Wohnungslosigkeit
Ursachen von Wohnungslosigkeit in Deutschland: Dauer, Hergang und soziale Faktoren
Wohnungslosigkeit entsteht selten über Nacht. Hinter jedem Fall stehen unmittelbare Auslöser und tiefer liegende strukturelle Bedingungen – von steigenden Mieten bis zu fehlenden sozialen Netzwerken.
107.700
nicht institutionell wohnungslose Personen (Bundeserhebung Feb. 2024)
47.270
davon ohne jede Unterkunft — auf der Straße (Feb. 2024)
8.653
betroffene Minderjährige, davon 2.051 ohne Unterkunft (Feb. 2024)
59 %
der Betroffenen leben in Großstädten über 500.000 Einwohnern
5,6 Mio.
überschuldete Personen in Deutschland
+40–60 %
Mietanstieg in deutschen Großstädten seit 2015
372.060
untergebrachte wohnungslose Personen zum 31. Januar 2023 – gegenüber 178.145 zum 31. Januar 2022. Der Anstieg ist großteils durch rund 130.000 ukrainische Geflüchtete bedingt.
22.000
nichtdeutsche wohnungslose Menschen in Deutschland sind nicht institutionell untergebracht und daher in offiziellen Statistiken unterrepräsentiert.
2 von 3
wohnungslosen Personen sind männlich. Frauen sind überproportional häufig verdeckt wohnungslos – bei Bekannten oder Angehörigen.
2030
Zieljahr des Nationalen Aktionsplans gegen Wohnungslosigkeit, den das Bundeskabinett am 24. April 2024 verabschiedet hat.
56 %
des Gesamtvermögens in Deutschland gehören den reichsten 10 Prozent der Haushalte. Vermögensungleichheit prägt auch den Zugang zu Wohnraum.
Was führt Menschen in die Wohnungslosigkeit?
Wenn ein Mensch seine Wohnung verliert, steht dahinter fast immer eine Kette von Ereignissen. Seltener ist es ein einzelner Schlag, der alles zum Einsturz bringt. Häufiger ist es eine Abfolge: der Jobverlust, dann die wachsenden Schulden, dann die Räumungsklage – und am Ende kein Verwandter, kein Freund, keine Institution, die auffängt.
Für ein tiefes Verständnis von Wohnungslosigkeit in Deutschland müssen deshalb zwei Ebenen unterschieden werden: die unmittelbaren Auslöser, die den konkreten Wohnungsverlust anstoßen, und die strukturellen Bedingungen, die Menschen dauerhaft verletzlich machen.
Unmittelbare Auslöser: Womit beginnt Wohnungslosigkeit?
Mietschulden und Räumungsklagen
Der häufigste unmittelbare Weg in die Wohnungslosigkeit führt über Mietschulden. Wer mehrere Monatsmieten nicht zahlen kann, riskiert die fristlose Kündigung. Auf dem angespannten deutschen Wohnungsmarkt bedeutet ein Räumungsurteil für viele Betroffene nicht nur den Verlust der bisherigen Wohnung, sondern den Einstieg in eine Phase ohne feste Unterkunft – denn bezahlbarer Ersatz ist oft schlicht nicht vorhanden.
Mietschulden entstehen nicht aus Gleichgültigkeit. Sie entstehen, wenn Einkommen wegfällt, Krankheit Arbeitsfähigkeit mindert oder Sozialleistungen nicht rechtzeitig ankommen. Präventive Mietschuldnerberatung kann helfen – erreicht die Betroffenen aber oft zu spät, weil die Hemmschwelle zur Beratungsstelle hoch ist und die Wartezeiten lang.
Trennung und Scheidung
Besonders bei Männern mittleren Alters ist das Scheitern einer Partnerschaft ein zentraler Weg in die Wohnungslosigkeit. Wenn die gemeinsame Wohnung nicht mehr bewohnbar ist, weil die Beziehung zerbricht, und kein eigenes Netz aus Freunden oder Familie trägt, stehen viele von einem Tag auf den anderen ohne Unterkunft da. Die Wohnung war auf den Namen der Partnerin oder des Partners, die Bindungen an das soziale Umfeld sind mit der Beziehung zerbrochen – und die Mittel für eine eigene Wohnung reichen nicht aus.
Haftentlassung ohne Wohnperspektive
Menschen, die aus dem Gefängnis entlassen werden, stehen häufig vor einer Wohnungslosigkeit, die nicht überraschend kommt, aber trotzdem ungelöst bleibt. Wer mehrere Jahre inhaftiert war, hat in dieser Zeit seine Wohnung verloren, sein Netzwerk ausgedünnt, seine Ersparnisse aufgebraucht. Die Entlassung erfolgt oft mit wenig mehr als dem persönlichen Hab und Gut und einem kleinen Betrag Überbrückungsgeld. Ohne aktive Nachsorge endet ein erheblicher Teil der Haftentlassungen in Obdachlosigkeit oder provisorischen Unterkünften.
Krankenhausentlassung ohne Anschlussversorgung
Eine weniger sichtbare, aber keineswegs seltene Ursache ist die Entlassung aus psychiatrischen Einrichtungen oder Krankenhäusern ohne gesicherte Wohnperspektive. Wer längere Zeit stationär behandelt wird, verliert unter Umständen seine Wohnung durch laufende Mietschulden oder weil Vermieter das Mietverhältnis kündigen. Nach der Entlassung fehlt dann oft der Anschluss an ambulante Unterstützungsangebote, die den Übergang in ein stabiles Wohnumfeld begleiten könnten.
Flucht aus häuslicher Gewalt
Frauen und Kinder, die häusliche Gewalt erleben, verlassen oft von einem Moment auf den anderen ihre Wohnung – ohne Plan, wohin. Frauenhäuser sind häufig überfüllt und können nicht alle Schutzsuchenden aufnehmen. Die Kapazitäten im Hilfesystem sind in vielen Regionen nicht ausreichend, um alle Betroffenen sofort zu versorgen. Wer keine Unterkunft bei Verwandten oder Bekannten findet, ist damit faktisch wohnungslos – auch wenn diese Form der Wohnungslosigkeit in offiziellen Statistiken kaum auftaucht.
Junge Menschen nach Heimunterbringung
Ein strukturell besonders gravierendes Problem ist das sogenannte "Aging out": Junge Erwachsene, die in Pflegefamilien oder Einrichtungen der Jugendhilfe aufgewachsen sind, verlieren mit Vollendung des 18. Lebensjahres häufig den Anspruch auf diese Unterstützung. Sie stehen dann ohne familiäres Netz, ohne Wohnung, oft auch ohne ausreichende Ausbildung da. Dieser Übergang ist in Deutschland bisher unzureichend gestaltet und produziert verlässlich eine vulnerable Gruppe junger Wohnungsloser.
