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Migration & Armut

Migration und Armut: Lebenssituation von Migranten, Nachkommen und Geflüchteten

Geflüchtete tragen in Deutschland mit rund 68 Prozent das mit Abstand höchste Armutsrisiko — bei Menschen mit Migrationshintergrund liegt es bei etwa 25 Prozent, bei Menschen ohne Migrationshintergrund bei 14 Prozent. Diese Seite ordnet die Zahlen ein und erklärt, welche Faktoren dahinterstehen.

5 Min. Lesezeit12 Quellen

68 %

So hoch ist das Armutsrisiko von Geflüchteten in Deutschland. Bei Menschen mit Migrationshintergrund liegt es bei 25 Prozent, bei Menschen ohne Migrationshintergrund bei 14 Prozent.

14,7 %

Anteil der Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte, die 2022 trotz Arbeit armutsgefährdet waren. Ohne Einwanderungsgeschichte waren es 7,1 Prozent.

804.000

Personen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit bezogen 2022 Leistungen der Mindestsicherung — ein Anstieg um 1.871 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

14 %

Nur so wenige der untergebrachten wohnungslosen Personen besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. 136.900 Ukrainerinnen und Ukrainer verbleiben mangels Alternativen in Geflüchtetenunterkünften.

0,93

Korrelationskoeffizient zwischen SGB-II-Quote und Ausländeranteil auf Stadtteilebene im Ruhrgebiet. Der Zusammenhang hat sich zwischen 2013 und 2021 bundesweit verstärkt.

Armutsrisiko von Geflüchteten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung

Kurzantwort: Geflüchtete haben in Deutschland ein Armutsrisiko von rund 68 Prozent. Menschen mit Migrationshintergrund liegen bei 25 Prozent, Menschen ohne Migrationshintergrund bei 14 Prozent.

Wer über Migration und Armut spricht, muss drei Gruppen sauber trennen. Sie unterscheiden sich in ihrer Lebenslage erheblich:

  • Menschen ohne Migrationshintergrund: Armutsrisiko rund 14 Prozent.
  • Menschen mit Migrationshintergrund: Armutsrisiko rund 25 Prozent — also fast doppelt so hoch.
  • Geflüchtete: Armutsrisiko rund 68 Prozent — mehr als das Vierfache der Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund.

Der Begriff „Migrationshintergrund“ fasst sehr verschiedene Lebenswege zusammen: eingebürgerte Menschen, seit Jahrzehnten hier lebende Familien, Zugewanderte aus der Europäischen Union und deren Kinder. 2021 hatten 76,8 Prozent der Menschen in Deutschland keinen Migrationshintergrund. Die 25-Prozent-Quote ist damit ein Durchschnitt über sehr unterschiedliche Situationen — sie sagt wenig über einzelne Herkunftsgruppen aus.

Arbeit schützt nicht automatisch vor Armut

Ein Arbeitsplatz beendet Armut nicht zwangsläufig. 2022 waren 14,7 Prozent der Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte armutsgefährdet, obwohl sie arbeiteten. Bei Erwerbstätigen ohne Einwanderungsgeschichte lag der Wert mit 7,1 Prozent bei weniger als der Hälfte.

Hinter dieser Lücke stehen typische Muster des Arbeitsmarkts: häufigere Beschäftigung in Branchen mit niedrigen Löhnen, mehr befristete Verträge und Teilzeit, seltener anerkannte Berufsabschlüsse. Erwerbstätigkeit ist deshalb ein wichtiger, aber kein ausreichender Schutz gegen Einkommensarmut.

Ein Hinweis zur Einordnung der Zahlen: Die genannten Werte beziehen sich überwiegend auf die Jahre 2021 bis 2023. Neuere Vergleichswerte nach Migrationsstatus liegen für die Zeit danach noch nicht in gleicher Detailtiefe vor.

Sprachkenntnisse und Integration als Schutzfaktor gegen Armut

Kurzantwort: Die Deutschkenntnisse von Geflüchteten haben sich deutlich verbessert: 2016 schätzten 17 Prozent ihre Sprechkenntnisse als gut ein, 2021 bereits 55 Prozent. Bei ukrainischen Geflüchteten war der Ausgangspunkt 2022 deutlich niedriger.

Sprache entscheidet über den Zugang zu fast allem: Arbeitsvertrag, Wohnungsbesichtigung, Behördenschreiben, Arztgespräch, Elternabend. Wer die Sprache nicht beherrscht, ist auf Vermittlung angewiesen — und findet seltener eine Stelle, die zur eigenen Qualifikation passt.

