ARMUTDEUTSCHLAND
Was sie bedeutet

Digitalisierung · Soziale Ungleichheit · Teilhabe

Digitalisierung und soziale Spaltung.
Wer gewinnt — und wer zurückbleibt.

Die Digitalisierung verspricht Fortschritt für alle. Tatsächlich verstärkt sie bestehende Ungleichheiten: beim Homeoffice-Zugang, bei der politischen Partizipation, bei der Exposition gegenüber Hassrede. Wer schon jetzt wenig hat, verliert im digitalen Wandel häufig noch mehr.

Auf einen Blick

  • 21,3 % der Bevölkerung sind 2023 nach dem AROPE-Indikator von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht — von den Einkommensärmsten sogar 79,3 %.
  • Homeoffice-Zugang ist sozial ungleich: 74 % der Beschäftigten mit hohem Homeoffice-Einfluss berichten von gutem Gesundheitszustand — in sozialen Berufen hat über die Hälfte gar keine Wahlmöglichkeit.
  • Digitale Partizipation zeigt stärkere Gruppenunterschiede als traditionelle Beteiligung — Bildung und Einkommen entscheiden über die Qualität der Teilhabe.
  • 27 % der Internetnutzenden begegneten 2023 online Hassrede — ein strukturelles Hindernis für inklusive digitale Demokratie.
  • Weiterbildung und digitale Qualifizierung erreichen die am stärksten betroffenen Gruppen kaum: Nur 17 % der Teilnehmenden wollten sich 2020 mit Digitalisierung am Arbeitsplatz vertraut machen.

Die Digitalisierung ist kein neutraler Prozess. Welche Gruppen von ihr profitieren und welche zusätzlich belastet werden, folgt einer Logik, die eng mit bestehenden Ungleichheiten verknüpft ist: Einkommen, Bildung, Berufsfeld und soziale Lage entscheiden darüber, ob die Transformation neue Chancen eröffnet oder bestehende Nachteile verschärft.

2023 waren 21,3 Prozent der Bevölkerung nach dem AROPE-Indikator von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Von den einkommensärmsten 20 Prozent traf das auf 79,3 Prozent zu. Diese Ausgangslage bildet den Rahmen, in dem digitale Spaltung stattfindet — und in dem die Folgen digitaler Benachteiligung besonders schwer wiegen.

Was digitale Spaltung bedeutet — und was sie nicht ist

Digitale Spaltung wird oft reduziert auf die Frage des Internetzugangs. Wer keinen Anschluss hat, ist ausgeschlossen — wer Anschluss hat, ist dabei. Diese Vereinfachung greift zu kurz.

Tatsächlich zeigen sich Ungleichheiten nicht nur beim physischen Zugang, sondern auch bei der Qualität der Nutzung, bei digitalen Kompetenzen und bei der Fähigkeit, digitale Werkzeuge für Partizipation, Weiterbildung oder wirtschaftliche Teilhabe einzusetzen. Menschen mit niedriger Bildung und niedrigem Einkommen beteiligen sich digital deutlich weniger — und das nicht allein wegen fehlender Geräte oder Verbindungen, sondern wegen fehlender Kenntnisse, Ressourcen und Erfahrung.

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zur traditionellen politischen Beteiligung: Digitale Partizipation zeigt stärkere Gruppenunterschiede als etwa die Wahlbeteiligung oder die Mitgliedschaft in Vereinen. Im Netz sind soziale Herkunft und Bildungsniveau noch stärker dafür entscheidend, ob jemand aktiv teilnimmt oder passiv konsumiert.

Kurzantwort: Digitale Spaltung beginnt nicht erst beim fehlenden Internetzugang. Sie setzt sich fort in der Qualität der Nutzung, in Kompetenzgefällen und in der digitalen Partizipation — und trifft bildungsarme und einkommensschwache Gruppen am stärksten.

Wer profitiert: Homeoffice als Gesundheits- und Wohlstandsprivileg

Homeoffice ist eine der sichtbarsten Trennlinien, entlang derer digitale Möglichkeiten ungleich verteilt sind. Der Zugang zu mobiler Arbeit ist kein technisches, sondern in erster Linie ein strukturelles Problem: Er hängt vom Berufsfeld ab, und das Berufsfeld hängt vom Bildungsabschluss und vom Einkommen ab.

