Wer über Einkommensungleichheit in Deutschland redet, kommt an einer Zahl nicht vorbei: 27,5 Prozent der deutschen Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Das sind rund 23 Millionen Menschen — eine Gruppe, die größer ist als die Einwohnerzahl von Nordrhein-Westfalen. Ihre Einkommenssituation prägt die Einkommensstatistik des gesamten Landes. Und sie ist eng verknüpft mit einer der drängendsten gesellschaftlichen Fragen: Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen Erwerbsbevölkerung und Rentnern in einem Land, das älter wird?
Die Einkommenslücke zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ist real — aber sie ist auch veränderbar. Verstehen, wo sie herkommt und warum sie besteht, ist die Voraussetzung dafür, sie zu schließen.
Die Einkommenslücke: 300 Euro im Median
Das Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen ist das Maß, das Haushaltsgröße und -zusammensetzung berücksichtigt und so den verfügbaren Lebensstandard vergleichbar macht. Im Jahr 2021 lag dieser Wert im Median bei Menschen mit Migrationshintergrund bei 1.700 Euro monatlich — bei Menschen ohne Migrationshintergrund bei 2.000 Euro. Eine Lücke von 300 Euro, also 15 Prozent.
Das klingt nach einer moderaten Differenz. Aber 300 Euro im Monat sind für Haushalte im unteren Einkommenssegment keine abstrakte Zahl — sie entscheiden über Miete, Lebensmittel, Teilhabe. Und der Median verbirgt, wie weit die Realitäten innerhalb der Gruppe auseinanderliegen: Menschen mit Migrationshintergrund aus westeuropäischen Ländern oder mit akademischen Berufen können deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung liegen — während Geflüchtete oder Personen aus bestimmten Herkunftsgruppen weit darunter bleiben.
Wichtig zu verstehen: Die Einkommenslücke schließt sich mit zunehmender Aufenthaltsdauer. Bereits länger in Deutschland lebende Personen mit Migrationshintergrund erreichten 2021 im Mittel 86 bis 88 Prozent des Medians der Gesamtbevölkerung. Das ist kein Automatismus — es setzt Spracherwerb, Qualifikationsanerkennung und Arbeitsmarktzugang voraus. Aber es zeigt: Integration in den Einkommensbereich ist möglich und sie geschieht.
Was verhindert, dass sie schneller und vollständiger geschieht, ist eine andere Frage. Die Antwort liegt nicht in der Bildung — bei Hochschulabschlüssen sind Menschen mit und ohne Migrationshintergrund nahezu gleichauf. Das Problem liegt in der Anerkennung dieser Abschlüsse, in Diskriminierung bei Bewerbungsverfahren und in der überproportionalen Konzentration in Branchen mit strukturell niedrigen Löhnen.
Armutsrisiko nach Gruppe: eine stark gestaffelte Realität
Die Armutsrisikoquote — also der Anteil der Menschen, die unter 60 Prozent des medianen Äquivalenzeinkommens leben — verdichtet Einkommensbenachteiligung in einem einzigen Wert. Für das Jahr 2021 ergibt sich folgendes Bild:
Menschen ohne Migrationshintergrund: 14 Prozent Armutsrisiko. Menschen mit Migrationshintergrund: 25 Prozent. Geflüchtete: 68 Prozent. Das ist eine extreme Staffelung, die zeigt, wie sehr Ankunftsbedingungen, Aufenthaltsdauer und rechtlicher Status das Einkommensrisiko bestimmen.
Das Armutsrisiko von 68 Prozent bei Geflüchteten ist ein Extremwert — aber kein dauerhafter Zustand. Es ist das Ergebnis eines Zeitpunkts: Menschen, die gerade erst angekommen sind, die noch keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben, deren Sprachkenntnisse sich gerade aufbauen, und deren Qualifikationen noch nicht anerkannt sind. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer sinkt dieser Wert erheblich. Das bedeutet nicht, dass die Situation harmlos ist — eine Armutsrisikoquote von 68 Prozent ist eine ernste Belastung für betroffene Menschen und für die Aufnahmegesellschaft. Es bedeutet, dass der Integrationsprozess Zeit braucht und strukturelle Unterstützung erfordert.
Zu beachten: Die hier zitierten Daten aus dem Sozioökonomischen Panel decken die Zeit bis 2021 ab. Die ukrainischen Geflüchteten, die ab 2022 in großer Zahl nach Deutschland kamen, sind in diesen Stichproben noch nicht vollständig erfasst. Ihre Einkommenssituation dürfte ähnlichen Mustern folgen — mit dem Unterschied, dass viele von ihnen höhere Bildungsabschlüsse mitbrachten und in einem anderen rechtlichen Status ankamen als frühere Geflüchtetengenerationen.
27,5 Prozent der Bevölkerung: eine wirtschaftliche Schlüsselgröße
Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an der deutschen Bevölkerung — 27,5 Prozent — ist nicht nur eine Zahl zur gesellschaftlichen Zusammensetzung. Er ist eine wirtschaftliche Schlüsselgröße, die in den nächsten Jahren immer entscheidender werden wird. Der Grund liegt im demografischen Wandel.
Deutschland altert. Die Zahl der Menschen im Rentenalter — 67 Jahre und älter — wird von heute 16,4 Millionen auf mindestens 20 Millionen bis Mitte der 2030er Jahre steigen. Gleichzeitig könnte die Zahl der Menschen im Erwerbsalter (20 bis 66 Jahre) bei niedriger Nettozuwanderung (180.000 Personen jährlich) bis Mitte der 2030er um 4,8 Millionen sinken. Das ist ein massiver Einbruch der Erwerbsbasis — mit direkten Auswirkungen auf Beiträge zur Sozialversicherung, auf den Arbeitsmarkt und auf die Finanzierung des Rentensystems.
Zuwanderung ist unter diesen Bedingungen keine politische Option unter vielen — sie ist eine demografische Notwendigkeit. Bei moderater Nettozuwanderung von durchschnittlich 290.000 Personen pro Jahr würde die Bevölkerung bis 2031 auf 85 Millionen Menschen anwachsen. Bei niedriger Zuwanderung von 180.000 Personen jährlich würde sie bis 2070 auf 75 Millionen sinken. Der Unterschied — zehn Millionen Menschen — ist auch ein Unterschied in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, in der Beitragsbasis der Sozialsysteme und in der gesellschaftlichen Innovationskraft.
In den 2050er und 2060er Jahren werden voraussichtlich zwischen sieben und zehn Millionen hochaltrige Menschen (80 Jahre und älter) in Deutschland leben — mehr als doppelt so viele wie heute. Diese Gruppe braucht Pflege, Unterstützung und Gesundheitsversorgung. Wer diese Arbeit leisten wird, steht in direktem Zusammenhang mit der Frage, wie gut die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt gelingt — heute, in zehn Jahren, in zwanzig Jahren.
Die Einkommenssituation von Menschen mit Migrationshintergrund ist deshalb kein isoliertes Wohlfahrtsproblem. Sie ist eine zentrale Variable in der Frage, wie stabil und leistungsfähig das deutsche Sozialsystem in einer alternden Gesellschaft bleibt.
Einkommensungleichheit: Ost und West, und eine gemeinsame Herausforderung
Die Einkommensungleichheit in Deutschland hat mehrere Dimensionen. Die bekannteste ist der Ost-West-Unterschied: Trotz erheblicher Annäherung seit der Wiedervereinigung bestehen weiterhin messbare Einkommensabstände zwischen den Bundesländern. In ostdeutschen Bundesländern sind die mittleren Einkommen systematisch niedriger als im Westen — was auch erklärt, warum bestimmte Armutsrisikoquoten dort höher ausfallen.
Innerhalb dieser regionalen Ungleichheit verläuft eine zweite Dimension: die Einkommenssituation nach Migrationsstatus. Die Einkommensverteilung von Menschen mit Migrationshintergrund wird durch die Wechselwirkung beider Faktoren geprägt. In städtischen Ballungsräumen mit hohem Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund — wie Berlin, Hamburg, Frankfurt oder München — zeigen sich spezifische Muster: höhere Lebenshaltungskosten, stärkere räumliche Konzentration von Armut in bestimmten Stadtteilen, aber auch bessere Zugänge zu Arbeitsmarkt und Bildungseinrichtungen.
