Wer in Deutschland arm ist, wohnt häufig dort, wo viele andere Menschen ebenfalls arm sind. Das ist keine Tautologie — es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Stadtentwicklungsprozesse, Wohnungsmarktdynamiken und sozialpolitischer Entscheidungen. Räumliche Segregation nach Einkommen und sozialer Lage ist in deutschen Städten weit verbreitet. Und sie hat Konsequenzen, die über das Individuum hinausgehen: Sie formt Bildungschancen, Gesundheit, soziale Netzwerke und politische Teilhabe.
Eine Analyse auf Basis der Daten der Bundesagentur für Arbeit umfasste 153 deutsche Städte und untersuchte deren Armutssegregation über den Zeitraum von 2013 bis 2022. Das Ergebnis: Die Unterschiede zwischen Städten sind enorm. Und die Gründe dafür sind nicht zufällig.
Was Armutssegregation bedeutet — und was nicht
Segregation ist zunächst ein neutrales statistisches Konzept. Der Dissimilaritätsindex — das am häufigsten verwendete Maß — gibt an, welcher Anteil einer Gruppe (zum Beispiel aller Personen im SGB-II-Leistungsbezug) das Wohngebiet wechseln müsste, damit sie gleichmäßig über alle Stadtteile verteilt wäre. Ein Wert von 38 Prozent, wie ihn ostdeutsche Städte 2022 im Durchschnitt aufwiesen, bedeutet: Mehr als ein Drittel der einkommensarmen Bevölkerung müsste umziehen, um eine Gleichverteilung zu erreichen.
Wichtig ist dabei eine konzeptuelle Unterscheidung: Segregationsindizes beschreiben, wie ungleich eine Gruppe verteilt ist — nicht, wie hoch der Armutsanteil in einzelnen Stadtteilen ist. Beides hängt zusammen, ist aber nicht dasselbe. Ein Stadtteil kann eine sehr hohe Armutsquote haben, ohne dass die Gesamtstadt hochsegregiert ist. Und umgekehrt.
Armutssegregation entsteht nicht durch eine einzige Ursache. Sie ist das Ergebnis von Wohnungsmärkten, die günstigen Wohnraum räumlich konzentrieren; von historisch gewachsenen Stadtstrukturen; von Zuzugsentscheidungen und Zuzugsbeschränkungen; von sozialer Infrastruktur, die Quartiere attraktiv oder unattraktiv macht. Wer wenig Geld hat, wohnt dort, wo Mieten niedrig sind. Und wo viele Menschen mit wenig Geld wohnen, sinken langfristig auch Bildungseinrichtungen, Geschäfte und Infrastruktur — ein sich selbst verstärkender Prozess.
Das Ost-West-Gefälle: Plattenbau, Zuwanderung, Dynamik
Die Armutssegregation in ostdeutschen Städten hat eine besondere Geschichte und eine spezifische räumliche Logik. Nach der Wiedervereinigung entwickelte sich ein deutliches Muster: In den Großwohnsiedlungen der DDR-Zeit — den sogenannten Plattenbauten, oft am Stadtrand gelegen — konzentrierten sich überproportional viele einkommensschwache Haushalte, während bildungsstarke und einkommensstarke Gruppen in andere Quartiere oder ganz andere Städte abwanderten.
In diesen Siedlungen sind die Armutsquoten hoch, die Anteile von Akademikern und einkommensstarken Gruppen niedrig. In den übrigen Quartieren derselben ostdeutschen Städte zeigt sich das umgekehrte Bild. Das erzeugt eine strukturelle Zweiteilung des urbanen Raums: hier die sanierte Innenstadt mit steigenden Mieten und wachsendem Mittelstand, dort die periphere Großsiedlung mit persistenter Armut.
Zwischen 2013 und 2018 verzeichneten ostdeutsche Städte den stärksten Anstieg ihrer Armutssegregation. Dieser Zuwachs steht in engem Zusammenhang mit der Zuwanderung von Geflüchteten in dieser Zeit: Neuzuwanderer mit Fluchthintergrund ließen sich — oft durch staatliche Zuweisung, teils durch niedrige Mieten in diesen Gebieten — überproportional häufig in bereits sozial benachteiligten Quartieren nieder. In der Folge stieg in ostdeutschen Städten der Korrelationskoeffizient zwischen Armutsquote und Ausländeranteil bis 2021 auf 0,72 — ein starker statistischer Zusammenhang, der 2013 noch kaum bestand.
