Die Coronapandemie ist statistisch vorbei — aber ihre sozialen Spuren sind es nicht. Wer die Langzeitfolgen für einkommensschwache und sozial benachteiligte Menschen in Deutschland verstehen will, muss zwei Befunde zusammenhalten, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken: Die gesamtgesellschaftliche Armutsquote veränderte sich zwischen 2020 und 2022 kaum. Und gleichzeitig haben die Pandemiejahre für bestimmte Bevölkerungsgruppen tiefe, schwer umkehrbare Schäden hinterlassen.
Beides ist wahr. Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung zwischen Querschnittsdaten und Längsschnittsperspektiven — und in der Frage, wen das Sicherungsnetz auffing und wen nicht.
Was die Pandemie nicht gemacht hat — und was das bedeutet
Die Armutsrisikoquote in Deutschland lag 2021 bei 16,0 Prozent, 2022 bei 14,8 Prozent, 2023 bei 14,4 Prozent. Verglichen mit den Jahren unmittelbar vor der Pandemie — 2017 bis 2019 — ist das keine dramatische Verschlechterung. Damals gab es zeitweise sogar stagnierende oder leicht rückläufige Werte. Die Pandemie hat diesen Trend nicht gebrochen.
Das liegt nicht am Zufall. Kurzarbeit, Soforthilfen für Selbstständige, verlängerte Leistungsansprüche beim Arbeitslosengeld — die sozialpolitischen Maßnahmen der Pandemiejahre haben Millionen Haushalte vor einem Einkommensabsturz bewahrt. Fachleute werten die Stabilität der Armutskennziffern als Beleg für die Resilienz des deutschen Sozialstaats unter außerordentlichem Druck.
Doch diese Gesamtperspektive verdeckt, was sich darunter abspielte. Der AROPE-Indikator — das Maß für Armutsgefährdung oder soziale Ausgrenzung, das neben dem Einkommen auch materielle Entbehrung und Erwerbsbeteiligung einbezieht — lag 2021 bei 21,0 Prozent der Bevölkerung, 2023 bei 21,3 Prozent. Mehr als jede fünfte Person in Deutschland ist demnach von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Die Stabilität der Gesamtzahl bedeutet nicht, dass es allen besser geht. Sie bedeutet, dass es vielen Gruppen konstant schlecht geht.
Die Gruppen, die zurückblieben
Hinter dem gesamtgesellschaftlich stabilen Durchschnitt verbergen sich extreme Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen — Unterschiede, die die Pandemie nicht erzeugt, aber sichtbarer gemacht und teils vertieft hat.
Geflüchtete: Das höchste Risiko
Das Armutsrisiko bei Geflüchteten betrug 2021 rund 68 Prozent. Das ist der mit Abstand höchste Wert aller Bevölkerungsgruppen — mehr als viermal so hoch wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund (14 Prozent). Geflüchtete sind auf dem Arbeitsmarkt strukturell benachteiligt: durch Sprachbarrieren, nicht anerkannte Qualifikationen, rechtliche Zugangsbeschränkungen und fehlende Netzwerke. Während der Pandemie verschärfte sich das, weil viele Integrations- und Qualifizierungsangebote ausfielen, Beratungsstellen schlossen und persönliche Kontakte wegbrachen.
Menschen mit Migrationshintergrund
Menschen mit Migrationshintergrund wiesen 2021 eine Armutsrisikoquote von 25 Prozent auf — fast doppelt so hoch wie jene ohne Migrationshintergrund (14 Prozent). Innerhalb dieser Gruppe gibt es erhebliche Unterschiede: Türkischstämmige Personen trugen 2021 ein Armutsrisiko von 36 Prozent, (Spät-)Aussiedlerinnen und Aussiedler von 31 Prozent, Personen mit osteuropäischem Migrationshintergrund von 29 Prozent.
Diese Gruppen arbeiten überproportional häufig in Branchen, die von den Pandemiemaßnahmen direkt getroffen wurden — Gastronomie, Pflege, Reinigung, Logistik. Teils hatten sie schlechtere Zugänge zu Kurzarbeit oder informelle Beschäftigungsverhältnisse, die durch das Sicherungsnetz fielen. Hinzu kommt: Wohnverhältnisse in beengten Wohnungen — Haushalte mit Einwanderungsgeschichte lebten 2022 im Schnitt in 45 Quadratmeter kleineren Wohnungen als Haushalte ohne — machten die Belastungen durch Homeoffice, Homeschooling und soziale Isolation besonders schwer.
