Altersarmut & Geschlecht

Langlebigkeit als Altersarmutsrisiko: Warum Frauen besonders lange und besonders arm werden

Jede vierte verstorbene Frau in Deutschland erreichte ein Alter von 90 Jahren oder mehr. Was nach einem Erfolg klingt, wird fuer viele zur finanziellen Belastung — denn lange Lebenserwartung und niedrige Renten treffen bei Frauen mit besonderer Haeufigkeit zusammen.

Zahlen im Ueberblick

25 %
der verstorbenen Frauen in Deutschland waren 90 Jahre oder aelter (Sterbefallstatistik)
5 Jahre
laengere durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen gegenueber Maennern (83,4 vs. 78,8 Jahre)
ca. 27–30 %
betraegt der Gender Pension Gap — Frauen erhalten im Schnitt deutlich niedrigere Renten als Maenner
ca. 17 %
Altersarmutsgefaehrdungsquote bei Frauen ueber 65 Jahren (EU-SILC)

Ein langer Lebensweg mit kleinem Kapital

Kurz erklaert: Frauen leben laenger als Maenner, haben aber im Schnitt deutlich niedrigere Rentenansprueche. Je laenger die Rentenphase dauert, desto staerker wirkt sich dieses Ungleichgewicht aus — bis hin zur Altersarmut im hohen Alter.

Lange zu leben gilt gemeinhin als Glueck. Doch fuer einen erheblichen Teil der Frauen in Deutschland verbirgt sich dahinter eine stille finanzielle Gefahr. Die Sterbefallstatistik zeigt: Jede vierte Frau, die in Deutschland stirbt, hat das 90. Lebensjahr ueberschritten. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen liegt rund fuenf Jahre ueber der von Maennern — 83,4 gegenueber 78,8 Jahren.

Diese Langlebigkeit waere kein Problem, wenn sie mit ausreichenden Rentenanspruchen einherginge. Das tut sie jedoch haeufig nicht. Der sogenannte Gender Pension Gap — die Differenz zwischen den Rentenanspruechen von Frauen und Maennern — liegt in Deutschland bei rund 27 bis 30 Prozent. Frauen erhalten damit im Schnitt gut ein Viertel weniger Rente als Maenner. Wer laenger lebt und gleichzeitig weniger Rentenansprueche hat, ist ueber einen laengeren Zeitraum auf dieses niedrigere Einkommen angewiesen.

Woher kommen die niedrigeren Rentenansprueche?

Die Rentenhoehe in der gesetzlichen Rentenversicherung haengt direkt von den eingezahlten Beitraegen ab — und die wiederum vom Arbeitseinkommen ueber das gesamte Erwerbsleben. Frauen arbeiten haeufiger in Teilzeit, unterbrechen ihre Berufstaetigkeit fuer Kindererziehung oder die Pflege von Angehoerigen, und sind im Durchschnitt in schlechter bezahlten Branchen und Berufen taetig. Diese Strukturen erzeugen ueber Jahrzehnte hinweg systematisch geringere Rentenansprueche.

Wer zehn Jahre Vollzeit durch zehn Jahre Teilzeit und zwei Jahre Auszeit ersetzt, zahlt nicht nur weniger ein — er verliert auch Karriereschritte, Lohnentwicklung und betriebliche Altersvorsorge. Aus einem individuellen Biograefieentscheid wird so ueber die Jahre ein strukturelles Einkommensdefizit im Alter.

Eckpunkte: Rente und Geschlecht

Gender Pension Gap
Rund 27–30 % niedrigere Rentenansprueche von Frauen gegenueber Maennern
Lebenserwartung Frauen
83,4 Jahre im Durchschnitt (Sterbetafel 2023/25)
Lebenserwartung Maenner
78,8 Jahre im Durchschnitt (Sterbetafel 2023/25)
Altersarmutsrisiko Frauen 65+
Ca. 17 % (EU-SILC-Erhebung)
Anteil Frauen ≥ 90 bei Sterbefaellen
Jede vierte Frau (Destatis-Sterbefallstatistik)

Altersarmutsrisiko ist nicht dasselbe wie Altersarmut

Wenn davon die Rede ist, dass rund 17 Prozent der Frauen ueber 65 Jahren armutsgefaehrdet sind, beschreibt das eine statistische Schwelle: das Armutsrisiko gilt fuer Personen, deren Einkommen unterhalb von 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevoelkerung liegt. Tatsaechliche Armut — also das Fehlen von Mitteln fuer notwendige Ausgaben — kann diese Quote uebertreffen oder unterschreiten, je nach individueller Situation.

Dennoch ist die Kennzahl aussagekraeftig, weil sie zeigt, wie nah Renteneinkunfte an der kritischen Schwelle liegen. Wer als Frau nach langen Jahren Teilzeitarbeit und Erziehungszeiten in Rente geht, hat oft kaum Puffer fuer unerwartete Ausgaben — eine Zahnarztrechnung, ein Geraeteausfall, steigende Nebenkosten.

Das Langlebigkeits-Paradox: Je laenger eine Frau lebt, desto mehr Zeit verbleibt, in der niedrige Rentenansprueche eine Rolle spielen. Wer mit 67 in Rente geht und 95 wird, lebt 28 Jahre von einem Einkommen, das im Schnitt ein Viertel unter dem eines Mannes liegt. Das ist kein kurzzeitiges Risiko, sondern ein langfristiger Lebensabschnitt mit strukturellem Einkommensdefizit.

Sicherungsnetze: Was bleibt, wenn die Rente nicht reicht?

Grundsicherung im Alter

Wenn Renteneinkunfte nicht ausreichen, um den Lebensunterhalt zu sichern, greift die Grundsicherung im Alter nach dem Sozialgesetzbuch XII. Sie soll sicherstellen, dass niemand im Alter in absolute materielle Not geraet. Die Beantragung setzt jedoch voraus, dass Beduerftigkeit nachgewiesen wird und vorhandenes Vermoegen bis auf wenige Freibetraege eingesetzt wird. Viele Anspruchsberechtigte schoepfen diese Leistung nicht aus — aus Unkenntnis oder aus Scheu vor dem Antrag.

Witwenrente als ergaenzende Einkommensquelle

Fuer Frauen, deren Ehepartner verstorben ist, spielt die Witwenrente eine bedeutende Rolle. Sie kann einen Teil der Versorgungsluecke schliessen, die durch die eigene niedrige Rente entsteht. Wie viel sie ausmacht, haengt von den Anspruechen des verstorbenen Partners ab. Mit zunehmender Erwerbstaetigkeit von Frauen und veraenderten Lebensmodellen nimmt ihre relative Bedeutung in juengeren Kohorten tendenziell ab.

Private und betriebliche Altersvorsorge

Wer in Teilzeit arbeitet oder laengere Erwerbsunterbrechungen hatte, hat oft auch weniger Moeglichkeiten — und weniger finanzielle Spielraeume — fuer private oder betriebliche Altersvorsorge. Die Luecke in der gesetzlichen Rente wird dadurch selten vollstaendig ausgeglichen.

Strukturelle Ursachen benoetigen strukturelle Antworten

Die Gleichzeitigkeit von langer Lebenserwartung und niedrigen Rentenanspruechen bei Frauen ist kein Zufall und keine individuelle Fehlentscheidung. Sie ist das Ergebnis von Jahrzehnten, in denen unbezahlte Sorgearbeit, Teilzeitarbeit und strukturelle Lohnungleichheit als normale Biografie galten. Das Rentensystem spiegelt diese Biografie wider — mit allen ihren finanziellen Konsequenzen.

Solange die Erwerbsbiografien von Frauen im Schnitt kuerzere Vollzeitphasen und niedrigere Einkommen aufweisen, werden ihre Rentenansprueche im Schnitt niedriger bleiben als die von Maennern. Und solange Frauen laenger leben, werden sie diese Luecke ueber einen laengeren Zeitraum tragen muessen.

Haeufige Fragen

Warum bekommen Frauen in Deutschland weniger Rente als Maenner?

Die gesetzliche Rente richtet sich nach den eingezahlten Beitraegen, die wiederum vom Arbeitseinkommen abhaengen. Frauen arbeiten haeufiger in Teilzeit, unterbrechen ihre Berufstaetigkeit oefter fuer Kindererziehung oder Pflege und sind im Schnitt in geringer entlohnten Berufsfeldern taetig. All das fuehrt ueber Jahrzehnte zu niedrigeren Rentenanspruechen. Der Gender Pension Gap — also der Unterschied zwischen den Durchschnittsrenten von Maennern und Frauen — liegt in Deutschland bei rund 27 bis 30 Prozent.

Wie haengt die Lebenserwartung mit Altersarmut zusammen?

Wer laenger lebt, ist ueber einen laengeren Zeitraum auf Renteneinkunfte angewiesen. Wenn diese Renteneinkunfte bereits zu Beginn des Ruhestands niedrig sind, verstaerkt sich das Problem mit jedem weiteren Lebensjahr. Eine Frau, die mit 67 in Rente geht und 92 wird, lebt 25 Jahre mit diesem Einkommensniveau — oft ohne Moeglichkeit, durch eigene Arbeit gegenzusteuern. Je hoeher das Lebensalter, desto staerker koennen auch Gesundheitskosten das Budget belasten.

Was ist der Unterschied zwischen Altersarmutsrisiko und Altersarmut?

Das Altersarmutsrisiko ist eine statistische Kennzahl: Als gefaehrdet gilt, wessen Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevoelkerung liegt. Das ist die sogenannte Armutsrisikoschwelle. Ob jemand tatsaechlich in Armut lebt — also nicht in der Lage ist, grundlegende Beduerfnisse zu decken — haengt von weiteren Faktoren ab: Vermoegen, Wohnsituation, Familienunterstuetzung, Gesundheitskosten. Die Quote des Armutsrisikos gibt an, wie viele Menschen in der Naehe dieser Grenze leben, nicht wie viele sich in akuter Not befinden.

Wer hat Anspruch auf Grundsicherung im Alter?

Grundsicherung im Alter nach dem SGB XII erhalten Personen ab der Regelaltersgrenze, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenem Einkommen und Vermoegen bestreiten koennen. Die Leistung ist bedarfsorientiert: Sie schliesst die Luecke zwischen dem, was jemand selbst aufbringen kann, und dem festgelegten Bedarf. Anders als frueheres Sozialhilferecht werden Kinder nicht automatisch zur Zahlung herangezogen, wenn ihr eigenes Einkommen unterhalb einer bestimmten Grenze liegt. Der Antrag wird beim zustaendigen Sozialamt oder Jobcenter gestellt.

Welche Rolle spielt die Witwenrente fuer aeltere Frauen?

Die Witwenrente leitet sich aus den Rentenanspruechen des verstorbenen Ehepartners ab. Fuer viele aeltere Frauen, die selbst nur geringe eigene Ansprueche erworben haben, ist sie eine wichtige Einkommensquelle. Allerdings wird sie auf eigene Renteneinkunfte angerechnet, wenn diese einen Freibetrag uebersteigen. Mit veraenderten Erwerbsbiografien junger Generationen — mehr eigene Rentenansprueche bei Frauen, mehr Patchwork-Lebensmodelle — wird ihre Bedeutung in juengeren Kohorten tendenziell geringer werden.