ARMUTDEUTSCHLAND
Was sie bedeutet

Armutsrisikogruppen

Armutsrisiko bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte: Was die Zahlen zeigen

Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind in Deutschland deutlich häufiger von Armut betroffen als Menschen ohne Einwanderungsgeschichte — bei Erwerbstätigen war die Armutsgefährdung 2022 mehr als doppelt so hoch. In Berlin lag das Armutsrisiko von Einwohnern mit ausländischer Staatsbürgerschaft 2023 doppelt so hoch wie bei Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit.

5 Min. Lesezeit2 Quellen

14,7 %

So hoch war 2022 die Armutsgefährdungsquote der Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland. Trotz Arbeit reichte das Einkommen bei knapp jedem siebten nicht über die Armutsgefährdungsschwelle.

7,1 %

Vergleichswert für Erwerbstätige ohne Einwanderungsgeschichte im Jahr 2022. Die Armutsgefährdung war damit nur etwa halb so hoch wie in der Gruppe mit Einwanderungsgeschichte.

doppelt so hoch (Berlin, 2023)

Einwohner mit ausländischer Staatsbürgerschaft hatten 2023 in Berlin ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Personen ohne Einwanderungsgeschichte lagen in Berlin bei rund 13 Prozent Armutsgefährdungsquote.

25,2 %

Anteil der Bevölkerung in Deutschland mit Einwanderungsgeschichte im Jahr 2023, das sind 21,2 Millionen Menschen. Weitere 4,8 Prozent hatten eine einseitige Einwanderungsgeschichte.

34,2 %

Anteil der Kinder mit Einwanderungsgeschichte, die 2023 ein Gymnasium besuchten. Bei Kindern ohne Einwanderungsgeschichte waren es 48,3 Prozent.

Wie hoch ist das Armutsrisiko bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte?

Kurzantwort: Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind deutlich häufiger armutsgefährdet: Bei Erwerbstätigen lag die Armutsgefährdungsquote 2022 bundesweit bei 14,7 Prozent gegenüber 7,1 Prozent ohne Einwanderungsgeschichte. In Berlin hatten Einwohner mit ausländischer Staatsbürgerschaft 2023 ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit.

Von einem doppelten Armutsrisiko ist bei diesem Thema häufig die Rede. Der belastbare Nachweis dafür stammt aus zwei unterschiedlichen Datenquellen — und beide messen etwas leicht Verschiedenes. Wer die Zahlen einordnen will, muss deshalb genau hinsehen.

Der Berliner Befund: doppeltes Risiko bei ausländischer Staatsbürgerschaft

Für Berlin ist belegt: Einwohner mit ausländischer Staatsbürgerschaft wiesen 2023 ein doppelt so hohes Armutsrisiko auf wie Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Personen ohne Einwanderungsgeschichte kamen in Berlin 2023 auf eine Armutsgefährdungsquote von rund 13 Prozent. Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind in Berlin besonders von Armut betroffen.

Zwei Einschränkungen sind wichtig: Dieser Vergleich gilt für Berlin, nicht automatisch für ganz Deutschland. Und er unterscheidet nach Staatsbürgerschaft — nicht nach Einwanderungsgeschichte. Beides ist nicht dasselbe: Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte haben die deutsche Staatsangehörigkeit.

Der bundesweite Befund: mehr als doppelte Erwerbstätigenarmut

Bundesweit ist der Abstand für die Gruppe der Erwerbstätigen dokumentiert. 2022 waren 14,7 Prozent der Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte armutsgefährdet, bei Erwerbstätigen ohne Einwanderungsgeschichte waren es 7,1 Prozent. Das ist mehr als das Doppelte.

Um wie viele Menschen geht es?

Die betroffene Gruppe ist groß. 2023 hatten 25,2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte — das entspricht 21,2 Millionen Menschen. Weitere 4,8 Prozent hatten eine einseitige Einwanderungsgeschichte, also einen eingewanderten Elternteil. Zusammengenommen betrifft das Thema damit rund jeden dritten Menschen in Deutschland.

Was bedeutet Armutsgefährdung?

Als armutsgefährdet gilt in der amtlichen Statistik, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens der Bevölkerung verfügt. Es handelt sich also um ein Maß für relative Einkommensarmut: Es beschreibt den Abstand zum gesellschaftlichen Mittelwert, nicht das Fehlen von Nahrung oder Obdach.

Warum schützt Arbeit nicht ausreichend vor Armut?

Kurzantwort: Auch mit Erwerbsarbeit bleibt das Armutsrisiko hoch: 2022 waren 14,7 Prozent der Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte armutsgefährdet — mehr als doppelt so viele wie bei Erwerbstätigen ohne Einwanderungsgeschichte mit 7,1 Prozent.

Erwerbstätigenarmut bedeutet: Menschen arbeiten, und ihr Haushaltseinkommen liegt trotzdem unter der Armutsgefährdungsschwelle. Für Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist das deutlich häufiger der Fall.

Gruppe (Erwerbstätige, 2022)Armutsgefährdungsquote
mit Einwanderungsgeschichte14,7 %
ohne Einwanderungsgeschichte7,1 %

Praktisch heißt das: Ein Arbeitsvertrag allein beendet Armut nicht zuverlässig. Entscheidend sind Stundenlohn, Arbeitszeit, Beschäftigungsdauer und wie viele Personen von diesem Einkommen leben müssen. Wenn eine Vollzeitstelle im Niedriglohnbereich eine Familie mit mehreren Kindern tragen muss, bleibt das Einkommen pro Kopf niedrig.

Was das für Betroffene konkret bedeutet

Wer trotz Arbeit ein niedriges Einkommen hat, kann Anspruch auf aufstockende Leistungen haben. Dazu gehören unter anderem:

  • Bürgergeld als aufstockende Leistung nach dem SGB II, wenn das Erwerbseinkommen den Bedarf nicht deckt
  • Kinderzuschlag für erwerbstätige Eltern mit kleinem Einkommen
  • Wohngeld als Zuschuss zur Miete, wenn kein Bürgergeld bezogen wird
  • Leistungen für Bildung und Teilhabe für Kinder und Jugendliche

Ein Antrag lohnt sich auch bei Unsicherheit über den Anspruch. Beim Aufenthaltsstatus gelten für manche Leistungen zusätzliche Voraussetzungen — hier hilft eine unabhängige Sozialberatung oder ein Migrationsberatungsdienst weiter.

Welche Rolle spielen Bildung, Wohnkosten und Alter?

Kurzantwort: Bildungschancen und Wohnkosten verstärken die Risikolage: Kinder mit Einwanderungsgeschichte besuchten 2023 seltener ein Gymnasium (34,2 gegenüber 48,3 Prozent), und Haushalte mit Einwanderungsgeschichte zahlten 2022 durchschnittlich 9,20 Euro Miete pro Quadratmeter.

Bildung: seltener am Gymnasium

2023 besuchten 34,2 Prozent der Kinder mit Einwanderungsgeschichte ein Gymnasium. Bei Kindern ohne Einwanderungsgeschichte waren es 48,3 Prozent — ein Abstand von 14,1 Prozentpunkten. Die Schulform ist keine Momentaufnahme, sondern wirkt lang: Sie beeinflusst Zugänge zu Studium und Ausbildung und damit spätere Einkommenschancen.

Der Zusammenhang wirkt in beide Richtungen. Armut erschwert Bildungserfolg — etwa durch enge Wohnverhältnisse ohne ruhigen Lernplatz oder fehlendes Geld für Lernmittel und Nachhilfe. Umgekehrt erhöhen geringere Bildungsabschlüsse später das Armutsrisiko.

Wohnkosten: höhere Quadratmetermieten

Haushalte mit Einwanderungsgeschichte zahlten 2022 durchschnittlich 9,20 Euro Miete pro Quadratmeter. Damit lagen ihre Quadratmetermieten höher als bei Haushalten ohne Einwanderungsgeschichte; ein exakter Vergleichswert liegt in den ausgewerteten Berichten nicht vor. Höhere Mieten pro Quadratmeter bei gleichzeitig niedrigeren Einkommen bedeuten eine doppelte Belastung: Vom verfügbaren Geld bleibt nach der Miete weniger übrig — und häufig für weniger Wohnfläche.