Alleinerziehende und Alleinlebende
Alleinerziehende sind seit Jahren eine der armutsgefährdetsten Gruppen in Deutschland. 2023 waren rund 23,7 Prozent dieser Personen armutsgefährdet. Die Pandemie traf Alleinerziehende besonders hart: Schul- und Kitaschließungen bedeuteten für sie, Betreuung und Erwerbstätigkeit gleichzeitig zu stemmen — ohne Rückhalt durch eine zweite Person im Haushalt. Entlastungsangebote und Notbetreuung reichten selten aus.
Ähnlich betroffen waren alleinlebende Personen — mit einer Armutsgefährdungsquote von 26,4 Prozent im Jahr 2023. Für sie kamen zu finanziellen Belastungen die sozialen Folgen der Isolation: fehlende informelle Unterstützungsnetzwerke, kein geteilter Haushalt als wirtschaftlicher Puffer.
Haushalte mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung
Ein besonders aussagekräftiger Indikator ist die Erwerbsbeteiligung im Haushalt. Haushalte, in denen die erwerbsfähigen Mitglieder weniger als 20 Prozent ihrer potenziellen Arbeitszeit tatsächlich erwerbstätig sind, gelten als Haushalte mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung. 2023 lebten 9,9 Prozent der Bevölkerung in solchen Haushalten — 2021 waren es 9,5 Prozent. Das Armutsgefährdungsrisiko dieser Gruppe liegt bei 52,5 Prozent.
Ob fehlende Arbeit auf Arbeitslosigkeit, Krankheit, Pflege von Angehörigen oder anderen Gründen beruht — das Ergebnis ist strukturelle Armutsgefährdung. Die Pandemie hat diese Gruppe vergrößert und für viele den Weg zurück in den Arbeitsmarkt erschwert.
Das eigentliche Problem: Dauerhafte Armut
Armutsgefährdung ist nicht gleich Armut — und vorübergehende Armut ist nicht dasselbe wie dauerhafte. Der entscheidende Befund aus den Pandemiejahren betrifft genau diese Unterscheidung.
Von den Personen, die 2021 in relativer Einkommensarmut lebten — also unterhalb von 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens —, waren mehr als 80 Prozent bereits in den vier Jahren davor (2017 bis 2020) mindestens einmal von Armut betroffen. Das ist ein zentrales Ergebnis der Sozialberichterstattung: Armut in Deutschland ist zu einem erheblichen Teil keine Übergangsphase, sondern ein dauerhafter Zustand.
Seit 2016 sind die Anteile dauerhaft Armutsbetroffener erhöht — und es zeigen sich derzeit keine Anzeichen für eine grundlegende Trendumkehr. Gleichzeitig gab es seit 2017 moderate, teils rückläufige Entwicklungen bei einzelnen Indikatoren. Das legt nahe: Der Gesamttrend ist stabil, aber er stabilisiert sich auf einem problematischen Niveau.
Dauerhafte Armut hat spezifische Wirkungen, die kurzzeitige Armut nicht hat. Sie greift in Bildungsbiografien von Kindern ein, erhöht gesundheitliche Risiken über Jahrzehnte, schränkt soziale Teilhabe ein und verfestigt Ausgrenzung über Generationen. Finanzielle, gesundheitliche und soziale Nachteile stehen in Wechselwirkung miteinander — Menschen mit geringem Einkommen haben ein höheres Erkrankungsrisiko, was ihre Arbeitsfähigkeit und damit ihr Einkommen weiter belastet.
Wie Armut gemessen wird — und warum das wichtig ist
Um die Pandemiefolgen richtig einzuordnen, ist ein Blick auf die Messmethoden nötig. Deutschland orientiert sich wie alle EU-Staaten an einem relativen Armutskonzept: Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des nationalen Nettoäquivalenzeinkommens (Median) zur Verfügung hat. 2023 lag diese Schwelle bei rund 15.765 Euro im Jahr — also knapp 1.314 Euro pro Monat für eine alleinstehende Person.
Diese relative Definition hat eine wichtige Konsequenz: Sie misst Armut nicht als absoluten Mangel, sondern als Abstand zum gesellschaftlichen Durchschnitt. Steigt das allgemeine Einkommensniveau, steigt auch die Armutsschwelle — und wer auf dem Transferleistungsniveau verharrt, kann in relative Armut rutschen, obwohl sich sein absolutes Einkommen nicht verschlechtert hat.