Strukturelle Ursachen: Was macht Menschen dauerhaft verletzlich?
Wohnungsmangel und steigende Mieten
In deutschen Großstädten sind die Mieten seit 2015 um 40 bis 60 Prozent gestiegen. Das Angebot an bezahlbarem Wohnraum ist in dieser Zeit nicht annähernd im gleichen Tempo gewachsen. Wer wenig verdient oder auf Transferleistungen angewiesen ist, kommt auf dem freien Wohnungsmarkt zunehmend nicht mehr zum Zuge. Selbst Menschen, die nach einer Phase der Wohnungslosigkeit wieder Stabilität suchen, scheitern häufig allein daran, dass es in ihrer Region schlicht keine erschwingliche Wohnung gibt.
Niedriglohn und prekäre Beschäftigung
Vollzeitarbeit schützt in Deutschland nicht mehr zuverlässig vor Armut. Wer im Niedriglohnsektor beschäftigt ist, verdient häufig nicht genug, um in einer deutschen Großstadt Miete, Lebenshaltungskosten und unerwartete Ausgaben gleichzeitig zu stemmen. Befristete Verträge, Leiharbeit und unregelmäßige Einkommen verschärfen dieses Risiko. Ein kurzfristiger Verdienstausfall kann dann schnell eine Kettenreaktion auslösen, die am Ende zur Wohnungslosigkeit führt.
Lücken bei Sozialleistungen
Das Bürgergeld soll Menschen in schwierigen Lebenslagen absichern. Die darin enthaltenen Kosten der Unterkunft (KdU) sollen die Miete abdecken – orientieren sich aber an lokalen Angemessenheitsgrenzen, die in vielen Kommunen hinter den tatsächlichen Marktmieten zurückbleiben. Wer auf diese Leistungen angewiesen ist, kann damit oft keine marktübliche Wohnung finanzieren. Hinzu kommen Lücken bei Übergängen: zwischen Leistungssystemen, zwischen Einrichtungen, zwischen gesetzlichen Zuständigkeiten. Genau in diesen Lücken verlieren Menschen ihre Wohnung.
Überschuldung
Rund 5,6 Millionen Menschen in Deutschland gelten als überschuldet – das heißt, ihre Verbindlichkeiten übersteigen dauerhaft ihre Zahlungsfähigkeit. Schulden entstehen durch viele Wege: Ratenkäufe, Konsumkredite, Bürgschaften, aber auch schlicht durch den Versuch, über Monate ein zu geringes Einkommen zu strecken. Wer überschuldet ist, hat kaum Chancen auf dem regulären Wohnungsmarkt – denn Vermieter prüfen regelmäßig die Bonität. Überschuldung wirkt damit wie eine Zugbrücke, die den Zugang zu stabilem Wohnen erschwert oder versperrt.
Sucht und psychische Erkrankungen
Suchterkrankungen und psychische Erkrankungen sind keine Ursachen von Wohnungslosigkeit in dem Sinne, dass sie diese unausweichlich herbeiführen würden. Sie sind Vulnerabilitätsfaktoren: Menschen, die an ihnen leiden, haben ein erhöhtes Risiko, in Krisen zu geraten und aus sozialen Sicherungssystemen herauszufallen. Gleichzeitig kann Wohnungslosigkeit selbst psychische Erkrankungen verstärken oder auslösen – die Kausalität verläuft in beide Richtungen. Wer Suchtprobleme hat, findet in Notunterkünften oft wenig spezialisierte Unterstützung.
Fehlende soziale Netzwerke
Das vielleicht unterschätzteste Schutzgut ist das soziale Netz. Wer Familie, Freunde oder Bekannte hat, die im Notfall eine Überbrückungsmöglichkeit bieten, kann Krisen abfedern. Wer allein steht – durch Isolation, Migration, Verlust oder jahrelange Marginalisierung –, hat diesen Puffer nicht. Wohnungslosigkeit trifft überproportional jene, die gesellschaftlich am stärksten isoliert sind. Das ist kein Zufall, sondern Systemlogik.
Rechtlicher Rahmen
- Unterbringungspflicht
- Kommunen sind ordnungsrechtlich verpflichtet, obdachlose Personen notfalls in Sammelunterkünften unterzubringen. Diese Pflicht sichert das nackte Überleben – löst aber keine Wohnungslosigkeit.
- SGB II / SGB XII
- Kosten der Unterkunft (KdU) werden übernommen, aber nur bis zur lokalen Angemessenheitsgrenze – die in vielen Städten hinter den Marktmieten zurückbleibt.
- Prävention
- Mietschuldnerberatung und Räumungsschutz sind gesetzlich vorgesehen, greifen aber häufig zu spät oder erreichen Betroffene nicht.
- Nationales Aktionsprogramm
- Die Bundesregierung hat das Ziel ausgerufen, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden. Konkrete Maßnahmen sind in Umsetzung.
Wie lange dauert Wohnungslosigkeit?
Wohnungslosigkeit ist keine homogene Erfahrung. Manche Menschen verlieren ihre Wohnung für wenige Wochen und finden schnell wieder Stabilität – weil sie Ressourcen mobilisieren können, weil das soziale Netz trägt oder weil institutionelle Hilfe greift. Andere bleiben Monate, manchmal Jahre ohne feste Unterkunft.
Kurzzeitige Wohnungslosigkeit
Dauert eine Phase der Wohnungslosigkeit weniger als drei Monate, sind die Chancen auf eine dauerhafte Rückkehr in stabiles Wohnen deutlich höher. In dieser Phase ist das soziale Kapital noch nicht vollständig aufgebraucht, Behördenkontakte lassen sich noch aufrechterhalten, gesundheitliche Folgen sind begrenzt. Sofortmaßnahmen wie Mietschuldnerberatung, Überbrückungshilfen oder schnelle Wohnungsvermittlung können hier effektiv wirken.
Chronische Wohnungslosigkeit
Wer ein Jahr oder länger wohnungslos ist, steht vor grundlegend anderen Herausforderungen. Die sozialen Bindungen sind oft weitgehend zerstört, gesundheitliche Folgeschäden häufen sich, Behördenprozesse geraten ins Stocken, die eigene Handlungsfähigkeit nimmt ab. Chronische Wohnungslosigkeit ist kein persönliches Versagen – sie ist ein systemisches Ergebnis, das entsteht, wenn Hilfsangebote zu spät, zu restriktiv oder zu wenig auf individuelle Lagen zugeschnitten sind.
Notunterkünfte: Überbrückung, keine Lösung
Notunterkünfte und Obdachlosenunterkünfte sind häufig die erste institutionelle Anlaufstelle. Sie sichern das unmittelbare Überleben – bieten aber strukturell keine Lösung. Paare müssen sich trennen, Hausregeln schränken Selbstbestimmung massiv ein, Privatsphäre fehlt weitgehend. Wer länger in einer Notunterkunft lebt, verliert schrittweise Kontrolle über den eigenen Alltag. Für viele ist die Unterkunft damit keine Brücke zurück ins reguläre Leben, sondern eine Sackgasse.
