Arbeit schützt vor Armut — so lautet die verbreitete Annahme. Doch für einen wachsenden Teil der Erwerbstätigen in Deutschland stimmt das nicht. Sie gehen täglich zur Arbeit, verdienen aber so wenig, dass ihr Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze liegt. Dieses Phänomen wird als Erwerbstätigenarmut oder Working Poor bezeichnet.
Definition und Messung
- Working Poor
- Erwerbstätige Personen, deren Äquivalenzeinkommen unter 60 % des Medians liegt
- Grundlage
- Mindestens 7 Monate im Jahr erwerbstätig (EU-Definition)
- Deutschland 2023
- 6,6 % der Erwerbstätigen betroffen
- Hauptursachen
- Niedriglohn, unfreiwillige Teilzeit, Minijobs, befristete Beschäftigung
- Haushaltsfaktor
- Alleinverdiener in großem Haushalt besonders gefährdet
Wer gilt als Working Poor?
Als Working Poor gelten Personen, die mindestens sieben Monate im Jahr erwerbstätig sind, deren Äquivalenzeinkommen — das gewichtete Haushaltseinkommen — aber unter 60 Prozent des nationalen Medians liegt. Sie gelten damit als armutsgefährdet, obwohl sie arbeiten. Das zeigt: Armutsgefährdung und Erwerbsstatus sind nicht dasselbe.
Das Armutsrisiko bei Erwerbstätigen ist mit 6,6 Prozent deutlich geringer als bei Arbeitslosen (46,5 %) oder Rentnern (18,3 %). Gleichzeitig ist es signifikant: Von den rund 45 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland sind das mehrere Millionen Menschen, die trotz regelmäßiger Arbeit arm sind.
Armutsrisiko nach Erwerbsstatus im Vergleich
Warum verdienen manche so wenig trotz Arbeit?
Die Ursachen für Erwerbstätigenarmut sind strukturell. Wichtigste Faktoren:
- Niedriglohnbeschäftigung: Wer dauerhaft weniger als zwei Drittel des Medianlohns verdient, gilt als Niedriglohnbeschäftigter. In Deutschland ist der Niedriglohnsektor im europäischen Vergleich groß.
- Unfreiwillige Teilzeit: Viele Menschen arbeiten weniger Stunden als gewünscht — weil kein Vollzeitplatz verfügbar ist oder Kinderbetreuung fehlt. Weniger Stunden bedeutet weniger Einkommen.
- Minijobs: Geringfügige Beschäftigung mit maximal 556 Euro pro Monat schafft kaum existenzsicherndes Einkommen, bietet aber eingeschränkten Sozialschutz.
- Befristete Verträge: Kurze Beschäftigungsperioden, unterbrochen von Pausen, reduzieren das Jahreseinkommen.
- Haushaltsgröße: Ein Alleinverdiener mit mehreren Kindern ist bei gleichem Lohn stärker armutsgefährdet als ein Singlehaushalt.
Wer ist besonders betroffen?
Erwerbstätigenarmut trifft nicht alle Berufsgruppen und Beschäftigungsformen gleich. Besonders gefährdet sind Beschäftigte in typischen Niedriglohnbranchen: Gastronomie, Einzelhandel, Reinigung, Pflege, Landwirtschaft. Auch Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien — zum Beispiel nach langen Pflegezeiten oder Krankheitszeiten — starten häufig im Niedriglohnbereich.
Alleinerziehende, die in Teilzeit arbeiten, weil Kinderbetreuung fehlt oder teuer ist, gehören zu den am stärksten Betroffenen. Ebenso Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, die dauerhaft im Bereich einfacher Tätigkeiten beschäftigt sind.
Regional gibt es Unterschiede: In Ostdeutschland ist das Lohnniveau strukturell niedriger als in West und Süddeutschland. Gleiches Stundenpensum kann dort zur Armutsgefährdung führen, obwohl es in anderen Regionen ausreichen würde.
Was können Working Poor tun?
Erwerbstätige mit niedrigem Einkommen haben oft Anspruch auf staatliche Ergänzungsleistungen:
- Aufstockendes Bürgergeld: Wer trotz Arbeit zu wenig verdient, kann Bürgergeld als Ergänzung beantragen (mehr zum Bürgergeld)
- Wohngeld: Zuschuss zur Miete für Haushalte mit niedrigem Einkommen (mehr zu Wohngeld)
- Kinderzuschlag: Zusätzliche Leistung für Eltern, die zwar selbst ausreichend verdienen, aber nicht für die Kinder — informieren lohnt sich
- Bildungs- und Teilhabepaket: Leistungen für Kinder in Haushalten mit Niedrigeinkommen
Viele dieser Leistungen sind in der Bevölkerung zu wenig bekannt. Sozialberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände helfen kostenlos dabei, Ansprüche zu prüfen und Anträge zu stellen.