ARMUTDEUTSCHLAND
Was sie bedeutet

Armut und Einwanderung

Lebensverhältnisse mit und ohne Einwanderungsgeschichte im Vergleich

Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind in Deutschland in jeder Altersgruppe deutlich häufiger armutsgefährdet als Menschen ohne Einwanderungsgeschichte. Die Unterschiede reichen von der Kindheit über das Erwerbsleben bis ins Alter.

7 Min. Lesezeit

Kernzahlen 2024

25,2 %

der Bevölkerung in Deutschland hatten 2023 eine Einwanderungsgeschichte – rund 21,2 Millionen Menschen.

28,5 %

der Kinder mit Einwanderungsgeschichte sind armutsgefährdet, gegenüber 8,3 % der Kinder ohne Einwanderungsgeschichte.

14,7 %

der Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte waren 2022 trotz Arbeit armutsgefährdet – bei den Erwerbstätigen ohne Einwanderungsgeschichte 7,1 %.

35 %

der ab 65-Jährigen mit Einwanderungsgeschichte sind armutsgefährdet, ohne Einwanderungsgeschichte 15,9 %.

49 %

der ab dem Alter von 19 Jahren zugezogenen Menschen hatten 2022 keinen Berufsabschluss.

Quelle: Sozialbericht 2024. Bezugsjahre siehe Tabellen im Artikel.

Wie groß ist der Unterschied bei der Armutsgefährdung?

Kurzantwort: Die Armutsgefährdungsquote von Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist in allen drei betrachteten Gruppen etwa doppelt bis dreieinhalbfach so hoch wie bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte.

Der Abstand ist bei Kindern am größten: Ihre Armutsgefährdungsquote liegt 3,4-mal höher als bei Kindern ohne Einwanderungsgeschichte. Bei Erwerbstätigen ist die Quote etwa doppelt so hoch, bei Menschen ab 65 Jahren mehr als doppelt so hoch. Die folgende Tabelle stellt die Wertepaare gegenüber.

Armutsgefährdungsquoten im Vergleich
Gruppe mit Einwanderungsgeschichte ohne Einwanderungsgeschichte Bezugsjahr
Kinder 28,5 % 8,3 % Berichtsjahr nicht eindeutig ausgewiesen
Erwerbstätige 14,7 % 7,1 % 2022
Personen ab 65 Jahren 35 % 15,9 % Berichtsjahr nicht eindeutig ausgewiesen

Quelle: Sozialbericht 2024; Erwerbstätige Bezugsjahr 2022, für Kinder und Personen ab 65 Jahren Berichtsjahr nicht eindeutig ausgewiesen.

Wichtig für das Verständnis der Zahlen: Die Gruppe der Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist nicht einheitlich. Sie umfasst Menschen, die selbst zugewandert sind, und Menschen, deren Eltern zugewandert sind. Auch der Begriff „Einwanderungsgeschichte“ unterscheidet sich vom früher gebräuchlichen Begriff „Migrationshintergrund“. Neben einer beidseitigen Einwanderungsgeschichte weisen weitere 4,8 % der Bevölkerung eine einseitige Einwanderungsgeschichte auf, weil nur ein Elternteil zugewandert ist.

Wie viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte leben in Deutschland?

Kurzantwort: 2023 hatten 25,2 Prozent der Bevölkerung – rund 21,2 Millionen Menschen – eine Einwanderungsgeschichte.

Ende 2022 lebten 84,4 Millionen Menschen in Deutschland, etwa 1,1 Millionen mehr als im Jahr davor. Der Zuwachs ging vor allem auf die starke Zuwanderung aus der Ukraine zurück. Gut ein Viertel der Bevölkerung hatte 2023 eine Einwanderungsgeschichte, weitere 4,8 Prozent eine einseitige Einwanderungsgeschichte.

Quelle: Sozialbericht 2024, Bezugsjahre 2022 und 2023.

Warum sind Erwerbstätige mit Einwanderungsgeschichte häufiger arm?

Kurzantwort: Ein zentraler Grund ist die Qualifikationsstruktur: 49 Prozent der als Erwachsene Zugezogenen hatten 2022 keinen Berufsabschluss.

Arbeit schützt nicht immer vor Armut. 2022 waren 14,7 Prozent der Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte armutsgefährdet, bei den Erwerbstätigen ohne Einwanderungsgeschichte war die Quote mit 7,1 Prozent nur halb so hoch. Ein Erklärungsfaktor liegt in den formalen Qualifikationen: Von den Menschen, die im Alter von 19 Jahren oder später zugezogen sind, hatten 49 Prozent keinen Berufsabschluss. Gleichzeitig ist diese Gruppe auch an der Spitze gut vertreten: Knapp 23 Prozent von ihnen hatten einen Hochschulabschluss. Beides zusammen zeigt eine ausgeprägte Spreizung – hohe Anteile ohne formalen Abschluss und ein hoher Anteil akademisch Qualifizierter.

Qualifikationen von Menschen, die im Alter ab 19 Jahren zugezogen sind
Merkmal Anteil Bezugsjahr
ohne Berufsabschluss 49 % 2022
mit Hochschulabschluss knapp 23 % 2022

Quelle: Sozialbericht 2024, Bezugsjahr 2022.

Was bedeutet der Unterschied für Kinder?

Kurzantwort: Kinder mit Einwanderungsgeschichte sind mit 28,5 Prozent mehr als dreimal so häufig armutsgefährdet wie Kinder ohne Einwanderungsgeschichte mit 8,3 Prozent.

Der Unterschied ist bei Kindern größer als in jeder anderen betrachteten Altersgruppe. Armut in der Kindheit wirkt sich auf Bildungschancen, Teilhabe und Gesundheit aus. Wie sich Kinderarmut in Deutschland insgesamt entwickelt und welche Leistungen Familien beantragen können, ist im Überblick zur Kinderarmut in Deutschland beschrieben.

Wie sieht es im Alter aus?

Kurzantwort: 35 Prozent der ab 65-Jährigen mit Einwanderungsgeschichte sind armutsgefährdet, bei den Älteren ohne Einwanderungsgeschichte sind es 15,9 Prozent.

Im Alter setzen sich Unterbrechungen im Erwerbsleben, niedrige Löhne und fehlende Beitragsjahre in niedrigen Renten fort. Damit ist mehr als jede dritte ältere Person mit Einwanderungsgeschichte armutsgefährdet. Grundlagen, Ursachen und Ansprüche bei niedriger Rente sind im Beitrag zur Altersarmut ausführlich erklärt. Wer mit der Rente nicht auskommt, kann Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch beantragen.

Wie wirkt sich Armut auf die Gesundheit aus?

Kurzantwort: Ein niedriges Einkommen geht mit deutlich höheren Krankheitsrisiken und einer kürzeren Lebenserwartung einher.

Sozioökonomisch benachteiligte Gruppen haben ein bis zu vierfach höheres Risiko für chronische Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit, Diabetes und Depression als einkommensstarke Gruppen. Frauen aus der niedrigsten Einkommensgruppe haben eine um 4,4 Jahre kürzere Lebenserwartung als Frauen der höchsten Einkommensgruppe, bei Männern beträgt der Unterschied 8,6 Jahre. Die Unterschiede beginnen früh: Kinder aus bildungsfernen Haushalten haben eine fast dreifach höhere Wahrscheinlichkeit für einen schlechten psychischen Gesundheitszustand und eine 3,6-fach höhere Wahrscheinlichkeit für Adipositas.

Für den Vergleich bedeutet das: Weil Menschen mit Einwanderungsgeschichte häufiger in den unteren Einkommensgruppen leben, treffen diese Gesundheitsrisiken sie häufiger. Ausführlich dargestellt sind die Zusammenhänge im Beitrag Armut und Gesundheit.

Quelle: Sozialbericht 2024, Kapitel Gesundheit und soziale Sicherung.

Welche Folgen zeigen sich im Alltag?

Kurzantwort: Armut zeigt sich konkret bei Wohnen und Ernährung – Wohnungslosigkeit ist überwiegend ein Langzeitphänomen, und die Lebensmittelhilfe der Tafeln stößt an ihre Grenzen.

Anfang 2024 waren rund 531.600 Menschen in Deutschland wohnungslos: 439.500 waren untergebracht, 60.400 verdeckt wohnungslos und 47.300 ohne jede Unterkunft. Knapp zwei Drittel der wohnungslosen Personen sind männlich; Frauen kommen überproportional häufig verdeckt bei Bekannten und Angehörigen unter. 65 Prozent der Menschen ohne Unterkunft sind bereits länger als ein Jahr wohnungslos, bei untergebrachten Personen liegt die durchschnittliche Unterbringungsdauer bei 122 Wochen. Hintergründe und Hilfen stehen im Beitrag zur Wohnungslosigkeit in Deutschland.

Bei der Ernährung übernehmen die Tafeln einen großen Teil der praktischen Hilfe: 975 Tafeln retten jährlich 265.000 Tonnen Lebensmittel und geben sie an 1,5 Millionen armutsbetroffene Menschen weiter. 67 Prozent der Tafeln gaben 2024 an, dass die Menge der geretteten Lebensmittel nicht ausreicht; ein Drittel arbeitet mit Aufnahmestopps oder Wartelisten. Spenden aus dem Einzelhandel sind rückläufig, weil Händler ihre Warenmengen genauer planen.

Quellen: Wohnungslosenbericht 2024, Erhebungszeitraum Januar/Februar 2024; Jahresbericht 2024 Tafel Deutschland.

Welche Unterstützung gibt es bei Armut und sozialen Schwierigkeiten?

Kurzantwort: Wer sich nicht selbst helfen kann, hat Anspruch auf Sozialhilfe nach dem SGB XII; ergänzend beraten und helfen Wohlfahrtsverbände und Tafeln kostenlos.

Aufgabe der Sozialhilfe ist es, ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen und Leistungsberechtigte zur Selbsthilfe und Unabhängigkeit zu befähigen. Sie gilt nachrangig: Leistungen gibt es nur, wenn Betroffene sich nicht selbst helfen können und kein anderer Leistungsträger zuständig ist. Die Sozialhilfe umfasst sechs Bereiche: Hilfe zum Lebensunterhalt, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, Hilfen zur Gesundheit, Hilfe zur Pflege, Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten und Hilfen in anderen Lebenslagen. Einen Überblick über Voraussetzungen und Antragswege gibt der Beitrag zur Sozialhilfe nach SGB XII.

Menschen mit besonderen Lebensverhältnissen und sozialen Schwierigkeiten – etwa nach Wohnungsverlust, Haft oder Gewalterfahrung – haben nach § 67 SGB XII Anspruch auf Leistungen zur Überwindung dieser Schwierigkeiten. Zuständig ist der örtliche Sozialhilfeträger, in der Regel das Sozialamt der Stadt oder des Kreises. Ein Antrag ist auch mündlich möglich; das Amt muss beraten und weiterleiten, wenn ein anderer Träger zuständig ist.

Neben den staatlichen Stellen gibt es nicht-staatliche Angebote, die kostenlos und unabhängig von einem Leistungsbescheid helfen. Die Caritas und weitere Verbände der freien Wohlfahrtspflege bieten allgemeine Sozialberatung, Schuldnerberatung und Migrationsberatung an; sie unterstützen auch beim Ausfüllen von Anträgen und bei Widersprüchen. Für Lebensmittelhilfe sind die Tafeln vor Ort zuständig. Dort ist eine Anmeldung nötig, und es kann zu Wartezeiten kommen: Ein Drittel der Tafeln arbeitete 2024 mit Aufnahmestopps oder Wartelisten. Es lohnt sich deshalb, parallel die Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände anzusprechen.

Was sagen die Zahlen über die Gesellschaft insgesamt?

Kurzantwort: Die Zustimmung zur Demokratie als Staatsform ist hoch, die Zufriedenheit mit ihrem Funktionieren ist seit 2020 aber deutlich gesunken.

