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Gesundheit und Armut

Lebenserwartung in den Bundesländern: Unterschiede und Ursachen

Die Lebenserwartung ist in Deutschland nicht überall gleich hoch. Zwischen dem Bundesland mit den höchsten und den niedrigsten Werten gibt es deutliche Unterschiede — Baden-Württemberg liegt an der Spitze, Sachsen-Anhalt und das Saarland am unteren Ende.

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Kernzahlen 2024

  • 78,3 Jahre Lebenserwartung von Männern in Deutschland im Zeitraum 2020 bis 2022
  • 83,2 Jahre Lebenserwartung von Frauen in Deutschland im Zeitraum 2020 bis 2022
  • 3 Jahre in Folge So lange sank die Lebenserwartung 2020 bis 2022 — erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik
  • +50 Prozent Höheres Risiko für Männer in hoch deprivierten Regionen, vor dem 65. Lebensjahr zu sterben (2018 bis 2021)
  • +40 Prozent Höheres Risiko für Frauen in hoch deprivierten Regionen, vor dem 65. Lebensjahr zu sterben (2018 bis 2021)

Lebenserwartung im Bundesländer-Vergleich: die Zahlen

Kurzantwort: Die höchste Lebenserwartung in Deutschland weist Baden-Württemberg auf, die niedrigsten Werte verzeichnen Sachsen-Anhalt und das Saarland. Bundesweit lag die Lebenserwartung im Zeitraum 2020 bis 2022 bei 78,3 Jahren für Männer und 83,2 Jahren für Frauen.

Die Lebenserwartung beschreibt, wie viele Jahre ein neugeborenes Kind statistisch gesehen leben wird, wenn die aktuellen Sterblichkeitsverhältnisse unverändert bleiben. Sie ist kein Versprechen für einzelne Menschen, sondern eine Kennzahl für die Gesundheitslage einer Bevölkerung. Genau deshalb ist sie für die Armutsforschung interessant: Wo Menschen früher sterben, stimmt in der Regel auch etwas an den Lebensbedingungen nicht.

Für den Zeitraum 2020 bis 2022 lag die Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland bei 78,3 Jahren für Männer und 83,2 Jahren für Frauen. Bemerkenswert ist die Richtung der Entwicklung: Die Lebenserwartung sank drei Jahre in Folge. Das ist ein Vorgang, den es seit Bestehen der Bundesrepublik so noch nicht gegeben hat. Über Jahrzehnte war der Trend umgekehrt — die Lebenserwartung stieg, unterbrochen nur von kleinen Schwankungen.

Diese Zahlen bilden den Zeitraum 2020 bis 2022 ab. Ob sich der Rückgang nach 2022 fortsetzt, abflacht oder wieder umkehrt, lässt sich daraus nicht ableiten. Wer die weitere Entwicklung beobachten möchte, ist auf neuere Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes angewiesen. Bis dahin gilt: Der dreijährige Rückgang ist belegt, ein Trend darüber hinaus nicht.

Beim Vergleich der Bundesländer zeigt sich ein stabiles Muster: Baden-Württemberg liegt an der Spitze, Sachsen-Anhalt und das Saarland bilden das untere Ende. Bemerkenswert daran ist, dass mit dem Saarland ein westdeutsches Bundesland zu den Ländern mit der niedrigsten Lebenserwartung zählt. Ein reines Ost-West-Muster erklärt die Unterschiede also nicht.

Warum Armut die Lebenserwartung verkürzt: der Deprivations-Effekt

Kurzantwort: Menschen in hoch deprivierten Regionen hatten im Zeitraum 2018 bis 2021 ein deutlich höheres Risiko, vor dem 65. Lebensjahr zu sterben — bei Frauen 40 Prozent, bei Männern 50 Prozent höher als bei Gleichaltrigen in niedrig deprivierten Regionen.

„Deprivation“ ist ein Fachbegriff aus der Sozialforschung. Er beschreibt, wie stark eine Region benachteiligt ist. In einen Deprivationsindex fließen Merkmale wie Einkommen, Erwerbslosigkeit, Bildungsstand und Wirtschaftskraft ein. Eine hoch deprivierte Region ist also keine Region mit besonders vielen kranken Menschen, sondern eine Region mit besonders angespannten sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen.