Deutliche Fortschritte über die Aufenthaltsdauer

Bei Geflüchteten, die ab 2015 nach Deutschland kamen, zeigt sich ein klarer Lernverlauf. 2016 schätzten nur 17 Prozent ihre eigenen Sprechkenntnisse als gut ein. 2021 waren es bereits 55 Prozent. Sprachkenntnisse wachsen also mit der Aufenthaltsdauer — und mit ihnen die Chancen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt.

Ukrainische Geflüchtete starten später

Für die seit 2022 zugezogenen Menschen aus der Ukraine sah die Ausgangslage anders aus: Im Sommer 2022 gaben über 80 Prozent an, eher schlechte oder gar keine Deutschkenntnisse zu haben. Das ist bei einer Fluchtbewegung, die erst wenige Monate zuvor begonnen hatte, erwartbar — erklärt aber, warum diese Gruppe kurzfristig stark auf existenzsichernde Leistungen angewiesen war.

Für die Einordnung heißt das: Ein hohes Armutsrisiko unmittelbar nach der Ankunft ist nicht dasselbe wie dauerhafte Armut. Entscheidend ist, wie schnell Spracherwerb, Anerkennung von Abschlüssen und Arbeitsmarktzugang ineinandergreifen.

Regionale Unterschiede: Migration und Armut in Berlin

Kurzantwort: In Berlin hatten Einwohnerinnen und Einwohner mit ausländischer Staatsbürgerschaft 2023 ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit.

Armut nach Migrationsstatus verteilt sich räumlich sehr ungleich. Berlin ist dafür ein gut dokumentiertes Beispiel: 2023 war das Armutsrisiko von Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft dort doppelt so hoch wie das von Menschen mit deutschem Pass.

Gleichzeitig ist der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin außergewöhnlich hoch. Für 2023 wird er mit 42,3 Prozent ausgewiesen und liegt damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Beides zusammen bedeutet: In Städten mit hoher Zuwanderung schlagen migrationsbezogene Armutsrisiken stärker auf die Gesamtarmutsquote durch — ohne dass daraus ein bundesweiter Durchschnittswert abgeleitet werden kann.

Warum Großstädte besonders betroffen sind

Großstädte ziehen Zuwanderung an, weil dort Netzwerke, Beratungsstellen und Arbeitsgelegenheiten liegen. Zugleich sind Mieten hoch und der Wohnungsmarkt eng. Ein niedriges Einkommen wird dadurch schneller zur Armutslage als in Regionen mit günstigem Wohnraum. Wer wenig verdient und viel für Miete zahlt, rutscht auch bei formaler Erwerbstätigkeit unter die Armutsgefährdungsschwelle.

Wohnungslosigkeit und Mindestsicherung bei Geflüchteten

Kurzantwort: Nur 14 Prozent der untergebrachten wohnungslosen Personen haben die deutsche Staatsangehörigkeit. 2022 bezogen rund 804.000 Menschen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit Mindestsicherungsleistungen — ein Anstieg um 1.871 Prozent.

Wohnungslosigkeit ist die sichtbarste Form von Armut. Unter den untergebrachten wohnungslosen Personen besitzen lediglich 14 Prozent die deutsche Staatsangehörigkeit. Darunter befinden sich 136.900 Ukrainerinnen und Ukrainer, die mangels Alternativen in Geflüchtetenunterkünften bleiben.

Der Begriff „untergebracht“ ist dabei wichtig: Erfasst werden Menschen, die in Einrichtungen von Kommunen, freien Trägern oder in Geflüchtetenunterkünften leben. Wer nach der Anerkennung keine eigene Wohnung findet, bleibt in der Unterkunft — statistisch als wohnungslos, praktisch in einer Dauerlösung ohne Privatsphäre und ohne eigenen Mietvertrag.

Der Sprung bei der Mindestsicherung 2022

2022 stieg die Zahl der Empfängerinnen und Empfänger von Mindestsicherungsleistungen deutlich. Ausschlaggebend war die Fluchtbewegung aus der Ukraine: Knapp 804.000 Personen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit bezogen entsprechende Leistungen, ein Anstieg um 1.871 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Diese Zahl beschreibt einen Sondereffekt und keine schleichende Entwicklung. Ukrainische Geflüchtete wurden ab Juni 2022 in die Grundsicherung einbezogen und tauchen seitdem in dieser Statistik auf. Ein Vergleich der Gesamtzahlen von 2021 und 2022 misst daher zu einem großen Teil eine Änderung der Zuständigkeit — nicht ausschließlich eine Verschlechterung der Lebenslagen der übrigen Leistungsberechtigten.

