ARMUTDEUTSCHLAND
Was sie bedeutet

Altersarmut · Kinderarmut · Vergleich

Wer ist ärmer —
Kinder oder Rentner? Ein Vergleich.

Die politische Debatte stellt Altersarmut und Kinderarmut häufig gegeneinander. Die Daten zeigen ein differenzierteres Bild: Nicht das Alter entscheidet über das Armutsrisiko — sondern die Haushaltskonstellation, der Erwerbsstatus und der Ort. Ein nüchterner Vergleich mit konkreten Zahlen.

Auf einen Blick

  • Alleinerziehende sind die armutsstärkste Gruppe: bis zu 43,8 % Armutsquote bei zwei oder mehr Kindern.
  • Kinder bis 17 Jahre haben eine Armutsquote von 19,7 % — deutlich höher als Ältere ab 75 (12,3 %).
  • Junge Singlehaushalte (16–34): Armutsquote von 33,8 % — für viele eine temporäre, für andere eine dauerhafte Lage.
  • Ältere im Übergang zum Ruhestand (60–69) haben steigende Armutsrisiken — besonders in Ostdeutschland.
  • Paare ohne Kind haben mit 8,4 % die niedrigste Armutsquote aller Haushaltstypen.

Altersarmut und Kinderarmut sind keine Konkurrenten — sie sind zwei Ausdrucksformen derselben strukturellen Ungleichheit. Dennoch ist der Vergleich nützlich: Er zeigt, wer in Deutschland welches Risiko trägt, warum das so ist — und was strukturell dagegen getan werden kann. Die Antwort, die die Daten geben, ist: Nicht das Lebensalter entscheidet über Armut. Es entscheidet die Haushaltskonstellation.

Was die Zahlen zeigen: Haushaltstyp schlägt Alter

Betrachtet man die Armutsquoten nach Haushaltstypen, wird schnell klar, dass Alter allein kein guter Prädiktor für Armut ist. Die höchsten Quoten haben weder Kinder noch Rentner als solche — sie haben bestimmte Konstellationen, in denen Menschen leben.

Alleinerziehende mit zwei oder mehr Kindern trugen in den Jahren 2020 bis 2022 eine Armutsquote von 43,8 Prozent. Bei einem Kind lagen sie bei 39,0 Prozent. Paare mit drei oder mehr Kindern kamen auf 29,2 Prozent. Junge Singlehaushalte (Haushaltsvorstand 16–34 Jahre) auf 33,8 Prozent.

Dem gegenüber stehen Haushalte mit Haupteinkommensperson ab 75 Jahren: Rentnerpaarpaare lagen bei 9,0 Prozent, Singlehaushalte dieser Altersgruppe bei 15,5 Prozent. Und Paare ohne Kind — egal welchen Alters — bei 8,4 Prozent. Die niedrigsten Armutsquoten aller Haushaltstypen.

Das bedeutet: Ein Kind, das in einem Alleinerziehenden-Haushalt aufwächst, ist statistisch fünfmal häufiger arm als ein Kind in einem Paarpaarhaushalt ohne Kind — und fast doppelt so häufig wie ein Mensch ab 75. Armut ist in Deutschland vor allem ein Problem bestimmter Haushaltsformen — nicht bestimmter Lebensphasen.

Kurzantwort: Alleinerziehende (bis 43,8 %) und junge Singles (33,8 %) haben die höchsten Armutsquoten aller Haushaltstypen. Kinder bis 17 Jahre: 19,7 %. Ältere ab 75: 12,3 %. Das Armutsrisiko hängt in Deutschland weniger vom Alter als von der Haushaltskonstellation ab.

Kinderarmut: Strukturell und unterschätzt

Kinderarmut ist kein Randphänomen. Kinder bis 17 Jahre hatten in den Jahren 2020 bis 2022 eine Armutsquote von 19,7 Prozent — also fast jedes fünfte Kind. Dieser Wert liegt deutlich über dem Gesamtschnitt der Bevölkerung (16,1 Prozent) und ist seit 2015–2019 kaum gesunken.

Entscheidend ist, in welchem Haushalt ein Kind aufwächst. Paarhaushalte mit einem oder zwei Kindern weisen Armutsquoten von 11 bis 12 Prozent auf — vergleichsweise moderat. Der Haupttreiber von Kinderarmut ist die Alleinerziehenden-Konstellation: 39 bis 43 Prozent. Das ist ein strukturelles Versagen, keine individuelle Fehldisposition.