Der Befund ist eindeutig: Im Zeitraum 2018 bis 2021 hatten Frauen in hoch deprivierten Regionen ein um 40 Prozent höheres Risiko, vor dem 65. Lebensjahr zu sterben, als Frauen gleichen Alters in niedrig deprivierten Regionen. Bei Männern lag der Unterschied bei 50 Prozent. Es geht dabei nicht um ein leicht verkürztes Leben im hohen Alter, sondern um Sterbefälle deutlich vor dem Renteneintritt.

Damit ist der Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Gesundheit messbar. Armut ist in diesen Zahlen kein Randthema der Gesundheitspolitik, sondern ein zentraler Faktor. Der Wohnort ist dabei ein Hinweisgeber: Er verrät oft mehr über die soziale Lage eines Menschen als über seine persönlichen Gewohnheiten.

Ost-West- und Süd-Nord-Gefälle: mögliche Ursachen

Kurzantwort: Belegt ist der Zusammenhang zwischen regionaler Deprivation und früher Sterblichkeit. Welche einzelnen Faktoren die Unterschiede zwischen den Bundesländern in welchem Ausmaß erklären, ist eine offene Forschungsfrage.

Die Rangfolge der Bundesländer ist bekannt, die Erklärung dahinter nicht abgeschlossen. Was sich sagen lässt: Der Deprivationsindex verknüpft Sterblichkeit mit vier messbaren Merkmalen einer Region. Diese Merkmale sind daher die naheliegendsten Ansatzpunkte, wenn man nach Ursachen fragt:

  • Einkommen: In Regionen mit niedrigem Einkommensniveau ist die frühe Sterblichkeit höher.
  • Erwerbslosigkeit: Ein hoher Anteil erwerbsloser Menschen fällt mit erhöhter früher Sterblichkeit zusammen.
  • Bildungsstand: Regionen mit niedrigem formalem Bildungsniveau gehören häufiger zur Gruppe der hoch deprivierten Regionen.
  • Wirtschaftskraft: Wirtschaftlich schwache Regionen weisen höhere Deprivationswerte auf.

Wichtig ist die Lesart: Diese Merkmale beschreiben Zusammenhänge, keine bewiesenen Wirkungsketten. Aus den vorliegenden Daten lässt sich nicht ableiten, ob etwa niedriges Einkommen unmittelbar zu früherem Tod führt oder ob dahinter weitere Faktoren stehen, die mit Einkommen zusammenhängen. Wie stark einzelne Einflüsse wirken und wie sie zusammenspielen, ist Gegenstand laufender Forschung.

Auch die geografische Deutung sollte vorsichtig ausfallen. Die Verteilung der Bundesländer lässt sich nicht auf eine einfache Linie zwischen Ost und West oder Nord und Süd reduzieren. Das Saarland zeigt, dass wirtschaftlicher Strukturwandel und regionale Benachteiligung nicht an ehemaligen Grenzen haltmachen.

Was die Zahlen für Betroffene und Fachkräfte bedeuten

Kurzantwort: Die Daten zeigen ein strukturelles Problem, kein individuelles Versagen. Für die Praxis heißt das: Vorsorge- und Beratungsangebote sind dort besonders wichtig, wo die soziale Belastung hoch ist.

Wer in einer benachteiligten Region lebt, trägt ein statistisch höheres Risiko — daran ändert persönliche Anstrengung nur begrenzt etwas. Diese Einordnung ist für Betroffene entlastend und für Fachkräfte handlungsleitend. Gesundheitliche Ungleichheit ist demnach ein Ergebnis von Lebensbedingungen, nicht in erster Linie von Einzelentscheidungen.

Praktisch bedeutet das: Vorsorgeuntersuchungen der gesetzlichen Krankenversicherung stehen allen Versicherten offen, unabhängig vom Einkommen. Wer sich zu Ansprüchen, Kosten oder Zugang zu medizinischer Versorgung unsicher ist, findet Unterstützung bei Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände, bei unabhängigen Patientenberatungen und bei den Sozialdiensten von Krankenhäusern und Kommunen.