Armutssegregation und Ausländeranteil in Stadtteilen

Kurzantwort: Zwischen 2013 und 2021 hat sich der statistische Zusammenhang zwischen SGB-II-Quote und Ausländeranteil auf Stadtteilebene in allen Regionen Deutschlands verstärkt — im Ruhrgebiet auf einen Korrelationskoeffizienten von 0,93.

Armut konzentriert sich räumlich. Auf Stadtteilebene fallen hohe SGB-II-Quoten und ein hoher Ausländeranteil zunehmend zusammen. Zwischen 2013 und 2021 hat sich dieser Zusammenhang in allen Regionen Deutschlands verstärkt. Im Ruhrgebiet erreicht der Korrelationskoeffizient den Wert 0,93 — statistisch ein sehr enger Gleichlauf.

Was ein Korrelationskoeffizient aussagt — und was nicht

Ein Korrelationskoeffizient beschreibt, wie stark zwei Messwerte gemeinsam schwanken. Der Wert reicht von 0 (kein Zusammenhang) bis 1 (vollständiger Gleichlauf). Er sagt nichts über Ursache und Wirkung. Aus dem Wert 0,93 folgt also nicht, dass Zuwanderung Armut verursacht.

Plausibler ist der umgekehrte Weg über den Wohnungsmarkt: Günstiger Wohnraum liegt überwiegend in wenigen Quartieren. Wer ein niedriges Einkommen hat, findet dort eine Wohnung — unabhängig von der Staatsangehörigkeit. Neu Zugewanderte haben zudem selten Rücklagen, Bürgschaften oder eine lange Mietvorgeschichte, die auf angespannten Wohnungsmärkten verlangt werden. So entstehen Stadtteile, in denen sich niedrige Einkommen und Zuwanderung überlagern.

Für die Menschen vor Ort hat das Folgen, die über das Einkommen hinausgehen: Schulen mit hohem Förderbedarf, weniger wohnortnahe Arbeitsplätze, schlechtere Nahversorgung. Armut wird dadurch schwerer zu verlassen.

Was zur zweiten Generation bekannt ist — und was nicht

Kurzantwort: Zur Armutslage der in Deutschland geborenen Nachkommen von Zugewanderten liegen bislang keine belastbaren getrennten Quoten vor. Die verfügbaren Zahlen fassen die zweite Generation mit der Kategorie „Migrationshintergrund“ zusammen.

Die Kategorie „Menschen mit Migrationshintergrund“ umfasst auch Personen, die in Deutschland geboren wurden und deren Eltern zugewandert sind. Deren Lebenslage kann sich deutlich von der ihrer Eltern unterscheiden — etwa bei Sprachkenntnissen, Schulabschlüssen und Arbeitsmarktzugang.

Getrennt ausgewiesene Armutsquoten für diese zweite Generation liegen in den ausgewerteten Berichten nicht vor. Aus dem Gesamtwert von 25 Prozent lässt sich daher kein eigener Wert für die Nachkommen ableiten. Wer solche Zahlen nennt, geht über die belegte Datenlage hinaus.

Offene Fragen der Forschung

  • Wie entwickeln sich die Armutsquoten von Migrantinnen, Migranten und Geflüchteten nach 2023?
  • Welche Rolle spielen Bildungsabschlüsse für das Armutsrisiko innerhalb der einzelnen Gruppen?
  • Wie stark unterscheidet sich die Lebenssituation der zweiten Generation von der ihrer Eltern?

Diese Fragen bleiben offen. Sobald belastbare Auswertungen vorliegen, wird diese Seite ergänzt.

