Türkeistämmige Menschen gehören seit über sechs Jahrzehnten zur deutschen Gesellschaft. Wie kam es dazu, wie hat sich diese Gemeinschaft entwickelt — und was sagen die aktuellen Zahlen über ihre heutige soziale Lage?
Schlüsselzahlen
Die türkische Migration nach Deutschland ist keine neue Erscheinung — sie ist eine der bedeutendsten Migrationsgeschichten Europas. Seit den frühen 1960er Jahren kamen Menschen aus der Türkei zunächst als sogenannte Gastarbeiter, blieben, gründeten Familien und prägten die deutsche Gesellschaft mit. Heute, mehr als sechzig Jahre später, lebt die dritte und vierte Generation türkeistämmiger Menschen in Deutschland. Und noch immer kommen Menschen aus der Türkei — allein im Jahr 2022 waren es 75.000 neue Zuzüge.
Was trieb diese Menschen nach Deutschland, was hält sie hier, und unter welchen Bedingungen leben türkeistämmige Migrantinnen und Migranten heute? Diese Seite gibt einen sachlichen Überblick — auf Basis aktueller Daten, ohne Verklärung und ohne Stigmatisierung.
Auf einen Blick
Im Jahr 1961 schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen. Deutschland suchte dringend Arbeitskräfte für seine boomende Nachkriegswirtschaft, die Türkei stand vor massiver Jugendarbeitslosigkeit. Die Idee war einfach: Menschen kommen, arbeiten, und kehren nach einigen Jahren zurück. Deshalb nannte man sie Gastarbeiter.
Die Realität entwickelte sich anders. Viele blieben länger als geplant, holten ihre Familien nach — und viele kehrten nie zurück. Als Deutschland 1973 den Anwerbestopp verhängte, lebten bereits Hunderttausende türkischstämmige Menschen dauerhaft in der Bundesrepublik. Der Stopp löste paradoxerweise eine Welle von Familiennachzug aus: Wer wusste, dass die Einreise schwieriger werden würde, holte Familie und Partner schnell nach.
Was folgte, war keine Rückkehr, sondern eine Verwurzelung. Kinder wurden in Deutschland eingeschult, Jugendliche schlossen Ausbildungen ab, Unternehmen wurden gegründet. Die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland wurde zu einem festen, sichtbaren Teil der Gesellschaft — in Städten wie Berlin, Köln, Frankfurt oder Stuttgart.
Auch Jahrzehnte nach dem Ende der gezielten Arbeitskräfteanwerbung hält die Zuwanderung aus der Türkei an. Im Jahr 2022 zogen 75.000 Menschen aus der Türkei nach Deutschland. Das ist keine Kleinigkeit — die Türkei gehört damit zu den bedeutenden Herkunftsländern der deutschen Zuwanderung.
Die Gründe für die anhaltende Migration sind heute andere als in den 1960er Jahren. Ein erheblicher Teil der Zuzüge erklärt sich durch Familiennachzug: Menschen, die bereits in Deutschland leben, holen Partner oder Elternteile nach. Hinzu kommt Migration aus wirtschaftlichen Gründen — die Türkei hat seit einigen Jahren mit erheblichen wirtschaftlichen Turbulenzen zu kämpfen, darunter eine hohe Inflation und eine deutliche Währungsabwertung. Das verändert die Kalkulation für Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt verlegen.
Auch politische Faktoren spielen eine Rolle. Die Verschlechterung der demokratischen Verhältnisse in der Türkei — eingeschränkte Pressefreiheit, politische Verfolgung, gesellschaftliche Spannungen — hat in den vergangenen Jahren insbesondere gut ausgebildete, urban geprägte Menschen zur Emigration bewogen. Dieser Teil der Migration ist weniger sichtbar, aber gesellschaftlich folgenreich: Er verändert das Profil der Neuankömmlinge.
Eine der wichtigsten Fragen für ein Einwanderungsland ist: Wer bleibt, und wer geht? Bei türkeistämmigen Menschen in Deutschland hat sich diese Frage in den letzten Jahren deutlich verändert — und die Antwort überrascht manchen.
Während 2018 noch 71 Prozent der türkeistämmigen Menschen angaben, dauerhaft in Deutschland bleiben zu wollen, stieg dieser Wert bis 2021 auf 89 Prozent. Damit hat die Bleibeabsicht der türkeistämmigen Bevölkerung einen neuen Höchststand erreicht. Die Entwicklung in der Türkei — wirtschaftliche Instabilität, politische Polarisierung, Inflation — hat dazu beigetragen, dass Deutschland für viele kein vorübergehender Aufenthaltsort mehr ist, sondern schlicht die Heimat.
