Methodik & Daten

Datenquellen für Sozialforschung: Institutionen und Webportale in Deutschland

Wer Armut und soziale Ungleichheit in Deutschland verstehen will, braucht die richtigen Datenquellen. Von Destatis bis zum SOEP — ein Überblick über die wichtigsten Institutionen, ihre Portale und was ihre Daten leisten.

Schlüsselzahlen

~18.000
Datentabellen stellt Destatis über GENESIS-Online frei zugänglich zur Verfügung
40+ Jahre
Längsschnittdaten liefert das SOEP — kontinuierlich seit 1984
1 %
Der deutschen Haushalte werden jährlich im Mikrozensus befragt — rund 800.000 Personen
BAG W
Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe — einzige Primärquelle zur Wohnungslosigkeit in Deutschland

Sozialforschung braucht Zahlen — aber nicht irgendwelche. Wer verstehen möchte, wie Armut in Deutschland gemessen, erfasst und beschrieben wird, kommt an einer Handvoll zentraler Institutionen nicht vorbei. Ihre Datenbanken, Erhebungen und Portale sind die Grundlage für politische Entscheidungen, journalistische Recherchen und wissenschaftliche Analysen gleichermaßen. Zugleich haben diese Quellen unterschiedliche Stärken, blinde Flecken und methodische Eigenheiten — Dinge, die man kennen muss, um die Zahlen richtig einzuordnen.

Dieser Artikel stellt die wichtigsten Institutionen und ihre Portale vor: was sie messen, wie verlässlich ihre Daten sind, wo man sie findet und welche Grenzen jede Quelle hat. Für Menschen, die sich mit Armut, Ungleichheit und sozialer Lage in Deutschland beschäftigen, ist das kein Randthema — es ist die Voraussetzung dafür, dass Zahlen überhaupt etwas bedeuten.

Statistisches Bundesamt (Destatis)

Kurzantwort: Destatis ist die oberste amtliche Statistikbehörde Deutschlands. Ihr Portal GENESIS-Online bietet freien Zugang zu rund 18.000 Datentabellen aus allen Bereichen der Gesellschaft — von Bevölkerung und Einkommen bis zu Wohnen und sozialen Sicherungssystemen.

Das Statistische Bundesamt mit Sitz in Wiesbaden erhebt, verarbeitet und veröffentlicht statistische Informationen über Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und Staat. Im Bereich Sozialforschung ist Destatis vor allem durch zwei Datenquellen relevant: den Mikrozensus und die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS).

Mikrozensus: Das größte amtliche Haushaltsbefragungsprogramm

Der Mikrozensus ist eine jährliche Repräsentativbefragung von rund einem Prozent aller Haushalte in Deutschland — das entspricht etwa 800.000 Personen in rund 370.000 Haushalten. Er ist gesetzlich verpflichtend und liefert damit eine der verlässlichsten Grundlagen für bevölkerungsstatistische Aussagen. Der Mikrozensus erfasst Erwerbstätigkeit, Bildungsstand, Haushaltsgröße, Staatsangehörigkeit und — seit der Reform 2020 — auch detailliertere Angaben zur Einkommenssituation.

Für die Armutsforschung ist der Mikrozensus besonders wertvoll, weil er regionale Differenzierungen erlaubt, die in kleineren Erhebungen nicht möglich sind. Wer wissen will, wie sich Armutsrisikoquoten zwischen Bundesländern unterscheiden oder wie sie sich in bestimmten Bevölkerungsgruppen entwickeln, findet im Mikrozensus eine tragfähige Grundlage.

GENESIS-Online: Der Datenbankzugang

Das Hauptportal für den Datenzugang zu Destatis-Statistiken ist GENESIS-Online. Hier sind rund 18.000 Tabellen aus allen Erhebungsbereichen frei zugänglich — von Bevölkerungsstatistiken über Armutsgrenzen bis zu Sozialleistungsempfängern. Die Daten lassen sich nach Berichtsjahr, regionaler Ebene und Differenzierungsmerkmalen filtern und als Excel- oder CSV-Datei herunterladen. Für viele Fragestellungen reicht GENESIS-Online aus, ohne dass man sich in den Publikationsbereich vertiefen muss.

