Millionen Menschen aus EU-Mitgliedstaaten sind nach Deutschland gezogen — doch viele kehren zurück oder wandern weiter. Was diese Mobilität über Chancen, Risiken und soziale Ungleichheit verrät.
Zahlen auf einen Blick
Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland. Das ist keine politische Bewertung, sondern eine demographische Tatsache: Ohne die kontinuierliche Zuwanderung würde die Bevölkerungszahl bereits deutlich schrumpfen. Doch Migration ist selten eine Einbahnstraße. Viele Menschen, die aus EU-Mitgliedstaaten nach Deutschland kommen, kehren nach einigen Jahren zurück — oder wandern in ein drittes Land weiter. Dieses Muster zirkulärer Mobilität prägt die gesellschaftliche Realität, wird im öffentlichen Diskurs aber oft ausgeblendet.
Was bedeutet das für Fragen der sozialen Teilhabe, der Armutsgefährdung und der Integration? Wer bleibt, wer geht, und welche Gruppen tragen das größte Risiko, in der Mitte Europas ohne Netz zu fallen?
Die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union — eine der vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarkts — macht es seit 1993 möglich, ohne Visum oder Arbeitserlaubnis in ein anderes EU-Land zu ziehen. Mit den EU-Osterweiterungen ab 2004 stieg die Zahl der Zugewanderten aus Mittel- und Osteuropa erheblich. Menschen aus Polen, Rumänien, Bulgarien, der Tschechischen Republik und anderen Ländern nutzten diese Chance — viele von ihnen mit dem Ziel, Arbeit zu finden und Ersparnisse aufzubauen.
Entscheidend ist dabei das Motiv: EU-Migration ist in der Regel Arbeitsmigration. Wer aus einem EU-Mitgliedstaat nach Deutschland kommt, hat häufig konkrete wirtschaftliche Ziele — einen bestimmten Beruf ausüben, Schulden abbezahlen, Kapital für eine Selbstständigkeit im Herkunftsland ansparen. Das unterscheidet diese Gruppe strukturell von Menschen, die aus Staaten des Nahen Ostens oder Afrikas zuwandern, wo die Migration häufig durch Krieg oder Verfolgung ausgelöst wird und mit anderen rechtlichen Rahmenbedingungen verbunden ist.
Dieser Unterschied im Einwanderungsmotiv hat weitreichende Konsequenzen — für die Berufstätigkeit, die Wohnverhältnisse, die soziale Absicherung und die Wahrscheinlichkeit, dauerhaft zu bleiben oder wieder zu gehen.
Migration ist selten endgültig. Ein erheblicher Teil der EU-Zugewanderten verlässt Deutschland nach einigen Jahren wieder — sei es, weil das ursprüngliche Ziel erreicht wurde, weil sich die Verhältnisse im Herkunftsland verbessert haben, oder weil Deutschland nicht das war, was man sich erhofft hatte. Diese Rückwanderung oder Weiterwanderung macht die statistischen Bilanzen kompliziert.
Der Wanderungssaldo — also der Überschuss der Zuzüge über die Wegzüge — war für Deutschland seit den 1950er Jahren in fast allen Jahren positiv. Doch dahinter verbirgt sich eine hohe Fluktuation: Jedes Jahr ziehen viele hunderttausend Menschen zu und gleichzeitig viele hunderttausend Menschen fort. Die Nettobilanz sagt wenig darüber aus, wie stabil oder dauerhaft diese Bevölkerungsbewegungen tatsächlich sind.
Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel der Ukraine-Flüchtlinge: Seit Beginn des russischen Angriffskriegs sind rund 1,4 Millionen Menschen aus der Ukraine nach Deutschland gezogen. Gleichzeitig sind knapp 300.000 Personen aus Deutschland wieder in die Ukraine zurückgekehrt. Wer bleibt und wer geht, hängt von individuellen Lebensumständen ab — von Sprachkenntnissen, Arbeit, sozialen Netzwerken, aber auch von der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in ein sicheres Heimatland.
Ukrainerinnen und Ukrainer zugezogen nach Deutschland seit Kriegsbeginn
aus Deutschland wieder in die Ukraine zurückgekehrt
Die Entscheidung zwischen Bleiben und Gehen ist für viele Menschen keine freie Wahl, sondern das Ergebnis struktureller Bedingungen: Wer Arbeit hat, wer gut Deutsch spricht, wer Kinder in einer deutschen Schule hat — der bleibt eher. Wer all das nicht hat, für den bleibt die Rückkehr oft die einzige Option.
EU-Binnenmigration bedeutet nicht automatisch Wohlstand. Die wirtschaftliche Lage von Menschen, die aus anderen EU-Staaten nach Deutschland gezogen sind, ist sehr unterschiedlich. Einerseits gibt es hochqualifizierte Fachkräfte aus Westeuropa, die gut bezahlte Stellen besetzen. Andererseits sind viele EU-Bürgerinnen und -Bürger in prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig — auf Baustellen, in der Fleischwirtschaft, in der Landwirtschaft oder in der Pflege — oft ohne ausreichende soziale Absicherung.
Besonders ausgeprägt ist die Benachteiligung bei der Erwerbstätigkeit: Etwas mehr als die Hälfte der Menschen ohne Migrationsgeschichte arbeitet in Vollzeit, bei Menschen mit Migrationsgeschichte sind es rund sechs Prozentpunkte weniger. Dieser Unterschied klingt zunächst gering, hat aber erhebliche Auswirkungen auf Rentenansprüche, soziale Absicherung und Vermögensaufbau.
Noch gravierender sind die Armutsrisiken. Menschen mit türkischen Wurzeln, Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler sowie Personen aus osteuropäischen Ländern weisen Armutsrisikoquoten zwischen 29 und 36 Prozent auf — also ein Risikoniveau, das zwei- bis dreimal so hoch ist wie in der Bevölkerung ohne Migrationsgeschichte. Besonders stark betroffen sind Geflüchtete: Rund zwei Drittel von ihnen leben unterhalb der Armutsschwelle.
Die Ursachen sind strukturell: Sprachbarrieren, fehlende Anerkennung ausländischer Abschlüsse, diskriminierende Einstellungspraktiken und unsichere Aufenthaltssituationen erschweren den Zugang zu stabilen Arbeitsverhältnissen. Das erhöhte Armutsrisiko ist kein Schicksal — es ist das Ergebnis politischer und gesellschaftlicher Weichenstellungen.
Ein besonders drängendes Thema ist die Wohnungslosigkeit unter EU-Bürgerinnen und -Bürgern in Deutschland. Nach aktuellen Erhebungen gibt es rund 6.700 wohnungslose Menschen ohne Unterkunft sowie 2.600 verdeckt wohnungslose Menschen, die die polnische, bulgarische oder rumänische Staatsangehörigkeit besitzen. Diese Zahlen repräsentieren nur eine Teilgruppe — die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen.
Besonders besorgniserregend ist die Dauer der Wohnungslosigkeit: Rund 68 Prozent der Betroffenen aus diesen drei Ländern sind seit mindestens einem Jahr wohnungslos in Deutschland. Bei anderen nicht-deutschen wohnungslosen Menschen liegt dieser Anteil mit 38 Prozent deutlich niedriger. Diese Gruppe ist also besonders langfristig in der Wohnungslosigkeit gefangen — und besonders schwer erreichbar für Hilfsangebote.
Warum? EU-Bürgerinnen und -Bürger sind oft schlecht über ihre Rechte informiert. Viele sprechen kein oder kaum Deutsch. Die zuständigen Behörden und Sozialdienste sind für sie schwer zugänglich. Und: Sie haben häufig keine starken sozialen Netzwerke in Deutschland, auf die sie im Notfall zurückgreifen können. Wer ohne Familie, ohne Sprachkenntnisse und ohne festes Arbeitsverhältnis auf der Straße landet, hat sehr wenige Wege heraus.
Hinzu kommt eine alarmierende Diskriminierungserfahrung: Ein erheblicher Teil der nicht-deutschen wohnungslosen Menschen berichtet von rassistischer Diskriminierung — auf der Straße, bei Ämtern und Behörden, bei der Wohnungssuche, am Arbeitsplatz und sogar in sozialen Hilfseinrichtungen. Diskriminierung in Schutzeinrichtungen ist besonders problematisch, weil sie genau dort stattfindet, wo Menschen Hilfe suchen sollten.
Die heutige Migrationswirklichkeit ist das Ergebnis einer langen Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Bundesrepublik ab 1955 mit dem ersten Anwerbeabkommen mit Italien, dem weitere Vereinbarungen mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und dem damaligen Jugoslawien folgten. Die sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter kamen in den 1950er und 1960er Jahren — und blieben oft dauerhaft, obwohl das politisch so nicht vorgesehen war.
Parallel dazu kamen in den Jahrzehnten nach dem Krieg fast 4,6 Millionen Aussiedlerinnen und Aussiedler aus Ländern Mittel- und Osteuropas sowie Zentralasiens nach Deutschland — Nachkommen deutschstämmiger Bevölkerungsgruppen, die sich trotz Jahrhunderten im Ausland Sprache und Kultur bewahrt hatten. In den 1990er Jahren, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, beschleunigte sich diese Bewegung noch einmal erheblich.
1992 erreichte die Zuwanderung einen ersten Höhepunkt mit 1,2 Millionen einreisenden ausländischen Staatsangehörigen — ausgelöst durch die Öffnung der Grenzen in Osteuropa und durch Flucht aus dem Jugoslawienkrieg. Asylrechtliche Verschärfungen nach 1993 reduzierten die Einreisezahlen zunächst deutlich. Nach 2006 stieg die Zuwanderung erneut an, getrieben von EU-Freizügigkeit und wachsendem Arbeitskräftebedarf.
Diese historische Schichtung — Gastarbeiter, Spätaussiedler, EU-Arbeitsmigrantinnen, Geflüchtete — erklärt, warum die Gruppe der Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland so heterogen ist. Es gibt keine einheitliche Migrationserfahrung. Wer das vergisst, versteht weder die Probleme noch die Potenziale.
Ein zentrales Missverständnis in der Integrationsdebatte lautet: Wer arbeitet, ist integriert. Doch Arbeit allein schützt nicht vor Ausgrenzung — erst recht nicht, wenn die Arbeit schlecht bezahlt, befristet oder rechtlich unsicher ist. Menschen mit Migrationsgeschichte sind häufiger in niedrig entlohnten, körperlich belastenden oder sozial ungesicherten Tätigkeiten beschäftigt.
Besonders auffällig ist die Situation von Frauen: Unter denjenigen, die als Geflüchtete nach Deutschland kamen, sind fast 49 Prozent nicht erwerbstätig — gegenüber 10 Prozent bei Frauen ohne Migrationsgeschichte. Das liegt an einer Kombination aus Kinderbetreuungspflichten, Sprachbarrieren, fehlendem Zugang zu Qualifizierungsangeboten und rechtlichen Einschränkungen.
Positiv ist zu vermerken, dass sich Unterschiede im Weiterbildungsverhalten zwischen der ersten und zweiten Einwanderergeneration deutlich verringert haben. Die Kinder von Zugewanderten nehmen heute annähernd genauso häufig an Weiterbildungen teil wie Menschen ohne Migrationsgeschichte. Das zeigt: Integration ist keine Frage von Herkunft oder Kultur, sondern von Zugang und Chancen.
Wichtig ist auch die rechtliche Dimension: Die Ukraine-Geflüchteten haben — durch die erstmalige Aktivierung der EU-Richtlinie zum vorübergehenden Schutz — schnell Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Sozialleistungen erhalten. Das unterscheidet sie von anderen Geflüchteten, die oft jahrelang auf Asylentscheidungen warten und in dieser Zeit kaum arbeiten dürfen. Diese rechtlichen Unterschiede haben direkte Auswirkungen auf Armutsrisiken und soziale Integration.
Die soziale Lage von EU-Zugewanderten in Deutschland ist kein unvermeidliches Schicksal. Sie ist das Ergebnis konkreter politischer Entscheidungen — und kann durch andere Entscheidungen verändert werden. Einige Stellschrauben sind bekannt:
Diese Maßnahmen kosten Geld und politischen Willen. Aber sie kosten weniger als die Langzeitfolgen von Armut, Wohnungslosigkeit und sozialer Ausgrenzung — für die Betroffenen und für die Gesellschaft insgesamt.
Deutschland ist seit Jahrzehnten das wichtigste Zielland für EU-Binnenmigration. Seit der Osterweiterung der EU ab 2004 ist die Zahl der Zugewanderten aus Mittel- und Osteuropa stark gestiegen. Exakte aktuelle Zahlen variieren je nach Definition und Erhebungsjahr, doch insgesamt haben mehrere Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürger Deutschland zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht — viele davon auf Zeit, andere dauerhaft.
Die Gründe sind vielfältig: Viele EU-Zugewanderte kommen mit konkreten wirtschaftlichen Zielen — Schulden abbezahlen, Eigenkapital aufbauen, Geld sparen. Wenn dieses Ziel erreicht ist, kehren sie zurück. Andere gehen, weil die Lebensqualität in Deutschland nicht den Erwartungen entspricht, weil sie Sprachbarrieren nicht überwinden konnten oder weil sich die Situation im Herkunftsland verbessert hat. Diese zirkuläre Mobilität ist ein normales Muster in einer offenen europäischen Wirtschaft.
Ja, deutlich. Bestimmte Gruppen — insbesondere Menschen aus der Türkei, Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler sowie Menschen aus osteuropäischen Ländern — tragen Armutsrisikoquoten zwischen 29 und 36 Prozent. Das ist zwei- bis dreimal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Die Ursachen liegen in strukturellen Benachteiligungen: schlechtere Zugänge zum Arbeitsmarkt, fehlende Abschlussanerkennung, höhere Abhängigkeit von Niedriglohntätigkeiten und geringere Rentenansprüche.
Sie ist besonders schwierig. Rund 9.300 wohnungslose Menschen aus Polen, Bulgarien und Rumänien sind in Deutschland erfasst. 68 Prozent von ihnen sind seit mindestens einem Jahr ohne feste Unterkunft — ein deutlich höherer Anteil als bei anderen Gruppen. Sie kämpfen mit Sprachbarrieren, fehlenden sozialen Netzwerken und Diskriminierung in Beratungseinrichtungen. Aufsuchende Sozialarbeit und mehrsprachige Angebote könnten helfen, erreichen diese Menschen aber oft nicht.
Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wurde erstmals die EU-Richtlinie zum vorübergehenden Schutz aktiviert. Das bedeutete: Ukrainerinnen und Ukrainer erhielten unmittelbar einen befristeten Aufenthaltstitel, schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt sowie zu Integrationskursen und Sozialleistungen. Andere Geflüchtete durchlaufen das reguläre Asylverfahren, das sich über Jahre ziehen kann und während dieser Zeit häufig die Aufnahme von Arbeit einschränkt. Diese rechtlichen Unterschiede haben erhebliche Auswirkungen auf Armutsrisiko und Integration.