Ältere Menschen

Für ältere Menschen liegt eine belastbare Gegenüberstellung nicht vor. Dokumentiert ist für 2022 ein Wert für die Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte: Bei 15,9 Prozent der Älteren dieser Gruppe wurde eine Vulnerabilität im Alter festgestellt, also eine erhöhte Anfälligkeit für Belastungen wie geringes Einkommen, gesundheitliche Einschränkungen oder soziale Isolation. Der entsprechende Wert für die Gruppe mit Einwanderungsgeschichte liegt in den ausgewerteten Berichten nicht vor. Ein Vergleich ist daher an dieser Stelle nicht möglich.

Wie hängen Armut und Gesundheit zusammen?

Kurzantwort: Armut ist mit erhöhten Gesundheitsrisiken verbunden — belastende Arbeitsbedingungen, enges Wohnen und finanzieller Dauerstress wirken auf die Gesundheit. Nach Einwanderungsgeschichte differenzierte Gesundheitsdaten liegen in den hier ausgewerteten Berichten nicht vor.

Der Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Gesundheit ist ein eigenes Feld der Sozialberichterstattung. Beschreibbar sind vor allem die Mechanismen, über die Armut auf Gesundheit wirkt:

  • Arbeitsbedingungen: Niedriglohnbeschäftigung geht häufiger mit körperlich belastender Arbeit, Schichtdienst und geringer Planbarkeit einher.
  • Wohnen: Enge, laute oder feuchte Wohnungen belasten Atemwege, Schlaf und Erholung.
  • Dauerstress: Anhaltende finanzielle Unsicherheit ist eine psychische Belastung, die über Jahre wirkt.
  • Zugang zu Versorgung: Zuzahlungen, Fahrtkosten und Sprachbarrieren können Arztbesuche und Vorsorge erschweren.

Für Menschen mit Einwanderungsgeschichte kommen sprachliche Hürden im Gesundheitssystem hinzu. Krankenkassen und Beratungsstellen bieten teils mehrsprachige Unterstützung an; bei ärztlichen Gesprächen kann eine Begleitperson oder ein Sprachmittlungsdienst helfen. Kommunale Gesundheitsämter und Migrationsberatungsstellen vermitteln solche Angebote.

Was die Daten noch nicht beantworten

Kurzantwort: Zu Generationenunterschieden, Aufenthaltsstatus und einer bundesweiten Armutsgefährdungsquote nach Einwanderungsgeschichte liegen in den ausgewerteten Berichten keine belastbaren Vergleichswerte vor.

Wer die Zahlen nutzt, sollte ihre Grenzen kennen. Offen bleiben insbesondere folgende Punkte:

  • Bundesweite Gesamtquote: Der belegte Verdopplungsbefund stammt aus Berlin und bezieht sich auf die Staatsbürgerschaft. Eine bundesweite Armutsgefährdungsquote nach Einwanderungsgeschichte für die Gesamtbevölkerung liegt hier nicht vor — der bundesweite Vergleich betrifft die Gruppe der Erwerbstätigen.
  • Erste und zweite Generation: Ob und wie stark sich das Armutsrisiko zwischen selbst eingewanderten Personen und ihren in Deutschland geborenen Kindern unterscheidet, ist mit den ausgewerteten Daten nicht zu beantworten.
  • Aufenthaltsstatus und Herkunftsland: Beide Merkmale beeinflussen Arbeitsmarktzugang und Leistungsansprüche. Differenzierte Quoten dazu liegen nicht vor.
  • Ältere Menschen: Für die Gruppe mit Einwanderungsgeschichte fehlt der Vergleichswert zur Vulnerabilität im Alter.
  • Wohnkosten: Der Quadratmeterpreis für Haushalte ohne Einwanderungsgeschichte ist hier nicht ausgewiesen, sodass die Differenz nicht bezifferbar ist.

Diese Lücken bedeuten nicht, dass es keine Antworten gibt — sie bedeuten, dass sie aus den hier genutzten Auswertungen nicht ableitbar sind. Wer belastbare Angaben braucht, findet sie am ehesten in den regelmäßigen Berichten der amtlichen Statistik und der Länder.

Wo Betroffene Unterstützung finden

Kurzantwort: Erste Anlaufstellen sind Jobcenter und Sozialamt für Leistungen, Migrationsberatungsstellen für Fragen zu Aufenthalt und Anerkennung sowie Verbraucher- und Schuldnerberatung bei Geldproblemen — vieles davon kostenfrei und teils mehrsprachig.

