Westdeutschland als historisches Zuwanderungsziel
Wer nach Deutschland einwanderte, landete lange Zeit fast ausschliesslich im Westen. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer gezielten Wirtschaftspolitik: Ab 1955 warb die Bundesrepublik Arbeitskraefte aus Suedeuropa und der Tuerkei an. Diese sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter kamen in Regionen, in denen Stahl, Automobile und Bergbau boomten — also vorwiegend in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Wuerttemberg. Viele blieben, gruendeten Familien und holten Angehoerige nach. So entstand eine Migrationsgeografie, die bis heute nachwirkt.
Die DDR folgte einem anderen Modell. Auch sie warb ab Mitte der 1960er Jahre Arbeitskraefte an, etwa aus Mosambik und Vietnam. Doch die Zahlen waren deutlich kleiner, und nach der Wende aenderten sich die Verhaeltnisse grundlegend: Waehrend in Westdeutschland eine gewachsene Migrationsinfrastruktur existierte — Beratungsstellen, ethnische Netzwerke, vertraute Strukturen — stand Ostdeutschland als Zuwanderungsziel kaum auf der Karte. Die grosse Zuwanderung der 1990er Jahre, ob Spataaussiedlerinnen aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion oder Gefluechtete aus dem Balkan, siedelte sich ebenfalls vorwiegend im Westen an.
Erst die EU-Osterweiterungen ab 2004 aenderten dieses Bild graduell. Seitdem kamen allein aus Polen und Rumaenien jeweils 2,8 Millionen Menschen nach Deutschland — doch auch hier zog es die meisten in wirtschaftsstarke westliche Ballungsraeume.
Die Wende im Wanderungsgeschehen: West zieht nach Ost
Lange Zeit war die innerdeutsche Wanderung eindeutig: Menschen verliessen Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder Thueringen Richtung Westen — auf der Suche nach Arbeit, Ausbildung, Zukunft. Im Jahr 2016 verzeichneten die ostdeutschen Laender noch einen Abwanderungsueberschuss von fast 15.000 Personen. Dann kippte das Bild.
Seit 2017 ziehen durchgaengig mehr Menschen aus Westdeutschland in den Osten, als umgekehrt aus dem Osten in den Westen abwandern. Im Jahr 2022 zogen insgesamt 90.600 Menschen von West nach Ost. Diese Zahl ist bemerkenswert: Fast vier Fuenftel dieser Zugezogenen waren im erwerbsfaehigen Alter zwischen 18 und 64 Jahren, ein Drittel war sogar zwischen 25 und 34 Jahre alt — also in der Lebensphase, in der Berufskarrieren gestaltet werden.
Das Binnenwanderungsgeschehen in Deutschland ist insgesamt relativ stabil. Im Jahr 2021 wechselten rund 2,8 Millionen Menschen ihren Wohnsitz ueber Kreisgrenzen — etwas mehr als 3 Prozent der Gesamtbevoelkerung. Im internationalen Vergleich gilt Deutschland damit als moderat mobiles Land: deutlich weniger mobil als Finnland oder Daenemark, aber mobiler als Spanien oder Italien. Junge Erwachsene sind besonders aktiv: Etwa 9 bis 10 Prozent der 18- bis 29-Jaehrigen wechseln im Jahr ihren Kreis, haeufig im Zusammenhang mit Studium, Ausbildungsbeginn oder Berufseinstieg.
Eckdaten: Binnenwanderung Ost-West
- Thema
- Regionale Migrationsmuster in Deutschland nach der Wiedervereinigung
- Wendepunkt
- 2017: Erstmals mehr Zuzuege von West nach Ost als umgekehrt
- Umfang 2022
- 90.600 Personen zogen von West- nach Ostdeutschland
- Altersstruktur
- 77 % im Erwerbsalter (18–64 J.), 33 % zwischen 25–34 Jahren
- Mobilitaetsrate
- Ca. 3 % der Bevoelkerung wechseln jaehrlich den Kreis
- Historischer Tiefpunkt
- 2016: Abwanderungsueberschuss von 14.900 Personen aus dem Osten
Einkommensunterschiede und Armutsrisiken im Ost-West-Vergleich
Trotz dieser Trendumkehr bleiben strukturelle Unterschiede bestehen. Ostdeutschland weist weiterhin ein niedrigeres Einkommensniveau auf als die meisten westdeutschen Regionen — und damit auch ein hoeher Armutsrisiko fuer die Gesamtbevoelkerung. Die Einkommensschere zwischen Ost und West hat sich seit 2020 zwar weiter verengt, aber die groessten Differenzen bestehen nach wie vor bei den Spitzeneinkommen. Wer wenig verdient, ist im Osten und im Westen aehnlich schlecht gestellt — wer viel verdient, verdient im Westen wesentlich mehr.