Destatis — Wichtigste Erhebungen für die Armutsforschung

Mikrozensus
Jährlich, 1 % aller Haushalte, Pflichtbefragung — Grundlage für Armutsrisikoquoten auf Bundesebene und nach Ländern
EVS
Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, alle fünf Jahre — detaillierte Einkommens- und Ausgabendaten
GENESIS-Online
Freier Tabellenzugang unter genesis.destatis.de — rund 18.000 abrufbare Datentabellen
Regionalstatistik
Daten auf Kreis- und Gemeindeebene — über regionalstatistik.de zugänglich

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Kurzantwort: Das IAB ist das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit. Es analysiert den Arbeitsmarkt, Erwerbsverläufe, Langzeitarbeitslosigkeit und soziale Mobilität. Seine Daten und Forschungsberichte sind für die Armutsforschung zentral, weil Erwerbslosigkeit und Armut eng miteinander verbunden sind.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit Sitz in Nürnberg ist einer der wichtigsten Produzenten empirischer Arbeitsmarktforschung in Deutschland. Es hat direkten Zugang zu den Verwaltungsdaten der Bundesagentur für Arbeit — und damit zu Informationen über Millionen von Erwerbsbiografien, Langzeitarbeitslosigkeit, Bezugsdauern von Sozialleistungen und Übergänge zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit.

Integrierte Erwerbsbiografien (IEB)

Das bedeutendste Datenprojekt des IAB sind die Integrierten Erwerbsbiografien (IEB). Sie verknüpfen Beschäftigungsmeldungen, Arbeitslosmeldungen, Leistungsbezug und Maßnahmenteilnahmen für nahezu alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Arbeitslosen in Deutschland über lange Zeiträume. Für die Forschung zu Einkommensarmut und sozialer Mobilität sind diese Längsschnittdaten kaum zu ersetzen — sie erlauben es, Erwerbsverläufe und ihre Auswirkungen auf die Einkommenslage über viele Jahre zu verfolgen.

Der Zugang zu IEB-Daten ist für externe Forscher möglich, aber nicht trivial: Er erfolgt über Forschungsdatenzentren, erfordert einen Antrag und in der Regel einen Besuch vor Ort oder gesicherten Fernzugang. Für nicht-akademische Recherchen stehen IAB-Kurzberichte, IAB-Forschungsberichte und das IAB-Betriebspanel als frei zugängliche Publikationsformate zur Verfügung.

IAB-Betriebspanel

Das IAB-Betriebspanel ist eine jährliche Befragung von rund 16.000 Betrieben in Deutschland zu Beschäftigungsentwicklung, Löhnen, Ausbildung und Personalstrukturen. Es liefert Informationen darüber, wie sich Niedriglohnbeschäftigung und atypische Beschäftigungsverhältnisse verbreiten — beides Faktoren, die mit Einkommensarmut eng zusammenhängen.

Wichtige Einschränkung: IAB-Daten fokussieren auf den Arbeitsmarkt. Menschen, die dauerhaft außerhalb des Erwerbssystems stehen — etwa wegen Behinderung, Pflegeaufgaben oder chronischer Erkrankung — sind in den Verwaltungsdaten der Bundesagentur strukturell unterrepräsentiert. Für diese Gruppen sind andere Quellen notwendig.

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)

Kurzantwort: Das BMAS gibt regelmäßig den Lebenslagenberichte und Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung heraus. Diese Berichte sind politisch bedeutsam, methodisch aber zu hinterfragen — sie synthetisieren viele Quellen, ohne eigene Primärerhebungen durchzuführen.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ist keine Statistikbehörde im engeren Sinne, hat aber eine zentrale Funktion für die öffentliche Wahrnehmung von Armut und Ungleichheit in Deutschland. Alle vier Jahre veröffentlicht die Bundesregierung den Armuts- und Reichtumsbericht — ein umfassendes Dokument, das Daten aus vielen Quellen zusammenführt und politisch einordnet.

Der Armuts- und Reichtumsbericht

Der Bericht erscheint seit 2001 und umfasst Themen wie Einkommensverteilung, Vermögensungleichheit, soziale Mobilität, Wohnen, Gesundheit und Bildung. Er stützt sich vor allem auf Daten von Destatis, SOEP, IAB und EU-SILC. Für die politische Debatte ist er zentral; für die wissenschaftliche Forschung dient er eher als Orientierungsrahmen denn als primäre Datengrundlage, weil die Originalquellen mehr Tiefe bieten.