Der AROPE-Indikator geht einen Schritt weiter. Er kombiniert drei Messgrößen: erstens die monetäre Armutsgefährdung, zweitens materielle und soziale Entbehrung (Defizite bei mindestens 7 von 13 definierten Kriterien — etwa kein Auto, keine angemessene Heizung, keine Möglichkeit zu einem Urlaub), und drittens sehr geringe Erwerbsbeteiligung im Haushalt. Wer bei mindestens einer dieser drei Dimensionen auffällt, gilt als gefährdet. 2023 traf das auf 21,3 Prozent der deutschen Bevölkerung zu — mit stark ungleicher Verteilung: Von den einkommensärmsten 20 Prozent waren 79,3 Prozent nach AROPE bedroht.
Diese Kombination aus Einkommens-, Lebenslage- und Erwerbsmessung ist für die Einschätzung von Pandemiefolgen besonders relevant. Denn die Coronakrise hat nicht nur Einkommen gedrückt — sie hat auch materielle und soziale Entbehrung erhöht: Zugang zu sozialer Infrastruktur, Kulturangeboten, Gemeinschaft und Bildung brach ein. Das trifft Menschen, die ohnehin wenige Ressourcen haben, mit größerer Wucht.
Was jetzt helfen würde — und was nicht
Die politische Reaktion auf Armut nach der Pandemie bewegt sich oft entlang kurzfristiger Transferleistungen. Bürgergeld, Wohngeld und Grundsicherung sind wichtige Sicherheitsnetze — aber sie ändern die strukturellen Bedingungen nicht, die Armut erzeugen und verfestigen.
Was die Daten nahelegen: Armutsprävention muss früher ansetzen. Kinder in Haushalten mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung, in beengten Wohnverhältnissen oder in Familien mit Flucht- oder Migrationshintergrund tragen ein hohes Risiko, dauerhaft arm zu bleiben. Frühkindliche Bildung, Kita-Zugang, Schulsozialarbeit und gezielte Unterstützung für Kinderarmut sind daher keine Sozialausgaben ohne Rückkehr — sie unterbrechen Kreisläufe.
Für geflüchtete und zugewanderte Menschen braucht es schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt und zur Anerkennung von Qualifikationen. Die hohen Armutsquoten in dieser Gruppe sind zu einem erheblichen Teil Folge rechtlicher Restriktionen und fehlender institutioneller Brücken — nicht fehlender Arbeitsmotivation oder mangelnder Integration.
Für Alleinerziehende bedeutet dauerhafte Armutsprävention vor allem: verlässliche Kinderbetreuung. Kitas, die auch in Krisenzeiten offenbleiben. Schulen mit ausreichender Sozialinfrastruktur. Flexible Arbeitszeitmodelle, die Erwerb und Betreuung vereinbar machen. Was die Pandemie gezeigt hat, ist auch hier: Wenn diese Infrastruktur wegfällt, sind Alleinerziehende die ersten, die fallen.
Das Ziel dauerhafter Armutsbekämpfung geht über Soforthilfen hinaus. Es geht um den Aufbau von Ressourcen — finanziell, sozial, gesundheitlich —, die Menschen befähigen, Krisen zu überstehen, ohne in dauerhafte Abhängigkeit zu rutschen. Die Pandemie war ein Stresstest. Die Ergebnisse zeigen, wo das System hält — und wo es strukturell versagt.
Ein häufiges Missverständnis: Wer arm ist, hat etwas falsch gemacht
Die Daten zeigen etwas anderes. Armut ist in Deutschland zu einem erheblichen Teil strukturell bestimmt — durch Haushaltsform, Herkunft, Bildung der Eltern, Wohnort und Gesundheit. Wer als Kind in einem armutsgefährdeten Haushalt aufwächst, hat statistisch schlechtere Chancen, diesen Haushalt zu verlassen. Wer geflüchtet ist, trägt ein Armutsrisiko von 68 Prozent — nicht weil er es nicht versucht, sondern weil Zugangshürden systematisch vorhanden sind.
Die Coronapandemie hat das unterstrichen. Sie hat gezeigt, dass das deutsche Sicherungssystem Millionen vor dem Absturz bewahren kann — und gleichzeitig, dass bestimmte Gruppen durch seine Maschen fallen. Die Langzeitfolgen für vulnerable Bevölkerungsgruppen sind keine Randnotiz. Sie sind der eigentliche Befund.
Quellenangabe
Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.
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Weitere Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), EU-SILC — Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen, Mikrozensus 2021/2023, SOEP (Sozio-oekonomisches Panel), Robert Koch-Institut (RKI), BMAS, Bundesagentur für Arbeit
Stand: 2024