Ein aufschlussreicher Aspekt: Die Einkommensverteilung in Ostdeutschland war nach der Wende deutlich egalitaerer als im Westen. Im Westen wuchsen die Abstande zwischen unteren und hoeheren Einkommensgruppen ueber Jahrzehnte langsam. Im Osten hingegen nahm die Ungleichheit stark zu und hat sich inzwischen weitgehend dem westdeutschen Niveau angenaehert. Wenn man die Kaufkraftunterschiede einbezieht — Mieten und Lebenshaltungskosten sind im Osten nach wie vor niedriger — verringern sich die realen Einkommensdiskrepanzen bei vielen Gruppen auf unter 10 Prozent.
Fuer Menschen mit Migrationshintergrund stellt sich die Lage noch einmal anders dar. Sie sind in allen Landesteilen einem hoeherem Armutsrisiko ausgesetzt als die Bevoelkerung ohne Migrationshintergrund. In Ostdeutschland ist dieser Effekt jedoch besonders ausgepragt: Wer selbst eingewandert ist und in den ostdeutschen Laendern lebt, traegt dort ein noch groesseres Armutsrisiko als im bundesweiten Durchschnitt. Das haengt unter anderem damit zusammen, dass die wirtschaftliche Basis im Osten schmaeler ist und soziale Netzwerke fuer neu Eingewanderte schwerer zu knuepfen sind.
| Merkmal | Westdeutschland | Ostdeutschland |
|---|---|---|
| Einkommensniveau | Hoeher, groessere Spreizung | Niedriger, Angleichung im Gange |
| Armutsrisiko gesamt | Regional variabel, insgesamt niedriger | Hoeher als in den meisten westl. Regionen |
| Armutsrisiko bei Migranten | Erhoht, aber strukturell besser abgefedert | Besonders hoch, insbes. bei direkt Eingewanderten |
| Wanderungssaldo (seit 2017) | Verliert Einwohner an Osten | Gewinnt Einwohner aus dem Westen |
| Historische Zuwanderung | Stark: Gastarbeiter, EU-Zuwanderung, Flucht | Gering: Vertragsarbeiter DDR, spaeter wenig |
| Kaufkraft | Nominal hoeher | Kaufkraftbereinigt deutlich angenaehert |
Armut und Migration in ostdeutschen Staedte
In den Grossstaedten zeigt sich ein gemischtes Bild. Einerseits sind die Gebiete mit besonders hohen Armutsquoten in ostdeutschen Staedten in den vergangenen Jahren zurueckgegangen — ein Zeichen, dass sich die Lage fuer viele verbessert hat. Andererseits bleibt die raeumliche Konzentration von Armut ein Problem: In Schwerin etwa lebten zeitweise rund 21 Prozent der Bevoelkerung in Stadtteilen, in denen die Armutsquote ueber 25 Prozent lag. In Halle war es sogar ein Viertel der Stadtbevoelkerung.
Gleichzeitig zeigt sich in den Staedten Deutschlands seit Jahren ein zunehmender Zusammenhang zwischen Armut und dem Anteil von Menschen ohne deutsche Staatsangehoerigkeit. Das ist kein Zufall: Viele Eingewanderte finden sich am unteren Ende des Arbeitsmarktes wieder, haeufig in unsicheren Beschaeftigungsverhaeltnissen oder Berufen mit niedrigen Loehnen. Working Poor — also Menschen, die trotz Arbeit arm bleiben — sind unter Eingewanderten ueberproportional haeufig vertreten. Dieser Befund gilt fuer Ost und West, ist aber im Osten aufgrund der breiteren Einkommensarmut der Gesamtgesellschaft verstaerkt.
Menschen aus Mittel- und Hoeherem Angestelltenverhaltnis stammen unter Eingewanderten seltener. Nur fuenf Prozent der Gefluechteten arbeiteten in mittleren und hoeheren Angestelltenpositionen, waehrend es bei der Bevoelkerung ohne Migrationshintergrund mehr als die Haelfte war. Beamtenberufe sind fuer die meisten Eingewanderten aus rechtlichen Gruenden von vornherein verschlossen, da sie die deutsche oder eine EU-Staatsangehoerigkeit voraussetzen.
Historische Weichenstellungen und ihre langfristigen Folgen
Warum Ost und West so unterschiedliche Migrationsmuster entwickelt haben, laesst sich nicht ohne Blick auf die Geschichte verstehen. Nach dem ersten Anwerbeabkommen mit Italien 1955 folgten weitere mit Spanien, Griechenland, der Tuerkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien — stets war es die Bundesrepublik im Westen, die diese Vertraege schloss und die Infrastruktur aufnahm. Die DDR blieb aussen vor. Als nach der Wiedervereinigung Spataaussiedlerinnen und Spataaussiedler aus Rumaenien, Polen und den Gebieten der frueheren Sowjetunion kamen, verteilten sie sich zwar im gesamten vereinten Deutschland, konzentrierten sich aber auch hier staerker in den alten Bundeslaendern.
Dann kamen in den fruehen 1990er Jahren Gefluechtete aus den Balkangebieten, wieder gefolgt von Zuwanderungswellen im Zuge der EU-Osterweiterung ab 2004 — Polen, Slowakinnen, Rumaenen und Bulgaren kamen in grosser Zahl. Und seit 2011 kamen Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, aus Eritrea, Somalia, dem Iran und Pakistan: Die modernen Fluchtbewegungen folgten weitgehend den bestehenden Netzwerken und Strukturen — und die lagen grosstenteils im Westen.
All das hat dazu gefuehrt, dass der Anteil von Menschen mit Einwanderungsgeschichte in westdeutschen Regierungsbezirken deutlich hoeher ist als in ostdeutschen Regionen. Ende 2022 lebten rund 80 Prozent der deutschen Bevoelkerung in den westlichen Bundeslaendern, nur knapp 15 Prozent in den neuen Bundeslaendern und 4,5 Prozent in Berlin. Die Migrationsdurchmischung unterscheidet sich entsprechend stark.
Das hat konkrete Konsequenzen: Dort, wo interkulturelle Erfahrung fehlt — in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft — ist die Integration neu Zugewanderter schwieriger. Gleichzeitig sind bestehende Hilfsangebote, Netzwerke und Beratungsstrukturen fuer Menschen mit Migrationshintergrund, wie sie etwa bei sozialer Teilhabe oder der Unterstuetzung durch Tafeln eine Rolle spielen, in ostdeutschen Regionen oft weniger dicht als im Westen.
Was die Trendumkehr bedeutet und welche Herausforderungen bleiben
Die Wanderungsumkehr seit 2017 ist mehr als eine statistische Kuriositat. Sie zeigt, dass ostdeutsche Regionen attraktiver geworden sind — sei es durch sinkende Mieten, wachsende Wirtschaftsstandorte in einzelnen Staedten oder steigende Lebensqualitaet abseits uberhitzter Grossstadte. Dass drei Viertel der Neu-Ostzuziehenden im Erwerbsalter sind, deutet auf wirtschaftliche Motive hin: Niedrigere Lebenshaltungskosten bei gestiegenen Gehaltsniveaus koennen attraktiv sein, selbst wenn die Nominallohne im Osten weiterhin hinter dem Westen zurueckbleiben.
Gleichzeitig benoetigen die ostdeutschen Laender dringend Zuwanderung — schon allein demografisch. Die Bevoelkerung dort ist im Schnitt aelter als im Westen, die Erwerbsbevoelkerung schrumpft. Wenn also junge Menschen aus dem Westen kommen und sich ansiedeln, ist das kein Verlust fuer den Westen, sondern eine Chance fuer den Osten. Ob es gelingt, diese Zuwanderung — egal woher — nachhaltig zu integrieren und Armutsrisiken zu senken, haengt von strukturellen Faktoren ab: Qualitaet des Arbeitsmarkts, Zugang zu Buergergeld und Grundsicherung, Verfuegbarkeit von Wohngeld, Kinderbetreuungsangebot fuer Familien in Armut.
Die Schere zwischen gut integrierten und schlecht integrierten Eingewanderten ist dabei regional unterschiedlich. Personen aus Suedwesteuropa sowie Spataaussiedlerinnen und Spataaussiedler konnten in Deutschland ueberproportional haufig mittlere und hoehere Angestelltenpositionen besetzen. Bei Gefluechteten dagegen ist dieser Anteil sehr gering — und das Armutsrisiko entsprechend hoch. Dieser Unterschied besteht unabhaengig davon, ob jemand in Bayern oder Sachsen lebt, ist aber in wirtschaftlich schwaecheren Regionen gravierender, da die Aufstiegspfade schmaler sind.