Dieser Befund ist sozialpolitisch bedeutsam: Er zeigt nicht, dass Ausländer Armut verursachen. Er zeigt, dass Neuzuwanderer mit geringen Ressourcen in bereits belastete Quartiere gedrängt wurden — und damit bestehende Segregationsmuster verstärkten. In westdeutschen und norddeutschen Städten lag die Korrelation zwischen SGB-II-Quote und Ausländeranteil 2021 sogar zwischen 0,77 und 0,85 — dort ist der Zusammenhang noch ausgeprägter, weil Migrationsbewegungen seit längerer Zeit in diese Muster eingebettet sind.
Süden, Norden, Osten: Extreme im Städtevergleich
Die Unterschiede zwischen deutschen Städten sind beträchtlich — selbst innerhalb der großen Regionen. Süddeutsche Städte weisen 2022 die geringste Armutssegregation auf. Das liegt an mehreren Faktoren: einem stärkeren Arbeitsmarkt, einem geringeren Anteil sozialer Wohnungssiedlungen aus der Nachkriegszeit und einer anderen Migrationsgeschichte, die stärker auf wirtschaftliche Zuwanderung — mit besserer Arbeitsmarktintegration — ausgerichtet war.
Am anderen Ende des Spektrums stehen Städte wie Schwerin: 21 Prozent der Bevölkerung lebten dort 2021 in Quartieren, in denen mehr als jede vierte Person arm war. Das ist eine außerordentliche Ballung — nicht nur als Statistik, sondern als gelebte Realität in diesen Vierteln: Schulen mit hohem Förderbedarf, fehlende Nahversorgung, geringere Lebenserwartung, eingeschränkte soziale Netzwerke.
Unter den Städten mit der höchsten Armutssegregation finden sich — neben ostdeutschen Städten — auch Städte im Ruhrgebiet und einige norddeutsche Städte. Das Ruhrgebiet trägt die Lasten des Strukturwandels noch immer: Deindustrialisierung hat Armut geschaffen, und Armut hat sich räumlich konzentriert. Hochburgen für Akademiker wie München — mit 4.868 Einwohnern pro Quadratkilometer die am dichtesten besiedelte Großstadt Deutschlands — kennen Segregation durch Verdrängung: Wer es sich nicht leisten kann, zieht an den Rand oder aus der Stadt heraus.
Das umgekehrte Muster: Armut in der Innenstadt
In einer wachsenden Zahl von Städten — besonders in größeren Metropolen und Universitätsstädten — konzentrieren sich Akademiker und höhere Einkommensgruppen in den Innenstädten. Armut und soziale Benachteiligung finden sich dann eher im Umland oder in bestimmten Randquartieren. Dieses Muster — das man aus amerikanischen Städten kennt — ist in Deutschland noch nicht dominierend, aber auf dem Vormarsch.
Das verändert die politische Diskussion: Stadtentwicklung kann nicht mehr davon ausgehen, dass Innenstädte automatisch arme Quartiere sind. Der Gentrifizierungsdruck treibt einkommensschwache Haushalte aus stadtnahen Lagen heraus — und erschwert damit ihre Teilhabe an städtischer Infrastruktur, öffentlichem Leben und Arbeitsmarkt.
Was räumliche Konzentration von Armut anrichtet
Armutssegregation ist kein rein statistisches Phänomen. Sie hat konkrete Folgen für Menschen, die in segregierten Quartieren aufwachsen und leben.
Bildungschancen
Kinder, die in Armutsvierteln aufwachsen, besuchen Schulen, in denen ein überproportional hoher Anteil der Mitschüler aus einkommensschwachen Verhältnissen stammt, einen Migrationshintergrund hat oder besondere pädagogische Förderung benötigt. Diese Schulen stehen vor größeren Herausforderungen — mit oft gleichen oder geringeren Ressourcen. Bildungschancen hängen in Deutschland stark vom sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses ab. Segregation verstärkt diesen Effekt: Wer im falschen Viertel wohnt, hat schlechtere Chancen — unabhängig von seinen eigenen Fähigkeiten.
Die Forschung zu Segregation in deutschen Städten zeigt, dass die räumliche Konzentration von Armut in den meisten Städten stärker ausgeprägt ist als die Segregation nach Bildung oder Einkommen allein — mit Ausnahme der größten Metropolen ab 500.000 Einwohnern, wo die Bildungssegregation besonders hervorsticht.
Gesundheit und Lebenserwartung
Die gesundheitlichen Folgen des Aufwachsens in armen Vierteln beginnen früh und dauern ein Leben lang. Einkommensarme Menschen haben ein 1,5- bis 4-fach höheres Erkrankungsrisiko als Menschen im obersten Einkommensquintil — je nach Erkrankung. Armutssegregation verstärkt diesen Effekt durch fehlende Grünflächen, schlechtere Luftqualität, höhere Lärmbelastung, Stress durch unsichere Lebenssituationen und eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsversorgung.
