Zwei Menschen, eine Unterkunft — und trotzdem kein Ausweg
Wer in einer Partnerschaft lebt, gilt gesellschaftlich oft als bessergestellt: zwei Einkommen, gegenseitige Unterstuetzung, gemeinsame Handlungsfahigkeit. Diese Annahme greift in der Wohnungslosigkeit nicht. Kinderlose Paare sind eine Gruppe, die im Hilfesystem weder die Dringlichkeit von Familien mit Kindern aufweist noch die administrative Einfachheit von Alleinstehenden. Das spiegelt sich in ihrer Unterbringungsdauer wider.
Mit durchschnittlich 120 Wochen in der Notunterkunft uebertreffen sie sogar die Verweildauer von Alleinstehenden, die auf 116 Wochen kommen. Vier Wochen Differenz — nach oben. Das widerspricht der Intuition, dass zwei Menschen gemeinsam schneller einen Weg herausfinden.
Warum das Hilfesystem kinderlose Paare nicht bevorzugt
Die Wohnungslosenhilfe in Deutschland arbeitet nach dem Prinzip der sozialen Dringlichkeit. Familien mit Kindern erhalten bei der Wohnungsvermittlung in aller Regel Vorrang. Das Kind als schutzbeduerftige Person beschleunigt Verfahren, eroeffnet Zugaenge zu Sozialwohnungen und aktiviert Hilfenetzwerke, die fuer kinderlose Haushalte nicht in gleicher Weise zur Verfuegung stehen.
Kinderlose Paare fallen in eine Luecke. Sie sind keine Einzelpersonen, die mit einer kleinen Wohnung auskommen. Sie sind keine Familien, denen das System strukturell Prioritaet einraumt. In der Konsequenz warten sie — oft ohne klaren Eskalationspfad im Hilfesystem.
- Was ist die BAG W?
- Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ist der zentrale Fachverband der Wohnungslosenhilfe in Deutschland. Sie erfasst jaehrlich Daten zu Unterbringungsdauer, Haushaltstypen und Hilfeverlaeufen.
- Was misst die Statistik?
- Erfasst werden Menschen, die in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe untergebracht sind — nicht alle Wohnungslosen, da ein Teil in informellen Verhaeltnissen oder auf der Strasse lebt.
- Gesamtbild
- Ueber 600.000 Menschen galten 2022 als wohnungslos in Deutschland. Ein erheblicher Teil davon ist in organisierten Unterkuenften erfasst.
Das Wohnungsgroessen-Problem
Ein zentraler struktureller Grund fuer die lange Verweildauer ist die Wohnungsgroesse. Ein Paar benoetigt mindestens eine Zweizimmerwohnung. In angespannten Wohnungsmaerkten — und das betrifft praktisch alle deutschen Grossstaedte — sind kleinere Wohnungen haufiger verfuegbar und werden vorrangig vermittelt.
Einzimmerwohnungen und kleine Apartments dominieren das untere Preissegment. Sie sind schneller freizubekommen, einfacher zu vergeben und passen in die Kriterien, die viele Sozialtraeger bei der Wohnungsvermittlung anwenden. Fuer Paare bedeutet das: Die passende Wohnung ist strukturell knapper, und Wartezeiten verlangern sich entsprechend.
Miete fuer zwei Personen — aber nicht doppeltes Einkommen
Ein weiterer Faktor wird haeufig unterschaetzt. Waehrend ein Paar theoretisch zwei Einkommen haben koennte, ist das in der Wohnungslosigkeit oft nicht die Realitaet. Viele Betroffene sind erwerbslos, beziehen Leistungen nach dem SGB II oder sind aufgrund von Krankheit, Sucht oder anderen Belastungen nicht oder nur eingeschraenkt erwerbstaetig. Die gemeinsamen Ressourcen sind oft kaum groesser als die einer Einzelperson — aber die Anforderungen an den Wohnraum sind es.
Gleichzeitig berechnen Jobcenter und Sozialtraeger den Bedarf eines Paares nicht als einfache Addition zweier Einzelbedarfe. Die Bedarfsgemeinschaft wird zusammen berechnet, was zu niedrigeren Pro-Kopf-Leistungen fuehren kann. Die Miete fuer eine groessere Wohnung uebersteigt dann haeufig die anerkannten Kosten der Unterkunft.
Systemische Luecke: Kinderlose Paare erhalten keine erhohte Dringlichkeit im Hilfesystem, benoetigen aber groesseren Wohnraum. In einem angespannten Mietmarkt fuehrt diese Kombination dazu, dass sie statistisch laenger in Notunterkuenften verbleiben als Alleinstehende — obwohl die gesellschaftliche Wahrnehmung das Gegenteil vermuten wuerde.
Soziale Isolation als unterschaetzter Faktor
Paare in der Wohnungslosigkeit stehen vor einer besonderen psychosozialen Herausforderung: Sie teilen die Krise — und manchmal auch deren Ursachen. Wenn eine Partnerschaft durch Schulden, Sucht oder Arbeitslosigkeit unter Druck geraten ist, kann die raeumliche Enge einer Notunterkunft bestehende Konflikte verstaerken. Gleichzeitig sind Paare auf Hilfsangebote angewiesen, die haeufig auf Einzelpersonen zugeschnitten sind.
Beratungsangebote, Therapieangebote und Wiedereingliederungsprogramme setzen oft bei der Einzelperson an. Die Dynamik einer Partnerschaft — sowohl als Ressource als auch als moegliche Belastung — wird selten systematisch in die Hilfeplanung einbezogen.
Wenn Paare auseinandergerissen werden
In einigen Unterkuenften koennen Paare nicht gemeinsam untergebracht werden, weil die Einrichtung nach Geschlecht getrennt ist oder keine Doppelzimmer vorhanden sind. Betroffene stehen dann vor der Wahl: getrennt in unterschiedliche Einrichtungen zu gehen oder die gemeinsame Unterkunft um jeden Preis zu erhalten — auch wenn sie nicht optimal ist. Beides verlaengert den Weg in eine eigene Wohnung.
Was eine strukturelle Antwort bedeuten wuerde
Eine Verkuerzung der Verweildauer kinderlioser Paare waere moeglich — aber sie setzt strukturelle Veraenderungen voraus. Dazu gehoeren mehr gefoerderter Wohnraum in der Groesse von zwei bis drei Zimmern, angepasste Anerkennungsgrenzen bei den Kosten der Unterkunft fuer Paare sowie spezifische Beratungsangebote, die die Haushaltsform Paar als eigenstaendige Zielgruppe ernst nehmen.
Ohne diese Anpassungen bleibt die Unterbringungsdauer von 120 Wochen ein strukturelles Ergebnis — kein individuelles Versagen der Betroffenen.