Wohnungslosigkeit ist in Deutschland kein gleichmäßig verteiltes Phänomen. Sie konzentriert sich räumlich — in Großstädten, in wirtschaftlich belasteten Regionen, in Ländern mit angespannten Wohnungsmärkten. Die erste bundesweite Wohnungslosenstatistik (WoBerichtsG) liefert seit 2022 erstmals verlässliche Vergleichsdaten nach Bundesländern. Was sie zeigen, ist beides: die Dimension des Problems — und die strukturellen Unterschiede zwischen den Ländern.
Die Zahlen nach Bundesland: Wer führt die Liste an?
Nordrhein-Westfalen verzeichnete zum 31. Januar 2023 mit 84.690 untergebrachten wohnungslosen Personen den höchsten Wert aller Bundesländer. Baden-Württemberg folgte mit 76.510, Berlin mit 39.375, Hamburg mit 32.285 und Bayern mit 32.380 Personen.
Am anderen Ende der Skala stehen die ostdeutschen Flächenländer: Mecklenburg-Vorpommern meldete 1.195, Sachsen-Anhalt 1.980, Brandenburg 3.290 und Sachsen 2.935 untergebrachte Wohnungslose. Diese Zahlen klingen nach wenig — und sind es tatsächlich, verglichen mit dem Westen.
Untergebrachte Wohnungslose nach Bundesland
31. Januar 2022 vs. 31. Januar 2023 — absolute Zahlen
Statistik untergebrachter wohnungsloser Personen (WoBerichtsG), Destatis. Sozialbericht 2024. Hellbalken = 2022, Dunkelbalken = 2023.
Die bevölkerungsgrößten Länder haben erwartbar die meisten Betroffenen in absoluten Zahlen. Nordrhein-Westfalen mit fast 18 Millionen Einwohnern und Baden-Württemberg mit 11 Millionen stehen naturgemäß oben. Doch der direkte Vergleich offenbart mehr: Berlin hat 2023 mit rund 3,7 Millionen Einwohnern fast so viele Wohnungslose (39.375) wie Bayern mit 13 Millionen (32.380). Berlin hat pro Einwohner ein rund 3,5-fach höheres Wohnungslosenaufkommen als Bayern.
Noch auffälliger ist Bremen: Das kleine Stadtland mit rund 680.000 Einwohnern meldete 2023 bereits 5.630 untergebrachte Personen — und hatte sich damit innerhalb eines Jahres mehr als versiebenfacht (2022: 790). Dieser extreme Sprung ist vor allem methodisch bedingt: Im ersten Jahr der Erhebung hatten viele Kommunen ihre Daten noch unvollständig gemeldet. Bis 2023 verbesserte sich die Datenqualität, was einen Teil des vermeintlichen Anstiegs erklärt.
Warum Großstädte besonders betroffen sind
44 Prozent aller untergebrachten wohnungslosen Personen konzentrierten sich im Jahr 2022 auf die zehn größten deutschen Städte. Das ist keine Überraschung — aber ein wichtiges Signal. Großstädte sind aus mehreren Gründen Brennpunkte der Wohnungslosigkeit.
Erstens: der Mietmarkt. In München, Frankfurt, Berlin, Hamburg und Stuttgart sind Mietpreise auf ein Niveau gestiegen, das für einkommensschwache Haushalte kaum noch erschwinglich ist. Wer hier eine Wohnung verliert, findet auf dem freien Markt selten sofort eine bezahlbare Alternative. Wartelisten für Sozialwohnungen sind in vielen Großstädten auf mehrere Jahre angewachsen.
Zweitens: die Anziehungskraft. Städte ziehen Menschen mit Hilfebedarf an — durch bessere Infrastruktur, Anlaufstellen, Beratungsangebote und anonyme Umgebungen. Wer in einer ländlichen Region wohnungslos wird, findet in der nächsten Großstadt oft mehr Unterstützung — und zieht dorthin. Das erhöht die städtischen Zahlen, ohne dass die Stadt selbst die Ursache war.
Drittens: die Erfassung. In Großstädten sind die Strukturen zur Unterbringung und Meldung professioneller — was dazu führt, dass die Zahlen vollständiger sind. Was auf dem Land fehlt, landet oft nicht in der Statistik, weil Kapazitäten zur Erfassung fehlen.
Eigentumsquote und Wohnfläche: Strukturelle Unterschiede zwischen den Ländern
Der Zusammenhang zwischen Eigentumsquote und Wohnungslosigkeitsrisiko ist nicht direkt, aber strukturell relevant. Wer Wohneigentum besitzt, kann bei einem Einkommensverlust auf eigene Ressourcen zurückgreifen. Mieterhaushalte fehlt dieser Puffer — und in Ländern mit hohem Mieteranteil ist die Bevölkerung deshalb strukturell anfälliger für Wohnungsverlust.