Quellen

  • STA Statistikbericht 2020
  • Gerull Lebenslagenuntersuchung 2025
  • schutzauftrag-kindeswohlgefaehrdung 2025
  • Arbeitsmarktbericht Juli 2026
  • statistik grundsicherung 20260803143257
  • Sozialgesetzbuch XII
  • Sozialgesetzbuch XI
  • Sozialgesetzbuch X
  • Sozialgesetzbuch VIII
  • Sozialgesetzbuch VII
  • Sozialgesetzbuch VI
  • Sozialgesetzbuch V

Häufige Fragen

Warum ist das Armutsrisiko bei Geflüchteten so viel höher als bei anderen Migrantengruppen?+

Geflüchtete leben meist erst kurz in Deutschland. In dieser Phase wirken mehrere Faktoren zusammen: fehlende oder noch schwache Deutschkenntnisse, rechtliche Einschränkungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt in der ersten Zeit, nicht anerkannte Berufsabschlüsse und fehlende Netzwerke. Das erklärt, warum das Armutsrisiko bei rund 68 Prozent liegt, während es bei Menschen mit Migrationshintergrund insgesamt etwa 25 Prozent beträgt. Mit der Aufenthaltsdauer verbessern sich zentrale Voraussetzungen deutlich: Der Anteil der Geflüchteten mit nach eigener Einschätzung guten Sprechkenntnissen stieg von 17 Prozent im Jahr 2016 auf 55 Prozent im Jahr 2021.

Wie wirkt sich der Zuzug ukrainischer Geflüchteter auf die Armutsstatistik in Deutschland aus?+

Der Zuzug schlägt vor allem bei der Mindestsicherung durch. 2022 bezogen knapp 804.000 Personen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit entsprechende Leistungen — ein Anstieg um 1.871 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch bei der Wohnungslosigkeit ist der Effekt sichtbar: 136.900 Ukrainerinnen und Ukrainer verbleiben mangels Wohnungsalternativen in Geflüchtetenunterkünften und zählen damit zu den untergebrachten wohnungslosen Personen. Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um einen einmaligen, klar zuordenbaren Sondereffekt und nicht um eine allgemeine Verschlechterung der Lebenslagen in Deutschland.

Sind Kinder von Migranten in Deutschland stärker von Armut betroffen?+

Kinder wachsen in der Regel in der wirtschaftlichen Lage ihrer Eltern auf. Da Haushalte mit Einwanderungsgeschichte häufiger von Armut betroffen sind, gilt das auch für die Kinder in diesen Haushalten. Belastbare, getrennt ausgewiesene Armutsquoten speziell für in Deutschland geborene Nachkommen von Zugewanderten liegen in den ausgewerteten Berichten jedoch nicht vor. Die verfügbaren Zahlen fassen diese Gruppe unter der Kategorie „Migrationshintergrund“ mit 25 Prozent Armutsrisiko zusammen.

Was bedeutet der Unterschied zwischen Migrationshintergrund und Geflüchtetenstatus?+

„Migrationshintergrund“ ist eine statistische Sammelkategorie: Sie erfasst Menschen, die selbst zugewandert sind oder mindestens ein zugewandertes Elternteil haben — unabhängig von Staatsangehörigkeit, Aufenthaltsdauer und Einreisegrund. „Geflüchtete“ bezeichnet dagegen Menschen, die wegen Krieg, Verfolgung oder Gewalt geflohen sind. Die Gruppen überschneiden sich, sind aber nicht dasselbe. Deshalb unterscheiden sich die Armutsquoten stark: rund 25 Prozent bei Migrationshintergrund insgesamt, rund 68 Prozent bei Geflüchteten.

Schützt ein Arbeitsplatz Menschen mit Einwanderungsgeschichte vor Armut?+

Nicht zuverlässig. 2022 waren 14,7 Prozent der Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte trotz Arbeit armutsgefährdet. Bei Erwerbstätigen ohne Einwanderungsgeschichte lag der Anteil mit 7,1 Prozent bei weniger als der Hälfte. Ursachen sind unter anderem Beschäftigung in Niedriglohnbereichen, befristete Verträge, Teilzeit und nicht anerkannte Berufsabschlüsse. Erwerbstätigkeit senkt das Armutsrisiko, beseitigt es aber nicht.

Warum liegen hohe Armutsquoten und hoher Ausländeranteil oft in denselben Stadtteilen?+

Weil günstiger Wohnraum in vielen Städten nur in wenigen Quartieren verfügbar ist. Wer wenig Einkommen hat, findet dort eine Wohnung — unabhängig von der Staatsangehörigkeit. Neu Zugewanderte haben zusätzlich selten Rücklagen, Bürgschaften oder eine lange Mietvorgeschichte, die auf angespannten Wohnungsmärkten verlangt werden. Der statistische Zusammenhang zwischen SGB-II-Quote und Ausländeranteil auf Stadtteilebene hat sich zwischen 2013 und 2021 verstärkt und erreicht im Ruhrgebiet einen Korrelationskoeffizienten von 0,93. Ein solcher Wert beschreibt einen Gleichlauf, keine Ursache.