Für Kommunen, Verbände und Verwaltungen liefern die Zahlen ein Argument für regionale Schwerpunktsetzung: Gesundheitsförderung wirkt am stärksten dort, wo Deprivation und frühe Sterblichkeit zusammentreffen.

Wie soziale Herkunft über Lebenschancen entscheidet

Kurzantwort: Der Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Lebenschancen zeigt sich nicht nur bei der Gesundheit, sondern auch in der Bildung — beide Felder folgen einem ähnlichen Muster.

Die Lebenserwartung ist nur eine Kennzahl unter mehreren, an denen soziale Ungleichheit sichtbar wird. Ein zweites, gut untersuchtes Feld ist die Bildung: Auch hier hängen Ergebnisse eng mit der Herkunft zusammen. Wer die Zusammenhänge zwischen Herkunft und Lebenschancen verstehen will, findet in den Befunden zum Bildungserfolg und zur sozialen Herkunft eine wichtige Ergänzung zu den Gesundheitsdaten.

Beide Themen verbindet ein Grundmuster: Benachteiligung ist selten ein Einzelproblem. Niedriges Einkommen, geringe formale Bildung, angespannte Wohnverhältnisse und schlechte Gesundheit treten häufig gemeinsam auf und verstärken sich gegenseitig. Genau deshalb reicht es nicht, einzelne Symptome zu behandeln.

Häufige Fragen zur Lebenserwartung in den Bundesländern

Häufige Fragen

Welches Bundesland hat die höchste Lebenserwartung in Deutschland?+

Die höchste Lebenserwartung weist Baden-Württemberg auf. Die niedrigsten Werte verzeichnen Sachsen-Anhalt und das Saarland. Bundesweit lag die Lebenserwartung bei Geburt im Zeitraum 2020 bis 2022 bei 78,3 Jahren für Männer und 83,2 Jahren für Frauen.

Warum sinkt die Lebenserwartung in Deutschland seit 2020?+

Zwischen 2020 und 2022 sank die Lebenserwartung erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik drei Jahre in Folge. Welche Ursachen diesen Rückgang in welchem Ausmaß erklären, ist nicht abschließend geklärt — eine Zuordnung zu einzelnen Faktoren lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten.

Wie hängen Armut und Lebenserwartung zusammen?+

Im Zeitraum 2018 bis 2021 hatten Menschen in hoch deprivierten Regionen ein deutlich höheres Risiko, vor dem 65. Lebensjahr zu sterben: bei Frauen 40 Prozent, bei Männern 50 Prozent höher als bei Gleichaltrigen in niedrig deprivierten Regionen. Hoch depriviert bedeutet: niedriges Einkommen, hohe Erwerbslosigkeit, niedriger formaler Bildungsstand und geringe Wirtschaftskraft in der Region.

Gibt es aktuellere Zahlen als 2022?+

Die hier genannten Werte beziehen sich auf den Zeitraum 2020 bis 2022. Ob sich der Rückgang der Lebenserwartung nach 2022 fortsetzt oder umkehrt, lässt sich daraus nicht ableiten. Neuere Angaben veröffentlicht das Statistische Bundesamt mit den jeweils aktuellen Sterbetafeln.

Was bedeutet Deprivation in der Sozialforschung?+

Deprivation beschreibt die Benachteiligung einer Region. In einen Deprivationsindex fließen Merkmale wie Einkommen, Erwerbslosigkeit, Bildungsstand und Wirtschaftskraft ein. Der Index bewertet also die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen einer Region, nicht das Verhalten einzelner Menschen.

Lässt sich der Unterschied als Ost-West-Gefälle beschreiben?+

Nur eingeschränkt. Mit dem Saarland gehört ein westdeutsches Bundesland zu den Ländern mit der niedrigsten Lebenserwartung. Regionale Benachteiligung folgt damit nicht allein der früheren innerdeutschen Grenze, sondern hängt mit der wirtschaftlichen und sozialen Lage einer Region zusammen.

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