Wohnungslosenhilfe
Housing First: Wohnung zuerst statt Notunterkunft
Housing First vermittelt wohnungslosen Menschen zuerst eine feste Wohnung – ohne Umweg über Notschlafstelle oder Übergangsheim. Hier erfahren Sie, wie das Konzept funktioniert und wo es in Deutschland bereits erprobt wird.
1. Schritt
Bei Housing First steht die feste, dauerhafte Wohnung am Anfang der Hilfe – nicht am Ende eines Stufenprozesses.
2017
Neuseeland führte in diesem Jahr ein nationales Housing-First-Programm für Menschen mit komplexen gesundheitlichen und psychischen Erkrankungen ein.
31 Maßnahmen
Der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit von Mai 2024 listet 31 Maßnahmen von Bund, Ländern und Kommunen, zu denen auch eine Orientierungsdatenbank Housing First zählt.
0 Vorstufen
Anders als beim klassischen Stufenmodell gibt es bei Housing First keine Zwischenschritte über Notschlafstellen oder Übergangswohnheime.
Finnland & Wien
Beide gelten laut vorliegenden Quellen als Beispiele, in denen Housing First erfolgreich umgesetzt wird.
Was ist Housing First? Definition und Grundprinzip
Kurzantwort: Housing First ist ein Konzept, das wohnungslosen Menschen als erste Maßnahme eine feste, dauerhafte Wohnung vermittelt – gegebenenfalls mit Betreuung, aber ohne Zwischenschritt über eine Notschlafstelle oder ein Übergangswohnheim.
Housing First kehrt die klassische Reihenfolge der Wohnungslosenhilfe um: Statt sich erst in Notunterkünften oder Übergangswohnheimen zu „bewähren“, bekommen Betroffene direkt eine eigene Wohnung. Bei Bedarf wird diese Wohnung von sozialer Betreuung begleitet, die Unterstützung ist aber kein Vorbedingung für den Einzug.
Voraussetzung für die Umsetzung ist, dass ausreichend freier und bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht. Fehlt dieser Wohnraum, lässt sich das Konzept nur eingeschränkt umsetzen.
Housing First und das klassische Stufenmodell im Vergleich
Kurzantwort: Das klassische Stufenmodell sieht mehrere Zwischenschritte vor, bevor eine eigene Wohnung vermittelt wird – Housing First verzichtet bewusst auf diese Stufen.
In vielen bisherigen Hilfesystemen mussten wohnungslose Menschen zunächst Stationen wie Notschlafstelle, betreutes Wohnen oder Übergangswohnheim durchlaufen, bevor ihnen eine eigene Wohnung in Aussicht gestellt wurde. Die Idee dahinter: Wohnfähigkeit soll sich schrittweise beweisen.
Housing First verzichtet auf diese Reihenfolge. Die Wohnung steht am Anfang, nicht am Ende des Prozesses. Unterstützungsangebote wie Beratung oder Begleitung bleiben bestehen, sind aber vom Wohnen entkoppelt und freiwillig.
Welche Prinzipien machen Housing First erfolgreich?
Kurzantwort: Zentrales Prinzip ist, dass Nutzer:innen selbst wählen und den Hilfeprozess steuern können – Evaluationen sehen darin einen entscheidenden Erfolgsfaktor.
Nach Auswertung mehrerer deutscher Modellprojekte gilt die Wahlmöglichkeit und Steuerung des Hilfeprozesses durch die Nutzer:innen selbst als ein zentrales Prinzip, das zum Erfolg von Housing First beiträgt. Betroffene entscheiden mit, welche Unterstützung sie annehmen möchten und welche nicht.
Fachliche Evaluationen beschreiben dies als einen Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit mit wohnungslosen Menschen: weg von vorgegebenen Bedingungen, hin zu einem Angebot, das sich an den Bedürfnissen der einzelnen Person orientiert.
Internationale Beispiele: Finnland, Wien und Neuseeland
Kurzantwort: Finnland und Wien gelten als Beispiele erfolgreicher Umsetzung, Neuseeland führte 2017 ein landesweites Programm für Menschen mit komplexen Erkrankungen ein.
In Finnland und Wien wird Housing First nach vorliegenden Angaben erfolgreich umgesetzt. Beide Länder bzw. Städte verfügen über ausreichend bezahlbaren Wohnraum, der als Grundvoraussetzung für das Konzept gilt.
Neuseeland führte 2017 ein Housing-First-Programm ein, das Menschen mit komplexen gesundheitlichen und psychischen Erkrankungen eine sichere Unterkunft und umfassende Unterstützung bietet. Berichten zufolge hat dies auch die Beschäftigung unter zuvor obdachlosen Menschen erhöht. Diese Ergebnisse stammen aus dem internationalen Kontext und lassen sich nicht ohne Weiteres auf die Situation in Deutschland übertragen.
Housing First in Deutschland: Modellprojekte und Berlin
Kurzantwort: In Deutschland gibt es Housing-First-Modellprojekte, etwa in Berlin; der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit sieht zudem eine Orientierungsdatenbank für Housing First vor.