Housing First als Gegenentwurf
Der "Housing First"-Ansatz kehrt die klassische Hilfesystemlogik um: Nicht erst Therapie, Abstinenz und soziale Kompetenz – dann Wohnung. Sondern zuerst stabile, eigenständige Wohnung – dann alles andere. Finlandinland hat mit diesem Ansatz Wohnungslosigkeit über mehrere Jahrzehnte drastisch reduziert. In Deutschland wird Housing First erprobt, ist aber noch nicht flächendeckend etabliert. Die Evidenz ist eindeutig: Dauerhaftes Wohnen ist die Grundvoraussetzung für Stabilisierung, nicht deren Ergebnis.
Soziale Faktoren und Risikogruppen
Alleinlebende Männer über 40
In Notunterkünften und bei Straßenobdachlosigkeit stellen Männer im mittleren Alter die statistisch häufigste Gruppe. Das liegt nicht daran, dass Männer häufiger in Armut leben – sondern daran, dass sie seltener als Frauen auf familiäre Netzwerke zurückgreifen und weniger häufig institutionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Gesellschaftliche Vorstellungen von männlicher Selbstständigkeit können dabei als Barriere wirken.
Junge Erwachsene nach dem Hilfesystem
Der Übergang aus Jugendhilfe, Pflegefamilien oder Heimerziehung in das Erwachsenenleben ist für viele junge Menschen ein Risikomoment. Wer bisher institutionell betreut wurde und mit 18 Jahren auf sich allein gestellt ist, trägt ohne familiäres Netz ein erhebliches Risiko. Dieser Übergang ist in Deutschland strukturell unzureichend abgesichert.
Menschen mit Migrationsgeschichte
Auf dem Wohnungsmarkt sind Menschen mit Migrationsgeschichte strukturell benachteiligt. Bewerbungen mit ausländisch klingenden Namen werden nachweislich seltener berücksichtigt. Laut Befragungen von Betroffenen berichten 71 Prozent, bei der Wohnungssuche aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt worden zu sein; 51 Prozent erlebten zusätzliche Diskriminierung, sobald ihr Wohnungslosigkeitsstatus bekannt wurde. Hinzu kommen sprachliche Barrieren, geringere Vertrautheit mit dem deutschen Mietrecht und häufig niedrigere Einkommen. Diese Faktoren erhöhen das Risiko, im Krisenfall keine Wohnung zu finden oder zu behalten.
Geflüchtete nach Asylverfahren
Menschen, deren Asylverfahren positiv abgeschlossen wird, stehen vor dem Auszug aus der Asylunterkunft und müssen sich selbst auf dem freien Wohnungsmarkt versorgen. In angespannten Wohnungsmärkten gelingt das ohne intensive Unterstützung oft nicht. Der Moment der Anerkennung, der eigentlich einen Neuanfang markiert, wird damit für viele Anerkannte zum Moment drohender Wohnungslosigkeit.
Frauen: anders sichtbar, nicht weniger betroffen
Wohnungslosigkeit von Frauen ist in Statistiken systematisch untererfasst. Frauen schlafen seltener auf der Straße – nicht weil sie seltener wohnungslos wären, sondern weil die Straße für sie gefährlicher ist. Sie übernachten häufiger verborgen bei Bekannten, Freunden oder sogar in Gewaltsituationen, die sie eigentlich verlassen wollten. Diese "versteckte Wohnungslosigkeit" entzieht sich den Zählungen und damit der politischen Aufmerksamkeit.
LGBTQ+ Jugendliche
Jugendliche und junge Erwachsene, deren sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität von Eltern oder Bezugspersonen nicht akzeptiert wird, sind überproportional von Wohnungslosigkeit bedroht. Wenn das Elternhaus nicht mehr sicher ist und institutionelle Alternativen fehlen, bleibt häufig nichts. Dieser Zusammenhang ist in Deutschland noch wenig erforscht, aber gut belegt.
Was hilft – und was nicht?
Wohnungslosigkeit ist kein unvermeidliches Schicksal. Andere europäische Länder zeigen, dass politischer Wille und konsequentes Handeln die Zahl Wohnungsloser deutlich senken kann. Für Deutschland bedeutet das vor allem: mehr bezahlbarer Wohnraum, frühere und niedrigschwellige Prävention und ein konsequenteres Commitment zum Housing-First-Prinzip.
Mietschuldnerberatung wirkt – aber nur, wenn sie rechtzeitig erreicht wird und nicht erst dann, wenn die Räumungsklage schon eingereicht ist. Begleitete Übergänge aus Institutionen – ob Jugendhilfe, Psychiatrie oder Gefängnis – müssen zur Selbstverständlichkeit werden, nicht zur Ausnahme. Und die Lücken zwischen Sozialsystemen müssen geschlossen werden, weil Wohnungslosigkeit oft genau in diesen Übergängen entsteht.
Das Nationale Aktionsprogramm gegen Wohnungslosigkeit setzt das politische Signal, dass Deutschland bis 2030 Wohnungslosigkeit überwinden will. Ob dieser Anspruch eingelöst wird, hängt davon ab, ob er mit konkreten Maßnahmen, ausreichenden Mitteln und politischer Kontinuität unterlegt wird.
Wo Betroffene Hilfe finden
Wer von Wohnungslosigkeit bedroht ist oder bereits keine Wohnung mehr hat, kann sich an mehrere Stellen wenden:
- Sozialamt der Gemeinde: Erste Anlaufstelle bei drohender Wohnungslosigkeit; Kommunen sind ordnungsrechtlich zur Notunterbringung verpflichtet.
- Schuldnerberatung: Kostenlose Beratung bei Mietschulden und Überschuldung – am wirksamsten, bevor die Räumungsklage eingereicht ist.
- Jobcenter / Bürgergeld-Stelle: Übernahme der Kosten der Unterkunft (KdU) für Leistungsberechtigte; auch bei drohendem Wohnungsverlust zuständig.
- Caritas, Diakonie, AWO, Paritätischer Wohlfahrtsverband: Bundesweite Wohlfahrtsverbände mit lokalen Beratungsstellen, Notunterkünften und Wohnhilfen.
- Straßensozialarbeit / Streetwork: Aufsuchende Hilfe für Menschen, die keine Einrichtungen aufsuchen; findet Betroffene dort, wo sie sind.
- Wohnhilfen nach SGB XII §§ 67–69: Sozialhilfeleistungen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten – auch für Menschen ohne Leistungsbezug.
Wie lange dauert Wohnungslosigkeit in Deutschland typischerweise?
Kurzantwort: Fachlich wird zwischen kurzzeitiger Wohnungslosigkeit (bis zu 6 Monaten) und chronischer Wohnungslosigkeit (länger als 12 Monate, oft mit wiederholten Episoden) unterschieden. Ohne frühe Unterstützung wird aus einer akuten Krise schnell ein dauerhafter Zustand.
Die Dauer einer Wohnungslosigkeit ist kein Zufall, sondern hängt eng damit zusammen, wie schnell und wie stabil Hilfe ansetzt. Nach der ETHOS-Typologie, die auf europäischer Ebene zur Klassifizierung von Wohnungslosigkeit verwendet wird, gilt eine Wohnungslosigkeit von mehr als zwölf Monaten als chronisch. Kurzzeitige Wohnungslosigkeit dagegen beschreibt akute Krisenphasen von bis zu sechs Monaten, etwa direkt nach einer Kündigung, einer Trennung oder einem plötzlichen Einkommensverlust.
Zwischen diesen beiden Polen liegt ein Phänomen, das Fachkräfte als Drehtür-Effekt bezeichnen: Menschen verlassen die Wohnungslosigkeit zwar zeitweise, etwa durch eine Notunterkunft oder eine Übergangswohnung, kehren aber ohne strukturelle Stabilisierung – etwa eine dauerhafte Wohnung, geregeltes Einkommen oder soziale Anbindung – wiederholt in die Wohnungslosigkeit zurück. Jede dieser Episoden erhöht das Risiko, dass aus einer akuten Lage ein chronischer Zustand wird.
Besonders wichtig ist deshalb der Faktor Zeit: Frühintervention innerhalb der ersten Wochen nach dem Wohnungsverlust kann eine Chronifizierung nachweislich verhindern. Je später Hilfe ansetzt, desto mehr verfestigen sich Begleitprobleme wie Schulden, gesundheitliche Belastungen oder der Verlust sozialer Kontakte.
Welche sozialen Faktoren verlängern Wohnungslosigkeit?
Kurzantwort: Psychische Erkrankungen, Suchterkrankungen, fehlende soziale Netzwerke, Überschuldung, strukturelle Diskriminierung durch Vermieter, bürokratische Hürden und eine schlechtere Versorgung in ländlichen Regionen verlängern Wohnungslosigkeit erheblich. Meist wirken mehrere dieser Faktoren gleichzeitig.
Ob jemand schnell wieder in eine eigene Wohnung findet oder über Jahre wohnungslos bleibt, hängt selten von einem einzelnen Faktor ab. Häufig verstärken sich mehrere Belastungen gegenseitig:
- Psychische Erkrankungen: Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen schränken die Handlungsfähigkeit ein – etwa bei der Antragsstellung für Leistungen oder bei der aktiven Wohnungssuche.
- Suchterkrankungen: Alkohol- oder Drogenabhängigkeit führen häufig zu Mietschulden, sozialem Rückzug und werden von Vermietern oft als Ablehnungsgrund genannt.
- Fehlende soziale Netzwerke: Ohne Familie oder Freunde, die vorübergehend Unterkunft oder Unterstützung bieten können, fehlt der Puffer, der eine akute Krise abfedern würde. Das beschleunigt die Chronifizierung erheblich.
- Überschuldung und Mietschulden: SCHUFA-Einträge aus vergangenen Mietschulden machen den regulären Wohnungsmarkt für Betroffene faktisch unzugänglich, selbst wenn das aktuelle Einkommen wieder ausreichen würde.
- Strukturelle Diskriminierung: Wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen werden von Vermietern systematisch benachteiligt, unabhängig von ihrer tatsächlichen Zahlungsfähigkeit.
- Bürokratische Barrieren: Ohne Meldeadresse gibt es keine Sozialleistungen, kein Bankkonto und erschwerte Arztbesuche – ein Kreislauf, der ohne Unterstützung schwer zu durchbrechen ist.
- Regionale Unterversorgung: Beratungsangebote konzentrieren sich in Großstädten. Betroffene in ländlichen Regionen haben oft weitere Wege und weniger Anlaufstellen zur Verfügung.
Was unterscheidet kurzzeitige von chronischer Wohnungslosigkeit?
Kurzantwort: Kurzzeitig wohnungslose Menschen verfügen häufig noch über soziale Ressourcen und haben bessere Chancen auf schnelle Rückintegration. Chronisch wohnungslose Menschen sind dagegen typischerweise von mehrfacher Benachteiligung betroffen – etwa einer Kombination aus psychischer Erkrankung, Sucht und Schulden.
Dieser Unterschied ist mehr als eine statistische Kategorie – er hat direkte Folgen für die Art der Hilfe, die wirkt. Menschen in einer kurzzeitigen Krise brauchen vor allem schnelle, unbürokratische Unterstützung: Mietschuldenübernahme, Vermittlung in eine Ersatzwohnung, Beratung. Ihre sozialen Ressourcen – ein verbliebener Kontakt, eine Arbeitsstelle, eine intakte Gesundheit – erleichtern die Rückkehr in ein stabiles Wohnverhältnis.
Bei chronisch wohnungslosen Menschen reicht dieser Ansatz oft nicht aus, weil mehrere Problemlagen gleichzeitig bestehen. Hier zeigt die Housing-First-Forschung, dass ein Prinzip besser wirkt als der traditionelle Stufenansatz: Zuerst wird stabiler Wohnraum vermittelt, erst danach folgen Therapie, Schuldenregulierung oder weitere Unterstützung. Untersuchungen zu diesem Ansatz zeigen bessere Ergebnisse als Modelle, die den Zugang zu Wohnraum von vorheriger "Therapiefähigkeit" abhängig machen.
Kernzahlen zu Dauer und sozialen Faktoren
Obergrenze für kurzzeitige, akute Wohnungslosigkeit
Schwelle für chronische Wohnungslosigkeit nach ETHOS-Typologie
überschuldete Personen in Deutschland — SCHUFA-Einträge erschweren die Wohnungssuche zusätzlich
typische kombinierte Belastungen bei chronischer Wohnungslosigkeit: psychische Erkrankung, Sucht, Schulden
Ansatz mit nachweislich besseren Ergebnissen bei chronischer Wohnungslosigkeit als der Stufenansatz
Regionale Verteilung und betroffene Gruppen
Kurzantwort: Wohnungslosigkeit verteilt sich in Deutschland ungleich. Die Dichte wohnungsloser Personen ist in Großstädten in der Regel größer als im ländlichen Raum. In Ostdeutschland ist die Wohnungslosigkeit über alle drei erfassten Gruppen hinweg geringer als im Rest der Bundesrepublik. Und ein Teil der Betroffenen erscheint in den amtlichen Zahlen gar nicht: 22.000 nichtdeutsche wohnungslose Menschen sind nicht institutionell untergebracht.
