Wer in Deutschland eine Berufsausbildung absolviert, ist nicht zwingend deutsch. Rund 6 Prozentpunkte mehr ausländische Auszubildende als noch 2012 — das klingt nach einer kleinen Zahl, ist aber eine relevante Verschiebung in einem System, das lange als weitgehend geschlossen für Neuzugewanderte galt. Hinter dem Begriff "ausländische Auszubildende" verbirgt sich eine sehr heterogene Gruppe: Menschen der zweiten oder dritten Einwanderergeneration, die in Deutschland aufgewachsen sind, aber die Staatsangehörigkeit ihrer Herkunftsfamilien behalten haben. Junge Menschen, die als Asylsuchende oder Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind. Und Zugewanderte, die gezielt nach Deutschland kommen, um hier eine Ausbildung zu absolvieren.
Wer zählt als ausländischer Auszubildender?
Die Kategorie "ausländische Auszubildende" ist statistisch klar, aber soziologisch unscharf. Sie fasst sehr unterschiedliche Lebensrealitäten zusammen. Ein junger Mann, dessen Eltern in den 1970er Jahren im Rahmen des Anwerbeabkommens nach Deutschland kamen und der selbst in Bayern geboren und aufgewachsen ist, wird in der Statistik als "ausländisch" geführt — wenn er die Staatsangehörigkeit seiner Eltern behalten hat oder behalten musste. Eine junge Frau, die 2015 als Geflüchtete nach Deutschland kam, wird ebenfalls als "ausländisch" gezählt — mit ganz anderen Voraussetzungen für den Einstieg in die Ausbildung.
Diese Heterogenität ist wichtig zu verstehen, wenn man über die Chancen und Hürden ausländischer Auszubildender spricht. Die Zweite und Dritte Generation kennt das System, spricht Deutsch, hat eine Schulbiografie in Deutschland — und steht dennoch vor strukturellen Benachteiligungen auf dem Ausbildungsmarkt. Erstgenerationsmigranten und Geflüchtete stehen vor anderen, oft größeren Hürden.
Der Anstieg: Was ihn erklärt
Seit 2012 ist der Anteil ausländischer Auszubildender um rund sechs Prozentpunkte gestiegen. Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen. Erstens: Die Bevölkerung in Deutschland ist vielfältiger geworden. Der Anteil von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit ist gestiegen — sowohl durch Zuwanderung als auch dadurch, dass viele in Deutschland Geborene die deutsche Staatsangehörigkeit nicht erwerben. Damit steigt auch der Pool potenzieller ausländischer Auszubildender.
Zweitens: Rechtliche Hürden für den Ausbildungszugang wurden in den letzten Jahren gesenkt. Asylsuchende und Geduldete können unter bestimmten Voraussetzungen eine Ausbildung beginnen — und erhalten dabei besonderen Schutz vor Abschiebung. Diese sogenannte "3+2-Regelung" ermöglicht es, während der Ausbildung und danach im Land zu bleiben. Sie hat dazu beigetragen, dass mehr Geflüchtete den Weg in die Ausbildung gefunden haben.
Ukraine-Flüchtlinge: neue Dynamik seit 2022
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat ab 2022 eine neue Fluchtbewegung ausgelöst. Ende 2023 hielten sich rund eine Million ukrainische Schutzsuchende in Deutschland auf — fast ein Drittel aller Schutzsuchenden. Im Unterschied zu früheren Fluchtbewegungen haben Ukrainerinnen und Ukrainer sofortigen Zugang zum deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarkt erhalten. Eine wachsende Zahl von ihnen beginnt eine Berufsausbildung oder tritt direkt in den Arbeitsmarkt ein.
Diese Gruppe bringt besondere Voraussetzungen mit: Viele haben in der Ukraine eine solide Schulbildung absolviert, manche haben bereits Berufsabschlüsse. Die größte Hürde ist die Sprache — Deutsch ist für die meisten eine neue Sprache, und ein dualer Ausbildungsplatz erfordert in der Regel ausreichende Deutschkenntnisse. Intensivkurse und begleitende Sprachförderung sind daher entscheidend für den Integrationserfolg.
Die Hürden: Was den Einstieg erschwert
Wer als ausländischer Jugendlicher in Deutschland eine Ausbildung beginnen möchte, steht oft vor einem komplexen Hindernisparcours. Die Sprachkompetenz ist die zentrale Voraussetzung. Betriebe erwarten in der Regel Deutschkenntnisse auf einem Niveau, das für viele Neuzugewanderte erst nach intensiven Sprachkursen erreichbar ist. Berufsvorbereitende Maßnahmen und berufsbegleitende Sprachförderung existieren — aber sie sind regional ungleich verteilt und nicht immer ausreichend.
Anerkennung ausländischer Abschlüsse
Für viele Zugewanderte, die bereits im Herkunftsland eine Berufsausbildung oder sogar ein Studium absolviert haben, stellt die Anerkennung ihrer Abschlüsse ein erhebliches Problem dar. Das deutsche Anerkennungsverfahren ist bürokratisch, langwierig und nicht immer mit Erfolg verbunden. Wer keine Anerkennung erhält, kann gezwungen sein, eine Ausbildung von Grund auf zu wiederholen — oder landet in einem Beruf unterhalb seiner Qualifikation.