Berlin hat mit 16 Prozent die niedrigste Eigentumsquote aller Bundesländer. Das Saarland liegt mit 59,5 Prozent an der Spitze — mehr als dreimal so viel. Rheinland-Pfalz (50,7 %), Niedersachsen (48,8 %) und Baden-Württemberg sowie Bayern (je rund 45–48 %) liegen ebenfalls deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 41,8 Prozent.
Eigentumsquote nach Bundesland 2022
Anteil Eigentümerhaushalte in selbst bewohnten Wohnungen (%)
Mikrozensus-Zusatzprogramm Wohnen 2022, Destatis. Bundesdurchschnitt: 41,8 %.
Interessant ist dabei das scheinbare Paradox: Baden-Württemberg hat eine vergleichsweise hohe Eigentumsquote (48,3 %) — und trotzdem 76.510 untergebrachte Wohnungslose, den zweithöchsten Wert. Das erklärt sich dadurch, dass die Eigentumsquote die Gesamtbevölkerung beschreibt, während Wohnungslosigkeit spezifische Bevölkerungsgruppen betrifft. Wer einkommensschwach, verschuldet oder geflüchtet ist, hat keine realistische Chance auf Wohneigentum — unabhängig davon, wie viele Eigentümer es in dem Bundesland insgesamt gibt.
Die durchschnittliche Wohnfläche pro Haushalt variiert ebenfalls erheblich: Im Saarland stehen Haushalten im Schnitt 113,4 Quadratmeter zur Verfügung, in Berlin nur 74,8 Quadratmeter. Dieser Unterschied reflektiert die Dominanz von Einfamilienhäusern im Saarland und kleinen Mietwohnungen in der Berliner Innenstadt.
Ost vs. West: Warum die Unterschiede so groß sind
Ostdeutsche Bundesländer haben in der Wohnungslosenstatistik deutlich niedrigere Zahlen. Brandenburg: 3.290 (2023). Sachsen-Anhalt: 1.980. Mecklenburg-Vorpommern: 1.195. Das klingt nach wenig — und ist es, verglichen mit westdeutschen Flächenländern.
Der wichtigste Grund ist der Wohnungsmarkt. In vielen ostdeutschen Städten sind Mieten deutlich günstiger als im Westen. Wer eine Wohnung verliert, findet häufiger eine Alternative, ohne in die Wohnungslosigkeit abzurutschen. Zusätzlich gibt es in Ostdeutschland erheblichen Wohnungsleerstand in schrumpfenden Regionen — was paradoxerweise die Wohnungslosigkeit reduziert.
Gleichzeitig bedeuten niedrigere Wohnungslosenzahlen nicht, dass Armut kein Thema wäre. Ostdeutsche Städte sind durch hohe Armutsquoten, niedrige Löhne und strukturelle Schwächen geprägt. Die soziale Polarisierung nimmt zu — nur drückt sie sich anders aus: nicht durch Wohnungslosigkeit, sondern durch räumliche Segregation innerhalb der Städte.
Der statistische Zusammenhang zwischen Armutsquote und Ausländeranteil auf Quartiersebene stieg in ostdeutschen Städten bis 2021 auf einen Korrelationskoeffizient von 0,72. Das ist ein hoher Wert — er zeigt, dass in ostdeutschen Städten arme Bevölkerungsgruppen und Migranten stark räumlich konzentriert sind. Die räumliche Struktur dieser Segregation ist spezifisch: In vielen ostdeutschen Städten konzentrieren sich Armut und Migration in Großwohnsiedlungen und Plattenbaugebieten der Nachwendezeit — Stadtteile, die von besserverdienenden Haushalten systematisch gemieden werden.
Ein weiterer Unterschied: In westdeutschen Großstädten konzentriert sich Armut häufig in der Innenstadt, während wohlhabendere Haushalte ins Umland ziehen. In ostdeutschen Städten zeigt sich das umgekehrte Muster: Die Innenstädte wurden saniert und sind oft besserverdienend geprägt, während die Großwohnsiedlungen am Stadtrand zu Armutsvierteln werden.
Wer wohnungslos ist: Kinder, Alter, Dauer
Die Statistik ist mehr als eine Zahl. Sie hat ein Gesicht: Im Januar 2023 waren 128.705 Kinder in Deutschland institutionell untergebracht — ohne eigene Wohnung. Rund ein Drittel dieser Kinder (31 %) lebte in Paarhaushalten, also mit beiden Elternteilen oder einem Elternteil und einem Partner. Das bedeutet: Wohnungslosigkeit trifft nicht nur Alleinstehende, sie trifft vollständige Familien — oft sehr junge.
Das Durchschnittsalter der untergebrachten Familienhaushalte liegt bei 22 bis 23 Jahren. Das sind keine gefestigten Haushalte, die in eine Krise geraten sind — das sind junge Menschen, die sich am Anfang ihres Erwachsenenlebens befinden und die Grundlage einer stabilen Wohnsituation nie aufbauen konnten. Alleinstehende Wohnungslose ohne Unterkunft sind im Schnitt 42 Jahre alt, verdeckt wohnungslose Personen — die informell bei anderen unterkommen — im Schnitt 51 Jahre. Das höhere Alter dieser Gruppe zeigt: Verdeckte Wohnungslosigkeit entsteht häufig am Ende längerer Abstiege, wenn informelle Netzwerke noch intakt, aber fragil sind.
