Ungleichheit & Erwerbsarbeit
Gender Care Gap: unbezahlte Sorgearbeit und ihre Folgen
Der Gender Care Gap misst, wie viel mehr unbezahlte Arbeit Frauen leisten als Männer. 2022 lag er in Deutschland bei 44,3 Prozent — das entspricht 1 Stunde 19 Minuten Mehrarbeit pro Tag.
44,3 %
Gender Care Gap 2022: So viel mehr unbezahlte Arbeit leisten Frauen im Vergleich zu Männern.
1 Std. 19 Min.
Tägliche Mehrbelastung von Frauen durch unbezahlte Arbeit im Jahr 2022.
52,4 %
Gender Care Gap in der Erhebung 2012/13 — rund 8 Prozentpunkte höher als 2022.
39,4 %
Gender Pension Gap: Rentenlücke von Frauen ab 65 Jahren gegenüber Männern.
18 %
Unbereinigter Gender Pay Gap 2023 beim Bruttostundenverdienst; bereinigt 6 Prozent.
Was ist der Gender Care Gap? Definition und aktuelle Zahlen
Kurzantwort: Der Gender Care Gap ist der prozentuale Unterschied in der Zeit, die Frauen und Männer täglich für unbezahlte Arbeit aufwenden. 2022 lag er bei 44,3 Prozent — Frauen leisteten pro Tag 1 Stunde 19 Minuten mehr unbezahlte Arbeit als Männer.
Unbezahlte Arbeit umfasst alles, was in einem Haushalt und im familiären Umfeld getan wird, ohne dass dafür Geld gezahlt wird: Kinder betreuen, kochen, putzen, waschen, einkaufen, Angehörige pflegen, Termine organisieren, Ehrenamt. In der Statistik wird diese Arbeit auch als Sorgearbeit oder Care-Arbeit bezeichnet.
Der Gender Care Gap setzt die aufgewendete Zeit von Frauen und Männern ins Verhältnis. Ein Wert von 44,3 Prozent bedeutet: Frauen wenden fast die Hälfte mehr Zeit für unbezahlte Arbeit auf als Männer. In absoluten Zahlen sind das 1 Stunde 19 Minuten pro Tag — über eine Woche gerechnet rund neun Stunden, also etwa ein zusätzlicher Arbeitstag.
Die Lücke hat sich verkleinert. In der vorangehenden Auswertung für 2012/13 lag der Gender Care Gap noch bei 52,4 Prozent. Bis 2022 ist er um rund 8 Prozentpunkte gesunken. Die Richtung stimmt, das Ausmaß bleibt groß: Von einer gleichen Verteilung ist Deutschland weit entfernt.
Abgrenzung: Care Gap, Pay Gap, Pension Gap
Drei Kennzahlen werden häufig verwechselt. Der Gender Care Gap beschreibt die Verteilung unbezahlter Arbeit. Der Gender Pay Gap beschreibt den Unterschied im Verdienst aus bezahlter Erwerbsarbeit. Der Gender Pension Gap beschreibt den Unterschied bei den Alterseinkünften. Die drei Größen hängen zusammen, messen aber unterschiedliche Dinge.
Regionale und familiäre Unterschiede
Wie sich der Gender Care Gap zwischen Ost- und Westdeutschland oder zwischen verschiedenen Haushaltsformen unterscheidet, lässt sich auf Basis der für diese Seite ausgewerteten Veröffentlichungen nicht belegen. Der Sozialbericht 2024 weist den Gender Care Gap als Gesamtwert für Deutschland aus, nicht nach Region, Familienstand oder Haushaltstyp aufgeschlüsselt.
Inhaltlich ist eine Differenzierung plausibel, weil Erwerbsquoten von Müttern, Betreuungsangebote und Arbeitszeitmodelle regional unterschiedlich ausfallen. Belastbare Zahlen dazu werden auf dieser Seite erst ergänzt, wenn eine entsprechende Auswertung vorliegt.
