Wer wissen will, was die Coronapandemie mit Armut in Deutschland gemacht hat, muss zwei Ebenen auseinanderhalten: die Ebene der Querschnittsdaten — wie viele Menschen sind zu einem bestimmten Zeitpunkt arm — und die Ebene der Längsschnittdaten — wie lange bleiben Menschen arm, und wer wird es dauerhaft? Die erste Ebene zeichnet ein relativ beruhigendes Bild. Die zweite ist alarmierender.
Die stabile Gesamtquote — und was dahintersteckt
Die Armutsrisikoquote in Deutschland blieb zwischen den Zeiträumen 2015–2019 und 2020–2022 bemerkenswert stabil. Das ist das zentrale Ergebnis, wenn man die Pandemiephase mit der Vorpandemiezeit vergleicht. Weder die Gesamtquote noch die meisten Gruppenquoten zeigen einen dramatischen Sprung. Für ein Land, das einen wirtschaftlichen Einbruch historischen Ausmaßes erlebte — mit Schließungen, Ausgangsbeschränkungen und massivem Rückgang des BIP — ist das bemerkenswert.
Die Erklärung liegt in der staatlichen Reaktion. Kurzarbeit hielt Millionen von Arbeitsverhältnissen aufrecht und verhinderte den Einkommensabfall für breite Mittelschichten. Soforthilfen, Verlängerungen von Arbeitslosengeld-Ansprüchen und vereinfachte Zugänge zu Grundsicherungsleistungen schufen zusätzliche Sicherheitsnetze. Das Gesamtsystem hat — gemessen an den Querschnittsquoten — gehalten.
Unmittelbar vor der Pandemie, in den Jahren 2017 bis 2019, gab es sogar zeitweise stagnierende oder leicht rückläufige Armutsrisiken. Nach einem Jahreshöchststand der monatlichen Armutsrisikoquote im Jahr 2017 sank die Quote im Jahresverlauf. Die Hochkonjunktur dieser Jahre, der niedrige Arbeitsmarkt und steigende Löhne hatten Wirkung gezeigt. Die Pandemie hat diese günstige Entwicklung unterbrochen — aber nicht in einen scharfen Anstieg umgekehrt.
Was bleibt: Die Armutsrisikoquote lag 2021 bei 16,0 Prozent, 2022 bei 14,8 Prozent, 2023 bei 14,4 Prozent. Der AROPE-Indikator — der neben Einkommensarmut auch materielle Entbehrung und fehlende Erwerbsbeteiligung misst — lag 2023 bei 21,3 Prozent. Über ein Fünftel der Bevölkerung war also von mindestens einer Form von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen.
Das eigentliche Problem: Dauerhafte Armut wächst
Die Stabilität der Gesamtquote sagt wenig darüber aus, wie lange Menschen arm bleiben. Genau diese Frage — nach der Armutsdauer — ist entscheidend. Denn vorübergehende Armut ist eine andere Erfahrung als dauerhafte. Wer für ein Jahr weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens hat, dann aber wieder über die Schwelle steigt, erlebt das anders als jemand, der Jahr für Jahr darunter bleibt.
Die Zahlen sind deutlich: Von den Personen, die 2021 in relativer Einkommensarmut lebten, waren mehr als 80 Prozent bereits in den vier Vorjahren (2017 bis 2020) mindestens einmal von Armut betroffen. Mehr als die Hälfte — rund 58 Prozent — war in diesem Zeitraum dauerhaft arm, mit Armutsepisoden von mindestens drei Jahren. 18 Prozent waren in drei der vier Vorjahre dauerhaft arm. 13 Prozent hatten zweimalige Armutserfahrung.
Das heißt im Klartext: Für die große Mehrheit der 2021 einkommensarmen Menschen war Armut keine neue Erfahrung. Sie waren bereits vor Corona arm — und blieben es während der Pandemie. Die Pandemie hat diese Gruppe nicht neu in Armut gestoßen; sie hat verhindert, dass sie herauskommt.
