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Migration & Armut

Ukraine-Zuwanderung seit 2022: Folgen für Armut und Sozialleistungen

Die Zuwanderung aus der Ukraine hat Deutschlands Bevölkerung 2022 um rund 1,1 Millionen Menschen wachsen lassen und die Zahl der Mindestsicherungsempfänger deutlich erhöht. Besonders betroffen sind Frauen, Alleinerziehende und Menschen ohne eigene Wohnung.

6 Min. Lesezeit2 Quellen

84,4 Mio.

So viele Menschen lebten Ende 2022 in Deutschland — rund 1,1 Millionen mehr als 2021, vor allem bedingt durch die starke Zuwanderung aus der Ukraine.

61 %

Sechs von zehn der 2023 in Deutschland wohnenden und seit Jahresbeginn 2022 aus der Ukraine eingewanderten Personen waren weiblich.

804.000

Knapp so viele Personen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit erhielten 2022 Leistungen der Mindestsicherung — ein Anstieg um 1.871 Prozent.

39 %

So viele der seit 2022 aus der Ukraine eingewanderten Menschen waren nach ihrer Flucht Alleinerziehende (15 %) oder Kinder eines alleinerziehenden Elternteils (24 %).

136.900

So viele Ukrainerinnen und Ukrainer verbleiben laut Wohnungslosenbericht 2024 mangels Alternativen in Geflüchtetenunterkünften.

Wie viele Menschen sind seit 2022 aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet?

Kurzantwort: Ende 2022 lebten 84,4 Millionen Menschen in Deutschland — rund 1,1 Millionen mehr als im Jahr davor. Dieses Wachstum ging vor allem auf die starke Zuwanderung aus der Ukraine zurück.

Der Bevölkerungsstand in Deutschland ist 2022 deutlich gestiegen: Ende des Jahres lebten hier 84,4 Millionen Menschen, etwa 1,1 Millionen mehr als Ende 2021. Als wesentlicher Grund für diesen Zuwachs gilt die starke Zuwanderung aus der Ukraine. Ein Bevölkerungsplus in dieser Größenordnung innerhalb eines Jahres ist für Deutschland ungewöhnlich und hat innerhalb weniger Monate stattgefunden.

Vor allem Frauen und Kinder

Die Zusammensetzung dieser Zuwanderung unterscheidet sich von anderen Wanderungsbewegungen nach Deutschland. Von den Personen, die 2023 in Deutschland wohnten und seit Jahresbeginn 2022 aus der Ukraine eingewandert waren, waren 61 Prozent weiblich — also sechs von zehn. Damit prägen Frauen und die mit ihnen gekommenen Kinder diese Gruppe.

Für die Armutsforschung ist das relevant: Frauen und Kinder sind in Deutschland ohnehin überdurchschnittlich häufig von Einkommensarmut betroffen. Wer allein mit Kindern in einem fremden Land ankommt, hat zusätzlich mit Sprachbarrieren, fehlender Kinderbetreuung und einem angespannten Wohnungsmarkt zu tun.

Wie diese Zahlen einzuordnen sind

Die genannten Werte beziehen sich auf die Datenstände 2022 und 2023 und stammen aus dem Sozialbericht 2024. Sie beschreiben also die erste Phase der Fluchtbewegung. Wie viele Menschen aus der Ukraine 2024 oder 2025 in Deutschland leben, lässt sich damit nicht beantworten — Fortzüge, Rückkehr in die Ukraine und Weiterwanderung sind in diesen Zahlen nicht abgebildet.

Ukrainische Geflüchtete und Sozialleistungen: der Anstieg der Mindestsicherung

Kurzantwort: Knapp 804.000 Personen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit erhielten 2022 Leistungen der Mindestsicherung. Das entspricht einem Anstieg um 1.871 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Zahl der Menschen, die in Deutschland Mindestsicherung beziehen, ist 2022 stark gestiegen. Dieser Anstieg ist vor allem auf Geflüchtete aus der Ukraine zurückzuführen: Knapp 804.000 Personen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit erhielten in diesem Jahr entsprechende Leistungen. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das eine Zunahme um 1.871 Prozent.

Was Mindestsicherung bedeutet

Der Begriff Mindestsicherung fasst die existenzsichernden Leistungen des Sozialstaats zusammen. Dazu gehören Leistungen zur Grundsicherung für Arbeitsuchende, die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, die Hilfe zum Lebensunterhalt sowie Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Die Statistik zählt Menschen, deren eigenes Einkommen und Vermögen nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu decken.

Warum die Zahl so stark gestiegen ist

Eine Steigerung um 1.871 Prozent klingt dramatisch, hat aber eine einfache statistische Ursache: Die Ausgangsbasis war sehr klein. Vor 2022 lebten vergleichsweise wenige Menschen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit in Deutschland, entsprechend niedrig war die Zahl der Leistungsbeziehenden. Innerhalb weniger Monate kam eine große Gruppe hinzu, die zunächst kein eigenes Erwerbseinkommen in Deutschland hatte.

Der Leistungsbezug sagt deshalb zunächst wenig über langfristige Armutsrisiken aus. Er beschreibt eine Ankunftssituation: Wer nach einer Flucht ohne Ersparnisse, ohne Wohnung und ohne Arbeitsvertrag ankommt, ist auf existenzsichernde Leistungen angewiesen. Wie sich die Erwerbsbeteiligung dieser Gruppe seit 2022 entwickelt hat, geht aus den hier ausgewerteten Daten nicht hervor.

Alleinerziehende unter den Geflüchteten aus der Ukraine

Kurzantwort: 39 Prozent der seit 2022 aus der Ukraine eingewanderten Menschen lebten nach ihrer Flucht in einem Alleinerziehenden-Haushalt: 15 Prozent als alleinerziehender Elternteil, 24 Prozent als Kind eines solchen Elternteils.

Die Haushaltsstruktur der Geflüchteten aus der Ukraine unterscheidet sich stark vom Durchschnitt der Bevölkerung in Deutschland. 39 Prozent der seit 2022 aus der Ukraine eingewanderten Menschen waren nach ihrer Flucht entweder Alleinerziehende oder Kinder eines alleinerziehenden Elternteils. Aufgeteilt bedeutet das: 15 Prozent sind alleinerziehende Elternteile, 24 Prozent sind deren Kinder.

Warum das für das Armutsrisiko wichtig ist

Alleinerziehende Haushalte gehören in Deutschland zu den Gruppen mit dem höchsten Armutsrisiko. Ein Erwachsener muss Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt allein organisieren. Fällt eine Betreuungsmöglichkeit aus, ist meist auch die Arbeitszeit betroffen — und damit das Einkommen.

Bei geflüchteten Alleinerziehenden kommen weitere Hürden hinzu:

  • Sprache: Ein Sprachkurs setzt eine verlässliche Betreuung der Kinder voraus.
  • Kinderbetreuung: In vielen Regionen fehlen Kita-Plätze, insbesondere kurzfristig.
  • Fehlendes Netzwerk: Großeltern, Freundeskreis oder Nachbarschaft, die einspringen könnten, sind oft nicht im Land.
  • Berufsanerkennung: Qualifikationen müssen anerkannt werden, bevor sie auf dem Arbeitsmarkt wirken.

Diese Kombination erklärt, warum ein hoher Anteil Alleinerziehender innerhalb einer Zuwanderungsgruppe ein Hinweis auf erhöhte Armutsrisiken ist — und warum Betreuungsangebote in der Praxis genauso wichtig sind wie Geldleistungen.

Wohnsituation: ukrainische Geflüchtete in Unterkünften

Kurzantwort: Laut Wohnungslosenbericht 2024 haben nur 14 Prozent der untergebrachten wohnungslosen Personen die deutsche Staatsangehörigkeit. Darunter sind 136.900 Ukrainerinnen und Ukrainer, die mangels Alternativen in Geflüchtetenunterkünften bleiben.

Wohnungslosigkeit bedeutet in Deutschland nicht automatisch Leben auf der Straße. Der größere Teil der wohnungslosen Menschen ist untergebracht — in Notunterkünften, Gemeinschaftsunterkünften oder bei Bekannten. Der Wohnungslosenbericht 2024 zeigt, wie stark diese Gruppe von Zuwanderung geprägt ist: Lediglich 14 Prozent der untergebrachten wohnungslosen Personen besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit.

136.900 Menschen in Geflüchtetenunterkünften

Zu den untergebrachten wohnungslosen Personen zählen 136.900 Ukrainerinnen und Ukrainer, die mangels Alternativen in Geflüchtetenunterkünften verbleiben. Der Grund ist nicht ein fehlender Anspruch, sondern ein fehlendes Angebot: In vielen Städten mit angespanntem Wohnungsmarkt gibt es kaum bezahlbare Mietwohnungen, erst recht nicht für größere Haushalte mit Kindern.

Was ein längerer Aufenthalt in der Unterkunft bedeutet

Eine Unterkunft ist als Übergang gedacht. Bleibt sie zum Dauerzustand, wirkt sich das auf alle anderen Lebensbereiche aus:

  • Kinder haben keinen ruhigen Platz für Hausaufgaben und wenig Privatsphäre.
  • Der Weg zu Schule, Kita oder Arbeitsplatz ist häufig lang, weil Unterkünfte oft am Ortsrand liegen.
  • Ohne eigene Adresse und eigenen Mietvertrag ist der Alltag schwerer zu organisieren.
  • Die Aufnahme einer Arbeit wird erschwert, wenn Wohnort und Arbeitsmarkt nicht zusammenpassen.

Damit verbindet sich die Ukraine-Zuwanderung direkt mit einem bereits vorher bestehenden Problem: dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Wer keine Wohnung findet, bleibt im System der Unterbringung — unabhängig von der Staatsangehörigkeit.

Gesellschaftliche Einstellung zur Zuwanderung im Wandel

Kurzantwort: Zwischen 2016 und 2021 ist der Anteil der Menschen mit großen Sorgen bezüglich der Zuwanderung bei Frauen und Männern gleichermaßen um mehr als 20 Prozentpunkte gesunken.

Die Aufnahme von Geflüchteten wird in Deutschland öffentlich diskutiert. Ein Blick auf die Befragungsdaten zeigt, dass sich die Stimmung über die Jahre verändert hat: Von 2016 bis 2021 ist der Anteil derjenigen, die sich große Sorgen bezüglich der Zuwanderung machen, bei Frauen und Männern gleichermaßen um mehr als 20 Prozentpunkte gesunken.

Wie dieser Befund einzuordnen ist

Der Zeitraum endet 2021 — also vor Beginn der Fluchtbewegung aus der Ukraine im Februar 2022. Die Daten beschreiben deshalb die Ausgangslage, in der Deutschland eine große Zahl Geflüchteter aufgenommen hat, nicht die Reaktion darauf. Rückschlüsse auf die Stimmung in den Jahren 2022 bis 2025 lassen sich aus dieser Zeitreihe nicht ziehen.

Migrationshintergrund in der Bevölkerung

Zur Größenordnung: Im Jahr 2021 wiesen 76,8 Prozent der Menschen in Deutschland keinen Migrationshintergrund auf. Knapp ein Viertel der Bevölkerung hatte also selbst oder über die Eltern eine Zuwanderungsgeschichte. Die Zuwanderung aus der Ukraine ab 2022 trifft damit auf eine Gesellschaft, in der Migration seit Jahrzehnten Teil der Normalität ist.

Für die Armutsdebatte ist wichtig, Ursache und Wirkung nicht zu vertauschen: Ein Anstieg der Leistungsbeziehenden bedeutet nicht, dass Armut in Deutschland durch Zuwanderung entsteht. Er zeigt zunächst, dass eine Gruppe Menschen ohne Einkommen und Wohnung angekommen ist und Zugang zum Sozialsystem erhalten hat.

Welche Fragen die Daten noch offenlassen

Kurzantwort: Die vorliegenden Zahlen beschreiben die Jahre 2021 bis 2023. Zu aktuellen Bestandszahlen, zur Erwerbsbeteiligung und zum Erfolg einzelner Integrationsmaßnahmen liegen in diesen Auswertungen keine Angaben vor.

Die hier dargestellten Werte stammen aus dem Sozialbericht 2024 und dem Wohnungslosenbericht 2024. Sie geben den Stand dieser Berichte wieder. Drei Punkte bleiben damit offen:

  • Aktuelle Bestandszahlen: Wie viele Menschen aus der Ukraine 2024 und 2025 in Deutschland leben, ist in diesen Auswertungen nicht enthalten.
  • Erwerbsbeteiligung: Wie viele geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer inzwischen erwerbstätig sind und in welchen Berufen, geht aus den genannten Zahlen nicht hervor.
  • Wirkung von Maßnahmen: Welche Sprach-, Betreuungs- und Vermittlungsangebote wie stark gewirkt haben, lässt sich aus den ausgewerteten Daten nicht beantworten.

Wer Zahlen selbst nachschlagen möchte

Verlässliche laufende Daten liefern das Statistische Bundesamt für Bevölkerung und Mindestsicherung sowie die Bundesagentur für Arbeit für den Arbeitsmarkt. Für den Bereich Wohnen ist der Wohnungslosenbericht der Bundesregierung die zentrale Quelle. Wer sich in einer konkreten Notlage befindet, findet bei den kommunalen Sozialämtern, bei den Wohlfahrtsverbänden und in Migrationsberatungsstellen direkte Unterstützung.

Quellen

  • Sozialbericht 2024 (Destatis/DIW, 18. Ausgabe)
  • Wohnungslosenbericht 2024 (Bundesregierung)

Häufige Fragen

Wie viele Menschen sind seit 2022 aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet?+

Genaue Zuzugszahlen weist der Sozialbericht 2024 nicht als Einzelwert aus. Er zeigt aber die Größenordnung: Ende 2022 lebten 84,4 Millionen Menschen in Deutschland, rund 1,1 Millionen mehr als 2021. Dieses Wachstum war vor allem durch die starke Zuwanderung aus der Ukraine bedingt.

Wie viele ukrainische Geflüchtete erhalten Mindestsicherung in Deutschland?+

Im Jahr 2022 erhielten knapp 804.000 Personen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit Leistungen der Mindestsicherung. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg um 1.871 Prozent. Der starke Anstieg der Mindestsicherungsempfänger insgesamt ist 2022 vor allem auf Geflüchtete aus der Ukraine zurückzuführen. Stand: Sozialbericht 2024.

Wie viele ukrainische Geflüchtete sind von Wohnungslosigkeit betroffen?+

Der Wohnungslosenbericht 2024 nennt 136.900 Ukrainerinnen und Ukrainer, die mangels Alternativen in Geflüchtetenunterkünften verbleiben und damit zu den untergebrachten wohnungslosen Personen zählen. Insgesamt besitzen nur 14 Prozent der untergebrachten wohnungslosen Personen die deutsche Staatsangehörigkeit.

Warum sind so viele der Geflüchteten aus der Ukraine Frauen?+

Belegt ist der Anteil: 61 Prozent der 2023 in Deutschland wohnenden und seit Jahresbeginn 2022 aus der Ukraine eingewanderten Personen waren weiblich. Damit prägen Frauen und die mit ihnen gekommenen Kinder diese Gruppe deutlich stärker als andere Zuwanderungsbewegungen nach Deutschland.

Warum gelten Geflüchtete aus der Ukraine als besonders armutsgefährdet?+

Ein Grund liegt in der Haushaltsstruktur: 39 Prozent der seit 2022 aus der Ukraine eingewanderten Menschen waren nach ihrer Flucht Alleinerziehende (15 Prozent) oder Kinder eines alleinerziehenden Elternteils (24 Prozent). Alleinerziehende Haushalte tragen in Deutschland ein besonders hohes Armutsrisiko, weil Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung von einer Person allein organisiert werden müssen.

Hat die Zuwanderung aus der Ukraine die Armut in Deutschland erhöht?+

Die Statistik zeigt einen deutlichen Anstieg der Mindestsicherungsempfänger 2022, der vor allem auf Geflüchtete aus der Ukraine zurückgeht. Das beschreibt eine Ankunftssituation: Wer ohne Einkommen und Wohnung ankommt, ist auf existenzsichernde Leistungen angewiesen. Aussagen über die langfristige Entwicklung der Armutsquote lassen sich aus dieser Momentaufnahme nicht ableiten.

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