Einkommensungleichheit ist in Deutschland nicht statisch. Sie verändert sich — durch wirtschaftliche Konjunktur, durch politische Entscheidungen, durch Zuwanderung, durch Demographiewandel. Die Entwicklung der Einkommenslücke zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ist dabei ein Indikator für die Geschwindigkeit und Qualität der Integration: Schließt sie sich, gelingt Integration wirtschaftlich. Bleibt sie konstant oder wächst sie, gibt es strukturelle Hindernisse, die politischer Intervention bedürfen.
Für ältere Menschen mit Migrationshintergrund ist die Einkommenssituation besonders kritisch. Gesetzliche Renten und soziale Sicherungsleistungen decken oft nicht alle Lebenskosten — besonders dann nicht, wenn die Erwerbsbiografie durch Unterbrechungen, Niedriglohnphasen oder fehlende Rentenzeiten geprägt war. Wer jahrzehntelang in einkommensschwachen Positionen gearbeitet hat, trägt diesen Nachteil in die Rente. Altersarmut ist für Menschen mit Migrationshintergrund deshalb ein erhöhtes Risiko — ein Risiko, das sich heute aufbaut und erst in zehn oder zwanzig Jahren vollständig sichtbar wird.
Was Einkommensintegration ermöglicht — und was sie blockiert
Einkommensintegration ist kein Selbstläufer. Sie entsteht nicht einfach dadurch, dass Menschen in Deutschland leben. Sie braucht konkrete Bedingungen — und scheitert an konkreten Hindernissen.
Was nachweislich wirkt: Sprachkompetenz. Menschen mit Migrationshintergrund, die gut Deutsch sprechen, haben deutlich bessere Arbeitsmarktchancen und höhere Einkommen. 83 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund schätzen ihre Sprechfähigkeiten als gut oder sehr gut ein — bei der jungen Nachkommen-Generation sind es 98 Prozent. Das ist eine starke Basis. Was fehlt, sind oft die Brücken: Berufsbegleitende Sprachkurse, schnellere Anerkennungsverfahren für Qualifikationen, diskriminierungsfreie Bewerbungsverfahren.
Was blockiert: Die Nicht-Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse ist ein massives strukturelles Problem. Wer einen Ingenieursstudiengang in einem Nicht-EU-Land abgeschlossen hat, kann oft jahrelang nicht in seinem Beruf arbeiten — und arbeitet stattdessen in ungelernten Tätigkeiten mit entsprechend niedrigen Löhnen. Das drückt das Haushaltseinkommen, erhöht das Armutsrisiko und verschwendet gesellschaftlich wertvolles Humankapital.
Hinzu kommt strukturelle Diskriminierung: Bewerbungen mit nicht deutschen Namen erhalten nachweislich seltener Einladungen zu Vorstellungsgesprächen — bei gleichwertigen Qualifikationen. Diese Praxis ist nicht nur moralisch inakzeptabel, sie ist auch ökonomisch irrational: Sie hält qualifizierte Menschen aus Jobs heraus, für die sie geeignet wären. Das schwächt den Arbeitsmarkt — gerade in einer Zeit, in der Fachkräftemangel und alternde Belegschaften zu den größten wirtschaftlichen Herausforderungen gehören.
Für Betroffene, die trotz Beschäftigung in Armut leben, stehen verschiedene Unterstützungsangebote zur Verfügung: ergänzende Grundsicherungsleistungen, Beratung zur Abschlusserkennung bei der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB), Migrationsberatungsstellen der großen Wohlfahrtsverbände (Caritas, Diakonie, AWO) — oft mehrsprachig zugänglich.
Quellenangabe
Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.
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Weitere Quellen: Mikrozensus 2021 (Statistisches Bundesamt); SOEP v38.1 (DIW Berlin / WZB); Angaben zu Geflüchteten: IAB-BAMF-SOEP-Befragung. Datengrundlage für Geflüchtete endet 2021 (Ukrainer ab 2022 noch nicht vollständig erfasst).
Stand: 2024