Stadt und Land: unterschiedliche Dichte, unterschiedliche Sichtbarkeit
Wohnungslosigkeit ballt sich dort, wo der Wohnungsmarkt am engsten ist. In Großstädten leben deutlich mehr wohnungslose Menschen — sowohl absolut als auch im Verhältnis zur Bevölkerung. Dort finden sich zugleich die meisten Notunterkünfte, Tagesaufenthalte und Beratungsstellen, was zusätzlich Menschen aus dem Umland anzieht.
Im ländlichen Raum ist die Dichte niedriger, das Problem aber nicht verschwunden. Es zeigt sich anders: Wer die Wohnung verliert, kommt häufiger vorübergehend bei Bekannten oder Verwandten unter. Diese verdeckte Wohnungslosigkeit fällt weniger auf und wird seltener erfasst. Gleichzeitig sind Hilfeangebote weiter entfernt, Wege zur Beratungsstelle länger und die Anonymität geringer — was die Hemmschwelle erhöht, überhaupt Hilfe zu suchen.
Ost und West: geringere Betroffenheit in Ostdeutschland
Über alle drei Gruppen der amtlichen Erfassung hinweg — untergebrachte wohnungslose Personen, nicht institutionell untergebrachte Wohnungslose und verdeckt Wohnungslose — ist die Wohnungslosigkeit in Ostdeutschland geringer als im Rest der Bundesrepublik. Das entspricht dem Bild eines weniger angespannten Wohnungsmarktes: In vielen ostdeutschen Regionen gibt es Leerstand, die Mieten liegen unter dem Bundesdurchschnitt, und die Angemessenheitsgrenzen für die Kosten der Unterkunft passen häufiger zu den tatsächlichen Marktmieten. Wo bezahlbarer Wohnraum verfügbar ist, führt ein Wohnungsverlust seltener in dauerhafte Wohnungslosigkeit.
Eine Ausnahme bilden die ostdeutschen Großstädte mit stark gestiegenen Mieten. Der Ost-West-Unterschied ist also kein Stadt-Land-Gegensatz, sondern überlagert sich mit ihm.
Wer in den Statistiken fehlt
22.000 nichtdeutsche wohnungslose Menschen in Deutschland sind nicht institutionell untergebracht. Sie leben also nicht in einer Notunterkunft, einem Wohnheim oder einer kommunal zugewiesenen Unterbringung — und tauchen damit in der Statistik der untergebrachten Wohnungslosen nicht auf. Für die Einordnung der Gesamtzahlen ist das entscheidend: Amtliche Zahlen zeigen vor allem den Teil der Wohnungslosigkeit, der über Einrichtungen und Behörden sichtbar wird.
Auch bei den Geschlechtern verschiebt die Erfassungsmethode das Bild. Knapp zwei Drittel aller wohnungslosen Personen sind männlich. Frauen sind überproportional häufig verdeckt wohnungslos: Sie kommen bei Bekannten oder Angehörigen unter, statt eine Notunterkunft aufzusuchen. Ihre Wohnungslosigkeit ist dadurch weniger sichtbar, oft aber mit Abhängigkeitsverhältnissen und dem Risiko weiterer Gewalt verbunden.
Was die Zahlen über die Entwicklung sagen
Die Zahl der untergebrachten wohnungslosen Personen stieg von 178.145 zum 31. Januar 2022 auf 372.060 zum 31. Januar 2023. Dieser Anstieg ist zu einem großen Teil auf rund 130.000 ukrainische Geflüchtete zurückzuführen, die kommunal untergebracht wurden und damit statistisch als untergebracht wohnungslos gelten. Der Sprung beschreibt also in erster Linie eine veränderte Zusammensetzung der erfassten Gruppe — nicht eine Verdoppelung der Wohnungslosigkeit unter den zuvor erfassten Betroffenen. Wer mit diesen Zahlen arbeitet, sollte beide Ebenen trennen: Fluchtbedingte Unterbringung und Wohnungsverlust nach Mietschulden, Trennung oder Haftentlassung haben unterschiedliche Ursachen und brauchen unterschiedliche Antworten.
Als strukturellen Hintergrund zeigt der Blick auf die Vermögensverteilung, wie ungleich die Puffer verteilt sind: Die reichsten 10 Prozent der Haushalte besitzen rund 56 Prozent des Gesamtvermögens in Deutschland. Wer über keine Ersparnisse verfügt, kann einen Einkommensausfall nicht überbrücken — genau hier entstehen Mietschulden.
Nationaler Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit: Ziel 2030
Kurzantwort: Am 24. April 2024 hat das Bundeskabinett den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP W) verabschiedet. Ziel ist es, Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 zu überwinden.
Der Aktionsplan ist die politische Antwort auf die im Wohnungslosenberichterstattungsgesetz vorgeschriebene Berichterstattung. Seit deren Einführung liegen erstmals regelmäßig erhobene Daten zu Ausmaß und Struktur der Wohnungslosigkeit vor — Voraussetzung dafür, Maßnahmen überhaupt an messbaren Zielen ausrichten zu können.
Die Erfassung folgt der europäischen ETHOS-Light-Typologie. Sie unterscheidet Wohnungslosigkeit nach Wohnsituationen — von der Übernachtung im öffentlichen Raum über Notunterkünfte und Einrichtungen bis zur vorübergehenden Unterbringung bei Bekannten. Dadurch werden deutsche Zahlen mit denen anderer Staaten der EU vergleichbar. Für Betroffene ist die Typologie vor allem deshalb wichtig, weil sie verdeckte Wohnungslosigkeit als eigene Form benennt — und damit sichtbar macht, dass wohnungslos nicht nur ist, wer auf der Straße lebt.
Für die Praxis heißt das: Das Ziel 2030 wird an Zahlen gemessen, die bekanntermaßen Lücken haben. Nicht institutionell untergebrachte Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit und verdeckt wohnungslose Frauen sind darin unterrepräsentiert. Eine sinkende Statistik ist deshalb nicht automatisch ein Beweis für sinkende Wohnungslosigkeit.
Vertiefende Themen im Überblick
Kurzantwort: Einzelne Ursachen und Betroffenengruppen sind auf eigenen Seiten ausführlich dargestellt — von Zahlen und Wegen aus der Wohnungslosigkeit über Haftentlassung bis zu Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt.
- Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit in Deutschland — aktuelle Zahlen, Begriffsunterschiede und Wege zurück in eine eigene Wohnung.
- Inhaftierung und Wohnungslosigkeit — warum Haftentlassungen ohne Wohnperspektive so häufig in Obdachlosigkeit führen.
- Paare ohne Kinder in Notunterkünften — Unterbringungsdauer und besondere Hürden dieser Gruppe.
- Rassismus und Diskriminierung am Wohnungsmarkt — wie Zugangsbarrieren Wohnungslosigkeit verlängern.
Regionale Verteilung: Großstadt, Land, Ost und West
Kurzantwort: Die Dichte wohnungsloser Personen ist in Großstädten in der Regel größer als im ländlichen Raum. Über alle drei Betroffenengruppen hinweg ist die Wohnungslosigkeit in Ostdeutschland geringer als im Rest der Bundesrepublik.
Wohnungslosigkeit verteilt sich in Deutschland nicht gleichmäßig über das Land. Die Dichte wohnungsloser Personen ist in Großstädten in der Regel größer als im ländlichen Raum. Dahinter stehen zwei Effekte, die zusammenwirken: In Ballungsräumen sind die Mietmärkte am stärksten angespannt, bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Gleichzeitig ist das Hilfesystem in Großstädten dichter ausgebaut – Notunterkünfte, Straßensozialarbeit und Beratungsstellen konzentrieren sich dort. Menschen aus dem Umland suchen diese Angebote auf und werden in der Stadt erfasst.
Über alle drei erhobenen Betroffenengruppen hinweg – untergebrachte wohnungslose Personen, nicht institutionell untergebrachte Wohnungslose und verdeckt Wohnungslose – ist die Wohnungslosigkeit in Ostdeutschland geringer als im Rest der Bundesrepublik. Das heißt nicht, dass es dort keine Wohnungsnot gibt. Es verweist vor allem auf entspanntere Wohnungsmärkte: mehr verfügbarer und im Durchschnitt günstigerer Wohnraum senkt das Risiko, nach einem Wohnungsverlust dauerhaft ohne Unterkunft zu bleiben.
Warum der Wohnungsmarkt der stärkste Hebel ist
Der regionale Vergleich macht sichtbar, was in der Ursachenanalyse häufig untergeht: Die unmittelbaren Auslöser – Mietschulden, Trennung, Haftentlassung, Krankheit – treten überall auf. Ob daraus Wohnungslosigkeit wird, entscheidet sich am Angebot. Wo eine bezahlbare Anschlusswohnung erreichbar ist, endet die Krise nach Wochen. Wo keine verfügbar ist, wird aus dem Wohnungsverlust ein Dauerzustand.
Für die Praxis folgt daraus: Prävention und Wohnraumversorgung müssen regional unterschiedlich gewichtet werden. In angespannten Großstadtmärkten zählt vor allem der Wohnungserhalt – also frühe Mietschuldenhilfe, bevor gekündigt wird. In entspannteren Regionen ist die Vermittlung in eigenen Wohnraum realistischer, dort liegt der Engpass häufiger bei Begleitung und Beratung als beim Angebot.
Betroffene Gruppen: Wer wohnungslos wird und wer nicht gezählt wird
Kurzantwort: Knapp zwei Drittel aller wohnungslosen Personen sind männlich; Frauen sind überproportional häufig verdeckt wohnungslos bei Bekannten oder Angehörigen. 22.000 nichtdeutsche wohnungslose Menschen sind nicht institutionell untergebracht und in offiziellen Statistiken unterrepräsentiert.
Wohnungslosigkeit trifft Männer und Frauen unterschiedlich – und wird bei ihnen unterschiedlich sichtbar. Knapp zwei Drittel aller wohnungslosen Personen in Deutschland sind männlich. Frauen sind dagegen überproportional häufig verdeckt wohnungslos: Sie kommen bei Bekannten, Angehörigen oder in wechselnden Wohnverhältnissen unter, statt Notunterkünfte oder die Straße als Aufenthaltsort zu wählen.
Diese verdeckte Wohnungslosigkeit ist aus zwei Gründen problematisch. Erstens erscheint sie in Statistiken und damit in der kommunalen Planung nur unvollständig. Zweitens entstehen Abhängigkeitsverhältnisse: Wer keine eigene Wohnung und keinen Mietvertrag hat, ist auf das Wohlwollen der Gastgeber angewiesen – mit dem Risiko von Ausnutzung, Gewalt und erneutem Verlust der Unterkunft.
Die Lücke in der Statistik: 22.000 Menschen
22.000 nichtdeutsche wohnungslose Menschen in Deutschland sind nicht institutionell untergebracht. Sie leben also nicht in Notunterkünften, Gemeinschaftseinrichtungen oder kommunal zugewiesenen Wohnungen. Deshalb tauchen sie in Erhebungen, die auf Einrichtungen und kommunale Meldungen aufsetzen, nicht oder nur teilweise auf.
Für die Einschätzung des Gesamtausmaßes ist das entscheidend: Wer nur die untergebrachten Personen zählt, unterschätzt Wohnungslosigkeit systematisch. Für die Hilfeplanung folgt daraus, dass aufsuchende Angebote – Straßensozialarbeit, Tagesaufenthalte, mehrsprachige Beratung – nicht Ergänzung, sondern Voraussetzung sind, um diese Gruppe überhaupt zu erreichen.
Drei Gruppen, drei Erfassungswege
- Untergebrachte wohnungslose Personen: Menschen in kommunalen Notunterkünften, Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe oder zugewiesenen Wohnungen. Sie werden am zuverlässigsten erfasst.
- Nicht institutionell untergebrachte Wohnungslose: Menschen auf der Straße, in Behelfsbauten, Autos oder Bahnhöfen. Ihre Zahl wird über Stichtagserhebungen geschätzt.
- Verdeckt Wohnungslose: Menschen, die bei Bekannten oder Angehörigen unterkommen. Hier ist die Dunkelziffer am größten, und Frauen sind besonders betroffen.
Wer sich für einzelne Risikogruppen im Detail interessiert, findet vertiefende Darstellungen zu Wohnungslosigkeit nach Haftentlassung, zu Paaren ohne Kinder in Notunterkünften sowie zu Diskriminierung und Rassismus am Wohnungsmarkt.
Aktuelle Zahlen und wie sie zu lesen sind
Kurzantwort: Die Zahl der untergebrachten wohnungslosen Personen stieg von 178.145 zum 31. Januar 2022 auf 372.060 zum 31. Januar 2023 – großteils bedingt durch rund 130.000 ukrainische Geflüchtete. Ohne diesen Sondereffekt verläuft die Entwicklung deutlich flacher.
Zwischen den beiden Stichtagen 31. Januar 2022 und 31. Januar 2023 hat sich die Zahl der untergebrachten wohnungslosen Personen von 178.145 auf 372.060 mehr als verdoppelt. Dieser Sprung ist großteils durch rund 130.000 ukrainische Geflüchtete bedingt, die von Kommunen untergebracht wurden und damit statistisch als untergebrachte wohnungslose Personen erfasst werden.
Diese Einordnung ist wichtig, weil die Zahl sonst falsch gedeutet wird. Der Anstieg bedeutet nicht, dass sich die Zahl der Menschen, die durch Mietschulden, Trennung oder Haftentlassung ihre Wohnung verloren haben, in einem Jahr verdoppelt hätte. Er zeigt vielmehr, dass in der Statistik zwei sehr unterschiedliche Wege in dieselbe Kategorie führen: Fluchtmigration und der Verlust einer bestehenden Wohnung in Deutschland.