Das BMAS veröffentlicht außerdem Statistiken zum Bezug von Bürgergeld, Grundsicherung im Alter und Erwerbsminderung sowie zum Wohngeld. Diese Leistungsstatistiken sind wichtig, um zu verstehen, wie viele Menschen tatsächlich staatliche Unterstützung beziehen — und um die Lücke zwischen Anspruchsberechtigten und tatsächlichen Beziehern abzuschätzen.

Sozialberichte der Bundesregierung

Neben dem Armutsbericht gibt es weitere Berichtsformate: den Rentenversicherungsbericht, den Pflegericht und den Gleichstellungsbericht. Sie sind für spezifische Armutslagen — etwa Altersarmut oder Armut von Frauen — wichtige Ergänzungen. Alle Berichte sind über bmas.de frei zugänglich und können als PDF heruntergeladen werden.

Sozio-oekonomisches Panel (SOEP)

Kurzantwort: Das SOEP ist die wichtigste Längsschnittstudie zu Lebensqualität und sozialer Ungleichheit in Deutschland. Seit 1984 werden jährlich dieselben Haushalte befragt — das ermöglicht es, individuelle Lebensverläufe, Aufwärtsmobilität, Einkommensveränderungen und soziale Lagen über Jahrzehnte zu verfolgen.

Das Sozio-oekonomische Panel ist eine der international bekanntesten Haushaltslängschnittbefragungen der Welt. Es wird vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) betrieben und enthält jährliche Befragungsdaten zu Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit, Wohnverhältnissen und subjektivem Wohlbefinden. Der entscheidende Unterschied zu Querschnittserhebungen wie dem Mikrozensus: Beim SOEP werden über viele Jahre hinweg dieselben Personen und Haushalte befragt.

Was Längsschnittdaten leisten

Dieser Längsschnittansatz macht das SOEP für bestimmte Fragen unverzichtbar. Wer verstehen will, ob Armut eine vorübergehende Lebensphase oder eine dauerhafte Lage ist, braucht Daten, die Menschen über die Zeit verfolgen. Der Mikrozensus kann zeigen, wie viele Menschen in einem bestimmten Jahr arm sind — das SOEP zeigt, wer schon im Vorjahr arm war und ob dieselbe Person auch im Folgejahr arm ist. Diese Information ist für die Unterscheidung zwischen transienter und persistenter Armut grundlegend.

Das SOEP umfasst aktuell rund 30.000 Personen in mehr als 15.000 Haushalten. Es enthält Überstichproben für bestimmte Gruppen — etwa Personen mit Migrationshintergrund oder einkommensreiche Haushalte — und ermöglicht damit differenzierte Analysen, die in allgemeinen Querschnittsdaten nicht möglich wären. Seit den 1980er-Jahren sind Zuwanderergruppen gezielt in die Stichprobe aufgenommen worden, was historische Vergleiche zur sozialen Lage verschiedener Migrationsgruppen ermöglicht.

Datenzugang und Nutzung

SOEP-Daten sind für Forschungszwecke über das DIW Berlin zugänglich. Nach einer Registrierung und dem Abschluss eines Datenweitergabevertrags werden die Daten kostenlos bereitgestellt. Für viele Fragestellungen sind die publizierten Auswertungen — etwa im jährlichen SOEP-Papers-Format — ausreichend. Wer eigene Auswertungen durchführen will, braucht Kenntnisse in Stata oder R sowie Erfahrung im Umgang mit komplexen Paneldaten.

SOEP — Steckbrief

Betreiber
DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung)
Laufzeit
Seit 1984 — über 40 Jahre kontinuierliche Längsschnittdaten
Stichprobengröße
Rund 30.000 Personen in mehr als 15.000 Haushalten
Zugang
Kostenlos für Forschungszwecke nach Registrierung unter diw.de/soep
Besonderheit
Überstichproben für Migrantengruppen, Hocheinkommenshaushalte und ostdeutsche Bevölkerung

EU-SILC: Europäischer Vergleich

Kurzantwort: EU-SILC (Statistics on Income and Living Conditions) ist die europäische Grundlage für Armutsstatistiken und Einkommensvergleiche zwischen EU-Mitgliedstaaten. Die Ergebnisse fließen in die offiziellen Armutsgrenzen ein, die in Deutschland und anderen Ländern veröffentlicht werden.

Auf europäischer Ebene ist EU-SILC das zentrale Instrument zur Messung von Einkommen, Armut und sozialer Ausgrenzung. Die Erhebung wird in allen EU-Mitgliedstaaten nach harmonisierten Standards durchgeführt, was internationale Vergleiche erst möglich macht. In Deutschland wird EU-SILC von Destatis durchgeführt und als Teil des Mikrozensus integriert — seit 2020 ist die EU-SILC-Stichprobe vollständig in den Mikrozensus aufgegangen.

Die 60-Prozent-Schwelle und was sie bedeutet

Die auf EU-SILC-Daten basierende Armutsrisikoquote definiert als arm, wer weniger als 60 Prozent des nationalen Medianäquivalenzeinkommens zur Verfügung hat. Das ist keine absolute Einkommensgrenze, sondern eine relative: Sie verschiebt sich, wenn das allgemeine Einkommensniveau steigt oder sinkt. Diese Methodik ermöglicht europäische Vergleiche, hat aber eine wichtige Konsequenz — in einem reichen Land wie Deutschland liegt die Armutsschwelle absolut höher als in einem ärmeren Land, ohne dass dies auf tatsächlich schlechtere Lebensbedingungen schließen lässt. Zur Methodik der Armutsschwelle gibt es eine gesonderte Erklärung.

AROPE-Indikator: Mehr als nur Einkommen

Neben der Armutsrisikoquote verwendet EU-SILC den AROPE-Indikator (At Risk Of Poverty or Social Exclusion). Er kombiniert drei Dimensionen: Armutsrisiko durch geringes Einkommen, erhebliche materielle Entbehrung und sehr geringe Erwerbsintensität im Haushalt. Wer mindestens eine dieser drei Bedingungen erfüllt, gilt als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Dieser zusammengesetzte Indikator soll dem Umstand Rechnung tragen, dass Armut nicht allein durch Einkommen erfasst werden kann.

Eurostat veröffentlicht EU-SILC-Ergebnisse für alle Mitgliedstaaten unter ec.europa.eu/eurostat. Die Daten sind nach Altersgruppen, Haushaltstypen, Beschäftigungsstatus und Bildungsniveau differenziert und ermöglichen Zeitreihenvergleiche seit Anfang der 2000er-Jahre. Für Forschungsvorhaben, die explizit europäische Vergleiche anstellen, sind EU-SILC-Mikrodaten über GESIS (Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften) zugänglich.

Paritätischer und Wohlfahrtsverbände als Ergänzung

Kurzantwort: Die großen Wohlfahrtsverbände — Paritätischer, Diakonie, Caritas — führen eigene Auswertungen durch und veröffentlichen Berichte, die amtliche Statistiken ergänzen und sozialanwaltlich einordnen. Die BAG W ist die einzige systematische Quelle zur Wohnungslosigkeit in Deutschland.

Neben den amtlichen Statistikbehörden gibt es eine Reihe von zivilgesellschaftlichen Organisationen, deren Daten und Berichte für die Armutsforschung relevant sind. Sie produzieren keine Primärstatistiken im amtlichen Sinne, aber sie interpretieren, verdichten und ergänzen amtliche Daten auf eine Weise, die für die öffentliche Debatte oft zugänglicher ist als Originaltabellen.

Der Paritätische Armutsbericht

Der Paritätische Gesamtverband veröffentlicht jährlich einen eigenen Armutsbericht, der auf Daten des Mikrozensus aufbaut und nach Bundesländern und Regionen differenziert. Der Bericht ist bewusst sozialanwaltlich positioniert — er stellt nicht nur Zahlen dar, sondern kommentiert sie im Hinblick auf politischen Handlungsbedarf. Er ist eine wichtige Quelle für regionale Armutsdaten und wird von Medien und politischen Akteuren breit rezipiert.

