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Vermoegen & Ungleichheit

Aktienbesitz in Deutschland: Warum nur 15% der Haushalte Aktien besitzen

Deutschland gilt als Sparweltmeister — aber nicht als Anlegervolk. Nur rund 15 Prozent der Haushalte besitzen direkt Aktien. Was wie eine Anlegerpraeferenz aussieht, ist in Wirklichkeit ein Verteilungsproblem mit weitreichenden Konsequenzen fuer soziale Ungleichheit und Altersvorsorge.

11 Min. Lesezeit2 Quellen

15 %

der deutschen Haushalte besitzen direkt Aktien — einer der niedrigsten Werte in Europa

40 %+

Aktienquote in Schweden und den Niederlanden — weit hoeher als in Deutschland

3x

Haeufiger investieren Hochschulabsolventen in Aktien als Hauptschulabsolventen

10 vs. 20 %

Aktienquote Frauen vs. Maenner — erheblicher Gender Gap

26 %

Anteil der Menschen zwischen 45 und 64 Jahren in Deutschland, die in Aktien investiert haben. Grundlage ist der Sozialbericht 2024.

15 %

Anteil derselben Altersgruppe, der in festverzinsliche Wertpapiere investiert hat. Diese Zahl betrifft ausdrücklich nicht den Aktienbesitz.

41 %

Anteil der 45- bis 64-Jährigen mit Anteilen an Investmentfonds — die am weitesten verbreitete der drei Anlageformen.

11 %

Aktienquote bei armutsgefährdeten Personen zwischen 45 und 64 Jahren. Bei höheren Einkommen liegt sie mit 48 Prozent mehr als viermal so hoch.

2 %

Anteil der armutsgefährdeten 45- bis 64-Jährigen mit festverzinslichen Wertpapieren. Bei höheren Einkommen sind es 29 Prozent.

Eine ungewoehnliche Zurueckhaltung: Deutschland und die Aktie

Kurzantwort: In kaum einem anderen hoch entwickelten Land ist die direkte Beteiligung der Haushalte am Aktienmarkt so gering wie in Deutschland. Das ist keine Frage des verfuegbaren Einkommens allein — es ist eine Frage von Kultur, Geschichte und fehlendem Wissen.

Wer in Deutschland ueber Geldanlage spricht, denkt zunaechst an das Sparbuch, den Bausparvertrag oder das Tagesgeldkonto. Die Aktie ist historisch kein deutsches Massenprodukt. Das ist bemerkenswert, weil Deutschland zu den wohlhabendsten Volkswirtschaften der Welt zaehlt — und weil die Renditen des Aktienmarkts ueber lange Zeitraeume hinweg alle anderen Sparformen in den Schatten stellen.

Rund 15 Prozent der deutschen Haushalte besitzen direkt Aktien. Zum Vergleich: In Schweden und den Niederlanden ueberschreitet die Quote 40 Prozent, in den USA liegt sie noch hoeher. Auch wenn der Vergleich nicht eins zu eins moeglich ist — unterschiedliche Altersvorsorgesysteme, Steuerregimes und Marktstrukturen spielen eine Rolle — illustriert er doch eine grundsaetzliche Differenz in der Anlagehaltung.

Zieht man Investmentfonds und Exchange Traded Funds (ETFs) hinzu, steigt die Quote in Deutschland auf etwas ueber 20 Prozent. Das ist immer noch niedrig — und der Wachstumstrend der letzten Jahre durch den ETF-Boom und neue Neobroker hat die Situation verbessert, aber noch nicht grundlegend veraendert. Deutschland bleibt strukturell ein Land, in dem ein grosser Teil der Haushalte sein Erspartes in zinsschwachen Sparformen hortet, anstatt es renditeorientiert anzulegen.

Fakten-Box: Aktienbesitz im europaeischen Vergleich
Deutschland
ca. 15 % (direkte Aktien); ca. 20–22 % mit Fonds und ETFs
Schweden
ueber 40 % der Haushalte am Aktienmarkt beteiligt
Niederlande
ueber 40 % — hohe Aktienkultur, starkes Pensionssystem
USA
ca. 55 % der Haushalte besitzen Aktien (direkt oder ueber Fonds)
Frankreich
ca. 20–25 % — aehnliche Groessenordnung wie Deutschland

Historische Ursachen der schwachen Aktienkultur

Kurzantwort: Zwei grosse Boerseneinbrueche in kurzer Folge — Dotcom-Krise 2000 und Finanzkrise 2008 — haben das Vertrauen in Aktien nachhaltig beschaedigt. Hinzu kommt ein Bildungssystem, das Finanzwissen kaum vermittelt, und ein soziales Sicherungssystem, das Kapitalanlagen lange als nicht notwendig erscheinen liess.

Die Deutsche Telekom-Aktie war das Symbol einer Zeit, in der auch Deutschland kurz zur Aktionsnation zu werden schien. Ende der 1990er Jahre bewarb die Bundesregierung den Boersengang des Staatsunternehmens mit einer gross angelegten Kampagne. Millionen Deutsche kauften erstmals Aktien. Dann kam der Dotcom-Crash. Der Kurs der T-Aktie, die zu Hochzeiten ueber 100 Euro kostete, fiel auf unter 10 Euro. Viele Erstanleger verloren einen erheblichen Teil ihrer Investition — und wandten sich der Aktie dauerhaft ab.

Kaum hatten sich die Maerkte erholt, folgte die globale Finanzkrise 2008. Erneut brachen Aktienkurse dramatisch ein. Das Vertrauen in den Kapitalmarkt — das in anderen Laendern durch positive Langzeiterfahrungen mit Aktien gepuffert worden waere — fehlte in Deutschland. Das Ergebnis war eine kollektive Entscheidung fuer vermeintliche Sicherheit: Sparbuch statt Depot, Tagesgeld statt Fonds.

Ein weiterer Faktor ist das Rentensystem. Deutschland verfuegt ueber eine vergleichsweise starke gesetzliche Rentenversicherung, die ueber Jahrzehnte als ausreichend galt. In laendern mit schwaecher ausgebautem staatlichem Rentensystem — etwa in den USA oder Schweden — war der Aufbau privaten Kapitalvermogens existenziell notwendig, und entsprechend hoch ist dort die Aktienquote. Die deutsche Wohlstandsillusion, durch die gesetzliche Rente ausreichend versorgt zu sein, hat den Aufbau einer Aktienkultur gehemmt.

Schliesslich spielt die Finanzbildung eine wichtige Rolle. Im deutschen Bildungssystem ist der Kapitalmarkt kaum Gegenstand des Unterrichts. Konzepte wie Zinseszins, Diversifikation oder langfristige Renditen werden selten systematisch vermittelt. Das fuehrt dazu, dass viele Menschen Aktien als Zocker-Instrumente betrachten, nicht als langfristig risikoarme Anlageform fuer disziplinierte Sparer.

Wer besitzt Aktien — und wer nicht?

Kurzantwort: Aktienbesitz ist in Deutschland stark mit Bildung, Einkommen und Geschlecht korreliert. Hochschulabsolventen investieren dreimal haeufiger als Hauptschulabsolventen, die oberen Einkommensgruppen dominieren das Aktienportfolio, und Frauen sind systematisch unterrepraesentiert.

Die Verteilung des Aktienbesitzes in Deutschland folgt der allgemeinen Vermoegens- und Einkommensungleichheit — und verstaerkt sie gleichzeitig. Wer Aktien besitzt, profitiert von Dividenden und Kurssteigerungen, die sein Vermoegen im Zeitverlauf vergroessern. Wer keine Aktien besitzt, partizipiert nicht an dieser Wertsteigerung.

Bildungsgrad ist der starkste Einzelpraediktor fuer Aktienbesitz. Haushalte, in denen der Hauptverdiener einen Hochschulabschluss hat, investieren rund dreimal haeufiger in Aktien als Haushalte mit Hauptschulabschluss. Dieser Unterschied erklaert sich teilweise durch das hoehere Einkommen von Hochschulabsolventen — aber nicht vollstaendig. Auch bei gleichem Einkommensniveau investieren besser Gebildete haeufiger in Aktien, was auf einen unabhaengigen Bildungseffekt bei Finanzentscheidungen hindeutet.