Was bei Vergleichen zu beachten ist
- Stichtag statt Jahresdurchschnitt: Die Zahlen beschreiben einen Tag, nicht einen Zeitraum. Menschen, die nur wenige Wochen wohnungslos sind, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erfasst.
- Verschiedene Gruppen, verschiedene Verfahren: Untergebrachte Personen werden gemeldet, nicht untergebrachte geschätzt, verdeckt Wohnungslose nur teilweise erhoben.
- Sondereffekte kennzeichnen: Ohne den Hinweis auf die ukrainischen Geflüchteten ist die Entwicklung 2022 zu 2023 nicht interpretierbar.
Der Zusammenhang mit Vermögen und Wohnkosten
Wohnungslosigkeit ist das Ende einer längeren Kette, die bei ungleich verteilten Rücklagen beginnt. Die reichsten 10 Prozent der Haushalte besitzen rund 56 Prozent des Gesamtvermögens in Deutschland. Wer keine Ersparnisse hat, kann eine Kaution, einen Umzug oder einen Monat ohne Einkommen nicht überbrücken – genau diese Puffer entscheiden aber darüber, ob aus einer Krise ein Wohnungsverlust wird.
Eine kompakte Übersicht über Zahlen, Formen und Wege aus der Wohnungslosigkeit bietet die Seite zu Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit in Deutschland.
Nationaler Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit: Ziel 2030
Kurzantwort: Am 24. April 2024 hat das Bundeskabinett den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit verabschiedet. Sein Ziel ist es, Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 zu überwinden.
Am 24. April 2024 hat das Bundeskabinett den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit verabschiedet. Das erklärte Ziel: Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland bis zum Jahr 2030 zu überwinden. Damit greift die Bundesregierung die auf europäischer Ebene formulierte Zielsetzung auf, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu beenden.
Was der Aktionsplan für Betroffene bedeutet – und was nicht
Der Aktionsplan ist ein politisches Programm, kein Gesetz. Er begründet keinen zusätzlichen individuellen Rechtsanspruch. Ansprüche auf Unterbringung, auf die Übernahme von Miet- und Energieschulden und auf Hilfen in besonderen Lebenslagen ergeben sich weiterhin aus dem Sozialrecht des Bundes und dem Ordnungsrecht der Länder. Wer akut von Wohnungsverlust bedroht ist, wendet sich deshalb nicht an den Aktionsplan, sondern an das Jobcenter, das Sozialamt und die kommunale Fachstelle zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit.
Warum Datengrundlagen Teil der Strategie sind
Ein Ziel, das auf null gehen soll, braucht eine belastbare Ausgangsgröße. Genau deshalb ist die Erfassung der Wohnungslosigkeit nach einheitlicher Methodik – gestützt auf das Wohnungslosenberichterstattungsgesetz und die europäische ETHOS-Light-Typologie, eine Klassifikation von Wohnformen ohne eigene Wohnung – kein technisches Detail. Solange 22.000 nicht institutionell untergebrachte nichtdeutsche wohnungslose Menschen statistisch unterrepräsentiert bleiben und verdeckte Wohnungslosigkeit vor allem von Frauen nur geschätzt werden kann, bleibt auch die Erfolgsmessung unvollständig.
Woran sich Fortschritt messen lässt
- Verhinderte Wohnungsverluste: Wie viele Räumungen werden durch frühe Mietschuldenhilfe abgewendet?
- Übergänge in eigenen Wohnraum: Wie viele Menschen verlassen Notunterkünfte in eine reguläre Wohnung – und nicht in die nächste Unterkunft?
- Erreichbarkeit schwer zugänglicher Gruppen: Werden nicht untergebrachte und verdeckt wohnungslose Menschen von Angeboten erreicht?
- Regionale Angleichung: Verringert sich der Abstand zwischen angespannten Großstadtmärkten und entspannteren Regionen?
Quellen
- Jahresbericht 2024 Tafel Deutschland
- Arbeitsmarktbericht Juli 2026
- statistik grundsicherung 20260803143257
- Sozialgesetzbuch XII
- Sozialgesetzbuch XI
- Sozialgesetzbuch X
- Sozialgesetzbuch VIII
- Sozialgesetzbuch VII
- Sozialgesetzbuch VI
- Sozialgesetzbuch V
- Sozialgesetzbuch IX
- Sozialgesetzbuch IV
Häufige Fragen
Was ist die häufigste Ursache für Wohnungslosigkeit in Deutschland?+
Mietschulden und die darauf folgende Räumungsklage sind der häufigste unmittelbare Auslöser für Wohnungslosigkeit. Dahinter stehen oft strukturelle Ursachen wie Niedriglohn, Sozialleistungen unterhalb der tatsächlichen Mietkosten und ein angespannter Wohnungsmarkt, auf dem bezahlbarer Ersatz kaum zu finden ist.
Wie lange dauert Wohnungslosigkeit durchschnittlich?+
Die Dauer variiert stark. Kurzzeitige Wohnungslosigkeit unter drei Monaten ist mit gezielter Unterstützung oft überwindbar. Chronische Wohnungslosigkeit, die ein Jahr oder länger andauert, ist deutlich schwerer zu beenden und geht häufig mit gesundheitlichen und sozialen Folgeschäden einher.
Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen?+
Alleinlebende Männer über 40 sind in Notunterkünften statistisch am häufigsten vertreten. Besonders gefährdet sind außerdem junge Erwachsene nach Heimunterbringung, Menschen mit Migrationsgeschichte, Frauen in Gewaltsituationen und LGBTQ+ Jugendliche, die im Elternhaus keine Akzeptanz finden.
Warum sind Frauen in Wohnungslosigkeitsstatistiken unterrepräsentiert?+
Frauen meiden die Straße, weil sie dort ein deutlich höheres Risiko haben. Sie schlafen häufiger bei Bekannten oder Freunden oder bleiben aus Sicherheitsgründen in problematischen Wohnsituationen. Diese "versteckte Wohnungslosigkeit" taucht in offiziellen Zählungen kaum auf.
Was ist Housing First und wie wirksam ist dieser Ansatz?+
Housing First bedeutet: zuerst stabile, eigenständige Wohnung – dann Unterstützung. Im Gegensatz zum klassischen Stufenmodell, das Abstinenz oder Verhaltensänderung als Vorbedingung formuliert, bietet Housing First unmittelbar Wohnraum. Finnland hat mit diesem Ansatz Wohnungslosigkeit über Jahrzehnte stark reduziert. In Deutschland gibt es Pilotprojekte mit positiven Ergebnissen.