Im Vergleich zu früheren Zeitpunkten zeigt sich ein Trend: 2011 waren noch 36 Prozent der einkommensarmen Personen in allen vier Vorjahren dauerhaft arm — 2021 liegt dieser Anteil deutlich höher. Gleichzeitig hatten 2011 noch 33 Prozent der Menschen im Bereich des prekären Wohlstands zumindest einmal eine Armutserfahrung in den Vorjahren gemacht. Armutserfahrungen sind also verbreiteter und dauerhafter geworden.
Seit 2016 sind die Anteile an permanenter Armut erhöht — und es gibt derzeit keine Anzeichen für eine grundlegende Trendumkehr. Das ist der zentrale Befund: Nicht die Pandemie hat Armut in Deutschland verursacht oder dramatisch verändert. Aber die Pandemie hat einen bereits problematischen Langzeittrend nicht gebrochen — und sie hat ihn für bestimmte Gruppen weiter verfestigt.
Wer am stärksten betroffen ist — und warum
Die Stabilität der Gesamtquote verdeckt extreme Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen. Für manche hat die Pandemie kaum eine Rolle gespielt. Für andere war sie eine Krise auf einem bereits brüchigen Fundament.
Arbeitslose: Die höchste Armutsquote aller Gruppen
Arbeitslose hatten in den Jahren 2020 bis 2022 eine Armutsquote von 67,1 Prozent. Das ist der höchste Wert aller Bevölkerungsgruppen — deutlich über Alleinerziehenden, jungen Singles oder älteren Singlehaushalten. Wer in der Pandemie seinen Job verlor oder bereits arbeitslos war und keinen neuen fand, stand vor einem erheblichen Einkommenseinbruch. Das Arbeitslosengeld sichert nur einen Teil des früheren Einkommens; wer danach in die Grundsicherung rutschte, hatte ein deutlich niedrigeres Einkommen als vor der Krise.
Junge Alleinlebende — zwischen Ausbildung und Prekarität
Junge Alleinstehende (16–34 Jahre) hatten in den Jahren 2020 bis 2022 eine Armutsquote von rund 29 Prozent — gegenüber 34 Prozent in der Periode 2015–2019 ein leichter Rückgang, aber noch immer auf hohem Niveau. In strukturschwachen Regionen lag der Anteil bei 33 Prozent. In Ostdeutschland waren junge Alleinlebende mit einer Armutsquote von über 36 Prozent besonders stark belastet.
Für viele junge Menschen ist Armut in dieser Lebensphase temporär: Sie endet mit dem Abschluss der Ausbildung oder dem Berufseinstieg. Die Pandemie hat diesen Übergang für viele verzögert — Ausbildungsplätze wurden knapper, Berufseinstiegsmöglichkeiten fielen weg, Nebenjobs brachen ein. Die Armutsdauer dieser Gruppe verlängerte sich.
Kinder und Jugendliche
Kinder zwischen 10 und 19 Jahren hatten in den Jahren 2020 bis 2022 eine Armutsquote von 21,2 Prozent. Das ist ein Wert, der sich im Vergleich zur Vorpandemiezeit kaum verändert hat — was bedeutet: Kinderarmut war vor Corona ein Problem, und sie ist es geblieben. Die besonders exponierten Gruppen — Kinder in Alleinerziehenden-Haushalten — haben durch die Pandemie keine Entlastung erfahren. Im Gegenteil: Kita- und Schulschließungen haben berufliche Einschränkungen für Alleinerziehende verschärft.
Alleinlebende aller Altersgruppen
Alleinlebende Personen hatten 2023 eine Armutsgefährdungsquote von 26,4 Prozent — eine der höchsten aller Haushaltsformen. Einpersonenhaushalte haben keinen zweiten Einkommenstopf, der als Puffer wirkt. Für alleinlebende Personen in strukturschwachen Regionen lag die Quote bei 27,1 Prozent. In Ostdeutschland war der Anteil nochmals höher.
Ostdeutschland: Strukturell erhöhtes Risiko
Die Armutsrisikoquote in Ostdeutschland lag 2020–2022 bei 19,4 Prozent — deutlich über dem Gesamtschnitt von 16,1 Prozent. In einigen Regionen Ostdeutschlands wurde sogar eine Armutsquote von 21,8 Prozent gemessen. Deindustrialisierung, niedrigere Löhne, höhere Langzeitarbeitslosigkeit und fehlende wirtschaftliche Diversifikation prägen diese Regionen strukturell. Die Pandemie hat diese vorhandenen Schwächen nicht erzeugt — aber sie hat verhindert, dass sich der moderate Aufholprozess der Vorjahre fortsetzte.