Einkommenseffekt: Die oberen 20 Prozent der Einkommensverteilung haben eine Aktienquote von rund 35 bis 40 Prozent. Die unteren 40 Prozent besitzen hingegen kaum Aktien. Das ist kaum ueberraschend: Wer jeden Monat am Limit lebt, hat weder die Mittel noch die Risikobereitschaft, Geld fuer Jahrzehnte anzulegen. Aktienanlagen erfordern einen finanziellen Puffer, den einkommensarme Haushalte schlicht nicht haben.

Der Gender Gap ist ein oft uebersehenes Phaenomen. Maenner besitzen in Deutschland etwa doppelt so haeufig Aktien wie Frauen. Dieser Unterschied speist sich aus mehreren Quellen: geringeres Durchschnittseinkommen bei Frauen (Stichwort Gender Pay Gap), groessere Risikoaversion, weniger Erfahrung mit und Vertrauen in Kapitalmaerkte sowie geringere finanzielle Selbststaendigkeit in Haushalten, in denen Finanzentscheidungen traditionell maennlich dominiert werden.

Fakten-Box: Wer besitzt Aktien in Deutschland?
Oberes Einkommensfuenftel
ca. 35–40 % Aktienquote
Unteres Einkommensfuenftel
kaum Aktienbesitz, unter 5 %
Hochschulabsolventen
3x haeufiger als Hauptschulabsolventen
Maenner
ca. 20 % Aktienquote
Frauen
ca. 10 % Aktienquote

ETF-Boom und Neobroker: veraendert sich die Lage?

Kurzantwort: Der Aufstieg passiver Indexfonds (ETFs) und digitaler Broker wie Trade Republic hat den Zugang zum Aktienmarkt erheblich erleichtert. Die Aktienquote steigt — aber langsam. Strukturelle Huorden wie fehlendes Einkommen und mangelnde Finanzbildung bleiben bestehen.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Markt fuer Kleinanleger in Deutschland fundamental veraendert. Exchange Traded Funds — Indexfonds, die automatisch einen Marktindex wie den DAX oder den MSCI World abbilden — haben die Huerde fuer Aktienanlage deutlich gesenkt. Man muss keine Einzelaktien auswaehlen, kein Depot bei einer teuren Bank fuehren und kein umfangreiches Finanzwissen mitbringen. Ein monatlicher Sparplan auf einen breit diversifizierten ETF mit 25 Euro reicht aus, um am Kapitalmarkt teilzunehmen.

Neobroker wie Trade Republic, Scalable Capital und Justtrade haben den Marktzugang weiter demokratisiert. Provisionsfreier Handel, einfache Apps und niedrige Mindestanlagebetraege haben besonders juengere und einkommensschwaechere Anleger angesprochen, die bei traditionellen Banken nie ein Depot eroeffnet haetten. Der Anteil der Junganleger unter 30 Jahren ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Dennoch ist Vorsicht bei allzu optimistischen Schlussfolgerungen geboten. Der ETF-Boom hat zwar die Zahl der Depot-Inhaber erhoehst — aber die strukturellen Huorden fuer einkommensarme Haushalte hat er nicht beseitigt. Wer monatlich jeden Euro benoetigt, kann keine 25 Euro sparen. Der Neobroker-Boom hat vor allem die Mittelschicht und junge Akademiker erreicht — nicht die untere Haelfte der Einkommensverteilung.

Aktienbesitz und Altersarmut: der unterschaetzte Zusammenhang

Kurzantwort: Wer nie Kapitalertraege erwirtschaftet hat, ist im Alter vollstaendig auf die gesetzliche Rente angewiesen. Da diese fuer viele Gruppen — Geringverdienner, Teilzeitkraefte, Frauen mit Erziehungszeiten — nicht reicht, ist fehlender Aktienbesitz ein direkter Risikofaktor fuer Altersarmut.

Die gesetzliche Rentenversicherung basiert auf dem Umlageverfahren: Beitraege der heutigen Erwerbstaetigen finanzieren die heutigen Renten. Das System funktioniert, solange das Verhaeltnis von Beitragszahlern zu Rentenempfaengern guenstig ist. Durch den demografischen Wandel — weniger Geburten, laengere Lebenserwartung — verschlechtert sich dieses Verhaeltnis jedoch seit Jahrzehnten. Das Rentenniveau ist real gesunken, und der Trend ist strukturell unvermeidlich.

Wer ueber Jahrzehnte hinweg zusaetzlich Kapital aufgebaut hat — durch Aktienanlagen, Immobilien oder andere renditestarke Formen — ist in dieser Situation erheblich besser gestellt. Das Kapital wirft Ertraege ab, die unabhaengig von der Rente das Einkommen im Alter aufstocken. Wer diesen Puffer nicht hat und nur auf die gesetzliche Rente vertraut, steht bei niedrigen Rentenanspruechen vor ernsthaften finanziellen Problemen.

Der Zusammenhang ist besonders dramatisch bei Gruppen, die ohnehin schon niedrige Rentenansprueche akkumulieren: Frauen mit langen Erziehungszeiten und Teilzeitbeschaeftigung, Geringverdienner in prekaerem Beschaeftigungsverhaeltnis, Langzeitarbeitslose und Selbststaendige ohne ausreichende Altersvorsorge. Genau diese Gruppen sind am wenigsten in Aktien investiert — und tragen damit das groesste Altersarmutsrisiko.

Was koennte die Aktienkultur staerken?

Kurzantwort: Finanzbildung in Schulen, steuerliche Anreize fuer Kleinanleger, die staatliche Aktienrente als kollektives Signal und eine Vereinfachung des Steuersystems fuer Kapitalanlagen sind die wichtigsten Stellschrauben. Keine davon wirkt schnell — alle sind langfristig notwendig.

Eine hoehere Aktienquote in der deutschen Bevoelkerung ist kein Selbstzweck. Sie waere ein Instrument, um Vermoegensaufbau breiter zu verteilen, Altersarmut vorzubeugen und die Abhaengigkeit von einem sinkenden gesetzlichen Rentenniveau zu verringern. Mehrere Massnahmen koennen dazu beitragen — wenn auch keine davon allein ausreicht.

Finanzbildung in Schulen ist die langfristig wirksamste Investition. Wenn Kinder und Jugendliche lernen, was Zinseszins bedeutet, wie ein ETF funktioniert und warum Diversifikation wichtig ist, werden sie als Erwachsene fundierter mit Geld umgehen. Deutschland ist in diesem Bereich im internationalen Vergleich deutlich zurueck. Finanzwissen gehoert noch immer nicht zum Kernlehrplan der meisten Bundeslander.

Steuerliche Anreize koennten kurzfristiger wirken. Eine Anhebenng des Sparer-Pauschbetrags, steuerbefreiete Altersvorsorge-Aktiensparpläne oder die Foerderung von Kapitalmarktzugaengen fuer Geringverdienner durch staatliche Co-Investments sind diskutierte Instrumente. Das Ziel: Den Kapitalmmarkt nicht nur fuer die wohlhabende Mittelschicht, sondern auch fuer einkommensarme Haushalte zugaenglich machen.

Die staatliche Aktienrente — der 2024 vom Bundestag beschlossene Generationenfonds — ist ein Signal in diese Richtung, wenngleich ein kollektives. Staatliche Mittel sollen am Kapitalmarkt angelegt werden, um langfristig das gesetzliche Rentensystem zu entlasten. Der direkte individuelle Vermoegenaufbau wird dadurch nicht gefördert — aber das Prinzip, dass Kapitalmarktanlagen ein legitimes Instrument der Altersvorsorge sind, wird auch politisch anerkannt.

Wie viele Menschen in Deutschland besitzen Aktien und Wertpapiere?

Kurzantwort: Von den Menschen zwischen 45 und 64 Jahren besitzen 26 Prozent Aktien, 41 Prozent Anteile an Investmentfonds und 15 Prozent festverzinsliche Wertpapiere.

Die Zahlen stammen aus dem Sozialbericht 2024 und beziehen sich auf die Altersgruppe 45 bis 64 Jahre. In dieser Lebensphase ist die private Vermögensbildung für das Alter besonders relevant, weil der Renteneintritt näher rückt.

AnlageformAnteil der 45- bis 64-Jährigen
Anteile an Investmentfonds41 %
Aktien26 %
Festverzinsliche Wertpapiere15 %

Wichtig für die Einordnung: Die oft zitierte Zahl von 15 Prozent bezieht sich in dieser Auswertung nicht auf den Aktienbesitz, sondern auf festverzinsliche Wertpapiere. Der Aktienanteil in der Altersgruppe 45 bis 64 Jahre liegt mit 26 Prozent deutlich höher. Wer also liest, „nur 15 Prozent besitzen Aktien“, verwechselt zwei unterschiedliche Anlageformen. Aussagen über andere Altersgruppen oder über alle Haushalte lassen sich aus diesen Werten nicht ableiten.

Was die drei Anlageformen unterscheidet

  • Festverzinsliche Wertpapiere sind Anleihen: Man leiht Geld gegen einen festen Zins.
  • Aktien sind Anteile an einem Unternehmen. Der Wert schwankt mit dem Kurs.
  • Investmentfonds bündeln das Geld vieler Anleger und verteilen es auf viele Werte.

Wie unterscheidet sich der Aktienbesitz nach Einkommen?

Kurzantwort: Bei armutsgefährdeten Personen zwischen 45 und 64 Jahren besitzen 11 Prozent Aktien, bei Personen mit höheren Einkommen 48 Prozent.

Der Abstand zwischen den Einkommensgruppen ist bei allen drei Anlageformen groß — bei Investmentfonds am größten.

AnlageformArmutsgefährdeteHöhere Einkommen
Festverzinsliche Wertpapiere2 %29 %
Aktien11 %48 %
Investmentfonds9 %63 %

Wer wenig Einkommen hat, kann in der Regel nichts oder nur sehr wenig zurücklegen. Geldanlage setzt voraus, dass nach den laufenden Kosten etwas übrig bleibt und dass dieses Geld über längere Zeit nicht gebraucht wird. Genau daran fehlt es in armutsgefährdeten Haushalten.

Als armutsgefährdet gilt in der Sozialberichterstattung, wer mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle lebt. Die Vermögensbildung über den Kapitalmarkt verstärkt bestehende Unterschiede: Wer investieren kann, profitiert zusätzlich von Kursgewinnen und Ausschüttungen.

Gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland?

Kurzantwort: Ja. In Westdeutschland wurde deutlich häufiger in Wertpapiere, Aktien und Investmentfonds investiert als in Ostdeutschland.

Der Sozialbericht 2024 stellt für alle drei Anlageformen fest, dass Menschen in Westdeutschland deutlich häufiger investiert haben als Menschen in Ostdeutschland. Das gilt sowohl für festverzinsliche Wertpapiere als auch für Aktien und Fondsanteile.

Exakte Prozentwerte für Ost und West getrennt weist die Auswertung an dieser Stelle nicht aus. Belegt ist die Richtung des Unterschieds, nicht seine genaue Größe in Prozentpunkten.

Für die Einordnung ist wichtig: Vermögen entsteht über lange Zeiträume und wird häufig vererbt. Unterschiedliche Erwerbs- und Vermögensbiografien wirken deshalb über Jahrzehnte nach.

Welche Rolle spielen Bildung und Gesundheit?

Kurzantwort: Personen mit Hochschulreife investieren häufiger in alle drei Anlageformen als Personen mit niedrigeren Schulabschlüssen. Auch Menschen ohne gesundheitliche Einschränkungen haben eine höhere Aktienquote.

Nach dem Sozialbericht 2024 wiesen Personen mit Hochschulreife bei festverzinslichen Wertpapieren, Aktien und Investmentfonds jeweils höhere Anteile auf als Personen mit niedrigeren Schulabschlüssen.

Beim Gesundheitsstatus zeigte sich ein Unterschied nur bei Aktien: Personen ohne gesundheitliche Einschränkungen hatten eine höhere Aktienquote als Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Bei den anderen Anlageformen ergaben sich keine Unterschiede nach Gesundheitsstatus.

