Ungleichheit & Stadtentwicklung
Soziale Segregation in deutschen Städten: Wie stark trennen sich Arm und Reich räumlich?
Arme und wohlhabende Haushalte leben in deutschen Städten immer seltener in denselben Stadtteilen. Am deutlichsten verschärft hat sich diese Trennung in ostdeutschen Städten und im Ruhrgebiet, während süddeutsche Städte sozial homogener geworden sind.
- über 40 %Segregationswert der Armutsbevölkerung in ostdeutschen Städten wie Schwerin
- 0,93Korrelation zwischen SGB-II-Quote und Ausländeranteil auf Stadtteilebene im Ruhrgebiet
- 2013–2021Zeitraum, in dem sich der Zusammenhang von Armut und Ausländeranteil in allen Regionen verstärkt hat
- 500.000+Einwohner: Ab dieser Stadtgröße sind Bildungs- und Einkommenssegregation am stärksten ausgeprägt
- 18.Ausgabe des Sozialberichts, die die aktuelle Datengrundlage zur städtischen Segregation liefert
Was bedeutet soziale Segregation in Städten?
Kurzantwort: Soziale Segregation heißt, dass Bevölkerungsgruppen innerhalb einer Stadt räumlich getrennt leben — arme Haushalte in bestimmten Stadtteilen, wohlhabende in anderen.
Gemessen wird diese Trennung mit Segregationsindizes. Sie vergleichen, wie eine Gruppe über die Stadtteile einer Stadt verteilt ist. Ein Wert von 0 bedeutet: Die Gruppe ist genauso verteilt wie die übrige Bevölkerung. Je höher der Wert, desto stärker konzentriert sich die Gruppe in einzelnen Quartieren. Ein Segregationswert von 40 Prozent bedeutet vereinfacht: 40 Prozent der betrachteten Gruppe müssten umziehen, damit sie gleichmäßig über die Stadt verteilt wäre.
Unterschieden werden dabei mehrere Formen:
- Armutssegregation: räumliche Konzentration von Menschen, die auf Grundsicherung angewiesen sind (SGB-II-Quote als Kennzahl).
- Einkommenssegregation: Trennung nach Einkommenshöhe, also auch am oberen Ende der Verteilung.
- Bildungssegregation: ungleiche Verteilung von Haushalten nach formalem Bildungsstand.
- Ethnische Segregation: unterschiedliche Verteilung von Menschen mit und ohne ausländische Staatsangehörigkeit.
Segregation ist zunächst eine Beschreibung, keine Bewertung. Relevant wird sie, weil sich in stark benachteiligten Quartieren häufig mehrere Belastungen bündeln: schwächere Infrastruktur, angespannte Schulsituation, geringere Erreichbarkeit von Beratungsangeboten.
Wie stark hat sich die Armutssegregation in deutschen Städten entwickelt?
Kurzantwort: Sie hat in ostdeutschen Städten und im Ruhrgebiet zugenommen, während süddeutsche Städte sozial homogener geworden sind. Ostdeutsche Städte wie Schwerin erreichen Segregationswerte von über 40 Prozent.
Die Entwicklung verläuft also nicht bundesweit gleichförmig, sondern regional gegenläufig. In Ostdeutschland und im Ruhrgebiet haben sich Armut und Grundsicherungsbezug stärker auf einzelne Stadtteile konzentriert. In süddeutschen Städten hat die räumliche Trennung dagegen abgenommen — die soziale Zusammensetzung der Quartiere ist dort ähnlicher geworden.
Schwerin ist dafür ein besonders deutliches Beispiel: Werte über 40 Prozent bedeuten, dass ein sehr großer Teil der Armutsbevölkerung in bestimmten Wohngebieten lebt und in anderen kaum vertreten ist. Solche Muster entstehen über längere Zeiträume, etwa durch die Verteilung von Sozialwohnungsbeständen, Großwohnsiedlungen und selektive Umzüge innerhalb der Stadt.
Wichtig für die Einordnung: Ein hoher Segregationswert sagt nichts über die Höhe der Armutsquote insgesamt aus. Eine Stadt kann eine relativ niedrige Armutsquote und gleichzeitig eine stark ungleiche räumliche Verteilung haben — und umgekehrt.
Wie hängen Armut und Migration auf Stadtteilebene zusammen?
Kurzantwort: Der statistische Zusammenhang zwischen SGB-II-Quote und Ausländeranteil auf Stadtteilebene hat sich zwischen 2013 und 2021 in allen Regionen Deutschlands deutlich verstärkt; im Ruhrgebiet liegt der Korrelationskoeffizient bei 0,93.
