5,8 Millionen Ehepaare: Was die Zahl bedeutet
5,8 Millionen Ehepaare — das ist eine der zentralen Zahlen aus dem Mikrozensus 2023. Sie beschreibt alle Paare, die im gleichen Haushalt als Hauptwohnsitz registriert sind und standesamtlich verheiratet sind. Nicht enthalten sind Paare, die getrennte Hauptwohnsitze haben, oder Paare in Lebensgemeinschaften ohne Trauschein.
Im historischen Vergleich zeigt sich: Die Zahl der Eheschließungen pro Jahr sinkt seit Jahrzehnten, die absolute Zahl bestehender Ehen hält sich aber relativ stabil. Der Grund ist die steigende Lebenserwartung: Ehen, die früher durch den frühen Tod eines Partners endeten, dauern heute länger. Gleichzeitig steigt die Zahl der Scheidungen, was dem entgegenwirkt.
Das Ergebnis ist ein stabiles Plateau: Deutschland hat viele Ehepaare, aber einen schrumpfenden Anteil von Menschen, die neu heiraten. Unter den 30- bis 50-Jährigen ist der Anteil der Verheirateten in den letzten zwei Jahrzehnten gesunken — nicht weil die Ehe an Attraktivität verloren hat, sondern weil Menschen später heiraten und viele Lebensphasen zunächst in unverheirateten Lebensgemeinschaften verbringen.
Fakten-Box: Ehepaare in Deutschland
- Bestand
- Ca. 5,8 Millionen Ehepaare in Hauptwohnsitzhaushalten (Mikrozensus 2023)
- Trend
- Eheschließungen langfristig rückläufig; 2022 Anstieg um 9 % als Nachholeffekt nach Covid-Tiefstand
- Armutsrisiko
- Ehepaare haben die niedrigste Armutsrisikoquote aller Haushaltsformen
- Einstellung
- Nur 21 % der 18- bis 50-Jährigen halten die Ehe für eine überholte Einrichtung (FReDA 2021)
- Kinder
- 92 % der Mütter mit Kleinkind (unter 3) in Ehepaarhaushalten sind nicht erwerbstätig; bei Alleinerziehenden sind es 86 %
- Missverständnis
- Die Ehe ist nicht "out" — aber sie wird seltener jung geschlossen und häufiger nach reiflicher Überlegung
Wie stabil ist die Ehe wirklich?
Hochzeiten, die 2020 und 2021 wegen der Pandemie abgesagt oder verschoben wurden, fanden 2022 nach. Das erklärt den Anstieg von 9 Prozent bei den Eheschließungen in diesem Jahr. Dieser Sondereffekt täuscht aber nicht über den langfristigen Trend hinweg: Im Vergleich zu den 1970er-Jahren hat sich die Zahl der jährlichen Hochzeiten in Deutschland fast halbiert.
Gleichzeitig hat sich die Zusammensetzung verändert: Paare heiraten später. Das durchschnittliche Heiratsalter liegt heute für Frauen bei rund 32 Jahren, für Männer bei rund 34 Jahren — vor fünfzig Jahren waren es noch Anfang bis Mitte zwanzig. Die Ehe ist seltener ein Startpunkt einer gemeinsamen Biografie, sondern häufiger ein Schritt, der nach Ausbildung, Berufseinstieg und oft schon nach einer Phase des Zusammenlebens gesetzt wird.
Einstellungen zur Ehe: differenzierter als die Debatte
Die öffentliche Wahrnehmung suggeriert manchmal, die Ehe sei auf dem Rückzug — ein Modell von gestern. Die Forschungsgruppe FReDA hat 2021 repräsentativ nachgefragt. Das Ergebnis ist differenzierter:
Die Mehrheit sieht die Ehe also nicht als Auslaufmodell. Gleichzeitig hat sich das Verständnis davon verändert, was Ehe bedeuten soll. Während 2005 noch 39 Prozent der Befragten die Ehe als lebenslange, untrennbare Verbindung sahen, waren es 2021 nur noch 31 Prozent. Der Gedanke, dass Ehen enden können — und dass das Scheidungsrecht auch greift, wenn Kinder betroffen sind — wird von einer Mehrheit befürwortet.
Das ist keine Gleichgültigkeit gegenüber der Ehe, sondern ein realistischeres Bild: Ehe als bewusste Entscheidung, die aber kein Lebensurteil ohne Revisionsrecht ist.
Ehe und Armutsschutz: Warum verheiratete Paare besser dastehen
Das Armutsrisiko ist ungleich über Lebensformen verteilt. Am stärksten betroffen sind Alleinerziehende, danach alleinstehende Personen. Paare ohne Kinder und Ehepaare mit Kindern stehen deutlich besser da — Ehepaare am besten.
Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Erstens: Zwei Einkommen bieten eine natürliche Absicherung. Fällt ein Einkommen weg — durch Krankheit, Jobverlust oder Elternzeit — kann das andere zumindest teilweise überbrücken. Zweitens: Verheiratete Paare genießen steuerliche Vorteile durch das Ehegattensplitting, das besonders bei unterschiedlichen Einkommensniveaus der Partner wirkt. Drittens: Verheiratete sind in der gesetzlichen Krankenversicherung füreinander mitversichert, was die Absicherung beim Einkommensverlust eines Partners verbessert.
Diese Vorteile beziehen sich aber auf bestehende Ehen. Bei Scheidung fällt der Schutz weg — und dann, wie das Kapitel über geschiedene Alleinstehende zeigt, besonders für Frauen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien.
Das Ehegattensplitting: Schutz und Kritik
Das Ehegattensplitting ist eines der umstrittensten sozialpolitischen Instrumente in Deutschland. Es lässt Verheiratete ihr gemeinsames Einkommen für die Steuerberechnung zusammenlegen und dann auf beide aufteilen — was bei unterschiedlichen Einkommen steuerlich vorteilhaft ist. Im Extremfall, wenn ein Partner gar nicht arbeitet, ist der Effekt am größten.
Kritiker sehen darin einen Fehlanreiz: Das Splitting belohnt das Modell des Alleinverdieners und benachteiligt Paare, bei denen beide gleich viel verdienen. Es setzt einen Anreiz dagegen, dass der Geringverdiener — in der Praxis häufig die Frau — seine Arbeitszeit erhöht. Befürworter sehen darin einen legitimen Schutz des Familienmodells, in dem ein Partner Sorgearbeit übernimmt.
Diese Debatte ist nicht nur steuertechnisch, sondern grundsätzlich: Was soll der Staat durch sein Steuersystem fördern — Erwerbstätigkeit beider Partner oder das Modell der häuslichen Arbeitsteilung?
Kinder, Erwerbsarbeit und das Ehepaarprofil
Das Verhalten von Müttern auf dem Arbeitsmarkt hängt stark von der Familienform ab. Bei Kleinkindern unter drei Jahren sind 92 Prozent der Mütter in Ehepaarhaushalten nicht erwerbstätig — bei Lebensgemeinschaften sind es 90 Prozent, bei Alleinerziehenden 86 Prozent. Der Unterschied ist gering, aber vorhanden: Alleinerziehende Mütter steigen früher wieder in die Erwerbstätigkeit ein, weil die wirtschaftliche Notwendigkeit größer ist.
Wenn das jüngste Kind älter wird, steigt die Erwerbsquote der Mütter in allen Familienformen — aber bei Ehepaaren am stärksten und am deutlichsten. Das ist ein Zeichen für einen klassischen Effekt: In Ehepaaren mit niedrigerem Haushaltseinkommen kehren Mütter früher zurück, in Ehepaaren mit höherem Einkommen bleibt die Nicht-Erwerbstätigkeit länger aufrechterhalten, weil sie sich das leisten können.
Lebensgemeinschaften auf dem Vormarsch
Neben der Ehe gewinnen unverheiratete Lebensgemeinschaften an Bedeutung. Paare, die zusammenwohnen, ohne verheiratet zu sein, sind heute eine statistisch relevante und sozial akzeptierte Lebensform. Sie unterscheiden sich von Ehepaaren in einigen rechtlichen Punkten — kein automatisches Erbrecht, keine Witwenrente, keine gemeinsame steuerliche Veranlagung — aber im Alltag und in der Wahrnehmung der Gesellschaft sind die Unterschiede gering geworden.
Der Anteil der Lebensgemeinschaften an allen Paarhaushalten wächst. Das gilt besonders für jüngere Altersgruppen und für Städte. Manche Paare wählen die Lebensgemeinschaft bewusst als Alternative zur Ehe, andere als Vorstufe — als Phase des gemeinsamen Wohnens vor einer späteren Heirat.
Für die Armutsforschung ist das relevant: Unverheiratete Paare sind im Durchschnitt etwas stärker armutsgefährdet als Ehepaare — aber der Abstand ist gering und hat sich in den letzten Jahren weiter verkleinert. Die rechtlichen Unterschiede, die in der Vergangenheit Lebensgemeinschaften deutlich benachteiligten, sind durch Reformen teilweise abgemildert worden.
Ehe und soziale Ungleichheit: wer heiratet, wen?
Wenn Ehepaare die niedrigste Armutsrisikoquote aufweisen, liegt das nicht ausschließlich an der Ehe selbst. Es gibt einen starken Selektionseffekt: Menschen mit höherer Bildung, stabilem Einkommen und guter sozialer Integration heiraten häufiger. Menschen in prekären Lebenslagen — mit geringer Bildung, niedrigem Einkommen, instabiler Beschäftigung — heiraten seltener.
Das bedeutet: Die niedrige Armutsquote bei Ehepaaren spiegelt teilweise wider, wer heiratet, nicht nur, was die Ehe bewirkt. Die Ehe selektiert soziale Lagen — und verstärkt damit bestehende Ungleichheiten. Wer arm ist, heiratet seltener und verliert damit auch den rechtlichen Schutz, den die Ehe bietet.
Dieser Kreislauf ist schwer zu durchbrechen. Politiken, die Armut bekämpfen wollen, können nicht auf die Ehe als Instrument setzen — denn die Ehe setzt selbst ein Mindestmaß an sozialer Stabilität voraus, das armutsbetroffene Menschen häufig nicht haben.
Ausblick: Ehe im Wandel
Die Ehe ist kein Auslaufmodell — aber sie ist auch nicht mehr das einzige Modell, das gesellschaftlich anerkannt ist. Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten eine stille Pluralisierung der Lebensformen erlebt: Lebensgemeinschaften, Patchworkfamilien, Einpersonenhaushalte, gleichgeschlechtliche Ehen — sie alle existieren nebeneinander, mit unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen, aber zunehmend ähnlichem gesellschaftlichem Ansehen.
Für die Armutsforschung bedeutet das: Der Blick auf Lebensformen muss differenzierter werden. Es reicht nicht, zu fragen, ob jemand verheiratet ist. Es kommt darauf an, wer verdient, wie die Erwerbsarbeit aufgeteilt ist, welche sozialen Netzwerke bestehen und wie das Haushaltseinkommen verteilt ist. Die Ehe kann Schutz bieten — aber sie ist kein Garant, und ihr Ende macht aus dem Schutz ein Risiko.
Gesellschaftspolitisch ist die zentrale Frage nicht, ob Menschen heiraten sollen, sondern wie das Sozialsystem alle Lebensformen so absichert, dass Armut nicht von der Entscheidung für oder gegen den Trauschein abhängt.