Berufsausbildung

Schulische Berufsausbildung in Deutschland: 384.500 Jugendliche auf diesem Weg

Hundertausende Jugendliche absolvieren ihre Berufsausbildung nicht im dualen System, sondern vollzeitschulisch — ohne Betrieb, meist ohne Vergütung. Sie arbeiten in Pflege, Sozialwesen und Assistenzberufen. Was das für ihre finanzielle Situation bedeutet und wo strukturelle Lücken klaffen.

Schlüsselzahlen

384.500
Jugendliche in schulischer Berufsausbildung 2022/23 — Vollzeitschule statt dualem System
125.500
Jugendliche erlangten 2022 ihre Studienberechtigung über berufliche Schulen
0 €
Ausbildungsvergütung in vielen schulischen Ausbildungsgängen — BAföG ist möglich, aber nicht selbstverständlich
Pflege
Schulgeld in Pflegeberufen wurde abgeschafft — ein wichtiger Schritt zur finanziellen Entlastung

Das duale Ausbildungssystem gilt als Herzstück der deutschen Berufsbildung. Betrieb und Berufsschule, Praxis und Theorie — dieser Weg hat Deutschland eine niedrige Jugendarbeitslosigkeit und eine hohe Qualifikationsrate beschert. Aber er ist nicht der einzige Weg. Rund 384.500 Jugendliche befanden sich im Ausbildungsjahr 2022/23 in einer vollzeitschulischen Berufsausbildung. Sie lernen in der Schule, nicht im Betrieb. Und sie erhalten in den meisten Fällen keine Ausbildungsvergütung — eine finanzielle Belastung, die für Jugendliche aus einkommensschwachen Familien besonders schwer wiegt.

Was ist schulische Berufsausbildung?

Kurzantwort: Schulische Berufsausbildung findet vollständig oder überwiegend an einer Berufsfachschule oder Fachschule statt — nicht im dualen System aus Betrieb und Berufsschule. Sie führt zu staatlich anerkannten Berufsabschlüssen, wird aber meist nicht vergütet. Die meisten Berufe in diesem Segment sind in Gesundheit, Pflege und Sozialwesen angesiedelt.

Im dualen System schließen Auszubildende einen Ausbildungsvertrag mit einem Betrieb ab, erhalten eine Vergütung und besuchen parallel die Berufsschule. Im schulischen System gibt es keinen Betriebsvertrag — stattdessen besuchen Jugendliche eine Berufsfachschule oder Fachschule, absolvieren dort Praktika und erwerben am Ende einen staatlich anerkannten Berufsabschluss. Die Ausbildung ist vollzeitlich in der Schule verankert.

Diese Unterscheidung klingt organisatorisch. Sie ist aber auch eine soziale Frage: Denn während Auszubildende im dualen System eine Vergütung beziehen — die zwar nach Branche und Ausbildungsjahr variiert, aber einen Beitrag zum Lebensunterhalt leistet — haben Jugendliche in vollzeitschulischen Ausbildungen in der Regel kein Einkommen. Sie müssen von ihren Eltern unterstützt werden oder BAföG beantragen.

Welche Berufe und welche Menschen

Kurzantwort: Schulische Berufsausbildungen konzentrieren sich auf Gesundheits- und Pflegeberufe, Sozialwesen, Assistenzberufe und Hauswirtschaft. Frauen sind stark überrepräsentiert. Die Berufe sind gesellschaftlich unverzichtbar — aber finanziell oft schlechter gestellt als duale Ausbildungsberufe.

Die beruflichen Felder, die durch schulische Ausbildung erschlossen werden, sind keine Randphänomene. Pflegefachkräfte, Physiotherapeutinnen, Erzieherinnen, Logopäden, medizinische Fachangestellte, sozialpädagogische Assistenten — das sind Berufe, auf die die Gesellschaft täglich angewiesen ist. Ohne sie würden Krankenhäuser nicht funktionieren, Pflegeheime nicht betrieben werden, Kitas keinen Betrieb aufrechterhalten.

Frauen dominieren diesen Ausbildungsweg

Der Frauenanteil in schulischen Berufsausbildungen ist deutlich höher als in dualen Ausbildungsgängen. Das hat strukturelle Gründe: Pflege- und Sozialberufe waren historisch weiblich konnotiert, wurden weniger gut bezahlt und galten als "Frauenarbeit". Diese Zuschreibung hat sich im Berufsbildungssystem niedergeschlagen. Mädchen und junge Frauen wählen häufiger schulische Ausbildungswege — oder werden durch Beratungssysteme in diese Richtung gelenkt.