Das hat Konsequenzen. Wer dauerhaft bleiben will, investiert anders: in Sprache, Bildung, soziale Netzwerke, berufliche Qualifikation. Die steigende Bleibeabsicht ist deshalb auch ein Signal für wachsende gesellschaftliche Integration — auch wenn das in öffentlichen Debatten oft übersehen wird.
Häufiges Missverständnis: Türkeistämmige Menschen werden oft als kulturell nicht integrierbar dargestellt — als würden sie innerlich der Türkei angehören. Die Daten zeichnen ein anderes Bild: Neun von zehn wollen dauerhaft in Deutschland leben. Die gesellschaftliche Zugehörigkeit ist längst eine Tatsache.
Die soziale Lage türkeistämmiger Menschen in Deutschland lässt sich nicht auf eine Zahl reduzieren — zu unterschiedlich sind die Lebensrealitäten zwischen Generationen, Bildungsniveaus und Regionen. Trotzdem zeigen die Daten ein strukturelles Muster: Das Armutsrisiko ist überdurchschnittlich hoch.
Menschen mit Einwanderungsgeschichte haben in Deutschland eine Armutsgefährdungsquote von 24,3 Prozent — zum Vergleich: Der Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung liegt deutlich darunter. Das bedeutet nicht, dass Migration automatisch Armut bedeutet. Es bedeutet, dass strukturelle Hürden real sind: Anerkennung ausländischer Abschlüsse, Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt und Arbeitsmarkt, fehlende Sprachkenntnisse in der ersten Generation, soziale Netzwerke, die nicht in denselben Kreisen verankert sind wie jene ohne Einwanderungsgeschichte.
Türkeistämmige Menschen gehören zu den Gruppen, die sich im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen besonders häufig Sorgen um ihre wirtschaftliche Lage machen. Gleichzeitig ist ein Drittel von ihnen stark besorgt über die eigene Gesundheit — das ist der höchste Wert unter allen erfassten Zuwanderungsgruppen. Gesundheitliche Sorgen und wirtschaftliche Unsicherheit hängen oft eng zusammen: Wer in einem schlecht bezahlten Job ohne ausreichende Absicherung arbeitet, hat weniger Zugang zu Vorsorge und medizinischer Versorgung. Das Thema Migration und Armut in Deutschland wird daher selten ohne Blick auf den Arbeitsmarkt vollständig verstanden.
Die Beschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt war historisch stark auf bestimmte Sektoren konzentriert: verarbeitendes Gewerbe, Gastronomie, Reinigung, Transportwesen. Diese Branchen sind oft durch niedrige Löhne, körperliche Belastung und geringe Aufstiegsmöglichkeiten geprägt. Wer dort arbeitet, ist im Alter besonders anfällig für Altersarmut — ein Problem, das für die türkeistämmige Bevölkerung der ersten Generation sehr konkret wird.
Wer heute über türkische Migration spricht, spricht über sehr unterschiedliche Menschen. Die erste Generation kam in den 1960ern und 70ern, sprach oft wenig Deutsch, arbeitete in der Industrie und plante ursprünglich die Rückkehr. Ihre Kinder — die zweite Generation — wuchsen zweisprachig auf, wurden in deutschen Schulen sozialisiert und standen zwischen zwei Welten. Die dritte Generation kennt die Türkei oft nur aus Urlauben und Familienerzählungen. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, hat hier Abitur gemacht, studiert, Unternehmen gegründet.
Diese Generationenunterschiede sind enorm — und sie werden in öffentlichen Debatten häufig ignoriert. Wenn über "die Türken in Deutschland" gesprochen wird, werden oft Erfahrungen der ersten Generation auf die dritte projiziert. Das wird der Realität nicht gerecht.
Die Bildungsabschlüsse haben sich über die Generationen deutlich verbessert. Gleichzeitig bleibt eine strukturelle Benachteiligung bestehen: Kinder mit türkischem Familiennamen erhalten seltener Empfehlungen für das Gymnasium, haben es schwerer, Ausbildungsstellen zu bekommen, und werden auf dem Wohnungsmarkt häufiger abgewiesen. Bildungsarmut und soziale Herkunft sind also nicht nur Fragen der Herkunftskultur — sie sind auch Fragen der Aufnahmegesellschaft.