Ein Korrelationskoeffizient beschreibt, wie stark zwei Merkmale gemeinsam auftreten. Der Wert reicht von 0 (kein Zusammenhang) bis 1 (vollständiger Gleichlauf). Ein Wert von 0,93 bedeutet: Stadtteile im Ruhrgebiet mit hohem Ausländeranteil haben fast durchgängig auch eine hohe SGB-II-Quote. Die beiden Merkmale fallen räumlich nahezu zusammen.
Was dieser Wert nicht aussagt: Er erklärt keine Ursachen. Eine Korrelation zeigt einen Gleichlauf, keine Wirkungsrichtung. Aus dem Wert lässt sich nicht ableiten, dass Zuwanderung Armut erzeugt oder Armut Zuwanderung anzieht. Beide Merkmale können durch dieselben Rahmenbedingungen geformt werden — etwa durch die Verteilung günstiger Wohnungsbestände, durch Zugangshürden auf dem Wohnungsmarkt oder durch die Arbeitsmarktstruktur einer Region.
Die Aussagekraft liegt an anderer Stelle: Wenn sich soziale und ethnische Segregation räumlich überlagern, treffen in denselben Quartieren mehrere Benachteiligungen zusammen. Genau das ist der Trend, der sich zwischen 2013 und 2021 in allen Regionen verstärkt hat — nicht nur im Ruhrgebiet, dort aber am ausgeprägtesten.
Warum ist die Segregation in Großstädten stärker ausgeprägt?
Kurzantwort: Bildungs- und Einkommenssegregation nehmen mit der Stadtgröße zu und sind in Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern am stärksten. Armutssegregation dagegen variiert unabhängig von der Gemeindegröße.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Bei Bildung und Einkommen gilt: je größer die Stadt, desto ausgeprägter die räumliche Trennung. Große Städte haben mehr Stadtteile, stärker differenzierte Wohnungsmärkte und größere Preisunterschiede zwischen Quartieren. Damit entstehen mehr Möglichkeiten, sich nach Kaufkraft und Lebenslage zu sortieren — sowohl am unteren als auch am oberen Ende.
Bei der Armutssegregation zeigt sich dieses Muster nicht. Sie hängt nicht systematisch an der Einwohnerzahl, sondern an regionalen und lokalen Bedingungen: Wo liegen die Großwohnsiedlungen? Wie ist der Sozialwohnungsbestand verteilt? Wie hat sich die Wirtschaftsstruktur der Region entwickelt? Deshalb können auch Mittelstädte hohe Armutssegregation aufweisen.
Für die kommunale Praxis heißt das: Großstädte müssen vor allem gegen die Auseinanderentwicklung von Quartieren nach Einkommen und Bildung arbeiten. Kleinere Städte mit hoher Armutskonzentration brauchen dagegen gezielte Quartiersstrategien, unabhängig von ihrer Größe.
Wie wird soziale Segregation in Hamburg und Berlin beobachtet?
Kurzantwort: Beide Städte führen eigene Sozialberichte beziehungsweise ein regelmäßiges Sozialmonitoring, das die soziale Lage kleinräumig auf Stadtteil- und Bezirksebene abbildet.
Solche kommunalen Berichtssysteme ergänzen die bundesweite Perspektive. Sie arbeiten mit kleineren räumlichen Einheiten als bundesweite Auswertungen und machen damit Unterschiede innerhalb einzelner Bezirke sichtbar — etwa zwischen benachbarten Quartieren mit sehr unterschiedlicher Grundsicherungsquote, Arbeitslosigkeit oder Kinderarmut.
Der praktische Nutzen liegt in der Steuerung: Kommunale Sozialberichterstattung dient als Grundlage dafür, wo Quartiersförderung, Schulsozialarbeit, Beratungsstellen oder Familienzentren eingesetzt werden. Für Betroffene ist das relevant, weil Angebote häufig an solche Gebietskulissen gebunden sind — wer wissen will, welche Programme im eigenen Stadtteil laufen, findet die Antwort meist bei der Bezirks- oder Stadtverwaltung.
Welche Datengrundlage steht hinter diesen Befunden?
Kurzantwort: Die bundesweiten Aussagen zu Armuts-, Bildungs- und Einkommenssegregation stammen aus dem Sozialbericht in seiner 18. Ausgabe und reichen bis zum Jahr 2021.
Zwei Einschränkungen sind für die Einordnung wichtig. Erstens: Der aktuellste ausgewertete Zeitpunkt ist 2021. Entwicklungen der Jahre danach — etwa Zuwanderung aus der Ukraine, Energiepreisanstieg oder die Einführung des Bürgergelds — sind in diesen Segregationswerten noch nicht enthalten.
Zweitens: Segregationsindizes reagieren auf die gewählte räumliche Ebene. Je kleiner die Gebietseinheiten, desto höher fallen die Werte in der Regel aus. Vergleiche zwischen Städten sind deshalb nur dann belastbar, wenn dieselbe Berechnungsmethode und vergleichbare Gebietsabgrenzungen verwendet werden. Für die hier genannten Befunde ist das innerhalb der Berichtsauswertung gegeben — ein Vergleich mit Zahlen aus anderen Studien ist dagegen nur mit Vorsicht möglich.
Was folgt daraus für Betroffene und kommunale Akteure?
Kurzantwort: Wo Armut sich räumlich bündelt, entscheidet der Wohnort mit über Zugang zu Bildung, Beratung und Infrastruktur — Gegenmaßnahmen setzen deshalb am Quartier an.
Für Menschen in belasteten Quartieren wirkt Segregation vor allem über Zugänge: Welche Schule ist erreichbar? Wie gut ist die Nahverkehrsanbindung zu Arbeitsplätzen? Wie weit ist die nächste Beratungsstelle? Diese Alltagsfragen entscheiden mit darüber, wie stark Armut sich verfestigt.
Für kommunale Akteure sind kleinräumige Daten die Voraussetzung, um gezielt zu handeln. Städtische Durchschnittswerte verdecken die Unterschiede, die für Förderentscheidungen zählen. Regelmäßige Sozialberichterstattung auf Stadtteilebene ist deshalb weniger ein statistisches Nebenprodukt als ein Steuerungsinstrument.
Wie stark der soziale Hintergrund darüber hinaus die Bildungswege einzelner Kinder prägt, zeigen die Ergebnisse internationaler Schulleistungsvergleiche — nachzulesen auf unserer Seite zu Bildungserfolg und sozialer Herkunft.
Häufige Fragen zu sozialer Segregation in Städten
]]>Häufige Fragen
Was bedeutet soziale Segregation in Städten?+
Soziale Segregation bezeichnet die räumliche Trennung von Bevölkerungsgruppen innerhalb einer Stadt — nach Einkommen, Bildungsstand oder Staatsangehörigkeit. Gemessen wird sie mit Segregationsindizes auf Stadtteilebene. Ein Wert von 40 Prozent bedeutet vereinfacht, dass 40 Prozent der betrachteten Gruppe umziehen müssten, damit sie gleichmäßig über alle Stadtteile verteilt wäre.
In welchen deutschen Städten ist die Armutssegregation am stärksten?+
Am stärksten zugenommen hat die Armutssegregation in ostdeutschen Städten und im Ruhrgebiet. Ostdeutsche Städte wie Schwerin weisen Werte von über 40 Prozent auf. Süddeutsche Städte sind im selben Zeitraum sozial homogener geworden, die räumliche Trennung hat dort also abgenommen.
Warum ist die Segregation in Großstädten stärker ausgeprägt?+
Bildungs- und Einkommenssegregation nehmen mit der Stadtgröße zu und sind in Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern am stärksten. Große Städte haben mehr Stadtteile, stärker differenzierte Wohnungsmärkte und größere Preisunterschiede zwischen Quartieren. Die Armutssegregation dagegen variiert unabhängig von der Gemeindegröße — auch Mittelstädte können hohe Werte erreichen.
Was sagt der Korrelationswert von 0,93 im Ruhrgebiet aus?+
Er zeigt, dass Stadtteile im Ruhrgebiet mit hohem Ausländeranteil fast durchgängig auch eine hohe SGB-II-Quote haben. Der Zusammenhang zwischen beiden Merkmalen hat sich zwischen 2013 und 2021 in allen Regionen Deutschlands verstärkt. Eine Korrelation beschreibt jedoch nur den Gleichlauf zweier Merkmale, keine Ursache und keine Wirkungsrichtung.
Welche Formen von Segregation werden unterschieden?+
Üblich ist die Unterscheidung in Armutssegregation (Konzentration von Grundsicherungsbezug), Einkommenssegregation (Trennung nach Einkommenshöhe), Bildungssegregation (Verteilung nach formalem Bildungsstand) und ethnische Segregation (Verteilung nach Staatsangehörigkeit). Die Formen entwickeln sich nicht parallel — sie können in derselben Stadt unterschiedlich stark ausfallen.
Wie aktuell sind die Daten zur städtischen Segregation?+
Die bundesweiten Auswertungen zu Armuts-, Bildungs- und Einkommenssegregation reichen bis zum Jahr 2021. Entwicklungen der Jahre danach sind darin noch nicht enthalten. Kleinräumigere und teils aktuellere Angaben liefern kommunale Sozialberichte und Sozialmonitoring-Systeme einzelner Städte.