Bildung und Einkommen hängen eng zusammen. Ein höherer Schulabschluss geht im Durchschnitt mit höherem Einkommen einher — und damit mit größeren Spielräumen zum Sparen und Anlegen.

Was bedeutet das für die Altersvorsorge?

Kurzantwort: Private Vermögensbildung über den Kapitalmarkt erreicht armutsgefährdete Menschen kaum. Für sie bleibt die gesetzliche Rente die entscheidende Säule.

Die Zahlen zeigen: Wer wenig verdient, baut über Aktien, Wertpapiere oder Fonds kaum zusätzliches Vermögen für das Alter auf. Nur 11 Prozent der armutsgefährdeten 45- bis 64-Jährigen besitzen Aktien, nur 9 Prozent Fondsanteile.

Modelle, die die Altersvorsorge stärker über den Kapitalmarkt organisieren, setzen voraus, dass Menschen regelmäßig Geld anlegen können. Für armutsgefährdete Haushalte trifft diese Voraussetzung überwiegend nicht zu.

Hinzu kommt: Anwartschaften aus der gesetzlichen Rentenversicherung, aus Beamtenpensionen, berufsständischen Versorgungswerken oder Betriebsrenten zählen in den üblichen Nettovermögensrechnungen nicht mit — obwohl sie für die Mehrheit der Bevölkerung die Grundlage der Altersvorsorge bilden. Vermögensstatistiken bilden die tatsächliche Absicherung im Alter deshalb nur teilweise ab.

Wo finden Menschen mit geringem Einkommen Beratung?

Kurzantwort: Kostenlose oder günstige Hilfe bieten Schuldnerberatungsstellen, die Verbraucherzentralen und die Sozialverbände. Rentenfragen klärt die Deutsche Rentenversicherung kostenfrei.

Vor jeder Geldanlage steht die Frage der finanziellen Grundlage. Wer Schulden hat oder das Einkommen nicht reicht, sollte zuerst diese Situation klären.

  • Schuldnerberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände und Kommunen beraten kostenfrei zu Überschuldung und Pfändungsschutz.
  • Verbraucherzentralen bieten unabhängige Beratung zu Geldanlage und Altersvorsorge an, teilweise gegen ein geringes Entgelt.
  • Die Deutsche Rentenversicherung informiert kostenfrei über den eigenen Rentenanspruch und über Möglichkeiten der freiwilligen Beitragszahlung.
  • Sozialverbände unterstützen ihre Mitglieder bei Fragen zu Rente, Grundsicherung und Erwerbsminderung.

Für Beschäftigte gibt es zusätzlich gesetzlich geregelte Formen der Vorsorge. Für die Anlage von Wertguthaben aus Arbeitszeitkonten schreibt § 7d Sozialgesetzbuch IV vor, dass Aktien oder Aktienfonds grundsätzlich nur bis zu einem Anteil von 20 Prozent zulässig sind und der eingezahlte Betrag zum Zeitpunkt der Inanspruchnahme mindestens erhalten bleiben muss. Ein höherer Aktienanteil ist nur unter engen tariflichen Voraussetzungen möglich.

Quellen

  • Sozialbericht 2024 — Bildungsungleichheit und Altersvorsorge
  • Sozialbericht 2024 bf k2 Teil05

Häufige Fragen

Wie viele Deutsche besitzen Aktien?+

Rund 15 Prozent der deutschen Haushalte besitzen direkt Aktien. Das ist einer der niedrigsten Werte in Europa. Zum Vergleich: In Schweden und den Niederlanden liegt der Anteil bei ueber 40 Prozent. Zieht man Investmentfonds und ETFs hinzu, ist die Quote etwas hoeher, aber Deutschland bleibt ein Niedrig-Aktienland.

Warum ist die Aktienquote in Deutschland so niedrig?+

Historische Gruende spielen eine zentrale Rolle: Die Dotcom-Krise 2000 und die Finanzkrise 2008 haben das Vertrauen in Aktien nachhaltig beschaedigt. Hinzu kommt eine kulturell tief verwurzelte Praeferenz fuer sichere Sparformen. Finanzbildung zu Aktien ist im deutschen Bildungssystem kaum verankert.