Ein Aspekt türkischer Migration, der selten Beachtung findet: die wirtschaftliche Verbindung zur Türkei. Mehr als ein Zehntel aller Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland überweist regelmäßig Geld ins Ausland — in der Regel in die Herkunftsländer. Diese Rücküberweisungen sind für viele Familien in der Türkei ein bedeutender Einkommensbeitrag. Sie zeigen: Migration ist kein einseitiger Prozess. Menschen bewegen sich in transnationalen Räumen, pflegen Verbindungen über Grenzen hinweg und tragen gleichzeitig zur deutschen Wirtschaft bei.
Türkische Migration ist kein Randphänomen — sie ist Teil einer umfassenden Geschichte Deutschlands als Einwanderungsland. Gut ein Viertel der deutschen Bevölkerung hat heute eine Einwanderungsgeschichte: 21,2 Millionen Menschen im Jahr 2023. Darunter sind Menschen aus EU-Ländern, aus der Ukraine (allein seit Kriegsbeginn 2022 über 1,4 Millionen Zuzüge), aus dem Nahen Osten, aus Asien und Lateinamerika.
Die türkeistämmige Bevölkerung ist in diesem Bild die am längsten verwurzelte Gruppe. Sie hat Deutschland mitaufgebaut — buchstäblich, in den Fabrikhallen und auf den Baustellen des Wirtschaftswunders. Dass ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit noch immer diskutiert wird, ist auch eine Frage des kollektiven Gedächtnisses: Wessen Beitrag zur deutschen Geschichte wird anerkannt, und wessen nicht?
Das strukturelle Armutsrisiko, das für Menschen mit Einwanderungsgeschichte insgesamt höher liegt, hängt eng mit diesen historischen Weichenstellungen zusammen. Die soziale Ungleichheit, die heute messbar ist, hat Wurzeln in Jahrzehnten eingeschränkter Teilhabe. Wer das verstehen will, muss Geschichte lesen — nicht nur Statistiken. Mehr dazu auf unserer Seite zu sozialer Ungleichheit in Deutschland.
Die Antwort auf Migration kann nicht Ausgrenzung sein — weder gesellschaftlich noch wirtschaftlich. Länder, die Migration gut integrieren, profitieren davon. Deutschland hat das in der Vergangenheit bewiesen. Die Frage ist, ob es das in Zukunft wieder gelingt — für alle, die hier leben und bleiben wollen.
Der Beginn der organisierten türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland liegt im Jahr 1961, als beide Länder ein Anwerbeabkommen abschlossen. Deutschland suchte nach dem Wirtschaftswunder Arbeitskräfte, die Türkei litt unter hoher Jugendarbeitslosigkeit. Was als befristetes Programm geplant war, entwickelte sich zur dauerhaften Einwanderung.
Im Jahr 2022 zogen 75.000 Menschen aus der Türkei nach Deutschland. Diese Zuzüge haben verschiedene Gründe: Familiennachzug, wirtschaftliche Motive aufgrund von Inflation und Währungskrise in der Türkei sowie politisch motivierte Migration von Menschen, die die verschlechterte demokratische Lage verlassen.
Ja, die große Mehrheit. Im Jahr 2021 gaben 89 Prozent der türkeistämmigen Menschen in Deutschland an, dauerhaft hier bleiben zu wollen — gegenüber 71 Prozent im Jahr 2018. Diese deutliche Zunahme hängt auch mit der verschlechterten wirtschaftlichen und politischen Lage in der Türkei zusammen. Deutschland ist für die meisten nicht Durchgangsstation, sondern Heimat.
Menschen mit Einwanderungsgeschichte insgesamt haben eine Armutsgefährdungsquote von 24,3 Prozent — deutlich höher als der Bevölkerungsdurchschnitt. Das liegt an strukturellen Faktoren: historisch konzentrierte Beschäftigung in Niedriglohnbranchen, erschwerte Anerkennung von Abschlüssen, Diskriminierung auf Arbeits- und Wohnungsmarkt sowie eingeschränkter Zugang zu Aufstiegspfaden für die erste Generation.
Ein verbreiteter Irrtum ist, türkeistämmige Menschen seien kulturell nicht integriert oder wollten gar nicht in Deutschland bleiben. Die Daten widersprechen dem klar: 89 Prozent wollen dauerhaft bleiben, die dritte Generation ist in Deutschland sozialisiert. Ein weiterer Irrtum: Armutsrisiko sei eine Frage fehlender Integrationsbereitschaft. In Wirklichkeit sind strukturelle Hürden — Diskriminierung, mangelnde Chancengleichheit — die entscheidenden Faktoren.