Deutschland verändert sich demografisch. Wer heute Statistiken zur Bevölkerungszusammensetzung liest, stößt auf eine Entwicklung, die sachlich betrachtet wenig überraschend ist, aber politisch viel diskutiert wird: Die Zahl der Familien, in denen weder Eltern noch Kinder eine Einwanderungsgeschichte haben, nimmt ab. Dieser Text erklärt die Hintergründe — ohne Wertung, mit Blick auf Daten und systemische Zusammenhänge.
Lange verwendete die amtliche Statistik den Begriff "Migrationshintergrund". Darunter fielen alle Personen, die selbst eingewandert sind oder von denen mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren wurde. Diese Definition war weit gefasst — und schloss auch Menschen ein, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, deren Eltern oder gar nur ein Elternteil zugezogen war.
Das neuere Konzept der "Einwanderungsgeschichte" differenziert stärker. Wer selbst eingewandert ist, wird als Person mit direkter Einwanderungsgeschichte geführt. Wer in Deutschland geboren wurde, aber Eltern oder Großeltern mit Einwanderungsgeschichte hat, gilt als Person mit indirekter Einwanderungsgeschichte. Wer nur einen zugewanderten Großelternteil hat, fällt nun unter die Kategorie "einseitige Einwanderungsgeschichte" — die getrennt ausgewiesen wird. Diese methodische Änderung erklärt allein rechnerisch, warum die Zahl der Personen mit Migrationsgeschichte statistisch um rund 3,7 Millionen geringer ausfällt als nach dem alten Konzept.
Für die Interpretation von Vergleichsdaten ist das entscheidend: Wer ältere und neuere Zahlen vergleicht, muss diese konzeptionelle Verschiebung berücksichtigen, sonst entstehen Missverständnisse über den tatsächlichen Wandel.
Rückgang der Familien ohne Migrationsgeschichte in den vergangenen Jahren
Durchschnittliche Kinderzahl pro Frau ohne Migrationsgeschichte — unter Bestandsniveau
Kinder pro Frau wären nötig, um eine Bevölkerungsgruppe stabil zu halten
Eine Bevölkerungsgruppe bleibt langfristig zahlenmäßig stabil, wenn jede Frau statistisch etwa 2,1 Kinder bekommt — das sogenannte Bestandserhaltungsniveau. Bei Frauen ohne Migrationsgeschichte liegt die Geburtenrate deutlich darunter, im Bereich von 1,4 bis 1,6 Kindern. Das bedeutet: Jede Generation ist kleiner als die vorherige. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung in Deutschland insgesamt schrumpfen — das ist keine politische Einschätzung, sondern ein demografisches Rechenmodell.
Gleichzeitig wächst die Bevölkerung mit Migrationsgeschichte (direkte und indirekte) moderat. Zwischen 2016 und 2021 war ein leichter Anstieg zu verzeichnen. In den neuen Bundesländern, die jahrelang sinkende Einwohnerzahlen verzeichneten, kehrte sich der Trend 2022 um: ein Plus von rund 131.000 Menschen — getragen vor allem durch Zuwanderung, unter anderem aus der Ukraine.
Die Geburtenrate bei Frauen mit Migrationsgeschichte liegt im Durchschnitt etwas höher als bei Frauen ohne. Dieser Unterschied ist jedoch nicht dauerhaft. Forschungen zeigen einen klaren Angleichungseffekt: Je länger eine Einwandererin oder ihre Nachkommen in Deutschland leben, desto mehr nähert sich das reproduktive Verhalten dem im Land vorherrschenden an. Der Effekt tritt typischerweise nach einer bis zwei Generationen ein.
Besonders ausgeprägt ist die höhere Geburtenrate in den ersten Jahren nach der Einwanderung. Ein Faktor ist dabei das Alter bei der Einwanderung: Viele Frauen wandern in einem Lebensabschnitt zu, in dem Familienplanung stattfindet. Ein anderer Faktor ist kulturelle Prägung, die sich über Zeit verändert, wenn gesellschaftliche Normen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen des Aufnahmelandes wirken.
Langfristig bedeutet das: Auch Familien mit Einwanderungsgeschichte tragen mittelfristig nicht dazu bei, das demografische Defizit vollständig auszugleichen — wenn die Geburtenrate insgesamt auf niedrigem Niveau bleibt.
Die Gründe für niedrige Geburtenraten in Deutschland sind vielfältig und gut erforscht. Erstens ist das Bildungsniveau bei Frauen gestiegen, was mit späteren Ersteintritten in Beruf und Familie verbunden ist. Eine Frau, die mit 30 Jahren ihr erstes Kind bekommt, hat statistisch weniger Kinder als jemand, der mit 22 Jahren beginnt — allein aufgrund des biologischen Zeitfensters.
Zweitens spielen wirtschaftliche Rahmenbedingungen eine große Rolle. Hohe Mietkosten, Teilzeitfallen für Mütter, unzureichende Betreuungsinfrastruktur in vielen Regionen und die Angst vor Einkommenseinbußen sind wiederkehrende Themen in Umfragen zur Familienplanung. Viele Paare wünschen sich mehr Kinder, als sie letztlich bekommen.
Drittens gibt es gesellschaftliche Veränderungen: Individualisierung, Karriereorientierung beider Geschlechter und ein anderes Verständnis von Lebensentwürfen haben dazu geführt, dass Kinderlosigkeit oder ein-Kind-Haushalte gesellschaftlich akzeptierter sind als früher.
Das deutsche Rentenversicherungssystem basiert auf dem Umlageprinzip: Die Beiträge der heute Erwerbstätigen finanzieren die Renten der heute Nicht-Erwerbstätigen. Dieses Modell funktioniert, wenn das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Empfängern stabil bleibt. Durch sinkende Geburtenraten und steigende Lebenserwartung verschiebt sich dieses Verhältnis seit Jahrzehnten.
Statistisch gesehen kamen früher rund drei bis vier Erwerbstätige auf einen Rentenempfänger. Diese Relation hat sich deutlich verändert und wird sich laut Projektionen weiter verschlechtern, wenn keine grundlegenden Reformen stattfinden. Zuwanderung im erwerbsfähigen Alter kann diesen Effekt abfedern — sie hebt ihn aber nicht vollständig auf, da auch Zugewanderte irgendwann das Rentenalter erreichen.
Für die Krankenversicherung, die Pflegeversicherung und andere umlagefinanzierte Systeme gilt strukturell Ähnliches: Weniger Beitragszahler bei mehr Leistungsempfängern erzeugt Finanzierungsdruck.
Die neuen Bundesländer haben seit der Wende 1990 erhebliche Bevölkerungsverluste erlebt — durch Abwanderung in den Westen und niedrige Geburtenraten. Das Bild wendete sich 2022: Ein Nettowanderungsplus von rund 131.000 Menschen stoppte den Rückgang. Der größte Teil dieses Zuzugs war auf die Fluchtbewegung aus der Ukraine zurückzuführen, die auch strukturschwächere ostdeutsche Regionen erreichte.
Ob dieser Trend anhält, hängt von politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen ab — sowohl in den Herkunftsländern als auch in Deutschland selbst. Viele ostdeutsche Städte und Landkreise sind darauf angewiesen, dass Zugewanderte auch langfristig bleiben und in den Arbeitsmarkt integriert werden.
Die Geburtenrate bei Frauen ohne Migrationsgeschichte liegt unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau — sie beträgt rund 1,4 bis 1,6. Das bedeutet, dass jede Generation dieser Gruppe kleiner ist als die vorherige. Gleichzeitig nimmt die Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte durch Zuzug zu. Diese Kombination führt zu einem relativen und absoluten Rückgang der Familien ohne Migrationsgeschichte.
Der Begriff "Migrationshintergrund" fasste alle Personen zusammen, die selbst oder durch mindestens ein Elternteil eine Einwanderungsgeschichte aufweisen. Das neuere Konzept "Einwanderungsgeschichte" differenziert zwischen direkter (selbst eingewandert) und indirekter Einwanderungsgeschichte (Eltern eingewandert) sowie einer einseitigen Variante. Durch diese Unterscheidung verringert sich die statistisch erfasste Gruppe um rund 3,7 Millionen Personen.
Ja. Frauen mit Migrationsgeschichte haben anfangs im Schnitt etwas mehr Kinder, besonders in den ersten Jahren nach der Einwanderung. Nach einer bis zwei Generationen nähern sich die Geburtenraten dem Niveau im Aufnahmeland an. Zuwanderung ist daher kein dauerhafter Ausgleich für niedrige Geburtenraten, sondern mildert den demografischen Druck auf mittlere Sicht.
Das Rentenversicherungssystem basiert auf dem Umlageprinzip: Heutige Beitragszahler finanzieren heutige Renten. Wenn weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter sind und mehr Menschen im Rentenalter, entsteht ein Finanzierungsdruck. Das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenempfängern hat sich verschlechtert und wird sich ohne Reformen oder Zuwanderung weiter ungünstig entwickeln.
In den neuen Bundesländern kehrte sich 2022 nach jahrelangem Rückgang der Bevölkerungstrend um. Ein Nettowanderungsgewinn von rund 131.000 Personen war vor allem auf Geflüchtete aus der Ukraine zurückzuführen. Ob diese Entwicklung langfristig anhält, hängt von Integration in den Arbeitsmarkt und Bleibeperspektiven ab.
Zu den Hauptfaktoren zählen: gestiegenes Bildungsniveau bei Frauen und spätere Familienplanung, hohe Lebenshaltungskosten und Mietpreise, Teilzeitfallen und Einkommensverluste durch Elternschaft sowie eine gesellschaftliche Individualisierung, die Kinderlosigkeit oder kleine Familien normalisiert. Viele Paare wünschen sich laut Umfragen mehr Kinder, als sie letztlich bekommen — die Lücke zwischen Kinderwunsch und Realität ist strukturell bedingt.