In Ostdeutschland und strukturschwachen Gebieten verschärft sich das Bild. Paarhaushalt mit drei und mehr Kindern in strukturschwachen Regionen: 38,8 Prozent Armutsquote. Ein-Eltern-Haushalt mit zwei und mehr Kindern in Ostdeutschland: 48,1 Prozent. Fast jede zweite Alleinerziehende mit mehreren Kindern in Ostdeutschland ist einkommensarm.

Kinderarmut hat spezifische Langzeitfolgen: schlechtere Bildungschancen, höhere Gesundheitsrisiken, eingeschränkte soziale Teilhabe. Kinder können ihre Haushaltskonstellation nicht wählen — und sie können sie nicht verlassen. Die Armutsdauer ist für sie besonders relevant: Wer als Kind arm aufwächst, trägt ein erhöhtes Risiko, auch als Erwachsener arm zu bleiben. Armut in der Kindheit hat eine andere Qualität als Armut in späteren Lebensphasen — sie formt Bildungspfade, Gesundheit und soziale Ressourcen, bevor Weichen gestellt sind.

Kurzantwort: Kinder bis 17 Jahre haben eine Armutsquote von 19,7 %. Haupttreiber ist die Alleinerziehenden-Konstellation (39–43,8 %). In ostdeutschen strukturschwachen Regionen liegt die Quote bei Alleinerziehenden mit mehreren Kindern bei bis zu 48,1 %. Kinderarmut hat Langzeitfolgen für Bildung, Gesundheit und soziale Mobilität.

Altersarmut: Heute niedrig, morgen anders

Gemessen an den aktuellen Armutsquoten sind Ältere in Deutschland weniger betroffen als Kinder. Haushalte mit Haupteinkommensperson ab 75 Jahren haben mit 12,3 Prozent die niedrigste Armutsquote aller Altersgruppen. Rentnerpaare ohne Kind liegen bei 9,0 Prozent — ähnlich niedrig wie erwerbstätige Paare in mittlerem Alter.

Dieses vergleichsweise günstige Bild ist historisch erklärbar. Die älteste Generation profitiert von langen, lückenlosen Erwerbsbiografien — in Westdeutschland durch eine starke Nachkriegswirtschaft, in Ostdeutschland durch die strukturell hohe Erwerbsbeteiligung beider Geschlechter in der DDR-Zeit. Diese Kohorten haben vergleichsweise solide Rentenansprüche aufgebaut.

Der Übergang in den Ruhestand ist der kritische Moment

Weniger günstig sieht es für die Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen aus: Deren Armutsrisiken sind im Zeitraum 2020 bis 2022 gegenüber der Vorgängerperiode gestiegen. In Ostdeutschland sind diese Risiken überdurchschnittlich ausgeprägt. Der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand ist eine strukturelle Bruchstelle — sinkendes Einkommen trifft auf gleichbleibende oder steigende Lebenshaltungskosten.

Ältere Singlehaushalte (55–74 Jahre) haben eine Armutsquote von 23,6 Prozent — deutlich höher als Rentnerpaare. Verwitwete und Geschiedene in dieser Gruppe tragen besonders hohe Risiken: Geschiedene insgesamt 25,4 Prozent Armutsquote, in Ostdeutschland sogar 34,7 Prozent.

Das strukturelle Problem: Die kommenden Kohorten

Die derzeit niedrige Altersarmut ist keine Garantie für die Zukunft. Die Babyboomer-Generation scheidet in den kommenden Jahren aus dem Arbeitsmarkt aus. Viele dieser Menschen haben lückenhafte Erwerbsbiografien: Phasen von Teilzeit (besonders Frauen), Pflege, Arbeitslosigkeit und atypischer Beschäftigung. Niedrige Rentenansprüche sind die Folge.

Hinzu kommen strukturelle Verschiebungen: Ältere im untersten Einkommensbereich haben ein besonders hohes Risiko, dauerhaft in precären Einkommenslagen zu verbleiben — anders als junge Menschen, die nach Ausbildungsphasen häufig aus der Armut herausfinden. Für Ältere gibt es diesen Ausstieg über den Arbeitsmarkt nicht mehr. Das macht Altersarmut — wenn sie einmal eingetreten ist — besonders persistent.

Für Menschen mit Migrationshintergrund und für Geflüchtete dürfte Altersarmut in Zukunft ein noch größeres Problem werden: Lückenhaftere Erwerbsbiografien, niedrigere Einkommen und kürzere Beitragszeiten zur gesetzlichen Rentenversicherung führen zu niedrigeren Renten — und damit potenziell zu Altersarmut in einer Gruppe, die bereits jetzt überproportional arm ist.

Kurzantwort: Heute sind Ältere ab 75 die am wenigsten armutsgefährdete Altersgruppe (12,3 %). Doch beim Übergang in den Ruhestand (60–69) steigen die Risiken. Ältere in Armut verbleiben dort dauerhafter als Junge. Strukturell ist steigende Altersarmut in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich — besonders für Frauen mit Teilzeitbiografien und Menschen mit Migrationshintergrund.

Jugendliche und junge Erwachsene: Die übersehene Gruppe

In der öffentlichen Debatte über Altersarmut und Kinderarmut geht eine dritte Gruppe oft unter: junge Erwachsene zwischen 16 und 34 Jahren. Singlehaushalte in dieser Altersgruppe hatten 2020 bis 2022 eine Armutsquote von 33,8 Prozent — ein Wert, der fast an den von Alleinerziehenden heranreicht.

In den Jahren 2015 bis 2019 war noch etwa ein Drittel aller jungen Einpersonenhaushalte von Einkommensarmut betroffen. Bis 2020 bis 2022 sank dieser Anteil auf knapp 29 Prozent — ein Rückgang, aber noch immer auf hohem Niveau. Studierende mit BAföG, Auszubildende, Menschen in Berufsanfangsphasen und geringfügig Beschäftigte prägen diese Gruppe. Für viele ist die Armut temporär: Sie endet mit dem Abschluss der Ausbildung oder dem Berufseinstieg. Für andere — besonders ohne Abschluss — wird sie dauerhaft.

Die Armutsdauer variiert mit dem Lebensalter: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 30 zeigen häufiger transitorische — also zeitlich begrenzte — Armutserfahrungen als ältere Menschen. Selbst in mittleren und höheren Einkommensschichten haben junge Menschen temporäre Armutsphasen gemacht — meist überwunden nach Abschluss der Ausbildung. Ältere hingegen, einmal im untersten Einkommensbereich angekommen, bleiben dort statistisch länger.

Kurzantwort: Junge Singles (16–34) haben eine Armutsquote von bis zu 33,8 % — eine oft übersehene Gruppe. Für viele ist diese Armut temporär und endet mit dem Berufseinstieg. Ältere in Armut verbleiben länger in precären Lagen, weil der Arbeitsmarkt als Ausweg wegfällt.

Was die Daten nicht zeigen: Vermögen, Gesundheit, Einsamkeit

Einkommensarmut ist wichtig — aber sie ist nicht das einzige Maß für Lebenslage. Vermögen ist ungleich verteilt: Die Vermögensungleichheit in Deutschland übertrifft die Einkommensungleichheit um mehr als den Faktor zwei. Viele ältere Menschen haben zwar niedrige Renten, aber selbstgenutztes Wohneigentum — und damit eine Lebensqualität, die die Einkommensstatistik nicht vollständig erfasst. Umgekehrt können Kinder in armen Mieterhaushalten trotz statistisch vergleichbarer Einkommenslage in deutlich schlechteren materiellen Verhältnissen leben, weil sie kein Vermögenspuffer haben.

Gesundheit ist eine weitere Dimension: Ältere in Armut haben eine statistisch deutlich niedrigere Lebenserwartung. Frauen unter 60 Prozent des Medianeinkommens leben im Schnitt 78,4 Jahre, Frauen über 150 Prozent des Medians 82,8 Jahre. Männer: 71,0 vs. 79,6 Jahre. Vier bis acht gewonnene oder verlorene Lebensjahre — je nach Einkommenslage.

Einsamkeit ist eine dritte Dimension, die besonders ältere Menschen in Armut trifft. Wer wenig Geld hat, kann weniger am sozialen Leben teilnehmen — Ausflüge, Restaurants, Vereinsmitgliedschaften, Geschenke. Soziale Isolation und finanzielle Armut verstärken sich gegenseitig und erzeugen kumulative Benachteiligung über den Lebensverlauf.

Kurzantwort: Einkommensarmut erfasst die Lebenslage nur unvollständig. Ältere haben häufiger Vermögen, das die Einkommensarmut abfedert. Gesundheitliche Ungleichheit durch Armut kostet 4–8 Lebensjahre. Einsamkeit trifft ältere Arme besonders hart. Kinderarmut formt Bildung und Chancen, bevor Weichen gestellt werden.

Was gebraucht wird — für beide Gruppen

Altersarmut und Kinderarmut sind keine Gegensätze, um die man eine politische Debatte führen sollte — als ob mehr Mittel für die eine Gruppe weniger für die andere bedeuten. Beide verlangen strukturelle Antworten, die sich inhaltlich unterscheiden.

