ARMUTDEUTSCHLAND
Was sie bedeutet

Vermogen & Ungleichheit

Nettovermogen nach Alter in Deutschland: In welcher Lebensphase wird Vermogen aufgebaut?

Vermogen entsteht nicht gleichmassig uber das Leben verteilt. Es folgt einer Kurve — gepragt von Ausbildungszeiten, Berufseinstieg, Immobilienerwerb, Erbschaften und schliesslich dem Verbrauch im Alter.

4 Min. Lesezeit

15–25 T€

Medianes Nettovermogen bei unter 35-Jahrigen

140–170 T€

Hochstwert des Nettovermogens bei 55- bis 64-Jahrigen

300–400 Mrd.

Jahrlich in Deutschland vererbte und verschenkte Euro

uber 18%

Unbereinigter Gender Pay Gap — Hauptgrund fur geringeres Frauenvermogen

Die Vermogenskurve im Uberblick: Von fast null zu einem Hochpunkt bei 55

Kurzantwort: Das mediane Nettovermogen steigt von rund 15.000 bis 25.000 Euro bei unter 35-Jahrigen auf etwa 140.000 bis 170.000 Euro bei 55- bis 64-Jahrigen. Der Hochpunkt liegt kurz vor dem Rentenalter — danach wird Vermogen nach und nach verbraucht.
Medianes Nettovermogen nach Altersgruppe
Unter 35
15.000–25.000 € — Ausbildung, Berufseinstieg
35–44
50.000–70.000 € — Aufbauphase, erste Immobilien
45–54
100.000–130.000 € — Hohepunkt der Karriere, Tilgung
55–64
140.000–170.000 € — Hochstwert, oft Erbschaft in dieser Phase
65+
Leicht rucklaufig — Vermogensverbrauch in der Rente

Diese Zahlen sind Medianwerte — sie beschreiben die Mitte der Bevolkerung, nicht den Durchschnitt, der durch sehr hohe Vermogen nach oben verzerrt wurde. Sie geben ein realistisches Bild der typischen Haushaltssituation — verdecken aber die erhebliche Spreizung innerhalb jeder Gruppe.

Warum junge Haushalte kaum Vermogen haben

Kurzantwort: Ausbildung, Berufseinstieg und teils hohe Mieten lassen wenig Raum fur Vermogensaufbau. Wer unter 35 bereits erhebliches Vermogen hat, hat in der Regel geerbt oder Schenkungen erhalten.

Das niedrige Vermogen junger Erwachsener in Deutschland hat mehrere Ursachen. Erstens dauert die Ausbildungsphase oft lang: Wer nach dem Abitur studiert, startet haufig erst mit 25 bis 27 Jahren ins Berufsleben. Zweitens sind die Mieten in den Jahren des Berufseinstiegs in vielen Stadten hoch. Wer 30 bis 40 Prozent des Einkommens fur Miete aufwendet, hat kaum Spielraum fur systematisches Sparen.

Drittens sind die ersten Berufsjahre oft von Unsicherheit gepragt: befristete Vertrage, wechselnde Arbeitgeber, Umzuge. Das Ergebnis: Wer unter 35 Jahren 50.000 Euro Nettovermogen hat, ist in seiner Altersgruppe bereits verhalnismassig wohlhabend. Und wer 100.000 Euro hat, hat sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht allein angespart.

Die Aufbauphase: 35 bis 54 — wenn Immobilien den Unterschied machen

Kurzantwort: Zwischen 35 und 54 steigt das Nettovermogen am starksten. Wer in dieser Phase eine Immobilie erwirbt, baut gleichzeitig Tilgung auf und profitiert von Wertsteigerungen.

Die mittleren Berufsjahre sind die entscheidende Phase fur den Vermogensaufbau. Einkommen haben sich stabilisiert, Karrieren haben Fahrt aufgenommen, Paare haben sich zusammengetan und Doppeleinkommen erzielt. Wer in dieser Phase eine Immobilie kauft, legt den Grundstein fur das Vermogen, das er oder sie mit 60 haben wird.

Der Mechanismus: Jede monatliche Tilgungsrate ist gleichzeitig Sparen. Nach zwanzig Jahren abbezahlter Hypothek steht ein schuldenfreies Objekt — oft gleichzeitig gestiegen im Wert. Wer dagegen gemietet hat, hat in den gleichen zwanzig Jahren den gleichen Betrag in Mieten bezahlt, aber kein Vermogen aufgebaut. Das erklart, warum Wohneigentum statistisch so eng mit hoherem Vermogen korreliert.

Erbschaften: Wenn Vermogen im mittleren Alter ankommt

Kurzantwort: Viele Menschen erben erst mit 50 oder 55 Jahren, wenn Eltern im Alter von 75 bis 80 versterben. Das Erbe kommt oft zu spat fur den eigenen Vermogensaufbau — aber es kann die Rentenphase erheblich sicherer machen.