Der Weg aus einer angespannten finanziellen Lage beginnt meist mit zwei Schritten: prüfen, welche Leistungen zustehen, und eine Beratungsstelle einbeziehen, die den Antrag begleitet.

Anlaufstellen im Überblick

  • Jobcenter: zuständig für Bürgergeld nach dem SGB II, auch aufstockend zum Erwerbseinkommen
  • Sozialamt: zuständig für Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem SGB XII
  • Familienkasse: Kindergeld und Kinderzuschlag
  • Wohngeldstelle der Kommune: Mietzuschuss für Haushalte mit kleinem Einkommen
  • Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer: kostenfreie Beratung zu Aufenthalt, Sprachkursen, Anerkennung von Abschlüssen und Arbeitsmarktzugang
  • Schuldner- und Verbraucherberatung der Wohlfahrtsverbände: Hilfe bei Mietschulden, Energieschulden und Pfändungen

Praktische Hinweise

Anträge sollten schriftlich gestellt und Eingangsdatum sowie Unterlagen dokumentiert werden. Gegen Bescheide ist innerhalb eines Monats Widerspruch möglich. Bei der Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen lohnt sich die Beratung besonders: Ein anerkannter Abschluss verbessert den Zugang zu besser bezahlter Arbeit und wirkt damit direkt auf das Armutsrisiko.

Quellen

  • Sozialbericht 2024 (Destatis/DIW, 18. Ausgabe)
  • Sozialbericht berlin 2025

Häufige Fragen

Haben Menschen mit Einwanderungsgeschichte wirklich ein doppelt so hohes Armutsrisiko?+

Für Berlin ist belegt, dass Einwohner mit ausländischer Staatsbürgerschaft 2023 ein doppelt so hohes Armutsrisiko hatten wie Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Bundesweit gilt eine Verdopplung nachweislich für Erwerbstätige: 14,7 Prozent mit Einwanderungsgeschichte gegenüber 7,1 Prozent ohne Einwanderungsgeschichte im Jahr 2022. Eine bundesweite Gesamtquote für die ganze Bevölkerung nach Einwanderungsgeschichte liegt in den hier ausgewerteten Berichten nicht vor.

Was bedeutet Einwanderungsgeschichte in der Statistik?+

Von einer Einwanderungsgeschichte spricht die amtliche Statistik, wenn eine Person selbst oder beide Eltern nach Deutschland eingewandert sind. Ist nur ein Elternteil eingewandert, wird von einer einseitigen Einwanderungsgeschichte gesprochen. 2023 hatten 25,2 Prozent der Bevölkerung eine Einwanderungsgeschichte, weitere 4,8 Prozent eine einseitige.

Wann gilt jemand als armutsgefährdet?+

Armutsgefährdet ist, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens der Bevölkerung verfügt. Es geht also um relative Einkommensarmut, gemessen am Abstand zur Mitte der Gesellschaft, und nicht um absolute Not.

Warum reicht Arbeit oft nicht aus, um Armut zu vermeiden?+

Entscheidend sind Stundenlohn, Arbeitszeit und die Zahl der Personen, die von einem Einkommen leben. 2022 waren 14,7 Prozent der Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte trotz Arbeit armutsgefährdet. In solchen Fällen können aufstockendes Bürgergeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld in Betracht kommen.

Welche Rolle spielt die Schule für das Armutsrisiko?+

Die besuchte Schulform beeinflusst spätere Ausbildungs- und Einkommenschancen. 2023 besuchten 34,2 Prozent der Kinder mit Einwanderungsgeschichte ein Gymnasium, bei Kindern ohne Einwanderungsgeschichte waren es 48,3 Prozent. Der Zusammenhang wirkt in beide Richtungen: Armut erschwert Bildungserfolg, und geringere Abschlüsse erhöhen später das Armutsrisiko.

Wo finden Betroffene mit Einwanderungsgeschichte kostenfreie Beratung?+

Die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer berät kostenfrei zu Aufenthalt, Sprachkursen, Anerkennung von Abschlüssen und Arbeitsmarktzugang. Für Geldfragen sind Schuldner- und Sozialberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände zuständig, für Leistungen Jobcenter, Sozialamt, Familienkasse und Wohngeldstelle. Viele Stellen bieten mehrsprachige Unterstützung oder Sprachmittlung an.

Das könnte dich auch interessieren