Wenn eine ganze Generation qualifizierter junger Menschen ihr Land verlässt, ist das kein Zeichen wirtschaftlicher Freiheit — sondern eines des Versagens. Genau das geschah zwischen 2009 und 2013 in großen Teilen Südeuropas. Die Eurokrise verwandelte Spanien, Griechenland und Portugal binnen weniger Jahre in Länder, in denen besonders junge Arbeitnehmer kaum noch Aussicht auf reguläre Beschäftigung hatten. Wer konnte, nutzte die europäische Freizügigkeit — und wanderte aus. Deutschland, mit seiner vergleichsweise stabilen Konjunktur und wachsendem Fachkräftebedarf, wurde zum bevorzugten Ziel.
Dieser Artikel erklärt, welche Kräfte diese Migrationsbewegung ausgelöst haben, wer die Menschen waren, die kamen, wie der deutsche Arbeitsmarkt auf sie reagierte — und welche sozialen Risiken sich dabei zeigten, die bis heute wirken.
Die Eurokrise als Auswanderungsmotor
Die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, die 2008 in den USA begann, traf die Staaten der Eurozone unterschiedlich hart. Während Deutschland dank seiner Exportstärke und eines robusten Arbeitsmarkts relativ glimpflich davonkam — unter anderem durch das Instrument der Kurzarbeit, das Entlassungen auf breiter Front verhinderte —, brachen in Südeuropa ganze Sektoren weg.
Griechenland stürzte in eine tiefe Rezession, die Staatsschulden explodierten, und das Land war ohne internationale Rettungspakete zahlungsunfähig. Spaniens Immobilienboom endete abrupt, das Bankensystem wankte, und die Arbeitslosigkeit schnellte auf Werte, die zuletzt in der Nachkriegszeit erreicht worden waren. Unter jungen Menschen unter 25 Jahren lagen die Quoten zeitweise bei über 50 Prozent. Portugal und Irland gerieten ebenfalls in Schieflage und mussten unter strengen Auflagen Hilfskredite in Anspruch nehmen.
Für viele Arbeitnehmer in diesen Ländern war die Schlussfolgerung naheliegend: Wenn der Heimatmarkt keine Perspektive bot, musste eine andere Volkswirtschaft her. Innerhalb des EU-Binnenmarkts war dafür keine Genehmigung nötig — die Freizügigkeit tat ihr Übriges. So verstärkte sich ab 2009 ein Wanderungsstrom, der zuvor schon durch die EU-Osterweiterungen (ab 2004) angewachsen war, nun aber eine neue Qualität bekam: Statt Menschen aus den neuen EU-Mitgliedstaaten im Osten kamen nun verstärkt Menschen aus dem wirtschaftlich angeschlagenen Süden.
Wer kam — und warum gerade nach Deutschland?
Die Migrationsbewegungen, die Deutschland seit Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt haben, folgen einem wiederkehrenden Muster: Zunächst kamen in den 1950er und 1960er Jahren Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus den damaligen Anwerbestaaten — unter anderem aus dem früheren Jugoslawien, Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und der Türkei. Viele von ihnen begründeten in Deutschland dauerhaft ihren Lebensmittelpunkt und holten ihre Familien nach. Nach der deutschen Vereinigung folgten Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler aus Rumänien, Polen und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.
Die Krisenzeit ab 2009 rief eine andere Gruppe auf den Plan: Es waren überproportional oft gut ausgebildete junge Menschen — Ingenieure, Ärzte, IT-Fachleute, Akademiker —, die keine Zukunft mehr in ihren Heimatländern sahen. Deutschland suchte genau diese Qualifikationsprofile. Der Zuzug aus EU-Staaten reagierte damit direkt auf wirtschaftliche Signale: hohe Löhne in Deutschland, nahezu keine Lohnperspektive in Athen, Lissabon oder Madrid.
Das Einwanderungsmotiv spielt dabei eine entscheidende Rolle, die oft übersehen wird: Migration aus EU-Mitgliedstaaten dient häufig primär der Arbeitsaufnahme. Sie unterscheidet sich strukturell von Fluchtmigration, die aus dem Nahen und Mittleren Osten oder aus Afrika nach Deutschland führt und mit rechtlichen Einschränkungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt verbunden ist. EU-Migrantinnen und EU-Migranten aus Südeuropa konnten dagegen sofort vollständig am Arbeitsleben teilnehmen — und taten es mehrheitlich auch.
Der Zusammenhang zwischen Migration, Arbeitsmarkt und Armut ist komplex: Gerade weil diese Gruppe gut qualifiziert war, verlief die Arbeitsmarktintegration oft schnell. Dennoch zeigen Langzeitdaten, dass Personen mit Migrationshintergrund — unabhängig von ihrer Herkunft — im Schnitt höheren Armutsrisiken ausgesetzt sind als Menschen ohne Einwanderungsgeschichte. Die Ursachen dafür liegen selten in fehlendem Willen, sondern in strukturellen Barrieren: Anerkennung ausländischer Abschlüsse, Sprachhürden in bürokratischen Kontexten, oder das Fehlen lokaler Netzwerke, die für einen schnellen Berufseinstieg entscheidend sein können.
Pendelmigration: Zwischen Ankunft und Abwanderung
Ein oft übersehenes Merkmal der EU-Migration ist ihr zirkulärer Charakter. Viele Zugewanderte aus Europa kommen nicht mit dem Ziel, dauerhaft zu bleiben. Sie kommen, solange der Aufenthalt wirtschaftlich sinnvoll ist — und kehren zurück, wenn sich die Lage im Herkunftsland stabilisiert oder wenn die Lebensplanung eine andere Richtung nimmt.
Das erklärt eine zunächst paradox wirkende Statistik: Seit 2011 stieg die Zahl der Fortzüge von Ausländerinnen und Ausländern aus Deutschland wieder deutlich an und erreichte 2022 fast 940.000 Fortzüge in einem einzigen Jahr. Das klingt nach einer Welle der Abwanderung — ist aber vielmehr das Spiegelbild hoher Zuwanderung. Wer in großer Zahl kommt, verlässt das Land auf Sicht auch wieder in großer Zahl. Hohe Einwanderung und hohe Abwanderung bedingen sich zeitverzögert gegenseitig.
Für Deutschland hat dieses Muster eine praktische Konsequenz: Der Wanderungssaldo — also die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen — war seit Beginn der Statistik in den 1950er Jahren fast durchgehend positiv. Nur in konjunkturell schwachen Phasen oder nach dem Ende von Konflikten (wie dem Bosnienkrieg 1997/98) fiel er vorübergehend ins Negative. Die Eurokrise veränderte dieses Muster nicht grundsätzlich — sie beschleunigte und verschob es lediglich.
Für viele südeuropäische Familien bedeutete das: Kinder oder Partner gingen nach Deutschland, die Familie wartete in Spanien oder Griechenland. Transnationaler Alltag, mit allem was dazugehört: Kosten für Reisen, emotionale Belastung, soziale Isolation am neuen Wohnort. Wer soziale Ungleichheit in Deutschland verstehen will, muss auch diese unsichtbaren Lebensrealitäten einbeziehen.
Soziale Risiken: Armut und Wohnungslosigkeit bei Migranten
Auch wenn viele der südeuropäischen Krisenmigranten gut ausgebildet waren und schnell Arbeit fanden, darf nicht übersehen werden, dass Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland insgesamt ein erhöhtes Armutsrisiko tragen. Das gilt für Personen mit direkter Migrationserfahrung ebenso wie — in etwas abgeschwächter Form — für ihre Kinder, die in Deutschland geboren wurden.
Besonders ausgeprägt ist dieses Risiko in Ostdeutschland, wo sowohl das allgemeine Einkommensniveau als auch das spezifische Armutsrisiko für Migrantinnen und Migranten höher liegen als im westdeutschen Vergleich. Das Bild der Armut in Deutschland ist also regional stark differenziert — für Eingewanderte noch mehr als für die Gesamtbevölkerung.
Ein besonders dramatischer Befund betrifft die Wohnungssituation. EU-Bürgerinnen und EU-Bürger — vor allem aus Polen, Rumänien und Bulgarien, aber auch aus anderen osteuropäischen Ländern — sind unter wohnungslosen Menschen überproportional stark vertreten. Rund 22.000 nichtdeutsche wohnungslose Menschen in Deutschland sind nicht institutionell untergebracht — das heißt, sie leben ohne jede staatlich erfasste Unterkunft: bei Bekannten, in Kellern, in Autos oder auf der Straße.
Diese Gruppe ist für Hilfssysteme oft schwer erreichbar. Sprachbarrieren, Unkenntnis der eigenen Rechte und das Fehlen persönlicher Netzwerke machen den Zugang zu Beratungsstellen und Sozialleistungen schwer. Wer mehr über die konkrete Situation wohnungsloser Menschen in Deutschland erfahren möchte, findet dort einen vertieften Überblick.