Dauerhafte Armut: Wie sie entsteht und warum sie bleibt
Dauerhafte Armut entsteht nicht durch einen einzelnen Schock. Sie entsteht, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig wirken: niedriges Einkommen, fehlende Qualifikation, gesundheitliche Einschränkungen, fehlende soziale Netzwerke, ungünstiger Wohnort. Jeder dieser Faktoren für sich wäre zu bewältigen. In Kombination verstärken sie sich gegenseitig und machen den Ausstieg aus der Armut immer unwahrscheinlicher.
Die Armutsdauer variiert mit dem Lebensalter: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 30 Jahre zeigen häufiger transitorische — also zeitlich begrenzte — Armutserfahrungen. Nach Abschluss der Ausbildung oder dem Berufseinstieg überwinden viele diese Phasen. Selbst in mittleren und höheren Einkommensschichten haben junge Menschen häufiger temporäre Armutsperioden durchlebt.
Anders bei Älteren: Wer im untersten Einkommensbereich älter wird, trägt ein besonders hohes Risiko, dort dauerhaft zu verbleiben. Es gibt keinen Arbeitsmarkt mehr als Ausweg. Die Einkommensquellen sind fixiert — Rente, Grundsicherung, ggf. Wohngeld. Wenn diese nicht reichen, bleibt die Lage bestehen. Dauerhafte Armut im Alter ist deshalb besonders schwer zu durchbrechen.
Die Daten zeigen auch: Stabile Querschnittsquoten können trügen. Wenn die gleiche Quote auf einer anderen Personengruppe lastet — also Menschen länger arm bleiben und seltener herausfinden —, ist das kein Fortschritt. Es ist Stagnation auf hohem Niveau.
Was die Stabilität bedeutet — und was sie nicht bedeutet
Die Stabilität der Armutsquoten durch die Pandemie ist ein Erfolg — aber kein Anlass zur Entwarnung. Sie ist ein Erfolg, weil aktive staatliche Politik Millionen Menschen vor dem Einkommensabsturz bewahrt hat. Kurzarbeit, Soforthilfen und erweiterte Grundsicherungen sind Instrumente, die funktioniert haben. Auch die Demokratiezustimmung blieb trotz der einschränkenden Pandemiebekämpfungsmaßnahmen stabil — ein Zeichen für grundlegendes Vertrauen in staatliche Institutionen.
Kein Anlass zur Entwarnung ist die Stabilität, weil sie auf einem strukturell problematischen Niveau stattfindet. 14,4 Prozent Armutsrisikoquote bedeuten: Mehr als jede siebte Person in Deutschland lebt unter der Armutsschwelle. 21,3 Prozent nach AROPE — mehr als jede fünfte — ist von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Und dauerhafte Armut wächst, ohne dass eine Trendwende in Sicht wäre.
Die Frage ist nicht mehr: Hat Corona Armut erzeugt? Die Frage ist: Was muss jetzt passieren, damit dauerhafte Armut zurückgeht? Die Antworten liegen nicht in Krisenreaktionen, sondern in struktureller Sozialpolitik:Löhne, die auch in Niedriglohnbranchen Armut verhindern. Grundsicherungsleistungen, die die tatsächlichen Lebenskosten abdecken. Wohnungspolitik, die einkommensschwachen Haushalten stabilen Wohnraum sichert — und Obdachlosenhilfe für jene, die bereits durch das Netz gefallen sind — mehr dazu im Artikel über Wohnungslosigkeit in Deutschland. Und Bildungspolitik, die verhindert, dass Armut von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Quellenangabe
Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.
Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 (dl-de/by-2-0)
Weitere Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), SOEP v39 (Sozio-oekonomisches Panel), EU-SILC — Einkommen und Lebensbedingungen, Bundesagentur für Arbeit; Armutsgrenze: 60 % des monatlichen Haushaltsnettoäquivalenzeinkommens (Median); Vergleichsperioden: 2015–2019 und 2020–2022
Stand: 2024