Wer von zuhause aus arbeiten kann, profitiert auf mehreren Ebenen gleichzeitig: weniger Pendelzeit, flexiblere Tagesgestaltung, geringere Infektionsrisiken und — das belegen die Daten — bessere Gesundheit. 74 Prozent der Beschäftigten mit hohem Einfluss auf ihre Homeoffice-Tage gaben 2023 an, in einem guten Gesundheitszustand zu sein. Das ist kein Zufall: Selbstbestimmung über die Arbeitssituation korreliert mit geringerer psychischer Belastung, besserer Schlafqualität und weniger körperlichen Beschwerden.

Homeoffice-Zugang nach Berufsgruppe (2023)

Anteil der Beschäftigten mit wenig oder keinem Einfluss auf Homeoffice-Tage

0 %25 %50 %75 %100 %Soziale/kulturelle Berufe62 %Soziale Dienstleistungen48 %Büro-/Wissensberufe18 %

Destatis / BAuA Arbeitszeitbefragung 2023. Soziale Dienstleistungsberufe: bis zu 1 Tag/Woche Homeoffice bei 48 %.

Für Beschäftigte in sozialen, pädagogischen und kulturellen Berufen sieht die Realität grundlegend anders aus. 62 Prozent von ihnen haben wenig oder keinen Einfluss darauf, an welchen Tagen sie von zuhause arbeiten. In sozialen Dienstleistungsberufen arbeiteten 2023 rund 48 Prozent bis zu einem Tag pro Woche von zuhause — für die meisten war das die Obergrenze, und nicht selten eine Ausnahme.

Das bedeutet: Wer in systemrelevanten, personenbezogenen Berufen arbeitet — in der Pflege, in Kitas, in Beratungsstellen, in kulturellen Einrichtungen —, trägt höhere körperliche Belastungen, hat weniger Flexibilität und profitiert nicht von den Gesundheitsvorteilen, die mobiles Arbeiten mit sich bringt. Diese Berufsgruppen werden zugleich unterdurchschnittlich entlohnt. Digitalisierung hat ihre Arbeit nicht leichter gemacht — sie hat die Sichtbarkeit ihrer strukturellen Benachteiligung nur erhöht.

Kurzantwort: 74 % der Beschäftigten mit hohem Homeoffice-Einfluss berichten von gutem Gesundheitszustand. Aber 62 % der Beschäftigten in sozialen und kulturellen Berufen haben kaum Einfluss auf Homeoffice — und profitieren entsprechend nicht von diesen Vorteilen.

Wer verliert: Arme Gruppen ohne digitalen Zugang

Materielle Entbehrung und digitale Ausgrenzung verstärken sich gegenseitig. Im dritten Einkommensquintil — dem mittleren Fünftel der Einkommensverteilung — lebten 2023 4,4 Prozent der Menschen in materieller Entbehrung. Im zweiten Quintil, also im unteren Mittelfeld, waren es bereits 9,3 Prozent. Wer materiell entbehrt, hat schlechteren Zugang zu digitalen Geräten, stabilem Internet und geeigneten Räumen für digitale Arbeit oder Lernen.

Diese Entbehrungslagen treffen Familien besonders hart. Schülerinnen und Schüler aus einkommensschwachen Haushalten haben seltener einen eigenen Computer, seltener ein ruhiges Arbeitszimmer und seltener elterliche Unterstützung bei der Nutzung digitaler Lernangebote. Der Digitalisierungsschub in Schulen hat Bildungsungleichheit nicht verringert — in vielen Fällen hat er sie durch bessere Sichtbarkeit von Ausstattungsunterschieden schärfer hervortreten lassen.

Besonders betroffen sind ältere Menschen, die digital kaum oder gar nicht erreicht werden. Behörden, Krankenkassen, Banken und Versorgungseinrichtungen verlagern Prozesse zunehmend ins Digitale — ohne ausreichende Alternativen für Menschen, die nicht oder kaum online sind. Wer kein Smartphone bedienen kann, scheitert heute an Formularen, Terminbuchungen und Informationszugängen, die früher analog zugänglich waren.

Hinzu kommen 13 Minuten weniger Zeit, die Menschen 2022 im Vergleich zu 2012/13 im Schnitt täglich für Erwerbstätigkeit und Bildung aufwendeten. Dieser Rückgang klingt gering — er spiegelt aber gesellschaftliche Verschiebungen, bei denen einkommensschwache Gruppen weniger in Weiterbildung investieren (können), während gut qualifizierte Personen digitale Weiterbildungsangebote stärker nutzen.

Kurzantwort: Materielle Entbehrung und digitale Ausgrenzung verstärken sich gegenseitig. Im zweiten Einkommensquintil leben 9,3 % in Entbehrung — mit direkten Folgen für Gerätezugang, Lernbedingungen und den Anschluss an eine zunehmend digitale Versorgungsinfrastruktur.

Digitale Partizipation und Demokratie

Digitale Öffentlichkeiten gelten als Chance für mehr demokratische Beteiligung. Die Realität ist komplexer. Frauen sind bei öffentlich sichtbaren Aktivitäten — Inhalte teilen, kommentieren, in sozialen Netzwerken aktiv auftreten — deutlich unterrepräsentiert. Auch Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer formaler Bildung beteiligen sich digital weniger an politischen Diskursen.

Das ist kein reines Kompetenzproblem. Es ist auch ein Sicherheitsproblem. 27 Prozent der Internetnutzenden begegneten im ersten Quartal 2023 online Hassrede. Von jenen, die selbst Ziel von Angriffen wurden, gaben 79 Prozent an, wegen ihrer politischen oder gesellschaftlichen Ansichten angegriffen worden zu sein. Hassrede wirkt als Abschreckungsmittel: Sie hält Menschen aus digitalen Debatten heraus — und das trifft überproportional jene, die ohnehin weniger Ressourcen haben, sich zu schützen und weiterzumachen.

Die Folge ist eine Verschiebung digitaler Öffentlichkeiten: Wer laut ist, bestimmt den Diskurs. Wer schweigt — aus Angst vor Anfeindungen, aus fehlender Kompetenz, aus materiellem Desinteresse an einer Welt, die sich digital abspielt — hat weniger Einfluss. Das betrifft nicht nur politische Partizipation im engeren Sinne. Es betrifft Konsumentenmacht, Netzwerke, Sichtbarkeit auf dem Arbeitsmarkt und Zugang zu Informationen.

Kurzantwort: 27 % der Internetnutzenden nahmen 2023 Hassrede wahr — 79 % der Betroffenen wurden wegen politischer oder gesellschaftlicher Ansichten angegriffen. Hassrede wirkt als strukturelles Ausschlusshindernis und trifft vulnerable Gruppen besonders hart.

Was jetzt nötig ist

Digitale Spaltung ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen — oder des Ausbleibens von Entscheidungen. Wirksame Gegenmaßnahmen setzen auf mehreren Ebenen an.

Beim Zugang geht es um mehr als Breitbandausbau. Öffentliche Bibliotheken, Bürgerservicestellen und Sozialeinrichtungen müssen als digitale Zugangspunkte gestärkt werden — mit Geräten, Beratung und niedrigschwelligen Kursangeboten. Haushalte mit Kindern in Entbehrungslagen brauchen zuverlässigen Gerätezugang, damit Schule und Bildung nicht daran scheitern.

Bei der Qualifizierung braucht es eine Weiterbildungsförderung, die Beschäftigte in systemrelevanten Berufen aktiv erreicht — nicht nur jene, die ohnehin digital affin sind und Zugang zu Kursangeboten haben. Nur 17 Prozent der Weiterbildungsteilnehmenden wollten sich 2020 mit der Digitalisierung der Arbeit vertraut machen. Das zeigt: Weiterbildung und digitale Transformation sind noch nicht zusammengedacht.