In Deutschland werden jahrlich erhebliche Summen vererbt — Schatzungen zufolge zwischen 300 und 400 Milliarden Euro, wenn man alle Erb- und Schenkungsvorgange zusammennimmt. Aber wann kommt dieses Erbe an? Wenn Eltern heute im Schnitt mit 75 bis 80 Jahren versterben, erben die Kinder mit 50 bis 55 Jahren.

Das ist ein Alter, in dem die grossten Ausgaben fur Immobilienkauf und Kinderbetreuung oft bereits hinter einem liegen. Das Erbe kommt zu spat fur den entscheidenden Lebensabschnitt, pragt aber die Rentenphase erheblich. Wer dagegen bereits mit 30 oder 35 Jahren eine Schenkung zu Lebzeiten erhalt, hat einen strukturellen Vorteil gegenuber Gleichaltrigen ohne diese Unterstutzung.

Frauen und Vermogen: Eine unterschatzte Ungleichheit

Kurzantwort: Frauen haben in jeder Altersgruppe im Schnitt weniger Vermogen als Manner. Ursachen sind Lohnlucke, Teilzeitarbeit, unterbrochene Erwerbsbiografien und geringere Rentenanspruche.

Die Vermogensungleichheit zwischen den Geschlechtern ist in Deutschland erheblich. Frauen verdienen im Schnitt weniger als Manner, arbeiten haufiger in Teilzeit, unterbrechen Erwerbsbiografien fur Pflege- oder Erziehungszeiten und sammeln dadurch weniger Rentenanspruche. Das Ergebnis: Frauen haben in jeder Altersgruppe niedrigere Nettovermogen als Manner.

Im Alter wird diese Lucke besonders gefahrlich. Wer weniger Rente bekommt und kein eigenes Immobilienvermogen aufgebaut hat, ist im Rentenalter starker auf Grundsicherung angewiesen. Altersarmut hat in Deutschland ein deutlich weibliches Gesicht.

Generationskonflikt: Boomer contra Millennials

Kurzantwort: Die Boomer-Generation hat in gunstigen Zeiten Vermogen aufgebaut: billige Immobilien, stabile Arbeitsmarkte, gute Renten. Millennials starten unter deutlich schwierigeren Bedingungen.

Wer in den 1970er und 1980er Jahren ins Berufsleben einstieg, hat Immobilien zu einem Bruchteil der heutigen Preise gekauft, profitierte von stabilen Langzeitarbeitsverhalnissen und kann heute von einem Rentensystem profitieren, das auf breiter Beitragsbasis steht.

Wer heute 30 ist, steht vor einem anderen Szenario: Immobilienpreise, die ein Vielfaches des Jahreslohns betragen, einem Arbeitsmarkt mit hohem Befristungsanteil und einem Rentensystem, das fur die eigene Generation weniger grosszugig sein wird. Diese strukturelle Benachteiligung erklart, warum Millennials trotz formal hoher Bildungsabschlusse oft weniger Vermogen aufbauen als ihre Eltern in gleichem Alter.

Häufige Fragen

Wie viel Vermogen sollte man mit 40 haben?+

Eine Faustregel lautet: Das drei- bis funffache des Jahresnettoeinkommens sollte mit Mitte 40 als Vermogen vorhanden sein. In Deutschland liegt das mediane Nettovermogen der Gruppe 35 bis 44 bei etwa 50.000 bis 70.000 Euro.

Warum sinkt das Nettovermogen im Rentenalter?+

Im Rentenalter wird Vermogen verbraucht: fur Lebenshaltungskosten, Pflege, Gesundheitsausgaben oder zur Unterstutzung von Kindern. Wer keine ausreichende Rente hat, muss auf angespartes Vermogen zuruckgreifen. Ausserdem werden Immobilien teils verkauft, wenn das Haus zu gros wird oder Pflegekosten bezahlt werden mussen.

Warum haben Frauen in Deutschland weniger Vermogen als Manner?+

Mehrere Faktoren wirken zusammen: geringere Lohne im Schnitt, haufigere Teilzeitarbeit, Erwerbsunterbrechungen fur Kinder- oder Angehorigenpflege und geringere Rentenanspruche durch diese Lucken. Diese strukturellen Nachteile summieren sich uber ein Berufsleben zu erheblichen Vermogensunterschieden.

Was ist der Unterschied zwischen Durchschnittsvermogen und medianem Vermogen?+

Der Durchschnitt wird durch wenige sehr Reiche stark nach oben gezogen. Der Median teilt die Bevolkerung in zwei Halften: 50 Prozent haben mehr, 50 Prozent weniger. In Deutschland liegt das Durchschnittsvermogen deutlich uber dem Medianvermogen, weil das obere Prozent der Bevolkerung extrem viel Vermogen konzentriert. Der Median ist der bessere Massstab fur die typische Haushaltssituation.

Haben Millennials tatsachlich schlechtere Vermogenschancen als ihre Eltern?+

Strukturell ja: Die Boomer-Generation hat Immobilien in einer Phase erworben, als die Preise deutlich niedriger waren. Heute sind Kaufpreise, Zinslast und Eigenkapitalanforderungen erheblich hoher. Dazu kommt ein Arbeitsmarkt mit mehr Befristungen und eine unsichere Rentenentwicklung.