BAG W: Die einzige Quelle zur Wohnungslosigkeit

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) ist in einer besonderen Position: Es gibt in Deutschland keine amtliche Statistik zur Wohnungslosigkeit. Destatis veröffentlicht seit 2022 eine erste amtliche Wohnungslosenberichterstattung auf Basis von Meldedaten, die aber nur stationär untergebrachte Wohnungslose erfasst. Die BAG W erhebt seit Jahrzehnten eigene Schätzungen, die auf Einrichtungsdaten der Wohnungslosenhilfe beruhen und die einzige belastbare Grundlage für Aussagen über die Gesamtzahl der Wohnungslosen bilden — einschließlich Menschen, die in Autos, Notunterkünften oder ohne jede Unterkunft leben.

Wer zu Wohnungslosigkeit in Deutschland schreiben oder forschen will, kommt an den BAG-W-Berichten nicht vorbei — und muss gleichzeitig verstehen, dass die Erhebungsmethode Schätzungen enthält, die mit Unsicherheit behaftet sind. Das macht die Daten nicht wertlos, aber es erfordert eine entsprechend vorsichtige Interpretation.

Methodischer Hinweis: Verbandsberichte und Wohlfahrtsorganisationen sind keine neutralen Quellen — sie haben eigene sozialpolitische Positionen. Das bedeutet nicht, dass ihre Zahlen falsch sind; es bedeutet, dass die Einordnung und Auswahl der präsentierten Daten einer Perspektive folgt. Für seriöse Forschung sind diese Quellen als Ergänzung zu amtlichen Statistiken zu nutzen, nicht als Ersatz.

Wie man Daten richtig interpretiert

Kurzantwort: Datenquellen haben Stärken und Grenzen, die man kennen muss. Relative Armutsgrenzen messen nicht dasselbe wie absolute Lebenslagen. Querschnittsdaten sagen nichts über Verläufe. Verwaltungsdaten erfassen nur Menschen, die mit dem System in Kontakt stehen. Wer diese Unterschiede ignoriert, interpretiert falsch.

Eine der häufigsten Fehlerquellen in der öffentlichen Debatte über Armut ist das Vermischen von Konzepten und Erhebungslogiken. Drei Grundunterscheidungen sollte man kennen:

Relativ versus absolut

Relative Armutsmaße wie die EU-SILC-Armutsrisikoquote messen Einkommensposition im Vergleich zum nationalen Median. Absolute Armutsmaße — etwa Regelsätze im Bürgergeld — definieren ein Existenzminimum. Beides ist legitim, misst aber verschiedene Dinge. Eine steigende Armutsrisikoquote kann auch dann auftreten, wenn der Lebensstandard gestiegen ist — nämlich dann, wenn das Medianeinkommen stärker gestiegen ist als das Einkommen der unteren Gruppen. Umgekehrt kann die Armutsrisikoquote sinken, obwohl es armen Menschen nicht besser geht — wenn nämlich ein allgemeiner Einkommensrückgang die Schwelle nach unten verschiebt.

Querschnitt versus Längsschnitt

Querschnittserhebungen wie der Mikrozensus zeigen eine Momentaufnahme: Wie viele Menschen sind zum Befragungszeitpunkt in einer bestimmten Lage? Längsschnittdaten wie das SOEP zeigen Verläufe: Sind dieselben Menschen dauerhaft in dieser Lage, oder gibt es Bewegung? Für Fragen zur sozialen Mobilität und zur Hartnäckigkeit von Armut sind Längsschnittdaten unverzichtbar. Für schnelle, aktuelle Messungen sind Querschnittsdaten oft ausreichend und methodisch robuster.

Administrativ versus survey-basiert

Verwaltungsdaten wie die Leistungsstatistiken der Bundesagentur für Arbeit erfassen nur Menschen, die mit Behörden in Kontakt stehen. Personen, die keine Leistungen beantragen — aus Unwissenheit, aus Scham oder weil der Antragsprozess zu aufwändig erscheint — tauchen nicht auf. Diese sogenannte Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen ist in der Forschung gut dokumentiert und kann erheblich sein. Umfragebasierte Erhebungen wie das SOEP haben dieses Problem in geringerem Maße, kämpfen dafür mit Stichprobenverzerrungen und Antwortausfällen. Zur Frage der Messung von Armut gibt es weitere Hintergründe.

Wer Daten zur Armut in Deutschland richtig liest, kombiniert Quellen — und hält sich dabei vor Augen, was jede Quelle leisten kann und was nicht. Die oben beschriebenen Institutionen decken zusammen einen großen Teil des Spektrums ab. Dennoch gibt es Lücken: Armut in informellen Verhältnissen, Armut ohne Behördenkontakt, Armut trotz Erwerbstätigkeit in sehr instabilen Beschäftigungsverhältnissen — das alles bleibt in keiner einzigen Quelle vollständig sichtbar.

Häufige Fragen zu Datenquellen der Sozialforschung

Was ist Destatis und was bietet das Portal GENESIS-Online?

Destatis ist das Statistische Bundesamt — die oberste amtliche Statistikbehörde Deutschlands. Es erhebt, verarbeitet und veröffentlicht Daten zu Bevölkerung, Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Das Online-Portal GENESIS-Online bietet freien Zugang zu rund 18.000 Datentabellen aus allen Erhebungsbereichen. Nutzer können Daten nach Berichtsjahr, regionaler Ebene und Differenzierungsmerkmalen filtern und als CSV oder Excel herunterladen. Für viele Fragestellungen zu Armut, Einkommen und sozialer Lage ist GENESIS-Online der erste und oft ausreichende Anlaufpunkt.

Was ist der Mikrozensus und warum ist er für die Armutsforschung wichtig?

Der Mikrozensus ist eine jährliche Pflichtbefragung von rund einem Prozent aller Haushalte in Deutschland — das entspricht etwa 800.000 Personen. Er ist die wichtigste amtliche Grundlage für bevölkerungsstatistische Aussagen zur Erwerbstätigkeit, Bildung, Haushaltsgröße und seit der Reform 2020 auch detaillierter zur Einkommenssituation. Für die Armutsforschung ist er besonders wertvoll, weil er regionale Differenzierungen erlaubt, die in kleineren Erhebungen nicht möglich sind — bis auf Kreisebene lassen sich Armutsrisikoquoten berechnen.

Was ist das SOEP und wozu sind Längsschnittdaten nützlich?

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine jährliche Haushaltsbefragung, die seit 1984 dieselben Personen und Haushalte in Deutschland befragt. Aktuell umfasst es rund 30.000 Personen in mehr als 15.000 Haushalten. Der entscheidende Unterschied zu Querschnittserhebungen: Längsschnittdaten zeigen, ob Armut eine vorübergehende Phase oder ein dauerhafter Zustand ist. Wer wissen will, ob dieselben Menschen über Jahre arm bleiben oder sich aus der Armut herausarbeiten, braucht das SOEP. Die Daten sind für Forschungszwecke nach Registrierung kostenlos unter diw.de/soep zugänglich.

Was ist EU-SILC und wie hängt es mit der deutschen Armutsquote zusammen?

EU-SILC steht für Statistics on Income and Living Conditions — eine nach harmonisierten Standards in allen EU-Mitgliedstaaten durchgeführte Erhebung zu Einkommen, Armut und sozialer Ausgrenzung. In Deutschland ist EU-SILC seit 2020 vollständig in den Mikrozensus integriert. Die EU-SILC-Daten liefern die Grundlage für die offizielle Armutsrisikoquote: Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des nationalen Medianäquivalenzeinkommens zur Verfügung hat. Eurostat veröffentlicht diese Daten für alle EU-Länder und ermöglicht damit internationale Vergleiche.

Welche Datenquelle eignet sich für Armutsmessung am besten?

Es gibt nicht die eine beste Quelle — es kommt auf die Fragestellung an. Für aktuelle Armutsrisikoquoten auf nationaler und regionaler Ebene ist der Mikrozensus (Destatis) die Standardquelle. Für Analysen von Einkommensverläufen und sozialer Mobilität ist das SOEP unverzichtbar. Für Arbeitsmarktbezüge liefert das IAB die tiefsten Einblicke. Für europäische Vergleiche ist EU-SILC die einzige harmonisierte Grundlage. Für Wohnungslosigkeit ist die BAG W die einzige belastbare Quelle. Seriöse Armutsforschung kombiniert in der Regel mehrere dieser Quellen und benennt deren jeweilige Grenzen.