Gegen Kinderarmut helfen vor allem: flächendeckende, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung, die Alleinerziehenden echte Erwerbsteilhabe ermöglicht; auskömmliche Unterhaltsleistungen (und staatliche Sicherung, wenn Unterhalt nicht gezahlt wird); und Grundsicherungsleistungen, die tatsächlich die Realkosten für Kinder abdecken — inklusive Schulmaterial, Freizeitaktivitäten und Ernährung.

Gegen Altersarmut helfen langfristig stabile Erwerbsbiografien — auch in Niedriglohnbranchen, auch für Frauen in Teilzeit, auch für Menschen mit Migrationshintergrund. Das Rentensystem allein kann Armut nicht verhindern, wenn die Erwerbsbiografien lückenhaft sind. Hinzu kommt: Wer als Älterer in Armut gerät, braucht barrierefreie Zugänge zu Grundsicherung im Alter, zu Beratungsangeboten und zu sozialer Infrastruktur. Viele ältere Menschen wissen nicht, welche Leistungen ihnen zustehen — oder schämen sich, sie zu beantragen.

Ein Missverständnis gilt es dabei zu korrigieren: Es gibt keine armutspolitische Wahl zwischen Kindern und Rentnern. Wer diesen Gegensatz konstruiert, lenkt ab. Die eigentliche Frage ist, warum bestimmte Haushaltstypen — Alleinerziehende, junge Singles ohne Abschluss, ältere Alleinstehende in strukturschwachen Regionen — systematisch durch die Netze fallen, die der Sozialstaat aufgespannt hat.

Quellenangabe

Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.

Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 (dl-de/by-2-0)

Weitere Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), SOEP v39 (Sozio-oekonomisches Panel), EU-SILC, Mikrozensus; Armutsquote: 60 % des monatlichen Haushaltsnettoäquivalenzeinkommens (Median), Perioden 2015–2019 und 2020–2022

Stand: 2024

Häufige Fragen

Wer ist in Deutschland stärker von Armut betroffen — Kinder oder Ältere?+

Ein einfaches Ja oder Nein greift zu kurz. Die höchsten Armutsquoten tragen Alleinerziehende (bis 43,8 %) und Kinder in bestimmten Haushaltskonstellationen. Die niedrigsten tragen Rentnerpaare ohne Kind (unter 9 %) und Haushalte mit Haupteinkommensperson ab 75 Jahren (12,3 %). Altersarmut ist real — aber als Gesamtgruppe sind Ältere derzeit weniger armutsbetroffen als Kinder in armen Familien.

Warum haben junge Alleinlebende so hohe Armutsquoten?+

Rund ein Drittel aller jungen Singlehaushalte (16–34 Jahre) war in den Jahren 2015–2019 von Einkommensarmut betroffen. Dieser Wert sank bis 2020–2022 auf knapp 29 Prozent. Gründe: Ausbildungs- und Studienzeiten mit niedrigem Einkommen, Einstiegslöhne, unsichere Beschäftigungsverhältnisse und das Fehlen eines zweiten Einkommens. Für viele ist das eine temporäre Phase — für andere nicht.

Was macht Altersarmut in Ostdeutschland besonders?+

In Ostdeutschland sind ältere Menschen beim Übergang in den Ruhestand (60–69 Jahre) überdurchschnittlich von Armut betroffen. Gleichzeitig profitierte die älteste Generation noch von DDR-typischer Vollbeschäftigung — durchgehende Erwerbsbiografien beider Geschlechter führen zu besseren Rentenansprüchen. Jüngere Kohorten hingegen haben durch Deindustrialisierung und Strukturwandel lückenhafte Erwerbsverläufe — und damit niedrigere Renten.

Warum sind Alleinerziehende die am stärksten betroffene Gruppe?+

Alleinerziehende tragen die Kosten für Kinder allein — ohne zweites Einkommen als Puffer. Kinderbetreuungsengpässe begrenzen ihre Erwerbsmöglichkeiten. Unterhalt wird häufig nicht oder unregelmäßig gezahlt. Die Quoten sind trotz Verbesserungen seit 2015–2019 noch extrem hoch: Ein-Eltern-Haushalte mit einem Kind: 39 %, mit zwei oder mehr Kindern: 43,8 %.

Ist Altersarmut in Deutschland bald ein größeres Problem?+

Ja — strukturell. Die Babyboomer-Generation scheidet aus dem Arbeitsmarkt aus; viele haben Erwerbslücken durch Teilzeit, Pflege oder unsichere Jobs. Die privaten Rentenansprüche dieser Kohorten sind teils niedrig. Gleichzeitig steigen Lebenshaltungskosten. Altersarmut dürfte in den kommenden Jahren zunehmen — besonders für Frauen mit Teilzeitbiografien, Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund.