Bildung & Teilhabe

Weiterbildung in Deutschland: Wer lernt weiter – und wer bleibt zurueck?

Lebenslanges Lernen gilt als Schluessel zur Teilhabe in einer sich wandelnden Arbeitswelt. Doch der Zugang zu Weiterbildung ist in Deutschland tief ungleich verteilt. Einkommen, Bildungsstand und Alter entscheiden darueaber, wer sich weiterqualifiziert – und wer dauerhaft abgehaengt wird.

Zahlen im Ueberblick

16 %
der Erwachsenen nahmen zwischen 2009 und 2021 nie an non-formaler Weiterbildung teil – ein Sechstel der Bevoelkerung
55 %
derjenigen, die ueberhaupt teilnahmen, bildeten sich in hoechstens fuenf von 13 Jahren weiter – kein kontinuierliches Lernen
51 %
Weiterbildungsbeteiligung bei Aelteren (55+) – deutlich niedriger als bei juengeren Altersgruppen
31 %
der besuchten Kurse waren verpflichtend vom Arbeitgeber oder einer externen Stelle vorgegeben
40 %
der Teilnehmenden nannten Interesse an neuem Wissen als wichtigstes Motiv – noch vor Karrieregruenden

Wer in Deutschland wirklich von Weiterbildung profitiert, laesst sich nicht allein aus Teilnahmequoten ablesen. Hinter den Durchschnittszahlen verbirgt sich eine tief verwurzelte Ungleichheit: Menschen mit niedrigem Einkommen, geringer Qualifikation und hoeherem Alter lernen deutlich seltener weiter. Damit verstaerkt das System der Weiterbildung jene Ungleichheiten, die es eigentlich mildern koennte.

Diese Seite beleuchtet, wie Weiterbildungszugang in Deutschland tatsaechlich verteilt ist, welche Gruppen systematisch aussen vor bleiben und was sich dagegen tun laesst. Wer die Zusammenhaenge zwischen Bildungsarmut und sozialer Herkunft tiefer verstehen moechte, findet dort einen ergaenzenden Einstieg.

Was bedeutet Weiterbildung – und warum ist sie so wichtig?

Weiterbildung umfasst alle Lernaktivitaeten jenseits der erstmaligen Berufsausbildung oder des Studiums. Sie reicht von betrieblichen Schulungen und Umschulungen ueber Volkshochschulkurse bis hin zu Onlinekursen und Zertifikatslehrgängen. Im Kern geht es darum, vorhandenes Wissen zu aktualisieren, neue Kompetenzen zu erwerben oder sich fuer andere Taetigkeitsfelder zu qualifizieren.

In einer Arbeitswelt, die sich durch Digitalisierung, Automatisierung und den Wandel ganzer Branchen staendig veraendert, ist kontinuierliches Weiterlernen keine persoenliche Vorliebe mehr, sondern eine wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit. Wer nicht mithaelt, riskiert den Verlust des Arbeitsplatzes – und damit den Absturz in finanzielle Unsicherheit. Das Konzept des lebenslangen Lernens ist deshalb nicht bloss ein Bildungsideal, sondern eine Frage sozialer Teilhabe.

Doch ein Konzept bleibt so lange eine Chimaire, wie die strukturellen Voraussetzungen fuer seine Verwirklichung ungleich verteilt sind. In Deutschland zeigt sich genau dieses Paradox: Die Weiterbildungsquoten steigen in der Summe – aber die, die am dringendsten weiterlernen muessten, tun es am seltensten.

Auf einen Blick: Weiterbildung und Ungleichheit in Deutschland

Definition
Alle non-formalen Lernaktivitaeten Erwachsener ausserhalb erstmaliger Schul- und Berufsausbildung – betrieblich oder individuell organisiert.
Dauerhaft ohne Weiterbildung
Rund ein Sechstel der Erwachsenen nahm ueber einen Zeitraum von 13 Jahren kein einziges Mal an einer Weiterbildung teil.
Entwicklung
Aeltere Arbeitnehmende haben gegenueber Juengeren aufgeholt, der Abstand ist jedoch seit 2016 kaum noch gesunken und wurde 2020 wieder groesser.
Hauptursachen
Geringer Bildungsabschluss, niedriges Einkommen, fehlender Arbeitgeberzugang, zeitliche Belastung, mangelnde Unterstuetzung
Wichtigste Anlaufstellen
Bundesagentur fuer Arbeit, Volkshochschulen, Bildungsberatungsstellen der Laender, Nationaler Bildungsbericht
Verbreiteter Irrtum
Weiterbildung fuehrt nicht automatisch zu hoeherem Einkommen – aber sie kann den Arbeitsplatz sichern und soziale Einbindung foerdern.
Kurzantwort: Weiterbildung bezeichnet alle Lernaktivitaeten Erwachsener nach der Erstausbildung. Sie ist heute ein zentrales Instrument sozialer Teilhabe – aber der Zugang ist stark nach Einkommens- und Bildungsstand gespalten. Ein Sechstel der Bevoelkerung hat ueber mehr als ein Jahrzehnt nie teilgenommen.

Wer nimmt teil – und wer bleibt aussen vor?

Ein Blick auf die Langzeitdaten zeigt ein beunruhigendes Muster: Zwischen 2009 und 2021 nahmen rund 84 Prozent der Erwachsenen mindestens einmal an einer Weiterbildung teil. Doch dieser Befund taeuscht. Denn die grosse Mehrheit – naemlich 55 Prozent aller Teilnehmenden – bildete sich lediglich in hoechstens fuenf von 13 Jahren weiter. Nur knapp 29 Prozent lernten regelmaessig, also in mehr als der Haelfte der beobachteten Jahre. Kontinuierliches Weiterlernen, wie es das Ideal des lebenslangen Lernens fordert, betrieb gerade einmal rund ein Prozent der Bevoelkerung.

Noch aufschlussreicher: Rund 16 Prozent der Erwachsenen nahmen in diesem gesamten Zeitraum nie an einem Kurs oder Lehrgang teil. Das entspricht einem Sechstel der Bevoelkerung – und betrifft ueberproportional Menschen mit niedrigen Bildungsabschluessen sowie tendenziell eher Maenner als Frauen.

Die Qualifikationsfalle

Das zentrale Problem: Weiterbildung profitiert vor allem denen, die ohnehin schon gut qualifiziert sind. Wer bereits einen hohen Bildungsabschluss besitzt, nimmt haeufiger teil, wird oefter vom Arbeitgeber entsandt und hat besseren Zugang zu Foerderangeboten. Geringqualifizierte hingegen – also Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder Hochschulabschluss – nehmen deutlich seltener teil. Dabei waere gerade fuer sie die Notwendigkeit am groessten: In einer sich wandelnden Arbeitswelt sind Routinetaetigkeiten am staerksten von Automatisierung bedroht, und genau diese Taetigkeiten werden ueberproportional von gering qualifizierten Menschen ausgeubt.

Dieses Muster hat weitreichende Konsequenzen fuer die soziale Ungleichheit insgesamt. Wer die Verbindung zwischen geringer Qualifikation und Armutsrisiko verstehen moechte, findet auf der Seite zu Arbeit und Armut vertiefte Hintergruende.

Die Altersluecke

Ein weiterer entscheidender Faktor ist das Alter. Aeltere Beschaeftigte – also Menschen ab etwa 55 Jahren – nehmen seltener an Weiterbildung teil als ihre juengeren Kollegen. Ihre Beteiligungsquote liegt deutlich niedriger als in mittleren Altersgruppen. Der Hauptgrund: Je naeher das Erwerbsende rueckt, desto geringer erscheinen die individuellen und betrieblichen Anreize fuer eine Weiterqualifikation.

Bis etwa 2016 hatten die aelteren Jahrgaenge gegenueber den juengeren kontinuierlich aufgeholt. Seither stagniert der Abstand – und wurde 2020, moeglicherweise durch die Auswirkungen der Pandemie, sogar wieder etwas groesser. Das ist eine politisch unbehagliche Erkenntnis in einer Zeit, in der die Erwerbsbeteiligung Aelterer gleichzeitig deutlich gestiegen ist: Zwischen 2003 und 2023 hat sich die Erwerbsquote der 65- bis 69-Jaehrigen auf 20,5 Prozent erhoeht, die der 60- bis 64-Jaehrigen ist sogar um 41 Prozentpunkte auf 67,2 Prozent gestiegen. Menschen arbeiten laenger – aber sie bilden sich nicht proportional staerker weiter.

Kurzantwort: Ein Sechstel der Erwachsenen hat ueber 13 Jahre nie an Weiterbildung teilgenommen – vorrangig Geringqualifizierte und aeltere Maenner. Die Mehrheit der Teilnehmenden lernt nur sporadisch, nicht kontinuierlich. Wer einen hohen Bildungsabschluss hat, profitiert am staerksten von Weiterbildungsangeboten.

Warum ist der Zugang so ungleich verteilt?

Die Gruende fuer die Ungleichheit im Weiterbildungszugang sind vielschichtig. Sie lassen sich nicht auf fehlende persoenliche Motivation reduzieren – strukturelle Huerdeln spielen eine weit groessere Rolle.

Der Betrieb als Gatekeeper

Betriebe sind in Deutschland mit deutlichem Abstand der groesste Anbieter von Weiterbildung. Das bedeutet: Wer in einem Unternehmen arbeitet, das aktiv in die Qualifikation seiner Beschaeftigten investiert, hat gute Chancen auf regelmaessige Weiterbildung. Wer hingegen in kleinen Betrieben ohne Weiterbildungsbudget arbeitet, in befristeten Beschaeftigungsverhaeltnissen steht oder geringfuegig beschaeftigt ist, hat diese Tueroffner schlicht nicht.

Knapp ein Drittel aller besuchten Kurse (31 Prozent) waren verpflichtend vom Arbeitgeber oder einer externen Stelle vorgegeben. Das zeigt: Ein grosser Teil der Weiterbildungsaktivitaet entsteht nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Anweisung. Wer keinen solchen Anweiser hat, ist auf Eigeninitiative angewiesen – und die setzt Ressourcen voraus, die einkommensschwache Menschen oft nicht haben.

Zeit, Geld und Energie

Weiterbildung kostet Zeit. Sie kostet Geld fuer Kursgebuehren, Fahrtkosten, manchmal auch Kinderbetreuung. Und sie kostet kognitive Energie – die Menschen, die am Ende eines langen Arbeitstages schlicht erschoepft sind, fuer einen Abendkurs aufbringen sollen. Menschen in prekaerem Beschaeftigungsverhaeltnis oder mit multiplen Belastungen – etwa Alleinerziehende – stehen vor besonders hohen Huerdeln. Das Thema Alleinerziehende und Familienarmut beleuchtet, wie stark diese Kombination aus Zeitdruck und finanziellem Druck wirkt.

Fehlende Information und soziale Netzwerke

Wer in einem bildungsnahen Umfeld aufgewachsen ist, weiss eher, welche Foerderangebote existieren, wie man sie beantragt und welche Abschluesse welche Tueroen oeffnen. In einkommensschwachen Haushalten fehlen oft diese Informationsnetzwerke. Soziale Ungleichheit in Deutschland reproduziert sich auch ueber diesen informellen Wissenstransfer, nicht nur ueber Bildungseinrichtungen.

Wichtig zu wissen: Non-formale Weiterbildung – also Kurse, Lehrgänge und Seminare ausserhalb des formalen Schulsystems – fuehrt in den meisten Faellen nicht zu einem hoeherem Einkommen oder einem sozialen Aufstieg. Die Forschung zeigt aber: Sie kann den Arbeitsplatz sichern und damit verhindern, dass Menschen ueberhaupt erst in soziale Not geraten. Dieser Schutzeffekt ist real – auch wenn er weniger sichtbar ist als eine Gehaltserhohung.

Kurzantwort: Der Weiterbildungszugang ist massgeblich durch den Arbeitgeber gesteuert – wer keinen foerderfreudigen Betrieb hat, bleibt haeufig aussen vor. Dazu kommen finanzielle Huerdeln, Zeitdruck und fehlende Informationsnetzwerke. Diese Barrieren treffen einkommensschwache Menschen besonders hart.

Was bringt Weiterbildung wirklich?

Die Frage nach dem Nutzen von Weiterbildung wird oft zu eng gestellt. Wer allein auf Einkommensgewinne schaut, unterschaetzt andere wesentliche Effekte.

Arbeitplatzsicherung statt Aufstieg

Forschungsergebnisse zeigen konsistent, dass non-formale Weiterbildung in der Regel nicht zu hoeherem Einkommen oder sozialem Aufstieg fuehrt. Wer also hofft, durch einen Volkshochschulkurs oder eine betriebliche Schulung in eine hoehere Gehaltsklasse zu gelangen, wird haeufig enttaeuscht. Doch das waere das falsche Masss. Was Weiterbildung in vielen Faellen leistet, ist Beschaeftigungssicherung: Sie hilft Menschen, im Job zu bleiben, sich an veraenderte Anforderungen anzupassen und nicht in die Erwerbslosigkeit abzugleiten.

Dieser Schutzeffekt ist gerade fuer einkommensschwache Menschen mit wenig finanziellen Polstern erheblich. Ein drohender Jobverlust kann schnell existenzielle Konsequenzen haben – wie die Seite zu Sozialleistungen und Mindestsicherung zeigt.

Interesse und Selbstwirksamkeit

Interessanterweise nennen viele Menschen als wichtigstes Motiv fuer die Weiterbildungsteilnahme nicht Karriereambitionen, sondern schlicht Interesse an neuem Wissen. 40 Prozent der Teilnehmenden gaben an, dass das Interesse an beruflichem und allgemeinem Lernstoff im Vordergrund stand. Das ist ein wichtiger Befund: Weiterbildung hat einen eigenstaendigen Wert fuer Selbstwirksamkeit, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und persoenliche Entwicklung – jenseits von Marktlogik.

Dieser Aspekt wird in der politischen Diskussion oft vernachlaessigt. Wer Weiterbildung nur als Instrument der Arbeitsmarktpolitik betrachtet, verpasst ihre sozialen und psychologischen Funktionen. Und wer sie auf Pflichtveranstaltungen reduziert, untergrabt genau die intrinsische Motivation, die fuer nachhaltiges Lernen entscheidend ist.

Wer bleibt auf der Strecke?

Das dauerhaft weiterbildungsabstinente Sechstel der Bevoelkerung bereitet Forschende und Bildungspolitiker gleichermassen Sorgen. Diese Menschen nehmen ueber viele Jahre hinweg kein einziges Mal an einem Kurs oder Lehrgang teil. Sie sind schwer erreichbar – weder ueber Betriebe, noch ueber klassische Bildungseinrichtungen. In einer Arbeitswelt, die sich technologisch rasant veraendert, droht dieser Gruppe eine dauerhafte Ausgrenzung. Die Frage, wie man sie erreicht, ist eine der zentralen sozialpolitischen Herausforderungen der naechsten Jahrzehnte.

Kurzantwort: Weiterbildung bringt selten direkten Einkommensgewinn, sichert aber haeufig den Arbeitsplatz. Ein erheblicher Teil der Teilnehmenden lernt aus echtem Interesse. Das chronisch weiterbildungsabstinente Sechstel der Bevoelkerung zu erreichen, ist eine ungelöste gesellschaftliche Aufgabe.

Welche Irrtümer kursieren ueber Weiterbildung?

Im politischen und medialen Diskurs ueber Weiterbildung begegnen einem einige hartnackige Vereinfachungen, die der Realitaet nicht standhalten.

Irrtum 1: Wer nicht lernt, will nicht lernen

Die haeufigste Fehlannahme ist, mangelnde Weiterbildungsteilnahme sei eine Frage des persoenlichen Willens. Tatsaechlich sind die Barrieren vorrangig struktureller Natur: fehlender Arbeitgeberzugang, knappe Zeit, finanzielle Huerdeln und fehlende Information. Wer diese Strukturen ignoriert und stattdessen individuellem Versagen die Schuld gibt, wird keine wirksamen Loesungen entwickeln.

Irrtum 2: Weiterbildung loest soziale Ungleichheit

Weiterbildung kann soziale Ungleichheit abmildern – aber nur, wenn der Zugang zu ihr gerechter wird. Solange Hochgebildete und gutverdienende Beschaeftigte ueberproportional von Foerderangeboten profitieren, verstaerkt das System die bestehende Schere. Weiterbildung als Allheilmittel gegen soziale Ungleichheit zu verkaufen, waere eine Fehldeutung.

Irrtum 3: Aeltere wollen nicht mehr lernen

Die niedrigere Beteiligungsquote aelterer Beschaeftigter wird oft mit geringerer Lernbereitschaft erklaert. Doch der Befund ist nuancierter: Naeher rueckendes Rentenalter senkt sowohl die individuellen als auch die betrieblichen Investitionsanreize. Das ist keine Frage des Willens, sondern ein strukturelles Problem der Kurzzeitigkeit. Wer noch fuenf Jahre bis zur Rente hat, rechnet anders – und so rechnet auch sein Arbeitgeber.

Kurzantwort: Drei verbreitete Irrtümer praegen den Diskurs: dass Nicht-Teilnahme eine Frage des Willens sei, dass Weiterbildung soziale Ungleichheit von selbst loese und dass Aeltere weniger lernwillig seien. Alle drei Erklaerungen vernachlaessigen strukturelle Faktoren.

Was kann getan werden? Foerderangebote und Anlaufstellen

Der Ausbau des Weiterbildungssystems in Deutschland ist seit Jahren ein politisches Ziel – mit wechselndem Erfolg. Dennoch gibt es konkrete Wege und Anlaufstellen fuer Menschen, die sich weiterqualifizieren moechten oder muessen.

Foerderprogramme der Bundesagentur fuer Arbeit

Die Bundesagentur fuer Arbeit (BA) finanziert unter bestimmten Voraussetzungen Umschulungen und Qualifikationsmassnahmen vollstaendig oder anteilig. Der sogenannte Qualifizierungschancengesetz-Foerderansatz eroeffnet insbesondere fuer Menschen in Betrieben, deren Taetigkeiten durch Digitalisierung oder Strukturwandel gefaehrdet sind, Zugaenge zu gefoerderter Weiterbildung. Voraussetzung ist eine Beratung durch die BA und die Zustimmung des Arbeitgebers. Der erste Schritt ist immer ein Beratungsgespraech in der naechsten Agentur fuer Arbeit oder dem Jobcenter.

Volkshochschulen und Bildungsberatung

Volkshochschulen bieten bundesweit niedrigschwellige Weiterbildungsmoeglichkeiten zu verhaeltnismaessig geringen Kosten. Viele Bundeslaender foerdern zudem spezifische Bildungsberatungsnetzwerke, die kostenlose und traegerneutrale Beratung anbieten – ohne Bindung an bestimmte Anbieter. Ein Einstieg ueber kommunale Bildungsbueros oder die Webseite des Nationalen Bildungsberichts kann helfen, das passende Angebot zu finden.

Digitale Angebote

Online-Lernangebote haben – nicht zuletzt durch die Erfahrungen der Pandemie – stark an Bedeutung gewonnen. Kostenfreie oder guenstige Plattformen eroeffnen fuer Menschen ohne betriebliche Foerderung neue Wege. Allerdings setzt digitales Lernen selbst eine Grundkompetenz im Umgang mit digitalen Geraeten voraus – eine Barriere, die gerade aeltere und einkommensschwache Menschen ueberproportional betrifft. Die Verbindung zwischen Digitalisierung und sozialer Spaltung ist deshalb auch im Kontext Weiterbildung relevant.

Was Betroffene konkret tun koennen

  • Beratungsgespraech bei der Bundesagentur fuer Arbeit oder dem Jobcenter anfragen
  • Volkshochschule in der Naehe kontaktieren und Kurskatalog anfordern
  • Bildungsberatungsstellen des Bundeslandes recherchieren (oft kostenlos)
  • Arbeitgeber auf Foerdermoglichkeiten durch das Qualifizierungschancengesetz ansprechen
  • Bildungsgutschein pruefen – bei Arbeitslosen oder drohender Arbeitslosigkeit moeglich
Kurzantwort: Die Bundesagentur fuer Arbeit, Volkshochschulen und landesweite Bildungsberatungsstellen sind die wichtigsten Einstiegspunkte. Foerderprogramme wie das Qualifizierungschancengesetz koennen Weiterbildung finanzieren – ein Beratungsgespraech ist der entscheidende erste Schritt.

Weiterbildung und gesellschaftliche Zukunft

Das dauerhaft weiterbildungsabstinente Sechstel der Bevoelkerung ist keine Randnotiz – es ist ein zentrales sozialpolitisches Problem. Diese Menschen werden in einer sich technologisch wandelnden Arbeitswelt haeufiger von Jobverlust bedroht sein. Sie werden seltener von staatlichen Umschulungsprogrammen erreicht, weil diese meist die Eigeninitiative voraussetzen, die bei besonders belasteten Gruppen am schwersten aufzubringen ist.

Es waere eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diese Gruppe aktiv anzusprechen. Das bedeutet: aufsuchende Angebote statt Komm-Strukturen, kostenlose niedrigschwellige Zugaenge, Abbau buerokratischer Huerdeln bei der Foerderbeantragung. Und es bedeutet, Weiterbildung nicht nur als Mittel der Arbeitsmarktpolitik zu begreifen, sondern auch als Teil sozialer Teilhabe – in einer Gesellschaft, in der Wissen und Qualifikation immer staerker darueber entscheiden, wer mitredet und wer nicht.

