelegt.

Der Wahrnehmungseffekt spielt ebenfalls eine Rolle: Menschen überschätzen systematisch, wie viel die sehr Reichen verdienen — und unterschätzen, wie wenig die sehr Armen haben. Das führt dazu, dass die wahrgenommene Ungleichheit oft noch extremer ist als die tatsächliche. Auch das hat politische Konsequenzen: Vertrauen in die Fairness des Systems sinkt, wenn die gefühlte Ungerechtigkeit die tatsächliche übertrifft.

Kurzantwort:Rund 70 % der Deutschen halten die Einkommensverteilung laut ISSP 2019 für ungerecht oder sehr ungerecht. Als “gerecht” empfundene Verteilungen wären leicht egalitärer als die reale — mehr für unten, weniger für oben. Vollständige Gleichheit wird nicht gewünscht, aber die aktuelle Spreizung wird mehrheitlich als zu groß empfunden.

Einkommensungleichheit und Armut: Die Verbindung

Einkommensungleichheit und soziale Ungleichheit sind verwandte, aber nicht identische Konzepte. Wo die Ungleichheit wächst, wächst auch das Risiko, dass die untersten Gruppen relativ zur gesellschaftlichen Mitte zurückfallen — und damit in die Armutsgefährdung geraten.

Die offizielle Armutsrisikoquote — definiert als Einkommen unter 60 Prozent des Medians — liegt in Deutschland bei rund 14 Prozent. Das entspricht rund 13 Millionen Menschen. Sie sind nicht absolut arm im globalen Sinne, aber sie können an wesentlichen gesellschaftlichen Aktivitäten nicht oder nur eingeschränkt teilhaben — Freizeitgestaltung, Bildung, soziale Kontakte, angemessenes Wohnen.

Besonders betroffen sind Kinder, Ältere ohne ausreichende Rente, Working-Poor-Haushalte im Niedriglohnsektor und Menschen ohne deutschen Pass. Für diese Gruppen ist die Einkommensungleichheit keine abstrakte Statistik, sondern eine tägliche Begrenzung. Die Lücke zwischen dem, was der Durchschnitt als normal gilt, und dem, was man sich leisten kann, ist das eigentliche Maß sozialer Ausgrenzung.

Was dagegen getan werden kann, ist vielschichtig: höhere Mindestlöhne, eine stärkere Besteuerung von Kapitaleinkommen, mehr Investitionen in Bildung und Kitaversorgung, die Chancengleichheit von Anfang an erhöhen — und ein Grundsicherungssystem, das tatsächlich auskömmlich ist und nicht durch bürokratische Hürden in seiner Wirksamkeit beschnitten wird. Keine dieser Maßnahmen löst das Problem allein, aber jede trägt zur Verringerung der Lücke bei.

Kurzantwort: Einkommensungleichheit und Armut hängen direkt zusammen: 14 % der Deutschen — rund 13 Millionen — sind armutsgefährdet. Besonders betroffen sind Kinder, Ältere, Working Poor und Menschen ohne deutschen Pass. Wirksame Gegenmaßnahmen umfassen Mindestlohn, Kapitalbesteuerung, Bildungsinvestitionen und auskömmliche Grundsicherung.

Quellenangabe

Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.

Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 (dl-de/by-2-0)

Weitere Quellen: ISSP Research Group, International Social Survey Programme: Social Inequality V (ISSP 2019); SOEP v38.1 (DIW Berlin); Statistisches Bundesamt, Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS); Eurostat, EU-SILC — Einkommens- und Lebensbedingungen.

Stand: 2024

Häufige Fragen

Wie ungleich ist die Einkommensverteilung in Deutschland wirklich?+

Deutschland liegt mit einem Gini-Koeffizienten von rund 0,29 bei den Nettoeinkommen im mittleren europäischen Bereich — moderater als etwa die USA, aber ungleicher als die skandinavischen Länder. Wichtig ist die Unterscheidung: Die Markteinkommensungleichheit ist in Deutschland sehr hoch (Gini rund 0,49), aber der Sozialstaat gleicht durch Transfers und Steuern erheblich aus. Das erklärt, warum die Nettoungleichheit moderat wirkt, obwohl die Einkommensschere am Markt weit auseinandergeht.

Wie hat sich die Einkommensungleichheit in Deutschland seit den 1990ern entwickelt?+

In den 1990er Jahren war die Einkommensverteilung in Deutschland noch relativ komprimiert. In den 2000er Jahren stieg die Ungleichheit deutlich — durch die Reformen am Arbeitsmarkt (Hartz IV), wachsenden Niedriglohnsektor und sinkende Gewerkschaftsmacht. Seit etwa 2010 hat sich die Ungleichheit stabilisiert, aber nicht zurückgebildet. Die Einkommensschere zwischen dem obersten und untersten Dezil hat sich gegenüber 1990 klar vergrößert.

Wie groß ist die Einkommenslücke zwischen Ost- und Westdeutschland heute?+

Die Realeinkommen in Ostdeutschland lagen in allen Jahren und bei allen Einkommensgruppen unter den vergleichbaren Werten in Westdeutschland. Im Zeitverlauf hat eine schrittweise Angleichung stattgefunden — aber bei weitem keine vollständige. Das mittlere Nettoäquivalenzeinkommen im Osten beträgt heute rund 85 Prozent des Westniveaus. Die Angleichung verläuft zudem ungleichmäßig: Die Mitteleinkommensgruppen haben sich am stärksten angenähert, während die Spitzeneinkommenslücke persistenter bleibt.

Wie bewertet die Bevölkerung die Einkommensverteilung in Deutschland?+

In einer internationalen Befragung des International Social Survey Programme aus dem Jahr 2019 beurteilte die Mehrheit der deutschen Befragten die Einkommensverteilung in Deutschland als ungerecht oder sehr ungerecht. Dabei besteht eine Diskrepanz: Was Menschen als 'gerechte' Verteilung beschreiben würden, wäre im Vergleich zur realen Verteilung leicht egalitärer — nicht radikal anders, aber messerbar gleicher. Das bedeutet, die Bevölkerung wünscht sich mehr Gleichheit, aber keine Gleichmacherei.

Was ist der Unterschied zwischen Einkommens- und Vermögensungleichheit?+

Einkommensungleichheit misst, was Menschen jährlich verdienen oder als Transfer erhalten. Vermögensungleichheit misst, was sie besitzen — Immobilien, Wertpapiere, Ersparnisse. In Deutschland ist die Vermögensungleichheit deutlich ausgeprägter als die Einkommensungleichheit. Das reichste Prozent besitzt schätzungsweise ein Drittel des gesamten Privatvermögens. Vermögen wächst durch Erbe, Wertsteigerungen und Kapitalerträge — Mechanismen, die Menschen mit niedrigem Einkommen kaum zugänglich sind.