Die Digitalisierung ist kein neutraler Prozess. Welche Gruppen von ihr profitieren und welche zusätzlich belastet werden, folgt einer Logik, die eng mit bestehenden Ungleichheiten verknüpft ist: Einkommen, Bildung, Berufsfeld und soziale Lage entscheiden darüber, ob die Transformation neue Chancen eröffnet oder bestehende Nachteile verschärft.
2023 waren 21,3 Prozent der Bevölkerung nach dem AROPE-Indikator von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Von den einkommensärmsten 20 Prozent traf das auf 79,3 Prozent zu. Diese Ausgangslage bildet den Rahmen, in dem digitale Spaltung stattfindet — und in dem die Folgen digitaler Benachteiligung besonders schwer wiegen.
Was digitale Spaltung bedeutet — und was sie nicht ist
Digitale Spaltung wird oft reduziert auf die Frage des Internetzugangs. Wer keinen Anschluss hat, ist ausgeschlossen — wer Anschluss hat, ist dabei. Diese Vereinfachung greift zu kurz.
Tatsächlich zeigen sich Ungleichheiten nicht nur beim physischen Zugang, sondern auch bei der Qualität der Nutzung, bei digitalen Kompetenzen und bei der Fähigkeit, digitale Werkzeuge für Partizipation, Weiterbildung oder wirtschaftliche Teilhabe einzusetzen. Menschen mit niedriger Bildung und niedrigem Einkommen beteiligen sich digital deutlich weniger — und das nicht allein wegen fehlender Geräte oder Verbindungen, sondern wegen fehlender Kenntnisse, Ressourcen und Erfahrung.
Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zur traditionellen politischen Beteiligung: Digitale Partizipation zeigt stärkere Gruppenunterschiede als etwa die Wahlbeteiligung oder die Mitgliedschaft in Vereinen. Im Netz sind soziale Herkunft und Bildungsniveau noch stärker dafür entscheidend, ob jemand aktiv teilnimmt oder passiv konsumiert.
Wer profitiert: Homeoffice als Gesundheits- und Wohlstandsprivileg
Homeoffice ist eine der sichtbarsten Trennlinien, entlang derer digitale Möglichkeiten ungleich verteilt sind. Der Zugang zu mobiler Arbeit ist kein technisches, sondern in erster Linie ein strukturelles Problem: Er hängt vom Berufsfeld ab, und das Berufsfeld hängt vom Bildungsabschluss und vom Einkommen ab.
Wer von zuhause aus arbeiten kann, profitiert auf mehreren Ebenen gleichzeitig: weniger Pendelzeit, flexiblere Tagesgestaltung, geringere Infektionsrisiken und — das belegen die Daten — bessere Gesundheit. 74 Prozent der Beschäftigten mit hohem Einfluss auf ihre Homeoffice-Tage gaben 2023 an, in einem guten Gesundheitszustand zu sein. Das ist kein Zufall: Selbstbestimmung über die Arbeitssituation korreliert mit geringerer psychischer Belastung, besserer Schlafqualität und weniger körperlichen Beschwerden.
Homeoffice-Zugang nach Berufsgruppe (2023)
Anteil der Beschäftigten mit wenig oder keinem Einfluss auf Homeoffice-Tage
Destatis / BAuA Arbeitszeitbefragung 2023. Soziale Dienstleistungsberufe: bis zu 1 Tag/Woche Homeoffice bei 48 %.
Für Beschäftigte in sozialen, pädagogischen und kulturellen Berufen sieht die Realität grundlegend anders aus. 62 Prozent von ihnen haben wenig oder keinen Einfluss darauf, an welchen Tagen sie von zuhause arbeiten. In sozialen Dienstleistungsberufen arbeiteten 2023 rund 48 Prozent bis zu einem Tag pro Woche von zuhause — für die meisten war das die Obergrenze, und nicht selten eine Ausnahme.
Das bedeutet: Wer in systemrelevanten, personenbezogenen Berufen arbeitet — in der Pflege, in Kitas, in Beratungsstellen, in kulturellen Einrichtungen —, trägt höhere körperliche Belastungen, hat weniger Flexibilität und profitiert nicht von den Gesundheitsvorteilen, die mobiles Arbeiten mit sich bringt. Diese Berufsgruppen werden zugleich unterdurchschnittlich entlohnt. Digitalisierung hat ihre Arbeit nicht leichter gemacht — sie hat die Sichtbarkeit ihrer strukturellen Benachteiligung nur erhöht.
Wer verliert: Arme Gruppen ohne digitalen Zugang
Materielle Entbehrung und digitale Ausgrenzung verstärken sich gegenseitig. Im dritten Einkommensquintil — dem mittleren Fünftel der Einkommensverteilung — lebten 2023 4,4 Prozent der Menschen in materieller Entbehrung. Im zweiten Quintil, also im unteren Mittelfeld, waren es bereits 9,3 Prozent. Wer materiell entbehrt, hat schlechteren Zugang zu digitalen Geräten, stabilem Internet und geeigneten Räumen für digitale Arbeit oder Lernen.
Diese Entbehrungslagen treffen Familien besonders hart. Schülerinnen und Schüler aus einkommensschwachen Haushalten haben seltener einen eigenen Computer, seltener ein ruhiges Arbeitszimmer und seltener elterliche Unterstützung bei der Nutzung digitaler Lernangebote. Der Digitalisierungsschub in Schulen hat Bildungsungleichheit nicht verringert — in vielen Fällen hat er sie durch bessere Sichtbarkeit von Ausstattungsunterschieden schärfer hervortreten lassen.
Besonders betroffen sind ältere Menschen, die digital kaum oder gar nicht erreicht werden. Behörden, Krankenkassen, Banken und Versorgungseinrichtungen verlagern Prozesse zunehmend ins Digitale — ohne ausreichende Alternativen für Menschen, die nicht oder kaum online sind. Wer kein Smartphone bedienen kann, scheitert heute an Formularen, Terminbuchungen und Informationszugängen, die früher analog zugänglich waren.
Hinzu kommen 13 Minuten weniger Zeit, die Menschen 2022 im Vergleich zu 2012/13 im Schnitt täglich für Erwerbstätigkeit und Bildung aufwendeten. Dieser Rückgang klingt gering — er spiegelt aber gesellschaftliche Verschiebungen, bei denen einkommensschwache Gruppen weniger in Weiterbildung investieren (können), während gut qualifizierte Personen digitale Weiterbildungsangebote stärker nutzen.
Digitale Partizipation und Demokratie
Digitale Öffentlichkeiten gelten als Chance für mehr demokratische Beteiligung. Die Realität ist komplexer. Frauen sind bei öffentlich sichtbaren Aktivitäten — Inhalte teilen, kommentieren, in sozialen Netzwerken aktiv auftreten — deutlich unterrepräsentiert. Auch Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer formaler Bildung beteiligen sich digital weniger an politischen Diskursen.
Das ist kein reines Kompetenzproblem. Es ist auch ein Sicherheitsproblem. 27 Prozent der Internetnutzenden begegneten im ersten Quartal 2023 online Hassrede. Von jenen, die selbst Ziel von Angriffen wurden, gaben 79 Prozent an, wegen ihrer politischen oder gesellschaftlichen Ansichten angegriffen worden zu sein. Hassrede wirkt als Abschreckungsmittel: Sie hält Menschen aus digitalen Debatten heraus — und das trifft überproportional jene, die ohnehin weniger Ressourcen haben, sich zu schützen und weiterzumachen.
Die Folge ist eine Verschiebung digitaler Öffentlichkeiten: Wer laut ist, bestimmt den Diskurs. Wer schweigt — aus Angst vor Anfeindungen, aus fehlender Kompetenz, aus materiellem Desinteresse an einer Welt, die sich digital abspielt — hat weniger Einfluss. Das betrifft nicht nur politische Partizipation im engeren Sinne. Es betrifft Konsumentenmacht, Netzwerke, Sichtbarkeit auf dem Arbeitsmarkt und Zugang zu Informationen.
Was jetzt nötig ist
Digitale Spaltung ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen — oder des Ausbleibens von Entscheidungen. Wirksame Gegenmaßnahmen setzen auf mehreren Ebenen an.
Beim Zugang geht es um mehr als Breitbandausbau. Öffentliche Bibliotheken, Bürgerservicestellen und Sozialeinrichtungen müssen als digitale Zugangspunkte gestärkt werden — mit Geräten, Beratung und niedrigschwelligen Kursangeboten. Haushalte mit Kindern in Entbehrungslagen brauchen zuverlässigen Gerätezugang, damit Schule und Bildung nicht daran scheitern.
Bei der Qualifizierung braucht es eine Weiterbildungsförderung, die Beschäftigte in systemrelevanten Berufen aktiv erreicht — nicht nur jene, die ohnehin digital affin sind und Zugang zu Kursangeboten haben. Nur 17 Prozent der Weiterbildungsteilnehmenden wollten sich 2020 mit der Digitalisierung der Arbeit vertraut machen. Das zeigt: Weiterbildung und digitale Transformation sind noch nicht zusammengedacht.
Bei der Plattformregulierung braucht es konsequente Maßnahmen gegen Hassrede — nicht nur im Sinne des Plattformschutzes, sondern als demokratische Infrastrukturaufgabe. Wer Menschen durch Anfeindungen aus digitalen Öffentlichkeiten verdrängt, beschädigt politische Teilhabe. Das betrifft soziale Teilhabe ebenso wie Bildungsarmut und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie kann Einkommensungleichheit verringern — wenn digitale Werkzeuge gezielt für Aufstiegschancen, Weiterbildung und politische Teilhabe niedrigschwellig zugänglich gemacht werden. Sie kann sie aber auch vertiefen, wenn der Zugang und die Qualität der Nutzung weiterhin entlang der bestehenden sozialen Hierarchien verlaufen. Welchen Weg Deutschland geht, ist eine politische Entscheidung.
Quellenangabe
Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.
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Weitere Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), EU-SILC — Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen, Mikrozensus 2023, BAuA Arbeitszeitbefragung 2023, Statista Digital Report, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), BMAS, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
Stand: 2024