Einkommensunterschiede nach Herkunft
Die Einkommen von Personen mit Migrationshintergrund streuen sehr breit — weit breiter als in der Gesamtbevölkerung. Das liegt daran, dass Herkunftsland und Ausbildungsgrad entscheidende Determinanten sind. Ein griechischer Ingenieur, der 2011 nach München kam, und eine rumänische Saisonarbeiterin, die auf einer niedersächsischen Spargelfarm beschäftigt ist, teilen den statistischen Begriff „Migrationshintergrund" — aber kaum etwas anderes.
Diese Heterogenität mahnt zur Vorsicht vor Verallgemeinerungen. Gleichzeitig zeigt sie, dass strukturelle Benachteiligung real ist: Selbst unter gleichen Qualifikationsvoraussetzungen verdienen Beschäftigte mit Migrationshintergrund im Durchschnitt weniger als ihre deutschen Kollegen. Einkommen und Integration hängen eng zusammen — und werden durch lokale Netzwerke, Sprache und die Anerkennung ausländischer Abschlüsse wesentlich mitbestimmt.
Irrtümer und Missverständnisse
Irrtum 1: „Die kommen alle, um Sozialleistungen zu beziehen"
Das Gegenteil ist für EU-Migranten aus Südeuropa statistisch belegbar. Diese Gruppe kam überwiegend zur Arbeitsaufnahme — motiviert durch den Zusammenbruch des Arbeitsmarkts im Herkunftsland, nicht durch die Attraktivität des deutschen Sozialsystems. Der Zusammenhang zwischen Arbeit und Armut macht das deutlich: Auch wer arbeitet, kann arm sein — nicht-arbeitende EU-Migranten sind unter den Krisenmigranten deutlich in der Minderheit.
Irrtum 2: „Nach der Krise kamen sie nicht mehr"
Wanderungsbewegungen haben eine lange Nachlaufzeit. Netzwerke, die sich in der Krisenzeit gebildet haben, bleiben bestehen. Wer einmal in München oder Frankfurt heimisch wurde, zieht Freunde und Familienmitglieder nach — auch wenn in Spanien oder Portugal die Wirtschaft längst wieder wächst. Migration ist kein Wasserhahn, der sich schlagartig öffnet und schließt.
Irrtum 3: „Wohnungslosigkeit unter Migranten ist ein Ordnungsproblem"
Wohnungslosigkeit unter EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern ist in erster Linie ein soziales Problem — fehlende Sprachkenntnisse, mangelnde Kenntnis des deutschen Hilfssystems, fehlende Netzwerke. Repressive Ansätze lösen diese Ursachen nicht. Benötigt werden niedrigschwellige Beratungsangebote, mehrsprachige Sozialarbeit und ein Zugang zu Sozialleistungen, der nicht an bürokratischen Hürden scheitert.
Was bleibt: Lehren aus der Krise
Die Wirtschaftskrise in Südeuropa war ein Stresstest für den europäischen Arbeitsmarkt — und für die Solidarität innerhalb der EU. Deutschland profitierte: Gut ausgebildete Arbeitnehmer füllten Lücken auf dem Arbeitsmarkt, ohne dass die öffentliche Hand in ihre Ausbildung investiert hatte. Die Herkunftsländer zahlten den Preis: Brain Drain, also der Verlust hochqualifizierter junger Menschen, schwächt langfristig die Innovationsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften.
Für den deutschen Wohlfahrtsstaat brachte die Krisenmigration neue Herausforderungen: Wie erreicht man Menschen, die rechtlich keine Hindernisse kennen, aber praktisch oft außerhalb des Hilfssystems stehen? Wie verhindert man, dass aus kurzfristiger Arbeitsmigration langfristige Prekarität wird?
Antworten auf diese Fragen finden sich nicht in der Abschottung — die ist innerhalb der EU ohnehin keine Option. Sie finden sich in einer besseren Beratungsinfrastruktur, in der Anerkennung ausländischer Abschlüsse, in mehrsprachiger Sozialarbeit und in einem Verständnis von Migration und Armut, das Komplexität zulässt statt sie zu vereinfachen.
Von den heute in Deutschland lebenden 83,8 Millionen Menschen sind rund 16,2 Millionen — also knapp jeder fünfte — seit 1950 eingewandert. Ihre Geschichte ist ein Teil der deutschen Geschichte. Und ihre sozialen Realitäten — ob gesichert oder prekär — sind ein Teil der deutschen Gegenwart, der sich nicht wegdenken lässt.
Migration in Deutschland Überblick über Zuwanderung, Herkunftsgruppen, Arbeitsmarkt und Armut — mit allen weiterführenden Artikeln.