In Berlin läuft ein Modellprojekt namens Housing First, das im Kampf gegen Obdachlosigkeit unterstützen soll. Zu Umfang und Ergebnissen dieses laufenden Projekts liegen bislang keine detaillierten, belastbaren Angaben vor.
Der im Mai 2024 veröffentlichte Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit enthält 31 Maßnahmen von Bund, Ländern und Kommunen mit dem Ziel „Keine Obdachlosigkeit bis 2030“. Darunter ist auch der Vorschlag für eine Orientierungsdatenbank Housing First, die den Zugang zu entsprechenden Angeboten erleichtern soll.
Fachlich wird gefordert, Housing-First-Programme nicht nur punktuell zu fördern, sondern die zugrundeliegenden Prinzipien als Prämisse jeglichen Handelns im Kontext von Wohnungslosigkeit anzuerkennen.
Kritik und Grenzen von Housing First
Kurzantwort: Kritisiert wird vor allem die unzureichende Umsetzung des Nationalen Aktionsplans – nicht das Housing-First-Konzept selbst, dessen größte Grenze der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist.
Die größte strukturelle Hürde für Housing First ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum: Ohne ausreichend freie, bezahlbare Wohnungen lässt sich das Konzept nicht in der Breite umsetzen, egal wie überzeugend die fachlichen Erfolgsnachweise sind.
Am Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit gibt es Kritik, dass er zu wenig verbindlich finanziert sei und zu geringe Beteiligung von Menschen mit eigener Wohnungslosigkeitserfahrung vorsehe. Diese Kritik richtet sich gegen die Umsetzung der Politik, nicht gegen das Housing-First-Konzept als solches. Auch wird angemahnt, dass einzelne Fördermaßnahmen wenig bewirken, solange der grundsätzliche Mangel an bezahlbarem Wohnraum bestehen bleibt.
Quellen
- Existenzgründung - Beratungsstellen in Frankfurt
- Rechtsberatung - Beratungsstellen in Frankfurt
- Grundsicherungsgeld (Bürgergeld): Beratungsstellen in Frankfurt
- Beratungsstellen in Frankfurt
- Wohnungsverlust, Obdachlosigkeit | FRANKFURT.DE - DAS OFFIZIELLE STADTPORTAL
- Anlaufstellen - Frankfurt-hilft
- Kältehilfe in Frankfurt am Main - Wie eine Stadt versucht, Obdachlose durch den Coronawinter zu bringen
- Startseite - Geflüchtete Frankfurt am Main
- „Späte“ Mutterschaft: Mehr als jede vierte Frau ist bei der Geburt ihres Kindes mindestens 35 Jahre alt - Statistisches Landesamt Baden-Württemberg
- Cannabis Entzug Medikamente: Definition, Arten, Wirkung
- Cannabis Entzug: Medikamentöse Ansätze im Blick
- Treatment Options for Substance Use Disorder | SAMHSA
Häufige Fragen
Was unterscheidet Housing First von einer normalen Notunterkunft?+
Bei Housing First steht eine feste, dauerhafte Wohnung am Anfang der Hilfe. Eine Notunterkunft ist dagegen eine vorübergehende Unterbringung, die klassischerweise vor einer eigenen Wohnung durchlaufen werden muss.
Muss ich bei Housing First eine Therapie oder Beratung annehmen, um eine Wohnung zu bekommen?+
Nein. Unterstützungsangebote wie Beratung oder Betreuung sind bei Housing First freiwillig und keine Bedingung für den Einzug in die Wohnung.
Gibt es Housing First auch in Deutschland?+
Ja, es gibt Modellprojekte, etwa in Berlin. Der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit sieht zudem eine Orientierungsdatenbank für Housing First vor, um den Zugang zu entsprechenden Angeboten zu verbessern.
Warum funktioniert Housing First nicht überall gleich gut?+
Voraussetzung ist ausreichend freier und bezahlbarer Wohnraum. Fehlt dieser, lässt sich das Konzept nur eingeschränkt umsetzen – das gilt unabhängig vom Land oder der Stadt.
Ist Housing First dasselbe wie das Stufenmodell der Wohnungslosenhilfe?+
Nein. Das Stufenmodell sieht mehrere Zwischenschritte vor dem Einzug in eine eigene Wohnung vor. Housing First verzichtet bewusst auf diese Stufen und vermittelt die Wohnung direkt.
Das könnte dich auch interessieren
- weitere Maßnahmen der Wohnungslosenhilfe in Deutschland
- Ursachen von Wohnungslosigkeit
- Wohnungslosenbericht 2024 der Bundesregierung
- Hilfsangebote für Obdachlose in Berlin
- aktuelle Zahlen zur Wohnungslosigkeit in Deutschland
- Ursachen von Wohnungslosigkeit in Deutschland: Dauer, Hergang und soziale Faktoren
- Langzeitwohnungslosigkeit in Deutschland: Wenn Wohnungslosigkeit zum Dauerzustand wird