Welche Bevoelkerungsgruppen besitzen am haeufigsten Aktien?+

Aktienbesitz ist stark bildungs- und einkommensabhaengig. Hochschulabsolventen investieren rund dreimal haeufiger in Aktien als Menschen mit Hauptschulabschluss. Haushalte in den oberen 20 Prozent der Einkommensverteilung halten zu etwa 35 bis 40 Prozent Aktien; in den unteren 40 Prozent ist Aktienbesitz die seltene Ausnahme.

Was ist der Gender Gap beim Aktienbesitz?+

Maenner besitzen in Deutschland deutlich haeufiger Aktien als Frauen. Der Anteil liegt bei Maennern bei etwa 20 Prozent, bei Frauen bei etwa 10 Prozent. Ursachen sind geringeres Durchschnittseinkommen, weniger Finanzbildung im Kapitalmarktbereich und im Schnitt groessere Risikoaversion.

Was ist die Aktienrente und wer profitiert davon?+

Die Aktienrente ist ein staatlich verwalteter Fonds, der Teile der Rentenversicherungsbeitraege am Kapitalmarkt anlegt. Der Bundestag hat 2024 die gesetzliche Grundlage hierfuer geschaffen. Langfristig soll der Fonds die gesetzliche Rente durch Kapitalmarktertraege stabilisieren. Der Effekt ist kollektiv, nicht individuell.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Aktienbesitz und Altersarmut?+

Wer ueber Jahrzehnte keine Kapitalertraege erwirtschaftet, ist im Alter vollstaendig auf die gesetzliche Rente angewiesen. Da diese fuer viele Menschen nicht ausreicht, ist fehlender Aktienbesitz ein direkter Risikofaktor fuer Altersarmut — besonders bei Frauen, Geringverdiennerinnen und Teilzeitkraeften.

Stimmt es, dass nur 15 Prozent der Deutschen Aktien besitzen?+

Nein, so lässt sich die Zahl nicht lesen. Laut Sozialbericht 2024 sind 15 Prozent der 45- bis 64-Jährigen der Wert für festverzinsliche Wertpapiere. Der Aktienanteil in derselben Altersgruppe liegt bei 26 Prozent.

Wie viele armutsgefährdete Menschen besitzen Aktien?+

Von den armutsgefährdeten Personen zwischen 45 und 64 Jahren investierten 11 Prozent in Aktien. Bei Personen mit höheren Einkommen waren es 48 Prozent.

Welche Anlageform ist in Deutschland am weitesten verbreitet?+

Von den drei untersuchten Formen sind Anteile an Investmentfonds am häufigsten: 41 Prozent der 45- bis 64-Jährigen besitzen sie. Es folgen Aktien mit 26 Prozent und festverzinsliche Wertpapiere mit 15 Prozent.

Investieren Menschen in Ostdeutschland seltener in Aktien?+

Ja. In Westdeutschland wurde deutlich häufiger in festverzinsliche Wertpapiere, Aktien und Investmentfonds investiert als in Ostdeutschland. Getrennte Prozentwerte für Ost und West weist die Auswertung nicht aus.

Hängt der Aktienbesitz vom Schulabschluss ab?+

Personen mit Hochschulreife wiesen bei allen drei Anlageformen höhere Anteile auf als Personen mit niedrigeren Schulabschlüssen. Bildung und Einkommen hängen dabei eng zusammen.

Wie viel Prozent eines Wertguthabens dürfen in Aktien angelegt werden?+

Nach § 7d Sozialgesetzbuch IV ist bei der Anlage von Wertguthaben ein Aktien- oder Aktienfondsanteil von bis zu 20 Prozent zulässig. Ein höherer Anteil ist nur zulässig, wenn ein Tarifvertrag oder eine darauf beruhende Betriebsvereinbarung dies vorsieht oder das Wertguthaben ausschließlich für bestimmte Freistellungen genutzt wird.