Wie lange Menschen wohnungslos bleiben, hängt stark von der Form ihrer Wohnungslosigkeit ab. Bei alleinstehenden untergebrachten Personen sind 65 Prozent bereits länger als ein Jahr ohne eigene Wohnung. Chronische Wohnungslosigkeit ist bei dieser Gruppe die Regel, nicht die Ausnahme. Bei verdeckt wohnungslosen Personen ist das Bild umgekehrt: 55 Prozent sind weniger als ein Jahr in dieser Lage. Sie verfügen noch über aktive informelle Netzwerke — Freunde, entfernte Bekannte, Familienangehörige, die vorübergehend aufnehmen. Genau diese Netzwerke machen sie für die Statistik unsichtbar — und für Hilfsangebote schwer erreichbar.
Woher kommen die Betroffenen? Die wichtigsten Herkunftsländer
Ein erheblicher Teil der untergebrachten wohnungslosen Personen hat einen Fluchthintergrund. Die größte Herkunftsgruppe bilden Menschen aus Syrien: 71.525 Personen (2023). An zweiter Stelle steht Afghanistan mit 44.425, gefolgt vom Irak mit 32.695 Personen. Aus weiteren typischen Asylherkunftsländern kamen 35.515 Personen.
Diese Zahlen spiegeln den starken Anstieg der Geflüchteten in Deutschland zwischen 2015 und dem aktuellen Berichtszeitraum wider. Wer als Geflüchteter nach Deutschland kommt, ist zunächst häufig auf kommunale Unterbringung angewiesen — und taucht damit in der WoBerichtsG-Statistik auf, auch wenn er kein klassisches Wohnungslosenrisiko im deutschen Sinne trägt, sondern ein strukturell anderes Problem: fehlender Wohnungszugang nach Abschluss des Asylverfahrens.
Das bedeutet für die Interpretation der Bundesländer-Unterschiede: Länder, die besonders viele Geflüchtete aufgenommen haben — Baden-Württemberg, Bayern, NRW — haben dadurch auch höhere absolute Wohnungslosenzahlen. Die regionale Verteilung von Wohnungslosigkeit in Deutschland ist also nicht nur ein Abbild des regionalen Wohnungsmarkts. Sie spiegelt auch die Verteilungsentscheidungen der Flüchtlingspolitik wider.
Was die Statistik noch nicht zeigt — und warum das wichtig ist
Die Bundesländervergleiche der WoBerichtsG-Statistik sind ein Fortschritt. Aber sie haben Grenzen, die für die Interpretation entscheidend sind.
Erstens erfasst die Statistik nur untergebrachte Wohnungslose. Menschen, die auf der Straße schlafen, nicht in kommunalen Einrichtungen auftauchen oder informell bei Bekannten wohnen ("verdeckte Wohnungslosigkeit"), sind nicht enthalten. Gerade in Städten mit gut ausgebautem Hilfesystem — Berlin, Hamburg — ist die Erfassung vollständiger als in Regionen mit weniger Infrastruktur. Das verzerrt den Ländervergleich zu Ungunsten von Ländern mit guter Datenlage.
Zweitens ist die Datenqualität zwischen den Jahren 2022 und 2023 nicht vollständig vergleichbar. Viele Kommunen haben ihre Meldeprozesse erst im zweiten Jahr vollständig implementiert. Der scheinbare Anstieg von 178.000 auf 372.000 — eine Verdoppelung in zwölf Monaten — ist daher teilweise ein Artefakt verbesserter Erfassung, nicht allein ein Bild tatsächlicher Entwicklung.
Drittens fehlen noch verlässliche Daten zu Geflüchteten mit Fluchthintergrund. Während des Berichtszeitraums haben zwar mehr Kommunen entsprechende Daten geliefert — aber eine Untererfassung dieser Gruppe ist weiterhin wahrscheinlich, weil Ordnungsbehörden und Ausländerbehörden unterschiedliche Datenbestände führen und nicht immer koordiniert melden.
Was die Statistik trotzdem zeigt: Die Konzentration der Wohnungslosigkeit in Großstädten und Westdeutschland ist strukturell. Sie hat mit Wohnungsmärkten, Mietniveaus, Hilfsinfrastruktur und Bevölkerungszuzug zu tun — und nicht allein mit individuellen Biografien der Betroffenen.
Quellenangabe
Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.
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Weitere Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), WoBerichtsG-Statistik untergebrachter wohnungsloser Personen, Mikrozensus-Zusatzprogramm Wohnen 2022, Bundesagentur für Arbeit (SGB-II-Daten), BMAS
Stand: 2024