Wer in Deutschland von Einkommensungleichheit betroffen ist, steht auch im Weiterbildungssystem unter besonderen Schwierigkeiten. Beide Probleme verstaerken sich gegenseitig – und beide verlangen Antworten, die ueber individuelle Eigenverantwortung hinausgehen.

Kurzantwort: Das dauerhaft weiterbildungsabstinente Sechstel der Bevoelkerung ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Nur aufsuchende, niedrigschwellige und finanzierte Angebote koennen diese Gruppe erreichen. Weiterbildung muss als soziale Teilhabefrage begriffen werden – nicht nur als Instrument der Arbeitsmarktpolitik.

Haeufige Fragen zu Weiterbildung und Ungleichheit

Wer hat in Deutschland am seltensten Zugang zu Weiterbildung?

Am staerksten vom Weiterbildungssystem ausgeschlossen sind Menschen mit niedrigen Bildungsabschluessen, also ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder Hochschulabschluss. Hinzu kommen Beschaeftigte in kleinen Betrieben ohne Weiterbildungsbudget, aeltere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Personen in prekaerem Beschaeftigungsverhaeltnis. Diese Gruppen haben weniger betriebliche Foerderung, hoehere finanzielle Huerdeln und weniger Informationszugang. Maenner sind unter den dauerhaft Nicht-Teilnehmenden ueberproportional vertreten.

Warum nehmen aeltere Beschaeftigte seltener an Weiterbildung teil?

Je naeher das Rentenalter rueckt, desto geringer werden sowohl individuelle als auch betriebliche Investitionsanreize. Fuer den Arbeitgeber lohnt sich die Finanzierung einer laengeren Qualifikation weniger, wenn ein Mitarbeitender nur noch wenige Jahre im Betrieb bleibt. Gleichzeitig kalkulieren aeltere Menschen selbst anders: Der erwartete Nutzen einer Weiterbildung ist schlicht kuerzer. Das ist kein Zeichen mangelnder Lernbereitschaft, sondern ein strukturelles Anreizproblem. Die Beteiligungsluecke zwischen Aelteren und Juengeren war bis 2016 ruecklaeufig, ist seither aber wieder leicht gewachsen.

Fuehrt Weiterbildung zu hoeherem Einkommen?

Nein – das ist ein verbreitetes Missverstaendnis. Non-formale Weiterbildung, also Kurse und Lehrgaenge ausserhalb des formalen Bildungssystems, fuehrt in den meisten Faellen nicht zu einem hoeherem Einkommen oder sozialem Aufstieg. Ihr Hauptnutzen liegt in der Beschaeftigungssicherung: Sie hilft, den aktuellen Arbeitsplatz zu erhalten und sich an veraenderte Anforderungen anzupassen. Das ist fuer einkommensschwache Menschen, die kaum finanzielle Reserven haben, ein erheblicher Wert – auch wenn er weniger greifbar erscheint als eine Gehaltserhohung.

Welche Foerderprogramme gibt es fuer geringverdienende Erwerbstaetige?

Die wichtigsten Anlaufstellen sind die Bundesagentur fuer Arbeit und die Jobcenter. Ueber das Qualifizierungschancengesetz koennen Beschaeftigte, deren Taetigkeiten durch Strukturwandel oder Digitalisierung gefaehrdet sind, Foerderung beantragen – in einigen Faellen auch vollstaendig finanziert. Voraussetzung ist ein Beratungsgespraech. Arbeitslose koennen ueber einen Bildungsgutschein Kurskosten erstattet bekommen. Volkshochschulen bieten darueber hinaus guentige Angebote. Viele Bundeslaender unterhalten kostenlose Bildungsberatungsstellen, die unabhaengig beraten.

Kann Weiterbildung soziale Ungleichheit verringern?

In der Theorie ja – in der Praxis haengt es stark davon ab, wie der Zugang geregelt ist. Solange vor allem Hochgebildete und gutverdienende Beschaeftigte von Weiterbildungsangeboten profitieren, verstaerkt das System die bestehende Ungleichheit eher als es sie abbaut. Echte Verringerung von Ungleichheit erfordert aufsuchende, kostenfreie und niedrigschwellige Angebote, die gezielt jene ansprechen, die das System bislang nicht erreicht – vor allem das dauerhaft weiterbildungsabstinente Sechstel der Bevoelkerung.