Bei der Plattformregulierung braucht es konsequente Maßnahmen gegen Hassrede — nicht nur im Sinne des Plattformschutzes, sondern als demokratische Infrastrukturaufgabe. Wer Menschen durch Anfeindungen aus digitalen Öffentlichkeiten verdrängt, beschädigt politische Teilhabe. Das betrifft soziale Teilhabe ebenso wie Bildungsarmut und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie kann Einkommensungleichheit verringern — wenn digitale Werkzeuge gezielt für Aufstiegschancen, Weiterbildung und politische Teilhabe niedrigschwellig zugänglich gemacht werden. Sie kann sie aber auch vertiefen, wenn der Zugang und die Qualität der Nutzung weiterhin entlang der bestehenden sozialen Hierarchien verlaufen. Welchen Weg Deutschland geht, ist eine politische Entscheidung.

Kurzantwort: Digitale Spaltung erfordert Maßnahmen auf drei Ebenen: Zugang (Geräte, öffentliche Zugangspunkte), Qualifizierung (Weiterbildung für systemrelevante Berufe) und Plattformregulierung (Hassredeschutz als demokratische Infrastrukturaufgabe).

Quellenangabe

Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.

Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 (dl-de/by-2-0)

Weitere Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), EU-SILC — Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen, Mikrozensus 2023, BAuA Arbeitszeitbefragung 2023, Statista Digital Report, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), BMAS, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)

Stand: 2024

Häufige Fragen

Was ist digitale Spaltung und wen betrifft sie am stärksten?+

Digitale Spaltung beschreibt Ungleichheiten beim Zugang zu digitalen Technologien und bei der Fähigkeit, sie effektiv zu nutzen. Am stärksten betroffen sind Menschen mit niedrigem Einkommen, geringer formaler Bildung und ältere Bevölkerungsgruppen. Studien zeigen, dass die digitale Beteiligung in diesen Gruppen deutlich geringer ausfällt als bei gut verdienenden, hochqualifizierten Personen — sowohl beim reinen Internetzugang als auch bei der Qualität der Nutzung.

Warum ist der Zugang zu Homeoffice sozial so ungleich verteilt?+

Homeoffice setzt einen Berufstyp voraus, der Büro- oder Wissensarbeit ermöglicht. Soziale Dienstleistungsberufe, Pflegeberufe, handwerkliche Tätigkeiten und körperlich-manuelle Arbeit sind strukturell nicht homeoffice-fähig. Da diese Berufsgruppen überproportional von Personen mit niedrigerem Einkommen und geringerer formaler Bildung ausgeübt werden, entsteht eine doppelte Benachteiligung: kein Homeoffice-Zugang und gleichzeitig die höchste Exposition gegenüber Gesundheitsrisiken und Entgelteinbußen.

Was hat Hassrede im Netz mit sozialer Spaltung zu tun?+

Hassrede trifft Menschen ungleich. 79 % der Betroffenen berichten von Angriffen aufgrund politischer oder gesellschaftlicher Ansichten — das schränkt die demokratische Beteiligung sozial schwächerer Gruppen ein, die sich seltener in digitalen Öffentlichkeiten äußern. Digitale Plattformen können soziale Teilhabe nicht nur ermöglichen, sondern durch Hassrede und Diskriminierung auch aktiv verhindern.

Wie hängen Weiterbildung und digitale Spaltung zusammen?+

Wer bereits digital benachteiligt ist, kommt auch bei der digitalen Weiterbildung zu kurz. Nur 17 % der Weiterbildungsteilnehmenden (18–64 Jahre) wollten sich 2020 mit der Digitalisierung der Arbeit vertraut machen — obwohl der Transformationsdruck auf Beschäftigte immens gestiegen ist. Menschen ohne digitale Grundkenntnisse haben schlechtere Voraussetzungen, entsprechende Weiterbildungen zu finden, zu verstehen oder zu finanzieren.

Was sind konkrete Maßnahmen gegen digitale Ausgrenzung?+

Wirksame Maßnahmen umfassen den flächendeckenden Ausbau von Breitbandinternet und Mobilfunk, öffentliche Bibliotheken als digitale Zugangspunkte, niedrigschwellige Digitalkompetenzkurse für ältere und einkommensschwache Personen sowie die Förderung von Geräten für Haushalte mit Kindern. Darüber hinaus braucht es Plattformregulierung, die Hassrede bekämpft und inklusive Beteiligung schützt. Weiterbildungsförderung muss stärker auf Beschäftigte in systemrelevanten, aber digital ausgegrenzten Berufen ausgerichtet werden.