Alltagsbeispiele: Wo der Gender Care Gap konkret sichtbar wird
Kurzantwort: Der Gender Care Gap zeigt sich nicht in einer großen Aufgabe, sondern in vielen kleinen: Kinder abholen, Arzttermine machen, Wäsche waschen, für pflegebedürftige Eltern telefonieren. Zusammen ergeben diese Tätigkeiten die tägliche Mehrbelastung von 1 Stunde 19 Minuten.
Die folgenden Beispiele sind redaktionelle Veranschaulichungen. Sie zeigen, wie sich die statistische Mehrbelastung im Alltag zusammensetzen kann — sie sind keine gemessenen Einzelwerte.
Kinderbetreuung
Kinder wecken, anziehen, zur Kita bringen, mittags abholen, Hausaufgaben begleiten, bei Krankheit zu Hause bleiben. Vieles davon ist an feste Uhrzeiten gebunden und lässt sich nicht verschieben. Wer diese Aufgaben übernimmt, kann seine Erwerbsarbeitszeit weniger frei einteilen.
Pflege von Angehörigen
Bei pflegebedürftigen Eltern oder Partnern kommen Fahrdienste, Medikamentenorganisation, Behördenpost und Gespräche mit Ärzten und Pflegediensten hinzu. Pflege im Haushalt ist häufig über Jahre nötig und schwer planbar.
Haushaltsführung
Einkaufen, kochen, aufräumen, putzen, Wäsche, Reparaturen organisieren. Diese Aufgaben fallen täglich an und werden selten als Arbeit wahrgenommen, weil kein Lohn und kein Arbeitsvertrag daran hängt.
Organisation im Hintergrund
Termine koordinieren, Geburtstage im Blick behalten, Formulare für Kita und Schule ausfüllen, den Überblick über Vorräte und Fristen halten. Diese Denk- und Planungsarbeit taucht in keiner Rechnung auf, kostet aber Zeit und Aufmerksamkeit.
Folgen für Einkommen und Rente: Vom Care Gap zum Pension Gap
Kurzantwort: Wer viel unbezahlte Arbeit leistet, arbeitet häufiger in Teilzeit oder unterbricht die Erwerbstätigkeit. Das senkt Einkommen und Rentenansprüche. Bei Frauen ab 65 Jahren liegt die Rentenlücke gegenüber Männern bei 39,4 Prozent.
Der Tag hat für alle die gleiche Zahl an Stunden. Wer täglich rund eine Stunde und zwanzig Minuten mehr unbezahlte Arbeit übernimmt, hat weniger Zeit für bezahlte Arbeit. In der Praxis führt das zu kürzeren Arbeitszeiten, zu Unterbrechungen nach der Geburt eines Kindes und zu Jobs, die sich mit Betreuungszeiten vereinbaren lassen — oft schlechter bezahlt und mit geringeren Aufstiegschancen.
Diese Entscheidungen wirken doppelt. Kurzfristig sinkt das Monatseinkommen. Langfristig sinken die Rentenansprüche, weil die gesetzliche Rente an eingezahlte Beiträge und damit an Erwerbseinkommen und Erwerbsdauer gebunden ist. Am Ende eines Erwerbslebens summieren sich reduzierte Stunden und Auszeiten zu einer deutlich niedrigeren Rente.
Die Zahlen zeigen dieses Muster. Der Gender Pension Gap bei Frauen ab 65 Jahren beträgt 39,4 Prozent gegenüber Männern. Beim Verdienst lag der unbereinigte Gender Pay Gap 2023 bei 18 Prozent; bereinigt um Merkmale wie Beruf, Branche, Qualifikation und Arbeitsumfang bleiben 6 Prozent. Der Unterschied zwischen 18 und 6 Prozent verweist darauf, wie stark unterschiedliche Erwerbsverläufe und Arbeitszeiten ins Gewicht fallen — und genau diese Verläufe werden durch Sorgearbeit mitgeprägt. Ergänzend weist der Sozialbericht 2024 den Gender Gap Arbeitsmarkt aus, der Erwerbsbeteiligung, Arbeitszeit und Verdienst zusammenfasst: Er liegt bei 39 Prozent und ist seit 2014 um 6 Prozentpunkte gesunken.
Was hilft gegen den Gender Care Gap? Handlungsempfehlungen
Kurzantwort: Wirksam sind drei Ebenen: eine bewusste Aufteilung in der Partnerschaft, verlässliche Betreuungs- und Pflegeangebote sowie gesetzliche Regelungen, die geteilte Sorgearbeit fördern und Erziehungs- und Pflegezeiten in der Rente anerkennen.
Der Rückgang von 52,4 Prozent (2012/13) auf 44,3 Prozent (2022) zeigt: Die Verteilung unbezahlter Arbeit ist veränderbar. Die folgenden Empfehlungen sind redaktionelle Einordnungen für Betroffene und Beratende.
In der Partnerschaft
- Alle Aufgaben einmal schriftlich sammeln — inklusive der unsichtbaren Planungsarbeit. Viele Ungleichgewichte fallen erst auf, wenn sie auf dem Papier stehen.
- Aufgaben vollständig übergeben, nicht nur teilweise: Wer den Arzttermin übernimmt, übernimmt auch das Erinnern und Nachbereiten.
- Bei Elternzeit, Arbeitszeitreduzierung und Rückkehr in den Beruf gemeinsam rechnen — auch mit Blick auf die späteren Rentenansprüche beider Partner.
- Absprachen regelmäßig überprüfen, etwa beim Kita-Start, Schulbeginn oder wenn Pflege im Familienkreis dazukommt.
Im Umfeld und am Arbeitsplatz
- Verlässliche Betreuungszeiten sind entscheidender als lange Öffnungszeiten auf dem Papier. Ausfälle verlagern Arbeit sofort zurück in die Familie.
- Bei Pflege im Haushalt früh Beratungsangebote nutzen, etwa Pflegeberatung und Pflegestützpunkte, und Entlastungsleistungen prüfen.
- Arbeitszeitmodelle, die Rückkehr aus Teilzeit in Vollzeit ermöglichen, verhindern, dass eine kurzfristige Reduzierung zur Dauerlösung wird.
Politische Ansätze
Zwei gesetzliche Instrumente wirken unmittelbar auf die Verteilung von Sorgearbeit und auf deren Folgen für die Rente.
Elterngeld, ElterngeldPlus und Partnerschaftsbonus
- Elterngeld / ElterngeldPlus
- Ersetzt einen Teil des wegfallenden Einkommens bei Erwerbsunterbrechung oder -reduzierung nach der Geburt. ElterngeldPlus läuft länger bei geringeren Monatsbeträgen und ist auf Teilzeit während des Bezugs zugeschnitten.
- Partnerschaftsbonus
- Setzt voraus, dass beide Eltern gleichzeitig in einem bestimmten Teilzeitkorridor arbeiten — belohnt ausdrücklich eine geteilte Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit.
- Rechtsgrundlage
- Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz (BEEG); aktuelle Beträge und Fristen beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Kindererziehungszeiten und Pflegezeiten in der Rente. Erziehung und Pflege wirken nicht nur auf das laufende Einkommen, sondern auf die spätere Rente. Kindererziehungszeiten werden nach § 56 SGB VI als Pflichtbeitragszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung berücksichtigt; ergänzend gibt es Berücksichtigungszeiten wegen Kindererziehung. Wer eine pflegebedürftige Person nicht erwerbsmäßig im häuslichen Umfeld pflegt und die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt, kann in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert sein — die Beiträge trägt in diesem Fall die Pflegekasse. Die Voraussetzungen ergeben sich aus dem SGB VI und den Informationen der Deutschen Rentenversicherung.
Einordnung der Datenlage
Kurzantwort: Die Werte zum Gender Care Gap stammen aus der Zeitverwendungserhebung mit den Erhebungsjahren 2012/13 und 2022, veröffentlicht im Sozialbericht 2024. Eine neuere Auswertung liegt zum Redaktionsstand nicht vor.