Können Bürgergeld-Beziehende Wohnungslosigkeit durch Sozialleistungen vermeiden?+
Nicht immer. Die im Bürgergeld enthaltenen Kosten der Unterkunft sollen die Miete abdecken, orientieren sich aber an kommunalen Angemessenheitsgrenzen. Diese liegen in vielen Städten unter den tatsächlichen Marktmieten. Betroffene müssen die Differenz selbst aufbringen oder in Lagen ziehen, die oft weit von Arbeits- und Unterstützungsangeboten entfernt liegen.
Was ist das Nationale Aktionsprogramm gegen Wohnungslosigkeit?+
Das Nationale Aktionsprogramm zur Überwindung von Wohnungslosigkeit ist eine Bundesinitiative mit dem Ziel, bis 2030 Wohnungslosigkeit in Deutschland zu beenden. Es umfasst Maßnahmen zur Prävention, zur Verbesserung der Datenlage und zur Stärkung von Hilfsangeboten. Die Umsetzung erfordert enge Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen.
Wie viele Menschen sind in Deutschland wohnungslos?+
Zum 31. Januar 2023 waren 372.060 wohnungslose Personen untergebracht. Ein Jahr zuvor, zum 31. Januar 2022, waren es 178.145. Der Anstieg ist zu einem großen Teil auf rund 130.000 ukrainische Geflüchtete zurückzuführen, die kommunal untergebracht wurden und damit als untergebracht wohnungslos gezählt werden. Die Zahlen beschreiben also nicht nur eine Zunahme, sondern auch eine veränderte Zusammensetzung der erfassten Gruppe.
In welchen Regionen Deutschlands ist Wohnungslosigkeit am stärksten verbreitet?+
Die Dichte wohnungsloser Personen ist in Großstädten in der Regel größer als im ländlichen Raum. In Ostdeutschland ist die Wohnungslosigkeit über alle drei erfassten Gruppen hinweg geringer als im Rest der Bundesrepublik. Auf dem Land tritt Wohnungslosigkeit häufiger in verdeckter Form auf, etwa als vorübergehendes Unterkommen bei Bekannten, und wird dadurch seltener sichtbar.
Werden alle wohnungslosen Menschen in Deutschland statistisch erfasst?+
Nein. 22.000 nichtdeutsche wohnungslose Menschen in Deutschland sind nicht institutionell untergebracht und erscheinen damit nicht in der Statistik der untergebrachten Wohnungslosen. Auch verdeckte Wohnungslosigkeit bei Bekannten oder Angehörigen wird nur unvollständig abgebildet. Amtliche Zahlen zeigen vor allem den Teil der Wohnungslosigkeit, der über Einrichtungen und Behörden sichtbar wird.
Warum sind Frauen in den Statistiken zur Wohnungslosigkeit unterrepräsentiert?+
Knapp zwei Drittel aller wohnungslosen Personen sind männlich. Frauen sind überproportional häufig verdeckt wohnungslos: Sie kommen bei Bekannten oder Angehörigen unter, statt eine Notunterkunft aufzusuchen. Diese Form der Wohnungslosigkeit wird statistisch schlechter erfasst, ist aber häufig mit Abhängigkeitsverhältnissen verbunden.
Was ist der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit?+
Der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP W) wurde am 24. April 2024 vom Bundeskabinett verabschiedet. Sein Ziel ist es, Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 zu überwinden. Grundlage der Zielmessung sind die Daten der amtlichen Wohnungslosenberichterstattung.
Warum ist Wohnungslosigkeit in Ostdeutschland geringer?+
Die Wohnungslosigkeit ist über alle drei erfassten Gruppen hinweg in Ostdeutschland geringer als im Rest der Bundesrepublik. Der Wohnungsmarkt ist dort in vielen Regionen weniger angespannt: Es gibt mehr verfügbaren und günstigeren Wohnraum, wodurch ein Wohnungsverlust seltener in dauerhafte Wohnungslosigkeit führt. In ostdeutschen Großstädten mit stark gestiegenen Mieten gilt das nur eingeschränkt.
Wie viele Menschen sind in Deutschland wohnungslos?+
Zum 31. Januar 2023 waren 372.060 wohnungslose Personen in Deutschland untergebracht. Zum 31. Januar 2022 waren es 178.145. Der starke Anstieg ist großteils durch rund 130.000 ukrainische Geflüchtete bedingt, die kommunal untergebracht wurden. Die Zahl beschreibt nur untergebrachte Personen – Menschen ohne jede Unterkunft und verdeckt Wohnungslose kommen hinzu.
In welchen Regionen Deutschlands ist Wohnungslosigkeit am stärksten verbreitet?+
Die Dichte wohnungsloser Personen ist in Großstädten in der Regel größer als im ländlichen Raum. Über alle drei Betroffenengruppen hinweg ist die Wohnungslosigkeit in Ostdeutschland geringer als im Rest der Bundesrepublik. Ein wesentlicher Grund sind entspanntere Wohnungsmärkte mit mehr verfügbarem und günstigerem Wohnraum.
Werden alle wohnungslosen Menschen in Deutschland statistisch erfasst?+
Nein. 22.000 nichtdeutsche wohnungslose Menschen in Deutschland sind nicht institutionell untergebracht und erscheinen deshalb in offiziellen Erhebungen nur unvollständig. Auch verdeckte Wohnungslosigkeit – etwa bei Bekannten oder Angehörigen, wovon Frauen überproportional betroffen sind – lässt sich nur schätzen. Das tatsächliche Ausmaß liegt daher über den gemeldeten Zahlen.
Warum sind mehr Männer als Frauen wohnungslos?+
Knapp zwei Drittel aller wohnungslosen Personen sind männlich. Ein wesentlicher Teil des Unterschieds erklärt sich durch die Erfassung: Frauen sind überproportional häufig verdeckt wohnungslos und kommen bei Bekannten oder Angehörigen unter, statt Notunterkünfte aufzusuchen. Sie erscheinen dadurch seltener in Statistiken, sind aber ebenfalls ohne eigene Wohnung.
Was ist der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit?+
Der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit wurde am 24. April 2024 vom Bundeskabinett verabschiedet. Ziel ist es, Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 zu überwinden. Der Plan ist ein politisches Programm und schafft keinen zusätzlichen individuellen Rechtsanspruch – Ansprüche auf Unterbringung oder Mietschuldenübernahme ergeben sich weiter aus dem Sozial- und Ordnungsrecht.
Warum wird Wohnungslosigkeit in Großstädten häufiger sichtbar?+
Zwei Effekte wirken zusammen: Erstens sind die Mietmärkte in Ballungsräumen am stärksten angespannt, bezahlbarer Ersatzwohnraum fehlt. Zweitens ist das Hilfesystem dort dichter – Notunterkünfte, Straßensozialarbeit und Beratungsstellen konzentrieren sich in Städten. Betroffene aus dem Umland suchen diese Angebote auf und werden dort erfasst.
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