Anerkennungsberatungsstellen existieren und helfen dabei, den Weg durch diesen Prozess zu navigieren. Aber sie sind nicht überall niedrigschwellig zugänglich, und die Wartezeiten bei den zuständigen Stellen können lang sein. Für Menschen in einer ohnehin prekären Lebenssituation ist das eine erhebliche Belastung.
Diskriminierung auf dem Ausbildungsmarkt
Studien belegen: Bewerberinnen und Bewerber mit ausländisch klingenden Namen erhalten bei gleicher Qualifikation seltener eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Diese Form der Diskriminierung ist auf dem Ausbildungsmarkt gut dokumentiert. Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen im Schnitt mehr Bewerbungen schreiben als Jugendliche ohne Migrationshintergrund, um die gleiche Anzahl von Einladungen zu bekommen. Das kostet Zeit, Motivation und hinterlässt Spuren — auch in der späteren Berufswahl.
Ausbildungsabbrüche als Signal: Ausländische Auszubildende brechen ihre Ausbildung etwas häufiger ab als deutsche Auszubildende. Das liegt nicht an mangelnder Motivation — sondern an strukturellen Belastungen: Sprachschwierigkeiten im Berufsalltag, mangelnde Unterstützung im Betrieb, finanzielle Engpässe und kulturelle Missverständnisse. Abbrüche sind oft vermeidbar, wenn frühzeitig Unterstützung angeboten wird.
Integration über Ausbildung: der wichtigste Weg
Die Berufsausbildung ist für viele Zugewanderte und Geflüchtete der entscheidende Schritt in ein stabiles Leben in Deutschland. Wer eine anerkannte Berufsausbildung abschließt, hat Zugang zu regulären Arbeitsverhältnissen, Sozialversicherungsschutz, Rentenansprüchen und einem Einkommen, das eine eigenständige Lebensführung ermöglicht. Die Alternative — ungelernte oder angelernte Tätigkeiten in prekären Verhältnissen — bedeutet dauerhaft niedriges Einkommen, hohes Armutsrisiko und geringe soziale Teilhabe.
Für die Zweite Generation ist die Ausbildung häufig der Moment, in dem sich soziale Mobilität entscheidet. Kinder von Einwanderern, die selbst eine Berufsausbildung abschließen, haben statistisch deutlich bessere Einkommensperspektiven als ihre Eltern. Sie verlassen das Einkommenssegment, in dem viele Einwandererfamilien gestrandet sind — niedriglohnige, körperlich belastende, sozial wenig abgesicherte Arbeit.
Branchen und Berufsfelder
Die Branchenverteilung ausländischer Auszubildender zeigt ein deutliches Muster. Sie sind überproportional häufig in der Gastronomie, im Baugewerbe, in der Logistik, im Lebensmitteleinzelhandel und in Reinigungsberufen zu finden. Das sind Sektoren, die auf Arbeitskräfte angewiesen sind und weniger wählerisch bei der Auswahl von Auszubildenden sind — was für Jugendliche, die auf anderen Wegen keine Chancen bekommen, eine reale Möglichkeit eröffnet.
Gleichzeitig sind das Branchen, in denen Entlohnung und Arbeitsbedingungen oft schwieriger sind als in Industrieberufen oder kaufmännischen Berufen. Wer in diesen Sektoren ausgebildet wird, startet auf einem anderen Niveau als jemand, der eine Ausbildung zum Industriemechaniker oder Bankkaufmann absolviert. Das spiegelt sich in Einkommen, Rentenansprüchen und Aufstiegschancen wider.
Die Erfolgsgeschichten der zweiten Generation
Es gibt sie: junge Menschen, deren Eltern als Gastarbeiter, Geflüchtete oder Arbeitsmigranten nach Deutschland kamen — und die selbst eine qualifizierte Ausbildung abgeschlossen haben. Sie verdienen mehr als ihre Eltern, haben stabilere Arbeitsverhältnisse, weniger Armutsrisiko. Für sie war die Berufsausbildung ein echter sozialer Aufstieg. Diese Erfolgsgeschichten sind real — aber sie erfordern, dass das System funktioniert: dass Ausbildungsplätze zugänglich sind, dass Sprache kein unüberwindbares Hindernis ist, dass Diskriminierung nicht den Weg versperrt.
Ausländische Auszubildende: Hürden und Hebel
- Sprache
- Wichtigste Hürde — Sprachförderung begleitend zur Ausbildung entscheidend
- Anerkennung
- Ausländische Abschlüsse müssen oft aufwendig anerkannt werden
- Diskriminierung
- Belegt: ausländische Namen erhalten weniger Einladungen zum Gespräch
- 3+2-Regelung
- Schutz vor Abschiebung während und nach der Ausbildung für Geduldete
- Ukraine 2022+
- Sofortiger Arbeitsmarktzugang — wachsende Gruppe in Ausbildung