Die Zeitverwendungserhebung wird in mehrjährigen Abständen durchgeführt. Die beiden genannten Vergleichswerte beziehen sich auf die Erhebungen 2012/13 und 2022. Die Auswertung ist im Sozialbericht 2024 enthalten, der in der 18. Ausgabe erscheint und vom Statistischen Bundesamt und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung getragen wird. Zum Redaktionsstand dieser Seite im August 2026 ist keine neuere Auswertung des Gender Care Gap veröffentlicht, die über die Werte für 2022 hinausgeht.
Die Bezugsjahre der weiteren Kennzahlen: Gender Pay Gap 2023 (18 Prozent unbereinigt, 6 Prozent bereinigt), Gender Pension Gap für Frauen ab 65 Jahren sowie Gender Gap Arbeitsmarkt mit 39 Prozent und einem Rückgang um 6 Prozentpunkte seit 2014 — jeweils nach dem Sozialbericht 2024.
Offen bleiben drei Punkte. Erstens liegen keine Angaben zu regionalen Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland und keine Aufschlüsselung nach Familienstand oder Haushaltstyp vor. Zweitens sind die Alltagsbeispiele und Empfehlungen redaktionelle Einordnungen und keine statistisch gemessenen Werte. Drittens beruhen die Beschreibungen zu Elterngeld und Rentenanrechnung auf den geltenden gesetzlichen Regelungen in ihrer allgemeinen Form; konkrete Beträge, Fristen und Einkommensgrenzen ändern sich und sind vor einer Antragstellung bei der zuständigen Stelle zu prüfen.
Häufige Fragen
Wie hoch ist der Gender Care Gap in Deutschland?+
Im Jahr 2022 lag der Gender Care Gap bei 44,3 Prozent. Frauen leisteten damit täglich 1 Stunde 19 Minuten mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Die Zahl stammt aus der Zeitverwendungserhebung und ist im Sozialbericht 2024 ausgewertet.
Wie hängen Gender Care Gap und Rente zusammen?+
Unbezahlte Sorgearbeit kostet Zeit, die für Erwerbsarbeit fehlt. Das führt häufiger zu Teilzeit und zu Erwerbsunterbrechungen. Da die gesetzliche Rente an eingezahlte Beiträge gebunden ist, sinken die Rentenansprüche. Bei Frauen ab 65 Jahren liegt die Rentenlücke gegenüber Männern bei 39,4 Prozent.
Wird der Gender Care Gap kleiner?+
Ja. In der Erhebung 2012/13 lag der Wert bei 52,4 Prozent, 2022 bei 44,3 Prozent — ein Rückgang um rund 8 Prozentpunkte. Die Lücke bleibt damit weiterhin groß.
Was zählt alles als unbezahlte Arbeit?+
Dazu gehören Hausarbeit wie Kochen, Putzen, Waschen und Einkaufen, die Betreuung und Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen, Organisations- und Planungsaufgaben im Haushalt sowie freiwilliges Engagement. Gemeinsam ist diesen Tätigkeiten, dass für sie kein Lohn gezahlt wird.
Worin unterscheidet sich der Gender Care Gap vom Gender Pay Gap?+
Der Gender Care Gap misst den Unterschied bei der unbezahlten Arbeit, also bei Haushalt, Betreuung und Pflege. Der Gender Pay Gap misst den Unterschied im Verdienst aus bezahlter Erwerbsarbeit; er betrug 2023 unbereinigt 18 Prozent und bereinigt 6 Prozent.
Werden Kindererziehung und Pflege bei der Rente angerechnet?+
Teilweise ja. Kindererziehungszeiten werden nach § 56 SGB VI als Pflichtbeitragszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung berücksichtigt. Wer eine pflegebedürftige Person nicht erwerbsmäßig im häuslichen Umfeld pflegt, kann bei Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen rentenversicherungspflichtig sein; die Beiträge trägt dann die Pflegekasse. Die genauen Voraussetzungen klärt die Deutsche Rentenversicherung im Einzelfall.