Wissenschaft & Gleichstellung

Frauen in Promotionen und Habilitationen: Wo stehen Frauen auf der akademischen Karriereleiter?

Rund 45 Prozent der Promotionen gehen an Frauen — doch schon bei der Habilitation sinkt dieser Anteil auf 34 Prozent, und auf Professuren kommen Frauen nur auf 28 Prozent. Dieses Phänomen hat einen Namen: leaky pipeline. Was steckt dahinter, und warum bleibt es trotz jahrzehntelanger Gleichstellungsbemühungen so hartnäckig?

Schlüsselzahlen

~45 %
Frauenanteil bei Promotionen (2022) — annähernd paritätisch
~34 %
Frauenanteil bei Habilitationen — Schere öffnet sich deutlich
~28 %
Professorinnenanteil (2022) — steigend, aber weit von Parität entfernt
35,3 %
Frauen an Bundesgerichten — auch in der Justiz unterrepräsentiert
MINT
Besonders stark unterrepräsentiert in Spitzenpositionen trotz Fördermaßnahmen

Was zeigen die Zahlen — und was bedeuten sie?

Kurzantwort: Bei Promotionen sind Frauen in Deutschland inzwischen annähernd gleichauf mit Männern. Bei der Habilitation — der nächsten Karrierestufe — sinkt ihr Anteil auf rund 34 Prozent. Auf Professuren kommen Frauen auf etwa 28 Prozent. An jeder Stufe verlassen mehr Frauen die akademische Laufbahn, als es ihr zahlenmäßiger Anteil erwarten ließe.

Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte ist eine Geschichte des schrittweisen Aufholens. Noch in den 1970er-Jahren war die Hochschule als Berufswelt für Frauen weitgehend verschlossen. Seitdem sind die Anteile von Frauen unter Studierenden, Absolventinnen und Promovierten stetig gestiegen, und inzwischen ist die Promotion — traditionell das erste Qualifikationsziel nach dem Studienabschluss — zu einem Terrain geworden, auf dem Frauen nahezu gleichberechtigt vertreten sind.

Doch dieser Befund täuscht über den Rest hinweg. Jenseits der Promotion öffnet sich eine Schere, die sich mit jeder weiteren Karrierestufe verbreitert. Bei der Habilitation — der förmlichen Qualifikation für eine Professur — liegt der Frauenanteil bei rund 34 Prozent. Bei den Professorinnen sind es etwa 28 Prozent. An den Spitzenpositionen der Wissenschaft, den C4- und W3-Professuren, ist der Anteil noch niedriger.

Studienabschluss
~52 %
Promotion
~45 %
Habilitation
~34 %
Professur (gesamt)
~28 %

Diese Visualisierung macht das Muster anschaulich: Der Anteil von Frauen sinkt mit jeder Karrierestufe. Dieses Phänomen hat in der Wissenschaftsforschung einen eigenen Begriff: die leaky pipeline — die durchlöcherte Leitung, aus der Frauen an jeder Stufe des akademischen Systems herausfallen.

Was ist die leaky pipeline — und warum ist sie so hartnäckig?

Kurzantwort: Die leaky pipeline beschreibt, dass Frauen mit jeder Karrierestufe in der Wissenschaft seltener werden — nicht weil sie schlechter qualifiziert sind, sondern weil strukturelle Bedingungen und informelle Mechanismen sie systematisch benachteiligen. Diese Bedingungen sind seit Jahrzehnten bekannt und werden von vielen Hochschulen bearbeitet — dennoch bleibt der Wandel langsam.

Wäre die geringere Repräsentation von Frauen in hohen Wissenschaftspositionen eine Frage der Kompetenz, müsste sich das bereits früh in der Karriere zeigen. Das Gegenteil ist der Fall: Frauen schließen Studiengänge häufig mit besseren Noten ab als Männer, promovieren in ähnlichem Tempo und publizieren in manchen Fächern genauso produktiv. Der Schwund setzt an anderen Stellen an.

Care-Arbeit als strukturelle Bremse

Die Phase zwischen Promotion und Habilitation fällt zeitlich häufig mit der Familiengründung zusammen. Für Frauen bedeutet das in der Praxis: Sie tragen einen überproportionalen Anteil der Kinderbetreuung und der Haushaltsverantwortung — unbezahlte Arbeit, die Zeit und Energie kostet, ohne in Lebensläufen sichtbar zu sein. Wer in dieser Phase eine Karriere in der Wissenschaft verfolgen will, braucht entweder ein außergewöhnlich unterstützendes Umfeld oder außergewöhnliche Ausdauer.

Das Modell der akademischen Karriere — befristete Stellen, internationale Mobilität als Selbstverständlichkeit, ständige Verfügbarkeit für Konferenzen und Netzwerkveranstaltungen — ist nicht auf Menschen ausgelegt, die nebenbei Betreuungsverantwortung tragen. Da diese Verantwortung gesellschaftlich überwiegend Frauen zugewiesen wird, trifft dieses Modell Frauen strukturell härter.

Netzwerke und Bias in Berufungsverfahren

Berufungsverfahren auf Professuren sind formal aufwendig und sollen Objektivität gewährleisten. In der Praxis spielen informelle Netzwerke, Empfehlungen und Bekanntheit eine erhebliche Rolle. Wer in den entscheidenden Jahren seiner Karriere gut vernetzt ist, gut sichtbar ist und in den richtigen Kreisen wahrgenommen wird, hat Vorteile.

Frauen sind in diesen informellen Netzwerken häufig schlechter eingebunden — sei es, weil Netzwerkveranstaltungen in Zeiten stattfinden, die mit Betreuungspflichten kollidieren, sei es, weil Mentoring und Förderung in vielen Fächern überwiegend männliche Nachwuchswissenschaftler bevorzugen. Dazu kommen Befunde aus der Bias-Forschung: In Bewerbungsverfahren werden Frauen bei gleicher Qualifikation in bestimmten Kontexten schlechter bewertet als Männer.

MINT und die besondere Herausforderung technischer Fächer

Kurzantwort: In Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaften (MINT) sind Frauen bereits unter Studienanfängern unterrepräsentiert. In Führungs- und Spitzenpositionen dieser Fächer ist die Unterrepräsentation trotz jahrzehntelanger Förderprogramme kaum geringer geworden. Das liegt nicht an mangelndem Talent, sondern an früh wirkenden sozialen Erwartungen und fehlenden Vorbildern.

MINT-Fächer gelten als besonders hartnäckig, was die Gleichstellung betrifft. Der Mangel an Frauen beginnt nicht erst auf Professoren-Ebene, sondern schon früher — bei der Studienwahl, bei Ausbildungsentscheidungen, bei der schulischen Orientierung. Gesellschaftliche Bilder, was "weibliche" und "männliche" Berufe sind, wirken früh und prägen die Berufswahl oft stärker als individuelles Interesse oder Talent.

Viele Hochschulen und Unternehmen haben Programme aufgelegt, um Mädchen und Frauen für MINT zu begeistern — Schnupperkurse, Mentoringprogramme, Girls-Days. Die Wirkung bleibt bisher begrenzt. Solange die strukturellen Rahmenbedingungen nicht verändert werden und das gesellschaftliche Bild von Frauen in Technikberufen dasselbe bleibt, stoßen punktuelle Maßnahmen an ihre Grenzen.

Wissenschaft und Vereinbarkeit: Ein Modell, das Familien bestraft

Kurzantwort: Die akademische Karriere ist in Deutschland strukturell auf Personen ohne ausgeprägte Betreuungsverantwortung ausgelegt: befristete Stellen ohne Planungssicherheit, Erwartung internationaler Mobilität, intensive Präsenzpflichten. Wer Kinder hat oder pflegen muss, kommt darin schwerer voran — und da das überwiegend Frauen betrifft, ist das Modell de facto diskriminierend.

Eine Professur in Deutschland setzt typischerweise eine Promotion, eine Habilitation oder eine Junior-Professur sowie Auslandserfahrung, mehrere Publikationen in renommierten Zeitschriften und mehrere Jahre postdoktorale Tätigkeit voraus. Die meisten dieser Anforderungen lassen sich nur unter der Bedingung erfüllen, dass man dauerhaft mobil, zeitlich flexibel und beruflich voll verfügbar ist.

Das Wissenschaftssystem belohnt einen bestimmten Typ von Karriere: linear, ohne Lücken, international, mit hoher Sichtbarkeit. Pausen für Kinderbetreuung, Reduktion der Stunden für Pflege oder Entscheidungen, die die Familie vor die Karriere stellen, werden in diesem System de facto sanktioniert — nicht durch explizite Regeln, sondern durch das, was zählt und was nicht.

Befristung als Dauerproblem

Ein besonderes Problem ist der hohe Anteil befristeter Stellen im deutschen Wissenschaftssystem. Unterhalb der Professur arbeitet die überwiegende Mehrheit des wissenschaftlichen Personals auf Zeitverträgen — häufig mit kurzen Laufzeiten und wenig Planungssicherheit. Das macht Familienplanung strukturell schwierig: Wer nicht weiß, ob und wo die eigene Stelle in zwei Jahren verlängert wird, kann kaum seriös planen, ob und wann Kinder möglich sind.

Für Frauen wiegen diese Unsicherheiten besonders schwer, weil sie häufiger denjenigen Teil eines Paares darstellen, der im Zweifel Berufsabstriche macht. Die kumulative Wirkung dieser Entscheidungen — jede für sich verständlich, in der Summe karrieredämpfend — erklärt einen erheblichen Teil der statistischen Schere.

Gleichstellungspläne: Politisch gewollt, langsam umgesetzt

Kurzantwort: Hochschulen sind verpflichtet, Gleichstellungspläne aufzustellen und Ziele für die Erhöhung des Professorinnenanteils zu formulieren. Die Umsetzung bleibt uneinheitlich — viele Pläne beschreiben Ziele, ohne die strukturellen Bedingungen zu verändern, die Frauen aufhalten.

Gleichstellungspolitik an Hochschulen ist in Deutschland rechtlich verankert. Hochschulen müssen Gleichstellungsbeauftragte einsetzen, Gleichstellungspläne aufstellen und bei Berufungsverfahren aktiv auf Geschlechtergerechtigkeit achten. Das Professorinnenprogramm des Bundes hat zusätzliche Stellen für Frauen an Hochschulen gefördert und finanzielle Anreize geschaffen.

Dennoch bleibt der Fortschritt langsam. Das liegt nicht daran, dass der politische Wille fehlt, sondern daran, dass formale Maßnahmen allein die informellen Mechanismen nicht aufheben. Netzwerke, Bias in Bewerbungsverfahren und strukturelle Benachteiligungen durch das Zeitvertragsmodell lassen sich durch Gleichstellungspläne nicht weg-beschließen.

Instrumente der Gleichstellungspolitik an Hochschulen
Gleichstellungsbeauftragte
Pflichtposition an allen Hochschulen, beratend und kontrollierend
Professorinnenprogramm
Bundesförderung für Erstberufungen von Frauen auf Professuren
Kaskadenmodell
Zielquoten auf jeder Karrierestufe orientiert am nächstunteren Frauenanteil
Dual-Career-Services
Unterstützung für Partner bei Neuberufungen, um Mobilität zu erleichtern

Jenseits der Universität: Frauen in der Justiz

Kurzantwort: Die Unterrepräsentation von Frauen in Spitzenpositionen beschränkt sich nicht auf die Wissenschaft. Auch in der Justiz sind Frauen auf den höchsten Ebenen deutlich seltener: An Bundesgerichten liegt der Frauenanteil bei rund 35 Prozent, an Landesgerichten bei rund 30 Prozent. Das Muster ist über gesellschaftliche Institutionen hinweg ähnlich.

Was die Wissenschaft zeigt, findet sich in ähnlicher Form in anderen gesellschaftlichen Bereichen. In der Justiz sind Frauen auf den unteren Ebenen inzwischen stark vertreten — Jurastudiengänge haben längst weibliche Mehrheiten. An den Spitzenpositionen — Bundesrichterinnen, Präsidentinnen von Oberverwaltungsgerichten — ist der Frauenanteil deutlich geringer.

Das verweist darauf, dass die leaky pipeline kein akademisches Sonderproblem ist. Sie beschreibt ein breiteres gesellschaftliches Muster: Je höher eine Position, desto weniger Frauen. Die Gründe sind je nach Sektor unterschiedlich gewichtet — aber die Grundmechanismen, Care-Arbeit, Netzwerkbenachteiligung und informelle Bias, kehren überall wieder.

Tempo des Wandels: Bei gleichbleibendem Fortschrittstempo würde es in manchen Fächern und Positionen noch mehrere Jahrzehnte dauern, bis Parität erreicht ist. Das ist keine Prognose für die Zukunft, sondern eine Beschreibung der Gegenwart: Gleichstellung ist kein Selbstläufer. Sie erfordert aktiven Eingriff in die Strukturen, nicht nur in die Symbole.

Häufige Fragen zu Frauen in Promotionen und Habilitationen

Was bedeutet leaky pipeline in der Wissenschaft?
Der Begriff leaky pipeline beschreibt, dass Frauen mit jeder Karrierestufe in der Wissenschaft seltener werden — wie Wasser, das aus einer löchrigen Leitung austritt. An jeder Stufe — von der Promotion über die Habilitation bis zur Professur — verlassen mehr Frauen die akademische Laufbahn, als es ihr ursprünglicher Anteil erwarten ließe. Ursachen sind strukturelle Benachteiligungen, nicht fehlende Kompetenz.
Warum gibt es so wenige Professorinnen in Deutschland?
Der geringe Professorinnenanteil entsteht durch das kumulative Wirken mehrerer Faktoren: Die akademische Karriere erfordert lange Phasen mit befristeten Stellen und internationalem Druck, die mit Familienpflichten schwer zu verbinden sind. Informelle Netzwerke bevorzugen häufig Männer. In Berufungsverfahren wirken nachgewiesene Bias-Effekte. Und in manchen Fächern — besonders MINT — beginnt die Unterrepräsentation bereits bei der Studienwahl.
Wie unterscheidet sich eine Promotion von einer Habilitation?
Die Promotion ist der erste akademische Grad nach dem Studium — ein eigenständiges Forschungswerk, das zu einem Doktortitel führt. Die Habilitation ist die traditionelle Qualifikation für eine Professur in Deutschland: eine weitere umfangreiche wissenschaftliche Arbeit, verbunden mit dem Nachweis der Lehrbefähigung. Sie wird seltener als früher verlangt, da Juniorprofessuren und Tenure-Track-Modelle alternative Wege bieten.
Was sind die Ursachen für den Gender Pay Gap in der Wissenschaft?
Im Wissenschaftssystem entsteht ein Einkommensunterschied vor allem durch einen Fächereffekt: Frauen sind in Professuren stärker in geistes-, sozial- und erziehungswissenschaftlichen Fächern vertreten, die traditionell niedrigere Grundgehälter haben. In MINT- und Wirtschaftsfächern, wo Professoren mehr verdienen, sind Frauen seltener. Hinzu kommen Unterschiede bei Leistungszulagen und der Beteiligung an Drittmittelprojekten.
Was bringt das Professorinnenprogramm des Bundes?
Das Professorinnenprogramm fördert Hochschulen, die Frauen auf unbefristete Professuren berufen, indem es die Kosten einer ersten Professur teilweise erstattet. Das gibt den Hochschulen einen finanziellen Anreiz, aktiv nach Bewerberinnen zu suchen. Das Programm hat nachweislich zur Erhöhung des Professorinnenanteils beigetragen — ist aber kein Allheilmittel, da es strukturelle Bedingungen nicht verändert.
Sind Frauen in der Wissenschaft international besser gestellt als in Deutschland?
Im internationalen Vergleich liegt Deutschland beim Professorinnenanteil im unteren Mittelfeld. Skandinavische Länder, aber auch einige osteuropäische Länder haben höhere Frauenanteile in Wissenschaftspositionen. Das hängt unter anderem mit besserer Kinderbetreuungsinfrastruktur und anderen Karrieremodellen zusammen. Deutschland hat aufgeholt, hat aber noch Abstand zu den Vorreitern.
Was ist das Kaskadenmodell bei der Gleichstellung?
Das Kaskadenmodell ist ein Ansatz zur Festlegung von Gleichstellungszielen. Es besagt, dass die Zielquote für Frauen auf einer Karrierestufe mindestens dem tatsächlichen Frauenanteil auf der nächstunteren Stufe entsprechen soll. Wenn also 45 Prozent der Promovierten Frauen sind, sollte das Ziel bei Habilitationen bei mindestens 45 Prozent liegen. Das Modell macht Ungleichheiten messbar und gibt realistische, aber anspruchsvolle Ziele vor.