Der Sozialbericht verbindet amtliche Statistik mit sozialwissenschaftlicher Bewertung und beschreibt so die Lebensverhältnisse in Deutschland. Er ist die 18. Ausgabe des ehemaligen Datenreports und wird gemeinsam vom Statistischen Bundesamt, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung herausgegeben. Neben den Einkommens- und Bildungsdaten dokumentiert er auch politische Einstellungen: Die Zustimmung zur Demokratie als Staatsform ist hoch, die Unzufriedenheit mit dem Funktionieren demokratischer Mechanismen ist seit 2020 jedoch deutlich gestiegen. In Ostdeutschland ist weniger als die Hälfte der Bevölkerung damit zufrieden. Weitere Kennzahlen zur Einkommensverteilung finden sich in der Übersicht zur Armutsgefährdungsquote.

Quellen

  • Sozialbericht 2024 — Demografie und Einwanderung (Statistisches Bundesamt, WZB, BiB)
  • Sozialbericht 2024 — Gesundheit, soziale Sicherung und Rente (Statistisches Bundesamt, WZB, BiB)
  • Wohnungslosenbericht 2024 — Ausmaß, Struktur und Ursachen (Bundesregierung)
  • Jahresbericht 2024, Tafel Deutschland e. V.
  • Zwölftes Buch Sozialgesetzbuch (SGB XII), insbesondere § 67

Häufige Fragen

Quellenangabe

Sozialbericht 2024 der Bundesregierung · Bereitsteller: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) · Originaldatensatz · Daten wurden für diese Seite redaktionell bearbeitet und aufbereitet.

Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 (dl-de/by-2-0)

Weitere Quellen: Sozialbericht 2024. Bezugsjahre siehe Tabellen im Artikel.

Stand: 2024

Häufige Fragen

Wie viele Menschen in Deutschland haben eine Einwanderungsgeschichte?+

2023 hatten 25,2 Prozent der Bevölkerung – rund 21,2 Millionen Menschen – eine Einwanderungsgeschichte. Weitere 4,8 Prozent haben eine einseitige Einwanderungsgeschichte, weil nur ein Elternteil zugewandert ist. Ende 2022 lebten insgesamt 84,4 Millionen Menschen in Deutschland.

Wie hoch ist die Armutsgefährdung bei Kindern mit Einwanderungsgeschichte?+

Sie liegt bei 28,5 Prozent und damit 3,4-mal höher als bei Kindern ohne Einwanderungsgeschichte mit 8,3 Prozent. Der Abstand ist damit größer als bei Erwerbstätigen und Älteren.

Warum sind Menschen mit Einwanderungsgeschichte trotz Arbeit häufiger armutsgefährdet?+

2022 waren 14,7 Prozent der Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte armutsgefährdet, gegenüber 7,1 Prozent ohne Einwanderungsgeschichte. Ein wesentlicher Faktor ist die Qualifikationsstruktur: 49 Prozent der ab dem Alter von 19 Jahren Zugezogenen hatten 2022 keinen Berufsabschluss, während knapp 23 Prozent einen Hochschulabschluss besaßen.

Wie groß ist der Unterschied bei Menschen ab 65 Jahren?+

35 Prozent der ab 65-Jährigen mit Einwanderungsgeschichte sind armutsgefährdet, bei den Älteren ohne Einwanderungsgeschichte 15,9 Prozent. Damit ist mehr als jede dritte ältere Person mit Einwanderungsgeschichte betroffen.

Welche Leistungen kann ich bei Armut beantragen?+

Die Sozialhilfe nach dem SGB XII umfasst Hilfe zum Lebensunterhalt, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, Hilfen zur Gesundheit, Hilfe zur Pflege, Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten und Hilfen in anderen Lebenslagen. Sie ist nachrangig: Sie greift, wenn Betroffene sich nicht selbst helfen können und kein anderer Träger zuständig ist. Anlaufstelle ist das Sozialamt.

Wohin kann ich mich wenden, wenn das Geld für Lebensmittel nicht reicht?+

Lebensmittelhilfe leisten die Tafeln vor Ort; dort ist eine Anmeldung nötig, und ein Drittel der Tafeln arbeitete 2024 mit Aufnahmestopps oder Wartelisten. Zusätzlich beraten Caritas und andere Verbände der freien Wohlfahrtspflege kostenlos zu Sozialleistungen, Schulden und Migration.

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