Das hat Konsequenzen. Wenn die Ausbildung kein Einkommen bringt und anschließend in einen Beruf mit unterdurchschnittlicher Entlohnung mündet, ist der Pfad in finanzielle Abhängigkeit und spätere Altersarmut vorgezeichnet. Frauen, die schulische Pflegeberufe absolvieren, tragen damit ein doppeltes Risiko: keine Vergütung während der Ausbildung, und ein strukturell unterbewerteter Beruf danach.

Das Vergütungsproblem

Kurzantwort: Die fehlende Ausbildungsvergütung in schulischen Ausbildungsgängen ist eine konkrete finanzielle Belastung — besonders für Jugendliche aus Familien, die sich keine Unterstützung leisten können. BAföG ist eine Möglichkeit, aber keine Selbstverständlichkeit: Antragstellung, Einkommensgrenzen und Bürokratie schrecken viele ab.

Wer eine schulische Berufsausbildung beginnt, braucht einen Weg, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Für Jugendliche, die noch im elterlichen Haushalt leben und von ihren Eltern unterstützt werden können, ist das weniger problematisch. Für Jugendliche aus einkommensschwachen Familien, für junge Volljährige, die auf eigenen Beinen stehen, oder für Geflüchtete ist die Frage existenziell.

BAföG — also Berufsausbildungsförderung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz — kann in Anspruch genommen werden. Aber BAföG ist nicht automatisch. Es muss beantragt werden, die Einkommensgrenzen der Eltern spielen eine Rolle, und der Antragsprozess ist bürokratisch. Jugendliche, die wenig Erfahrung mit staatlichen Antragsverfahren haben oder bei denen die Eltern wenig über das System wissen, stellen seltener einen Antrag — und bleiben ohne Unterstützung.

Finanzielle Armutsfalle: Schulische Berufsausbildung ohne Vergütung kann für Jugendliche aus einkommensschwachen Familien eine echte Armutsfalle sein. Wer sich diese Ausbildung nicht leisten kann, wählt möglicherweise einen anderen Weg — nicht weil er besser passt, sondern weil er Geld bringt. Das verzerrt Berufswahl und Bildungswege.

Die Pflegereform als Schritt in die richtige Richtung

Kurzantwort: Ein wichtiger Schritt wurde mit der Abschaffung des Schulgelds in Pflegeberufen getan. Wer eine Pflegeausbildung absolviert, muss jetzt nicht mehr zahlen — sondern erhält eine Vergütung. Das hat die schulische Pflegeausbildung deutlich attraktiver gemacht und Barrieren für einkommensschwache Bewerberinnen und Bewerber gesenkt.

Jahrzehntelang war ein skandalöses System in Kraft: Wer eine Pflegeausbildung absolvieren wollte, musste dafür in vielen Bundesländern Schulgeld bezahlen. Eine Ausbildung für einen gesellschaftlich unverzichtbaren Beruf kostete die Auszubildenden Geld, anstatt ihnen Geld zu bringen. Dieses System hat erhebliche Barrieren für sozial schwächere Bewerberinnen und Bewerber errichtet — und zur chronischen Personalknappheit in der Pflege beigetragen.

Mit der Pflegereform und dem neuen Pflegeberufegesetz wurde das Schulgeld abgeschafft. Stattdessen erhalten Pflegeauszubildende nun eine Ausbildungsvergütung. Das ist ein struktureller Fortschritt: Er senkt die Zugangsschwellen, macht die Ausbildung finanziell attraktiver und sendet das Signal, dass Pflegearbeit gesellschaftliche Wertschätzung verdient — auch im Geldbeutel.

Lohnlücke nach der Ausbildung

Dennoch bleibt eine strukturelle Lücke. Pflegefachkräfte verdienen im bundesweiten Durchschnitt deutlich weniger als vergleichbar qualifizierte Fachkräfte in industriellen Berufen. Die Entlohnung hat sich in den letzten Jahren verbessert — Tarifverträge wurden ausgeweitet, Mindestlöhne in der Pflege eingeführt. Aber der Rückstand zu anderen Branchen besteht. Das hat Konsequenzen für die langfristige Attraktivität der Berufe und für die finanzielle Absicherung der Menschen, die in ihnen arbeiten.

Studienberechtigung über berufliche Schulen

Kurzantwort: Berufliche Schulen sind nicht nur Sackgassen — sie öffnen auch Türen. Rund 125.500 Jugendliche erlangten 2022 ihre Studienberechtigung über berufliche Schulen. