Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind unter den Hilfsarbeitskräften in Deutschland stärker vertreten als der Rest der Bevölkerung — der Unterschied klingt gering, hat aber weitreichende Folgen für Einkommen, soziale Absicherung und den Weg aus der Armut.
Schlüsselzahlen
Wer in Deutschland als Hilfsarbeiter oder Hilfsarbeiterin tätig ist, leistet körperlich anspruchsvolle Arbeit — oft ohne Tarifschutz, mit befristeten Verträgen und einem Lohn, der kaum zum Leben reicht. Diese Arbeit ist unverzichtbar: in Lagerhallen, auf Baustellen, in Reinigungsbetrieben und der Gastronomie. Und sie wird überproportional häufig von Menschen geleistet, die selbst oder deren Eltern nach Deutschland eingewandert sind. Der Unterschied zu den Erwerbstätigen ohne Einwanderungsgeschichte beträgt nur einen Prozentpunkt — doch dahinter stecken strukturelle Weichen, die früh gestellt werden und schwer zu korrigieren sind.
Als Hilfsarbeitskräfte gelten Beschäftigte in einfachen manuellen Tätigkeiten, für die in der Regel keine formale Berufsausbildung erforderlich ist. Sie bewegen Waren, reinigen Gebäude, sortieren Pakete, begleiten Pflegebedürftige oder arbeiten auf dem Bau. Was diese Berufe eint: Sie gehören systematisch zu den schlechtest entlohnten Tätigkeiten im deutschen Beschäftigungssystem.
Unter den erwerbstätigen Menschen mit Einwanderungsgeschichte gehen sechs von hundert einer solchen Hilfstätigkeit nach. Bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte sind es fünf von hundert. Ein Prozentpunkt klingt marginal — aber hochgerechnet auf Millionen Erwerbstätige bedeutet das: Hunderttausende Menschen, die bereits durch andere Faktoren benachteiligt sind, stecken zusätzlich in den am wenigsten geschützten Beschäftigungsverhältnissen des Arbeitsmarkts.
Das eigentliche Problem liegt nicht im einen Prozentpunkt selbst, sondern in dem, was er spiegelt: eingeschränkter Zugang zu Bildung und Anerkennung, Sprachbarrieren, fehlende Netzwerke und eine Arbeitsmarktrealität, in der Qualifikationen aus dem Herkunftsland oft nicht zählen. Wer als Hilfsarbeitskraft beginnt, verlässt diese Position selten — das Lohnniveau reicht kaum aus, um neben der Arbeit noch Zeit und Energie für Weiterbildung zu investieren.
Die Überrepräsentation von Migrantinnen und Migranten in einfachen Beschäftigungsverhältnissen verteilt sich nicht gleichmäßig. Entscheidend sind Herkunft, Einwanderungszeitpunkt und Bildungsstand.
Wer als Geflüchteter nach Deutschland kommt, startet auf dem Arbeitsmarkt unter schwierigsten Bedingungen. Unterbrochene Bildungswege, laufende Asylverfahren, eingeschränkte Arbeitserlaubnisse und fehlende Sprachkenntnisse führen dazu, dass viele zunächst gar keine Beschäftigung aufnehmen können. Wenn der Einstieg schließlich gelingt, führt er überproportional häufig in Hilfstätigkeiten — auch dann, wenn die Person im Herkunftsland eine Fachausbildung abgeschlossen hatte.
Frauen, die nach Deutschland eingereist sind und zuvor nicht erwerbstätig waren, sind in besonderem Maß betroffen. Ihre Erwerbslosigkeit ist deutlich höher als die aller anderen Vergleichsgruppen — und wenn sie in den Arbeitsmarkt eintreten, häufiger in niedrig entlohnten Teilzeitstellen.
Die erste Generation der Gastarbeiter, die in den 1950er bis frühen 1970er Jahren nach Deutschland kam, war bewusst für körperliche Hilfstätigkeiten angeworben worden. Das prägte nicht nur deren eigene Erwerbsbiografie, sondern wirkt bis heute nach: Kinder, die in einem Haushalt aufwachsen, in dem beide Elternteile im Niedriglohnbereich arbeiten, haben statistisch schlechtere Bildungsabschlüsse — und damit schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die zweite Generation verfügt im Durchschnitt seltener über Hochschulabschlüsse als Gleichaltrige ohne Einwanderungsgeschichte, wenn auch die Unterschiede in jüngeren Altersgruppen deutlich kleiner werden.
Eine oft übersehene Gruppe sind Menschen, die mit abgeschlossener Berufs- oder Hochschulausbildung nach Deutschland kommen — und deren Qualifikationen hier nicht anerkannt werden. Ingenieurinnen, die als Reinigungskräfte arbeiten. Ärzte, die sich als Pflegehelfer durchschlagen. Das sogenannte Qualifikationsparadox — ausländische Abschlüsse werden trotz Fachkräftemangel häufig nicht anerkannt — ist einer der zentralen Treiber der Überrepräsentation in Hilfstätigkeiten.
Eine ehrliche Analyse muss klar benennen: Die Überrepräsentation in Hilfstätigkeiten ist kein Zufall und keine Frage individueller Leistungsbereitschaft. Sie ist das Ergebnis von Rahmenbedingungen, die Menschen mit Einwanderungsgeschichte systematisch benachteiligen.
Der Arbeitsmarkt funktioniert nicht allein über Qualifikationen. Informelle Netzwerke, Bewerbungskultur und sprachliche Sicherheit spielen eine entscheidende Rolle. Wer Deutschland als Erwachsener betritt, fehlen diese Netzwerke — und es fehlt häufig die Zeit, sie aufzubauen, wenn gleichzeitig der Lebensunterhalt gesichert werden muss. Sprachkurse sind oft das erste, was wegbricht, sobald eine Arbeitsmöglichkeit auftaucht, egal wie schlecht bezahlt sie ist.
Deutschland hat mit dem Anerkennungsgesetz von 2012 einen wichtigen Schritt gemacht — aber die Praxis bleibt mühsam. Verfahren dauern Monate, Gebühren fallen an, fehlende Dokumente aus den Herkunftsländern blockieren den Prozess. Viele Menschen geben auf und nehmen lieber eine schlecht bezahlte Stelle an, als jahrelang auf einen Anerkennungsbescheid zu warten. Das Ergebnis: ausgebildete Fachkräfte in Hilfstätigkeiten, während Deutschland gleichzeitig über Fachkräftemangel klagt.
Wessen Aufenthaltserlaubnis zeitlich begrenzt ist oder noch aussteht, hat auf dem regulären Arbeitsmarkt kaum Chancen. Arbeitgeber scheuen das Risiko. Was bleibt, sind Arbeitgeber, die bewusst auf die Vulnerabilität von Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus setzen — mit entsprechend schlechten Konditionen. Der Weg aus dieser Situation führt erst dann, wenn der Aufenthaltsstatus gesichert ist.
Studien belegen konsistent: Bewerbungen mit ausländisch klingendem Namen werden seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen als identische Bewerbungen mit deutsch klingendem Namen. Diese Diskriminierung — ob bewusst oder unbewusst — treibt Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Beschäftigungssegmente, in denen solche Barrieren weniger stark wirken: körperliche Arbeit, Schichtdienst, Reinigung.
Fakten-Überblick: Migranten und Niedrigqualifizierte Beschäftigung
Hilfstätigkeiten sind in Deutschland zu einem erheblichen Teil Niedriglohnarbeit. Wer dauerhaft in solchen Positionen verbleibt, hat nicht nur weniger Einkommen zur Verfügung — sondern baut auch weniger Rentenansprüche auf, hat geringere Rücklagen für Krankheitsfälle und lebt häufiger in beengten Wohnverhältnissen.
Die Armutsgefährdungsquote unter Menschen mit Einwanderungsgeschichte liegt bei 24,3 Prozent — also bei gut einem von vier Menschen. Zum Vergleich: Bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte beträgt diese Quote 11,5 Prozent. Das heißt: Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind mehr als doppelt so häufig von Armut bedroht.
Diese Zahlen können nicht vollständig auf die Hilfsarbeit zurückgeführt werden — aber sie zeigen das Ausmaß einer sozialen Ungleichheit, zu der niedrig entlohnte Beschäftigung systematisch beiträgt. Wer wenig verdient, hat weniger Spielraum für Weiterbildung. Wer weniger Weiterbildung hat, verdient weniger. Ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt — und der für viele Betroffene kaum zu durchbrechen ist, ohne externe Unterstützung.
Am Ende dieser Kette steht für manche die Grundsicherung. Ende 2022 entfiel fast ein Viertel aller ausländischen Empfänger von Grundsicherungsleistungen im Alter auf ukrainische Staatsangehörige — ein Sondereffekt der Fluchtmigration. Insgesamt machen Menschen ohne deutschen Pass fast ein Viertel aller Bezieher dieser Altersleistungen aus. Das zeigt: Wer als Hilfsarbeitskraft zu wenig einzahlt, ist im Alter auf staatliche Absicherung angewiesen.
Beim Thema Wohnungslosigkeit zeigt sich ein ähnliches Muster. Kommunale Unterkünfte beherbergen überwiegend ausländische wohnungslose Personen — ein Indiz dafür, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur häufiger in Armut geraten, sondern auch in den schärfsten Formen davon überrepräsentiert sind.
Die Herausforderung ist real — aber sie ist nicht unlösbar. Es gibt konkrete Wege, Qualifizierungsangebote und rechtliche Ansprüche, von denen viele Betroffene nicht wissen oder die sie aufgrund von Sprachbarrieren nicht erreichen.
Das Anerkennungsgesetz gibt Zugewanderten das Recht, eine formelle Prüfung ihrer im Ausland erworbenen Qualifikationen zu beantragen. Beim Beratungsportal "Make it in Germany" des Bundesministeriums für Wirtschaft gibt es einen kostenlosen Anerkennungsberater, der individuelle Wege aufzeigt. Für reglementierte Berufe — Arzt, Krankenpflege, Ingenieurwesen — sind die Anforderungen höher, aber auch hier gibt es Ausgleichsmaßnahmen.
Jobcenter und Agenturen für Arbeit finanzieren unter bestimmten Voraussetzungen Weiterbildungen bis hin zu vollständigen Umschulungen. Wer als Hilfsarbeitskraft erwerbstätig ist, kann — auch neben der Arbeit — staatlich geförderte Qualifizierungsmaßnahmen in Anspruch nehmen. Das Bildungsgutschein-Verfahren macht es möglich, auf einem breiten Markt anerkannter Bildungsträger den passenden Kurs zu finden.
Die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer ist ein bundesweit flächendeckendes Angebot von Wohlfahrtsverbänden wie Caritas, Diakonie, AWO und Paritätischem. Sie hilft bei Fragen rund um Arbeit, Qualifizierung und soziale Absicherung — mehrsprachig und kostenlos. Diese Beratungsstellen sind oft der erste Anlaufpunkt, wenn jemand nicht weiß, welche Ansprüche er hat.
Seit seiner Einführung hat der gesetzliche Mindestlohn die Lohnsituation im Niedriglohnbereich verbessert. Er gilt für alle Beschäftigten unabhängig von Staatsangehörigkeit oder Aufenthaltsstatus. Wer weniger als den gesetzlichen Mindestlohn erhält, hat das Recht, die Differenz einzufordern — notfalls rechtlich. Zugewanderte wissen das häufig nicht und werden so Opfer von Lohnunterschreitung.
Wichtig zu wissen: Wer in Deutschland arbeitet, hat unabhängig von Staatsangehörigkeit und Aufenthaltsstatus Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn. Lohnunterschreitung ist eine Ordnungswidrigkeit. Bei Verdacht können sich Betroffene an den Zoll (Finanzkontrolle Schwarzarbeit) oder an Gewerkschaften wie ver.di oder IG Metall wenden.
Rund um das Thema Migrantenarbeit kursieren hartnäckige Fehlannahmen. Sie verhindern nicht nur eine ehrliche gesellschaftliche Debatte, sondern führen auch zu falschen politischen Antworten.
Das Gegenteil ist belegt. Befragungen zeigen konsistent, dass Zugewanderte sehr motiviert sind, höhere Qualifikationen zu erreichen und aufzusteigen. Was sie daran hindert, sind strukturelle Barrieren — keine fehlende Ambition. Wer 50 Stunden pro Woche körperlich arbeitet und für drei Personen sorgt, kann abends keine Deutschkurse besuchen.
Tatsächlich findet sich die größte Lohnkonkurrenz innerhalb derselben Beschäftigungssegmente — und betrifft daher eher einheimische Geringqualifizierte. Der Fachkräftemangel in mittleren und höheren Berufen würde durch bessere Anerkennung und Qualifizierung gelindert — nicht durch Abschottung. Besser qualifizierte Migranten bedeuten mehr Steuereinnahmen, mehr Renteneinzahlungen, weniger Transferleistungen.
Absolut betrachtet steht hinter diesem Prozentpunkt eine sechsstellige Zahl von Menschen, die in besonders prekären Arbeitsverhältnissen stecken — und das nicht zufällig. Wer diese Zahl mit dem doppelt so hohen Armutsrisiko, der höheren Arbeitslosenquote und den niedrigeren Rentenansprüchen zusammendenkt, erkennt ein systematisches Muster sozialer Ungleichheit.
Die Ursachen sind struktureller Natur: Sprachbarrieren, die Nicht-Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, fehlende soziale Netzwerke und Diskriminierung im Bewerbungsprozess drängen Menschen mit Einwanderungsgeschichte überproportional in einfache Tätigkeiten. Hinzu kommen befristete Aufenthaltstitel, die manche Arbeitgeber abschrecken. Diese Faktoren wirken unabhängig von individueller Motivation oder Qualifikation.
Ja, uneingeschränkt. Der gesetzliche Mindestlohn gilt für alle in Deutschland Beschäftigten, unabhängig von Staatsangehörigkeit, Aufenthaltsstatus oder Herkunft. Wer weniger bezahlt bekommt, kann die Differenz einfordern. Anlaufstellen sind der Zoll (Finanzkontrolle Schwarzarbeit), Gewerkschaften wie ver.di oder IG BAU sowie Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände.
Dauerhaft niedrige Löhne bedeuten niedrige Renteneinzahlungen. Wer ein Arbeitsleben lang als Hilfsarbeitskraft tätig ist, baut deutlich weniger Rentenansprüche auf als Facharbeiter oder Angestellte. Das erhöht das Risiko von Altersarmut erheblich. Ende 2022 machten ausländische Staatsangehörige fast ein Viertel der Bezieher von Grundsicherung im Alter aus — ein Indikator für die langfristigen Folgen niedrig entlohnter Erwerbstätigkeit.
Der erste Schritt ist eine Beratung beim Anerkennungsportal "Make it in Germany" oder bei einer Migrationsberatungsstelle. Dort wird individuell geprüft, welche Unterlagen benötigt werden und welche Behörde zuständig ist. Bei geregelten Berufen (z.B. Arzt, Ingenieur, Erzieher) ist die zuständige Kammer oder Behörde der Ansprechpartner. Das Verfahren dauert in der Regel mehrere Monate, kann aber im Erfolgsfall den Zugang zu deutlich besser entlohnten Stellen öffnen.
Ja, aber langsam. In jüngeren Altersgruppen sind die Bildungsunterschiede zwischen Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte deutlich geringer als bei älteren Jahrgängen. Das schlägt sich in besseren Berufschancen nieder. Dennoch bleibt eine strukturelle Benachteiligung bestehen — erkennbar daran, dass Armutsgefährdungsquoten auch für in Deutschland geborene Kinder von Eingewanderten höher liegen als für Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund.