Migration & Arbeit

13,3 Millionen Erwerbspersonen mit Migrationsgeschichte in Deutschland

Mehr als ein Fuenftel aller Erwerbspersonen in Deutschland haben einen direkten oder indirekten Migrationshintergrund. Sie sind unverzichtbar fuer den deutschen Arbeitsmarkt — und trotzdem strukturell benachteiligt: durch Einkommensluecken, fehlende Berufsanerkennung und erschwerten Zugang zu Fuehrungspositionen.

Schluesselzahlen

13,3 Mio.
Erwerbspersonen mit direktem oder indirektem Migrationshintergrund in Deutschland
86–88 %
Medianeinkommen laenger ansaessiger Migranten im Vergleich zur Gesamtbevoelkerung
77 %
Medianeinkommen neu eingereister Migranten (letzte 5 Jahre) im Vergleich zur Gesamtbevoelkerung
2.–3. Gen.
Zweite und dritte Generation: deutlich bessere Bildungs- und Einkommenssituation als Erstgenerationen

Mehr als 13 Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte sind heute auf dem deutschen Arbeitsmarkt aktiv. Sie arbeiten in Krankenhaeusern und Pflegeeinrichtungen, auf Baustellen und in Bueros, in Lagerhallen und Klassenzimmern. Ohne sie wuerde der Betrieb an vielen Stellen zum Stillstand kommen. Dennoch zeigt ein Blick auf Einkommensverteilung, Berufsstruktur und Aufstiegschancen ein klares Muster: Menschen mit Migrationsgeschichte verdienen im Schnitt weniger, sind seltener in Fuehrungspositionen vertreten und haeufiger in prekaerem Beschaftigungsverhaeltnissen taetig. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis struktureller Benachteiligungen — von fehlender Berufsanerkennung bis hin zu Diskriminierung bei Bewerbungen.

Wer sind die 13,3 Millionen Erwerbspersonen?

Kurzantwort: Die 13,3 Millionen Erwerbspersonen mit Migrationsgeschichte umfassen sowohl direkt Zugewanderte (erste Generation) als auch in Deutschland geborene Kinder und Enkel von Zugewanderten (zweite und dritte Generation). Sie sind keine homogene Gruppe — Herkunft, Bildungsstand, Aufenthaltsdauer und Berufsfeld unterscheiden sich erheblich.

Die Gruppe der Erwerbspersonen mit Migrationshintergrund ist intern sehr heterogen. Sie umfasst hochqualifizierte Fachkraefte, die gezielt angeworben wurden, ebenso wie Menschen, die als Fluechtlinge eingereist sind und sich muehsam in den Arbeitsmarkt integrieren. Sie schliesst die Kinder der ehemaligen Gastarbeiter ein, die in Deutschland aufgewachsen sind und oft eine doppelte kulturelle Identitaet verinnerlicht haben, sowie juengst Zugereiste, die mit Sprachbarrieren und fehlender Netzwerken kaempfen.

Auch die geografische Herkunft praegt die wirtschaftliche Lage erheblich. Menschen aus EU-Mitgliedstaaten, vor allem aus Suedeuropa und Osteuropa, haben in der Regel leichteren Zugang zu einer gleichwertigen Anerkennung ihrer Qualifikationen. Menschen aus Drittstaaten stossen haeufiger auf buerokratische Hueden bei der Berufsanerkennung und sind staerker von diskriminierenden Praktiken betroffen.

Erste, zweite, dritte Generation

Die Unterscheidung nach Generationen ist entscheidend fuer das Verstaendnis der wirtschaftlichen Realitaet. Erstgenerations-Migranten, besonders jene, die in den letzten fuenf Jahren eingereist sind, haben mit deutlichen Einkommensrueckstaenden zu kaempfen. Ihr Medianeinkommen liegt bei etwa 77 Prozent des gesamtgesellschaftlichen Medianeinkommens. Bei laenger ansaessigen Migranten verringert sich dieser Abstand auf 86 bis 88 Prozent. Die zweite und dritte Generation naehert sich in Bildungs- und Einkommensprofilen deutlich dem gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt an — ein Zeichen dafuer, dass Integration gelingt, aber Zeit braucht, oft mehr als eine Generation.

Einkommensluecke nach Aufenthaltsdauer

Neu eingereist (letzte 5 Jahre)
ca. 77 % des gesamtgesellschaftlichen Medianeinkommens
Laenger ansaessig
ca. 86–88 % des Medianeinkommens
Zweite / dritte Generation
Deutliche Annaeherung an den Gesamtdurchschnitt
Gesamtbevoelkerung
100 % (Referenzgroesse)

Warum besteht eine Einkommensluecke?

Kurzantwort: Die Einkommensluecke zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte entsteht durch mehrere Faktoren gleichzeitig: fehlende oder nicht anerkannte Berufsabschluesse, Sprachbarrieren, Diskriminierung bei Einstellungen und Befoerderungen sowie eine Konzentration in schlecht bezahlten Berufsfeldern.

Die Einkommensluecke laesst sich nicht auf eine einzige Ursache zurueckfuehren. Mehrere Mechanismen wirken zusammen und verstaerken sich gegenseitig. An erster Stelle steht die fehlende Anerkennung auslaendischer Berufsabschluesse. Wer im Ausland eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen hat, muss in Deutschland haeufig langwierige Anerkennungsverfahren durchlaufen — und scheitert dabei nicht selten an buerokratischen Hueden, fehlenden Sprachnachweisen oder strukturellen Unterschieden zwischen Ausbildungssystemen. Das Ergebnis: Hochqualifizierte landen in Positionen unterhalb ihrer eigentlichen Qualifikation und erhalten entsprechend niedrigere Loehne.

Sprachkenntnisse spielen eine besondere Rolle, besonders fuer Erstgenerations-Migranten. Eingeschraenkte Deutschkenntnisse erhoehen die Wahrscheinlichkeit, in einfachen Hilfstaetigkeiten beschaeftigt zu sein, und verringern die Chancen auf Karriereentwicklung. Gleichzeitig fehlt es an ausreichenden und schnell zugaenglichen Sprachkursangeboten, die parallel zur Berufsausuebung genutzt werden koennen.

Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt

Diskriminierung bei Bewerbungen und Befoerderungen ist wissenschaftlich gut belegt. Studien mit identischen Bewerbungsunterlagen, bei denen lediglich der Name variiert wurde, zeigen konsistent: Personen mit nicht-deutschem Nachnamen erhalten deutlich seltener Einladungen zu Vorstellungsgespraechen. Diese strukturelle Benachteiligung betrifft auch die Karriereentwicklung — Menschen mit Migrationsgeschichte sind in Fuehrungspositionen stark unterrepraesentiert, unabhaengig von ihrer Qualifikation.

Erwerbstätigenarmut: Die Kombination aus niedrigem Einkommen und Beschaeftigung in Hilfstaetigkeiten fuehrt dazu, dass Menschen mit Migrationsgeschichte uberproportional haeufig von Erwerbstaetigkeitsarmut — dem sogenannten "Working Poor"-Phaenomen — betroffen sind. Arbeit allein schuetzt in diesem Fall nicht vor Armut.

Berufsstruktur: Ueberrepraesentation in bestimmten Sektoren

Kurzantwort: Menschen mit Migrationsgeschichte sind im deutschen Arbeitsmarkt in Dienstleistungsberufen, Hilfstaetigkeiten und systemrelevanten Niedriglohnsektoren stark ueberrepraesentiert. Fuehrungspositionen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik sind fuer sie schwerer zugaenglich.

Die Berufsstruktur zeigt deutliche Muster. Personen mit Migrationsgeschichte sind in Bereichen wie Pflege, Reinigung, Gastronomie, Logistik und Bau uberproportional vertreten. Diese Berufe sind systemrelevant — sie waren waehrend der Corona-Pandemie als "unverzichtbar" anerkannt — und gleichzeitig schlecht bezahlt. Wer hier arbeitet, traegt viel zum Funktionieren der Gesellschaft bei und erhaelt dafuer vergleichsweise wenig Einkommens- und Aufstiegsperspektiven.

Besonders ausgepraegt sind diese Muster bei bestimmten Herkunftsgruppen. Personen tuerki scher Herkunft und aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien — Gruppen, die in Deutschland durch die Gastarbeiterprogramme der 1950er bis 1970er-Jahre stark vertreten sind — weisen hohe Anteile im Niedriglohnsektor auf. Gleichzeitig zeigen sich erhebliche Unterschiede beim Bildungsstand: Ein hoeherer Anteil dieser Gruppen hat maximal einen Grundschulabschluss, was die Zugaenge zum qualifizierten Arbeitsmarkt erheblich einschraenkt.

