Warum der Bundeslaendervergleich notwendig ist
Der nationale Wohnungslosenbericht fasst Zahlen zusammen, die eigentlich tief regionale Geschichten erzaehlen. Hinter dem Bundesdurchschnitt verbergen sich enorme Unterschiede: Stadtstaaten mit dichten Hilfssystemen, Flaechenlaender mit strukturellen Luecken, ostdeutsche Laender mit niedrigen Absolut-Zahlen aus anderen Gruenden als westdeutsche. Wer diese Unterschiede nicht kennt, kann die Lage nicht beurteilen.
Die Befragung, auf der die hier zitierten Zahlen beruhen, wurde im Februar 2024 durchgefuehrt. Sie erfasst Menschen, die zum Stichtag nicht institutionell untergebracht waren — also weder in Notunterkuenften noch in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe lebten, sondern auf der Strasse, in Behelfsunterkuenften oder voellig unsichtbar in den Statistiken.
Methodische Einordnung
- Erhebungszeitpunkt
- Februar 2024 (Stichtagsbefragung)
- Erfasste Gruppe
- Nicht institutionell untergebrachte Wohnungslose
- Gesamtzahl
- ca. 96.006 Personen bundesweit
- Nicht enthalten
- Menschen in Notunterkuenften, Heimen, Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe
Die Gesamtzahl von rund 96.000 nicht institutionell untergebrachten Wohnungslosen ist damit eine Unterschaetzung. Verdeckte Wohnungslosigkeit — Menschen, die vorlaeufig bei Bekannten schlafen oder Verwandte belasten — fliesst in diese Zahlen nur begrenzt ein. Dennoch erlauben die Daten regional differenzierte Schluesse, die fuer die politische Debatte unabdingbar sind.
Nordrhein-Westfalen: Hoechste Absolut-Zahlen, aber relativ maessige Rate
Nordrhein-Westfalen ist das bevoelkerungsreichste Bundesland Deutschlands. Dass es auch absolut die meisten wohnungslosen Menschen ohne Unterkunft zaehlt, ist deshalb weniger ueberraschend als der Anteil von fast einem Viertel aller bundesweit Betroffenen. Rund 11.000 Menschen schlafen auf der Strasse oder in Behelfsunterkuenften — ein Wert, der die Ressourcen der kommunalen Wohnungslosenhilfe dauerhaft fordert.
Die breite Streuung der Bevoelkerung auf Grossstaedte wie Koeln, Duesseldorf, Dortmund und Essen sowie auf mittelgrosse Staedte und laendliche Raeume schafft dabei sehr unterschiedliche Situationen. In den Ruhrgebietsstadten, wo Wohnraum im Vergleich zu Muenchen oder Frankfurt noch guenstiger ist, konzentriert sich ein Grossteil der NRW-Wohnungslosen. Gleichzeitig fehlt in kleineren NRW-Gemeinden haeufig eine spezialisierte Infrastruktur fuer Betroffene.
Strukturelle Erklaerungsfaktoren in NRW
Die Rate von 5,88 Wohnungslosen ohne Unterkunft je 10.000 Einwohner liegt unter dem Wert Hamburgs — doch das bedeutet nicht, dass NRW weniger betroffen ist. Es bedeutet vor allem, dass die Masse der Bevoelkerung den Quotienten niedrig haelt. Die absoluten Zahlen belegen das Gegenteil: Kein anderes Bundesland traegt eine vergleichbare Last.
Ein Teil der NRW-Wohnungslosen kommt aus dem EU-Ausland, insbesondere aus Osteuropa, und findet sich in einem System wieder, das ihre spezifische Situation — fehlende Sprachkenntnisse, keine Krankenversicherung, prekaerose Werkvertragsvergangenheit — nur unzureichend abdeckt. Der Zusammenhang zwischen migrationsbedingt zugespitzter Wohnungslosigkeit und struktureller Diskriminierung am Wohnungsmarkt ist auch fuer NRW dokumentiert.
Nichtdeutsche Betroffene besonders exponiert: Bundesweit sind rund 22.000 nichtdeutsche wohnungslose Menschen nicht institutionell untergebracht. 61 Prozent von ihnen leben ohne jede Unterkunft — auf der Strasse oder in Notlagern. Dieser Anteil liegt weit ueber dem Durchschnitt der deutschen Betroffenen und verweist auf strukturelle Barrieren beim Zugang zu Hilfeangeboten.
Berlin und Bayern: Grossstaedtische Verdichtung trifft unterschiedliche Systeme
Berlin: Stadtstaatliche Verdichtung und hohe Rate
Berlin ist mit Abstand das Bundesland mit der hoechsten Wohnungslosendichte im Verhaeltnis zur Einwohnerzahl unter den grossen Flaechenlaendern und Stadtstaaten auf dem Festland. Rund 6.000 Menschen ohne Unterkunft in einer Stadt mit 3,7 Millionen Einwohnern ergeben eine Quote, die das Ausmass des Berliner Wohnungsmarktversagens sichtbar macht.
Berlin war ueber Jahrzehnte eine Stadt mit vergleichsweise guenstigem Wohnraum. Dieser Vorteil ist strukturell weggefallen. Die Mieten in Berlin sind in den zurueckliegenden Jahren stark gestiegen, das Angebot an guenstigem Wohnraum hat sich dramatisch reduziert, und der Druck auf Menschen in prekaeraeren Verhaeltnissen ist entsprechend gewachsen. Gleichzeitig ist die Berliner Wohnungslosenhilfe strukturell stark ausgebaut — viele der Betroffenen sind im Hilfesystem bekannt, auch wenn sie aktuell keine Unterkunft haben.
Der hohe Anteil langfristig Wohnungsloser in Grossstaedten ist fuer Berlin besonders relevant: 27 Prozent der in Grossstaedten erfassten Wohnungslosen sind seit mehr als fuenf Jahren ohne eigene Wohnung. Das zeigt, wie stark sich Wohnungslosigkeit in urbanen Ballungsraeumen verfestigt — ein Phaenomen, das Langzeitwohnungslosigkeit zu einer eigenstaendigen sozialpolitischen Kategorie macht.
Bayern: Muenchen als Epizentrum, laendlicher Raum als blinder Fleck
Bayern zaehlt rund 5.800 Menschen ohne Unterkunft — bei einer Gesamtbevoelkerung von ueber 13 Millionen ist die Rate damit niedriger als in Berlin, aber die Konzentration auf den Grossraum Muenchen ist ausgepraegte. Muenchen hat seit Jahren den angespanntesten Wohnungsmarkt aller deutschen Grossstaedte, mit Mietpreisen, die fuer Menschen in sozialen Notlagen faktisch keine erschwingliche Alternative mehr lassen.
Im laendlichen Bayern hingegen ist Wohnungslosigkeit haeufig verdeckt: Menschen kommen vorlaeufig bei Verwandten unter, schlafen in unbewohnten Gebaeuden oder haben prekaeraere Verhaeltnisse, die statistisch nicht als Wohnungslosigkeit erfasst werden. Der hohere Frauenanteil in kleineren Gemeinden — 41 Prozent gegenueber 27 Prozent in Grossstaedten — ist ein Indikator fuer diese verdeckte Form.
| Bundesland / Region | Ohne Unterkunft (ca.) | Anteil bundesweit | Rate je 10.000 EW |
|---|---|---|---|
| Nordrhein-Westfalen | ~11.000 | 24 % | 5,88 |
| Berlin | ~6.000 | 13 % | hoch |
| Bayern | ~5.800 | 13 % | mittel |
| Hamburg | ~3.700 | ca. 8 % | 19,83 |
| Hessen / RLP / Saarland | ~4.200 | ca. 9 % | variabel |
| Baden-Wuerttemberg | ~3.500 | ca. 7 % | mittel |
| SH / Niedersachsen / Bremen | variabel | — | 7,28 |
| Ostdeutschland (ohne Berlin) | ~2.700 | ca. 3 % | sehr niedrig |
Hamburg, Ostdeutschland und der Erklaerungsrahmen
Hamburg: Hohe Rate, aber aktives Hilfssystem
Hamburg weist mit 19,83 Wohnungslosen ohne Unterkunft je 10.000 Einwohner den hoechsten Wert aller grossen deutschen Staedte auf. Das klingt nach einer Katastrophe — ist aber auch ein Zeichen dafuer, dass Hamburg seine Betroffenen sichtbar macht. Der Stadtstaat hat zugleich den hoechsten Wert bei institutionell Untergebrachten: 170,74 je 10.000 Einwohner. Das heisst, Hamburg erfasst, dokumentiert und betreut vergleichsweise viele wohnungslose Menschen.
Die hohe Rate ohne Unterkunft und die hohe Rate institutioneller Versorgung gleichzeitig deuten auf ein System hin, das sowohl eine grosse Nachfrage hat als auch aktiv Kapazitaeten schafft, sie zu decken. Andere Bundeslaender haben moeglicherweise weniger Wohnungslose in der Statistik, weil die Dunkelziffer hoeher ist oder weil der Zugang zu Hilfseinrichtungen schlechter ist.
Ostdeutschland: Niedrige Zahlen, andere Problemlagen
Die ostdeutschen Bundeslaender ausserhalb Berlins kommen zusammen auf rund 2.700 Menschen ohne Unterkunft — ein im Bundesvergleich sehr niedriger Wert. Die Erklaerung liegt wahrscheinlich in mehreren Faktoren: Die Wohnungsmaerkte in Sachsen, Thueringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind noch deutlich entspannter als in westdeutschen Grossstaedten. Behelfsunterbringungen sind haeufiger moeglich. Gleichzeitig ist die Abwanderung aus strukturschwachen Regionen so stark, dass sich Wohnungsnotlagen anders darstellen als im Westen.
Das bedeutet nicht, dass Armut in Ostdeutschland geringer ist. Kleinraeumige Armutsstatistiken zeigen, dass Armutsraten in ostdeutschen Kommunen haufig ueber dem Bundesschnitt liegen. Die Wohnungslosigkeit nimmt dort nur andere Formen an — verdeckter, laendlicher, weniger sichtbar.
Stadt-Land-Gefaelle: Wohnungslosigkeit nach Gemeindegroesse
- Grossstaedte
- 27 % der Wohnungslosen sind seit mehr als 5 Jahren ohne Unterkunft — ausgepraegter Verfestigungseffekt
- Kleinere Gemeinden
- 14 % sind langfristig wohnungslos; hoehere verdeckte Wohnungslosigkeit wahrscheinlich
- Frauenanteil Grossstadt
- 27 % der Betroffenen sind weiblich
- Frauenanteil kleinere Gemeinden
- 41 % — verweist auf verdeckte Wohnungslosigkeit, haeufig bei Verwandten oder unter Abhaengigkeit
Was die regionalen Unterschiede politisch bedeuten
Die Konsequenz aus dem Bundeslaendervergleich ist klar: Es gibt nicht eine Wohnungslosigkeit in Deutschland, sondern viele. Den obdachlosen Mann in der Koelner Innenstadt verbindet mit der verdeckt wohnungslosen Frau in einer saechsischen Kleinstadt wenig ausser dem gemeinsamen Begriff. Ihre Situationen erfordern unterschiedliche Hilfestrukturen, unterschiedliche Zugaenge und unterschiedliche praeventive Massnahmen.
Das bedeutet auch: Politische Massnahmen, die auf Grossstadtbedingungen zugeschnitten sind — Obdachlosenunterkuenfte, niedrigschwellige Anlaufstellen, aufsuchende Sozialarbeit — funktionieren in laendlichen Raeumen nicht ohne Anpassung. Umgekehrt greifen Strategien, die fuer laendliche Verhaeltnisse entwickelt wurden, in verdichteten Stadtquartieren zu kurz.
Die Verbindung von Wohnungslosigkeit und Gewalt gegen Wohnungslose verstaerkt die staedtische Dimension: In Grossstaedten, wo Wohnungslosigkeit sichtbarer ist, ist auch das Risiko, Opfer von Uebergriffen zu werden, hoeher. Gleichzeitig sind die Hilfesysteme dort vergleichsweise dichter.
Die Frage, welche strukturellen Bedingungen Wohnungslosigkeit beenden oder verhindern, haengt eng mit dem Wohnungsmarkt zusammen. Der Umgang mit Leerstand und Gewerbeimmobilien als potentiellem Wohnraum ist in Ballungsraeumen wie NRW und Bayern eine konkreter gewordene Debatte. In Ostdeutschland hingegen existieren Leerstands-Potentiale anderer Art, die bisher selten strategisch fuer Wohnungslosenhilfe genutzt werden.
Die Langzeitwohnungslosigkeit stellt eine eigene Herausforderung dar, die besonders in Grossstaedten und besonders unter Maennern zutage tritt — aber durch die hoeheren Frauenanteile in kleinen Gemeinden auch dort nicht ignoriert werden darf. Ein System, das erst dann reagiert, wenn jemand auf der Strasse sichtbar wird, erreicht diejenigen nicht, die ihre Wohnungslosigkeit verbergen. Die Grundsicherung als praeventivers Sicherheitsnetz versagt regelmaessig genau fuer die Gruppen, die am staerksten gefaehrdet sind: Nichtdeutsche, Frauen in abhaengigen Verhaeltnissen, Menschen ohne feste Meldeadresse.
Ein weiteres strukturelles Thema betrifft das Wechselspiel von Armut und Justiz: Die Ersatzfreiheitsstrafe bei nicht bezahlten Geldstrafen fuehrt besonders fuer wohnungslose Menschen zu Inhaftierungen, die ihre Lage weiter destabilisieren und den Wiedereinstieg in geordnete Verhaeltnisse zusaetzlich erschweren.