Ob jemand in Deutschland vom eigenen Lohn lebt, von einer Rente oder auf staatliche Unterstuetzung angewiesen ist — diese Frage laesst sich nicht losgeloest von der Biografie beantworten. Herkunft, Bildungsweg, Zeitpunkt der Zuwanderung und rechtlicher Status schaffen sehr unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Zwei Gruppen, die am gleichen Tag in denselben Beruf einsteigen moechten, stehen oft vor voellig verschiedenen Huerdenparcours. Die Daten des Sozialberichts 2024 beleuchten diese Unterschiede mit einer Praezision, die pauschale Urteile in beide Richtungen entkraeftet.
Auf einen Blick: Einkommensquellen und Migrationsgeschichte
- Definition
- Einkommensquellen umfassen Erwerbstaetigkeit, Rentenbezug, Transfers aus dem Sozialsystem (z.B. Buergergeld, Grundsicherung) sowie private Unterstuetzung — ihre Zusammensetzung variiert systematisch nach Migrationsgeschichte.
- Betroffene
- Rund 22,3 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund — das entspricht gut einem Viertel der Bevoelkerung.
- Entwicklung
- Die Einkommensluecke zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund hat sich zuletzt kaum veraendert; bei Gefluechteten bleibt sie besonders ausgepraegt.
- Haeufige Ursachen
- Anerkennungshuerden fuer auslaendische Abschluesse, Sprachbarrieren, eingeschraenkte Arbeitsgenehmigungen, hoehere Teilzeitquoten, Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt
- Hilfsangebote
- Migrationsberatungsstellen (MBE), Anerkennungsberatung durch die Handwerks- und Industrie- und Handelskammern, Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbande, Jobcenter mit Sprachkursfoerderung
- Haeufiges Missverstaendnis
- Viele glauben, Personen mit Migrationshintergrund wuerden ueberproportional von Sozialleistungen leben. Die Daten zeigen: Der Grossteil finanziert sich ueber Erwerbsarbeit — zu einem aehnlich hohen Anteil wie die Bevoelkerung ohne Migrationsgeschichte.
Erwerbsarbeit als gemeinsame Grundlage — mit unterschiedlichem Fundament
Wer erwartet, dass sich Bevoelkerungsgruppen mit und ohne Migrationsgeschichte bei der wichtigsten Einkommensquelle grundlegend unterscheiden, wird von den Zahlen ueberrascht. Der Anteil der Personen, die ihren Lebensunterhalt ueber Erwerbstaetigkeit bestreiten, liegt in beiden Gruppen nahe beieinander: Bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte sind es 53 Prozent, bei jenen mit Einwanderungsgeschichte 55 Prozent. Die Erwerbsorientierung ist also kaum geringer — im Gegenteil ist sie bei Zugewanderten und ihren Nachkommen mindestens ebenso stark ausgepraegte.
Doch hinter dieser Zahl liegen erhebliche qualitative Unterschiede. Mehr als die Haelfte (56 Prozent) der Personen ohne Migrationshintergrund ist in Vollzeit beschaeftigt. Bei Menschen mit Migrationshintergrund sind es 50 Prozent. Das ist keine kleine Differenz: Sechs Prozentpunkte Vollzeitluecke bedeuten fuer Tausende Haushalte ein strukturell niedrigeres Einkommen — und damit ein hoehere Anfaelligkeit fuer Einkommensarmut, auch wenn man formal erwerbstaetig ist.
Beim Nettoerwerbseinkommen zeigt sich diese Luecke in Euro und Cent. Erwerbstaetige ohne Migrationshintergrund kommen im Median auf rund 2.000 Euro netto pro Monat. Bei Personen mit Migrationshintergrund liegt dieser Wert im Durchschnitt bei 1.800 Euro — also rund 200 Euro weniger. Ein Unterschied, der sich ueber ein Jahr gerechnet auf 2.400 Euro summiert. Das sind Urlaubsgelder, Ruecklagen, Spielraeume fuer ungeplante Ausgaben, die fehlen.
Grosse Unterschiede innerhalb der Gruppe: Herkunft entscheidet mit
Wer von "Menschen mit Migrationshintergrund" als einheitlicher Gruppe spricht, vereinfacht stark. Die Daten des Sozialberichts 2024 zeigen eine bemerkenswerte Spreizung: (Spat-)Aussiedlerinnen und Aussiedler — also Personen deutschen Ursprungs, die aus Mittel- und Osteuropa nach Deutschland kamen — erzielen mit durchschnittlich 2.100 Euro das hoechste monatliche Nettoerwerbseinkommen unter allen Herkunftsgruppen. Sie liegen damit sogar leicht ueber dem Median der Bevoelkerung ohne Migrationshintergrund.
Personen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens kommen auf rund 1.900 Euro, Zugewanderte aus Suedwesteuropa auf etwa 1.800 Euro. Am unteren Ende der Skala findet sich die Gruppe der Menschen tuerkeistaeammiger Herkunft mit einem Haushaltsnettoquivalenzeinkommen von rund 1.330 Euro — also knapp einem Drittel weniger als bei Personen ohne Migrationsgeschichte. Dieser Unterschied haengt eng mit Bildungsniveaus, Beschaeftigungsstrukturen und der historischen Einbindung in den deutschen Arbeitsmarkt zusammen.
Gefluechtete stehen gesondert: Ihr Haushaltsnettoaequivalenzeinkommen betrug 2021 nur rund 910 Euro. Dieser Wert liegt weit unter der Armutsgrenze. Er spiegelt die rechtlich eingeschraenkten Erwerbsmoeglichkeiten, Sprachbarrieren und oft nur vorlaeufige Aufenthaltsstatus wider, die eine Jobsuche erschweren oder zeitweilig ganz verhindern.
Das Haushaltsnettoeinkommen von Gefluechteten liegt mit rund 910 Euro so niedrig, dass es selbst bei voller Ausschoepfung aller Leistungsansprueche kaum ausreicht, um gesellschaftliche Teilhabe zu ermoeglichen. Besonders betroffen sind Familien mit Kindern — ein direkter Pfad in Kinderarmut.
| Gruppe | Nettoerwerbseinkommen (Median) | Armutsrisiko |
|---|---|---|
| Ohne Migrationshintergrund | 2.000 Euro | 14 % |
| (Spat-)Aussiedler/-innen | 2.100 Euro | – |
| Ehem. Jugoslawien (Nachfolgestaaten) | 1.900 Euro | – |
| Suedwesteuropa | 1.800 Euro | – |
| Mit Migrationshintergrund (gesamt) | 1.800 Euro | 25 % |
| Tuerkeistaeammige Herkunft | 1.330 Euro (HNE) | – |
| Gefluechtete | 910 Euro (HNE) | 68 % |
HNE = Haushaltsnettoaequivalenzeinkommen. Datenbasis: Sozialbericht 2024, SOEP v39, Berichtsjahr 2021/2022.
Sozialleistungen: Die Luecke zwischen 9 und 25 Prozent
Bei der Inanspruchnahme von Sozialleistungen als Haupteinkommensquelle klaffen die Gruppen deutlich auseinander. In der Bevoelkerung ohne Migrationshintergrund sind es rund 9 Prozent, die ihren Lebensunterhalt ueberwiegend aus staatlichen Transferleistungen beziehen — also aus Buergergeld, Grundsicherung oder vergleichbaren Leistungen. Bei Personen mit direktem Migrationshintergrund steigt dieser Anteil auf 17 bis 25 Prozent, je nach Herkunftsgruppe und Aufenthaltsstatus.
Diese Zahlen werden in der Debatte oft als Beleg fuer fehlende Arbeitsmotivation gelesen — ein Irrtum, der den strukturellen Ursachen nicht gerecht wird. Wer ohne anerkannten Berufsabschluss in Deutschland ankommt, darf in vielen Berufen nicht arbeiten. Wer nur einen vorlaeufigen Schutzstatus hat, darf es nur eingeschraenkt. Wer kein Deutsch spricht, findet keine qualifizierte Stelle. Die Sozialleistungsquote ist in diesen Faellen keine Frage der Einstellung, sondern eine direkte Folge von Zugangsbarrieren.
Aufschlussreich ist der Vergleich zwischen direktem und indirektem Migrationshintergrund. Personen, die selbst eingewandert sind (direkter Migrationshintergrund), haben in allen gemessenen Zeitabschnitten hoehere Armutsrisiken als ihre hier geborenen Kinder und Enkel (indirekter Migrationshintergrund). Das zeigt: Integration ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein generationenuebergreifender Prozess — und er funktioniert, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Frauen mit Migrationsgeschichte: eine doppelte Benachteiligung
Besonders aussagekraeftig sind die Daten, wenn man nach Geschlecht differenziert. Bei maennlichen Erwerbstaetigen ohne Migrationshintergrund arbeiten fast drei Viertel in Vollzeit (72 Prozent). Bei Maennern mit Migrationshintergrund sind es zwei Drittel (66 Prozent). Eine Luecke, aber keine dramatische.
Bei Frauen sieht das Bild anders aus. Frauen ohne Migrationshintergrund sind zu 39 Prozent in Vollzeit beschaeftigt — ein Wert, der auch im allgemeinen deutschen Kontext auf eine stark ausgepraegte Teilzeitkultur hinweist. Frauen mit Migrationshintergrund kommen auf 34 Prozent. Doch entscheidend ist der Anteil derjenigen, die gar nicht erwerbstaetig sind: Bei Frauen ohne Migrationshintergrund trifft das auf 10 Prozent zu. Bei Frauen aus tuerkeistaeammigen Familien sind es 19 Prozent, bei Frauen aus Nachfolgestaaten Jugoslawiens 14 Prozent.
Am starksten ausgepraegt ist die Nichterwerbstaetigkeit bei Frauen, die als Gefluechtete nach Deutschland kamen: Fast jede zweite von ihnen (49 Prozent) geht keiner Erwerbstaetigkeit nach. Das haengt nicht allein mit Einstellungen oder kulturellen Mustern zusammen, sondern sehr stark mit Kinderbetreuungsengpaessen, eingeschraenkten Arbeitserlaubnissen im laufenden Asylverfahren und fehlenden Netzwerken fuer die Jobsuche. Wo diese Barrieren abgebaut werden, steigen Frauen auch in den Arbeitsmarkt ein.
Die Folgen fuer die Einkommensungleichheit sind erheblich. Haushaltseinkommen, die allein oder ueberwiegend vom Mann getragen werden, sind voluminoeser konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt. Und Frauen, die jahrelang nicht erwerbstaetig waren, bauen kaum Rentenansprueche auf — ein direkter Pfad in spaetere Altersarmut.
Armutsrisiko: Wenn Einkommen nicht schuetzt
Als arm gilt in Deutschland, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens auskommen muss. Daran gemessen ist das Armutsrisiko bei Personen ohne Migrationshintergrund mit 14 Prozent bereits ein Indikator fuer eine breite gesellschaftliche Herausforderung. Bei Personen mit Migrationshintergrund liegt dieser Wert bei 25 Prozent — fast doppelt so hoch.
Bei Gefluechteten erreicht das Armutsrisiko 68 Prozent. Das bedeutet: Rund zwei von drei Gefluechteten haben ein Einkommen, das unter der Armutsgrenze liegt. Dieser Wert ist nicht nur ein sozialpolitisches Signal — er spiegelt auch die unmittelbare Lebensrealitaet von Menschen wider, die oft mit wenig Erfahrung in deutschen Behoerden, ohne persoenliche Netzwerke und haeufig ohne volle Arbeitserlaubnis ankommen.
Personen mit direktem Migrationshintergrund — also jene, die selbst eingewandert sind — tragen insgesamt ein etwas hoehere Armutsrisiko als Personen mit indirektem Migrationshintergrund, deren Eltern eingewandert sind. In Ostdeutschland ist diese Differenz nochmals groesser: Dort ist das Armutsrisiko von Migrantinnen und Migranten mit eigenem Einwanderungshintergrund deutlich hoeher als im Bundesdurchschnitt. Die strukturschwaeche der ostdeutschen Regionen verstaerkt Benachteiligungen, anstatt sie abzufedern.
Das Armutsrisiko haengt eng mit der Erwerbsbeteiligung zusammen. Wer in Vollzeit arbeitet, ist in aller Regel vor einkommensbasierter Armut geschuetzt — in beiden Gruppen. Die Herausforderung liegt also nicht darin, Motivation zu wecken, sondern Zugaenge zu oeffnen: zu Berufsanerkennung, zu Kinderbetreuung, zu Sprachkursen, zu Netzwerken. Wo das gelingt, sinken Armutsquoten messbar.
Weiterbildung und der zweite Anlauf
Ein oft uebersehenes Kapitel ist die Weiterbildung. Die frueheren Unterschiede im Weiterbildungsverhalten zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sind in den vergangenen Jahren weitgehend verschwunden. Das zeigen die Daten aus dem Jahr 2020: Bei der zweiten Generation — also Menschen, deren Eltern eingewandert sind — entspricht die Beteiligung an Weiterbildungsangeboten mittlerweile annaehernd dem Niveau der Bevoelkerung ohne Migrationshintergrund.
Bei der ersten Generation — also Personen, die selbst eingewandert sind — ist die Weiterbildungsquote noch etwas niedriger. Das liegt weniger an fehlendem Interesse als daran, dass diese Menschen haeufiger keinen anerkannten Berufsabschluss haben und damit formal weniger Zugang zu betrieblicher und beruflicher Weiterbildung erhalten. Wer unqualifiziert gilt, wird seltener gefeoerdert — ein selbstverstaerkender Mechanismus.
Gleichzeitig ist zu beachten: In Bereichen mit hohem Automatisierungsdruck sind es oft un- und angelernte Taetigkeiten, die zuerst wegfallen. Menschen ohne formal anerkannte Qualifikation — unabhaengig von ihrer Herkunft — sind einem wachsenden Arbeitslosigkeitsrisiko ausgesetzt. Die Bildungsarmut ist eine Querschnittsfrage, die Migrationsbiografien mit strukturellen Arbeitsmarktproblemen verbindet.
Was die Zahlen nicht zeigen — und was trotzdem zaehlt
Alle bisher genannten Daten beschreiben Durchschnitte und Quoten. Sie sagen etwas ueber strukturelle Muster — aber nichts ueber die individuelle Erfahrung. Hinter der Zahl "68 Prozent Armutsrisiko bei Gefluechteten" stehen Familien, die jeden Monat genau rechnen, wie das Geld reicht. Hinter den 200 Euro Einkommensluecke zwischen Erwerbstaetigen mit und ohne Migrationshintergrund stehen Menschen, die genauso hart arbeiten, aber weniger nach Hause bringen.
Soziale Teilhabe beginnt nicht erst, wenn Armut ueberwunden ist. Sie beginnt schon dann, wenn Kinder in die gleiche Schule gehen koennen, wenn Sprachkurse erreichbar sind, wenn Berufsabschluesse anerkannt werden. Soziale Teilhabe ist kein Bonus — sie ist Voraussetzung dafuer, dass Einkommensquellen ueberhaupt genutzt werden koennen.
Die Daten des Sozialberichts 2024 sind in ihrer Praezision wertlos, wenn aus ihnen keine Handlungskonsequenzen folgen. Sie zeigen: Der Arbeitsmarkt ist fuer Menschen mit Migrationsgeschichte grundsaetzlich zugaenglich. Die Bereitschaft ist da. Was fehlt, sind systematisch abgebaute Barrieren — bei der Anerkennung, bei der Kinderbetreuung, bei der Sprachfoerderung, bei der Antidiskriminierungspraxis auf dem Stellenmarkt.