Einkommensungleichheit in Deutschland ist kein neues Phänomen, aber ihre Entwicklung verdient Aufmerksamkeit. Während die Gesamtwirtschaft in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist, haben nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen davon profitiert. Der Anteil der untersten Einkommensgruppen am gesamten Haushaltseinkommen ist gesunken, die Vermögenskonzentration an der Spitze hat zugenommen.
Schlüsselbegriffe
- Gini-Koeffizient
- Maß für Ungleichheit von 0 (alle gleich) bis 1 (einer hat alles). Deutschland: Einkommen ~0,3, Vermögen 0,73
- Quintil
- Fünftel der Bevölkerung, nach Einkommen sortiert
- Äquivalenzeinkommen
- Haushaltseinkommen geteilt durch gewichtete Personenanzahl
- Persistenz
- Wie lange Menschen in derselben Einkommensgruppe bleiben
Wie hat sich die Einkommensverteilung entwickelt?
Seit der Jahrtausendwende veränderte sich die Einkommensverteilung in Deutschland messbar. Der Anteil des ärmsten Fünftels der Haushalte an den gesamten Haushaltseinkommen nahm ab, während der Anteil der oberen Gruppen zunahm. Dieser Trend setzte sich — mit kurzfristigen Schwankungen — durch die Finanzkrise 2008, die Coronapandemie 2020 und die Energiekrise 2022 fort.
Verantwortlich dafür sind mehrere strukturelle Faktoren: Die Ausbreitung von Niedriglohnbeschäftigung im unteren Segment, wachsende Einkommen aus Kapital und Vermögen für höhere Einkommensgruppen sowie der Rückgang traditioneller Industriearbeitsplätze mit mittleren Löhnen. Der Arbeitsmarkt polarisierte sich: Der Anteil gut bezahlter Hochqualifizierter stieg, ebenso wie der Anteil gering bezahlter Dienstleistungsberufe.
Einkommens- und Vermögensungleichheit im Vergleich
Bei Einkommen ist die Ungleichheit in Deutschland im europäischen Vergleich mittelmäßig — nicht die höchste, aber auch nicht niedrig. Bei Vermögen hingegen ist Deutschland eines der ungleichsten Länder Europas. Der Gini-Koeffizient für die Vermögensverteilung liegt bei 0,73, bei Einkommen deutlich darunter.
Das liegt daran, dass Vermögen über Generationen akkumuliert und vererbt wird. Wer Eigentum, Aktien oder Ersparnisse hat, profitiert von Zinsen, Dividenden und Wertsteigerungen. Wer kein Vermögen hat — und das sind insbesondere Haushalte im unteren Einkommensbereich — kann keinen Kapitalertrag erwirtschaften. Die ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung verfügen zusammen nur über einen sehr geringen Anteil am Gesamtvermögen.
Das hat direkte Folgen für Armut: Wer kein Vermögen hat, hat keine Rücklage für Notfälle, kann keine Immobilie kaufen (und zahlt dauerhaft Miete), hat im Alter kein Kapitalpolster neben der Rente und kann Kindern keinen finanziellen Start ermöglichen.
Wie persistent ist Einkommensarmut?
Einkommensarmut ist in Deutschland zunehmend dauerhaft. Studien zur Einkommensmobilität zeigen, dass der Anteil der Menschen, die über mehrere Jahre hinweg im untersten Einkommensquintil verbleiben, gestiegen ist. Rund 60 Prozent derjenigen, die einmal im untersten Fünftel landen, bleiben dort über einen längeren Zeitraum.
Das ist ein Problem, weil kurzfristige Armut andere Folgen hat als langfristige. Wer ein paar Monate kein Einkommen hat, kann das meist ausgleichen. Wer über Jahre hinweg arm ist, kämpft mit verschlechterter Gesundheit, sozialer Isolation, eingeschränkten Bildungs- und Beschäftigungschancen für Kinder und fehlender Chance, Ersparnisse aufzubauen.
Was kann die Einkommensverteilung gerechter machen?
Distributionspolitisch gibt es verschiedene Hebel. Auf der Einkommensseite wirken Mindestlöhne, starke Tarifbindung und der Abbau von Niedriglohnbeschäftigung. Auf der Vermögensseite spielen Erbschaftsteuer, progressive Einkommensteuer und die Stärkung von Betriebsrenten eine Rolle. Auf der Transferseite helfen ausreichend dimensionierte Sozialleistungen — Bürgergeld, Wohngeld, Kindergeld — sowie kostenfreie oder günstige öffentliche Infrastruktur (Bildung, Gesundheit, Nahverkehr).
Für einzelne Haushalte gilt: Aktive Nutzung aller Ansprüche ist wichtig. Viele staatliche Leistungen werden nicht abgerufen, obwohl sie zustehen. Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände helfen dabei, Ansprüche zu erkennen und zu beantragen.