Soziale Netzwerke und Mobilität
Wer ausschließlich in einem segregierten Armutsquartier sozialisiert wird, hat seltener Kontakt zu Menschen aus anderen sozialen Schichten. Das schränkt nicht nur Vorbilder und Orientierungspunkte ein — es begrenzt auch den Zugang zu informellen Netzwerken, die auf dem Arbeitsmarkt entscheidend sind. Soziale Mobilität setzt voraus, dass Menschen Kontakt zu anderen sozialen Lagen haben. Segregation schneidet diese Verbindungen strukturell ab.
Was gegen Segregation wirkt — und was nicht
Die Debatte über Gegenmaßnahmen ist komplex. Segregation zu bekämpfen bedeutet nicht, arme Menschen umzusiedeln — das wäre weder ethisch noch wirksam. Es bedeutet, die Bedingungen zu ändern, die Segregation erzeugen und verstärken.
Sozialer Wohnungsbau in gemischten Lagen
Günstige Wohnungen dürfen nicht nur dort entstehen, wo bereits viele günstige Wohnungen sind. Wenn sozialer Wohnungsbau in einkommensstarken Quartieren politisch und planungsrechtlich ermöglicht und gefördert wird, entstehen gemischtere Nachbarschaften. Das erfordert Mut auf kommunaler Ebene — und eine Bodenpolitik, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist. Wer bezahlbaren Wohnraum nur in ohnehin belasteten Vierteln errichten lässt, zementiert Segregation.
Dezentrale Unterbringung von Geflüchteten
Die Analyse zeigt: Dort, wo Geflüchtete konzentriert in bereits benachteiligten Quartieren untergebracht wurden, stieg die Segregation am stärksten. Eine dezentrale Unterbringung — verteilt über alle Stadtteile — hätte diese Dynamik abgemildert. Das erfordert politischen Willen und ist aufwendiger. Es ist aber ein entscheidender Hebel, um die weitere Konzentration von Armut in bestimmten Quartieren zu bremsen. Ein Blick auf Städte, in denen die Neuzuwanderung in geringerem Maße in sozial benachteiligte Stadtteile erfolgte, zeigt: Dort ist die Segregation deutlich weniger gestiegen.
Investitionen in Quartiere — nicht nur in Individuen
Soziale Arbeit, die sich ausschließlich auf Individuen konzentriert, kann die strukturellen Benachteiligungen eines Quartiers nicht aufheben. Programme wie die Städtebauförderung, insbesondere der Ansatz der integrierten Stadtentwicklung, verfolgen einen Quartiersansatz: bessere Schulen, Jugendhäuser, Beratungsangebote, Nahversorgung, öffentliche Räume. Der Ansatz ist richtig — er braucht aber ausreichende Mittel und lange Zeithorizonte. Segregation entsteht über Jahrzehnte; sie lässt sich nicht in einer Wahlperiode auflösen.
Schulen als Integrationspunkt
Schulen sind in segregierten Quartieren besonders wichtig — und besonders belastet. Mehr Ressourcen für Schulen in benachteiligten Lagen, Schulsozialarbeit, niedrigschwellige Elternarbeit und Ganztagsangebote können den Effekt von Armutssegregation auf Bildungschancen abmildern. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung für Grundschulkinder, der ab dem Schuljahr 2026/27 stufenweise eingeführt wird, ist ein wichtiger Schritt — sofern er nicht an mangelnden Plätzen und Fachkräften scheitert.
Ein Missverständnis: Segregation ist das Problem der Armen
Räumliche Armutssegregation wird oft als Problem der betroffenen Stadtteile wahrgenommen — und damit als Problem der dort lebenden Menschen. Das greift zu kurz. Segregation ist ein Problem des gesamten städtischen Gefüges. Sie produziert soziale Kosten, die alle tragen: höhere Ausgaben für Sozialleistungen, geringere wirtschaftliche Produktivität, stärkere politische Polarisierung. Stadtteile, in denen sich Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsarmut und soziale Isolation überlagern, sind keine Inseln. Sie sind Teil einer Stadt — und ihre Probleme sind Probleme der ganzen Stadt.
Wer Armutssegregation bekämpfen will, muss Stadtpolitik als Sozialpolitik begreifen. Flächennutzungsplanung, Wohnungsbauförderung, Schulfinanzierung und Infrastrukturentscheidungen sind sozialpolitische Entscheidungen — auch wenn sie nicht so genannt werden.
Quellenangabe
Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.
Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 (dl-de/by-2-0)
Weitere Quellen: Bundesagentur für Arbeit (SGB-II-Daten), Statistisches Bundesamt (Destatis), Marcel Helbig (Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, 2023): Segregationsanalyse 153 deutsche Städte, Mikrozensus, SOEP, Bund-Länder-Programm Soziale Stadt
Stand: 2024