Osteuropaeische Zuwanderung: Ein anderes Profil

Personen osteuropaeischer Herkunft weisen in Deutschland ein unterschiedliches Profil auf. Viele kommen mit hohen Qualifikationen, sind aber in Berufen beschaeftigt, die diese nicht vollstaendig erfordern oder nutzen — ebenfalls ein Zeichen fuer Anerkennungsluecken. Gleichzeitig ist der Anteil ohne Bildungsabschluss in dieser Gruppe geringer. Die Einkommensluecke besteht dennoch, allerdings aus anderen Gruenden: Sprachbarrieren, befristete Beschaftigungsverhaeltnisse und die Nutzung innereuropaeischer Mobilitaet als Lohndruckmittel spielen eine Rolle.

Zweite und dritte Generation: Integrationserfolge und verbleibende Luecken

Kurzantwort: Die zweite und dritte Generation von Menschen mit Migrationsgeschichte hat in Deutschland deutlich bessere Bildungs- und Einkommensprofile als die Erstgeneration. Dennoch bestehen strukturelle Benachteiligungen fort — etwa beim Zugang zu Fuehrungspositionen oder durch anhaltende Diskriminierung trotz gleicher Qualifikation.

Die Situation der zweiten und dritten Generation zeigt, dass Integration langfristig wirkt. Kinder und Enkel von Zugewanderten, die in Deutschland aufgewachsen sind, sprechen die Sprache fliessend, kennen das Bildungssystem und haben Netzwerke aufgebaut, die Erstgenerations-Migranten fehlen. Ihr Bildungsstand ist im Schnitt deutlich hoeher, ihre Berufsprofile naehern sich dem gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt an.

Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass auch die zweite Generation noch mit strukturellen Hindernissen konfrontiert ist. Diskriminierung bei Bewerbungen betrifft sie weiterhin — der Name reicht aus, um Chancen zu mindern. Der Zugang zu elit aeren Bildungsinstitutionen und Netzwerken, die Karrierepfade in Fuehrungspositionen ebnen, bleibt erschwert. Die Einkommensluecke schliesst sich mit jeder Generation, verschwindet aber nicht vollstaendig.

Haeufige Fragen

Wie gross ist die Einkommensluecke zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte?
Laenger ansaessige Migranten erreichen im Median etwa 86 bis 88 Prozent des Einkommens der Gesamtbevoelkerung. Neu eingereiste Migranten der letzten fuenf Jahre kommen auf etwa 77 Prozent. Die zweite und dritte Generation naehert sich deutlich an den Gesamtdurchschnitt an.
Warum werden auslaendische Berufsabschluesse in Deutschland haeufig nicht anerkannt?
Die Anerkennung haengt von Abschlussart, Herkunftsland und deutschen Anforderungen ab. Reglementierte Berufe erfordern oft aufwendige Verfahren, Nachqualifizierungen oder zusaetzliche Pruefungen. Fehlende Unterlagen, sprachliche Hueden und Buerokratie verlaengern das Verfahren erheblich.
Was ist Erwerbstaetigkeitsarmut ("Working Poor")?
Als "Working Poor" bezeichnet man Menschen, die trotz Berufstaetigkeit unter der Armutsgrenze leben. Das betrifft besonders Menschen im Niedriglohnsektor — einem Bereich, in dem Personen mit Migrationsgeschichte uberproportional beschaeftigt sind.
Sind Menschen mit Migrationsgeschichte seltener in Fuehrungspositionen?
Ja. Menschen mit Migrationsgeschichte sind in Fuehrungspositionen stark unterrepraesentiert — auch bei vergleichbarer Qualifikation. Diskriminierung bei Befoerderungsentscheidungen und fehlende Netzwerke spielen eine nachgewiesene Rolle.
Verbessert sich die wirtschaftliche Situation in der zweiten Generation?
Ja, erheblich. Die zweite und dritte Generation weist deutlich bessere Bildungs- und Einkommensprofile auf. Dennoch bestehen strukturelle Benachteiligungen fort, etwa durch anhaltende Diskriminierung bei Bewerbungen trotz gleicher Qualifikation.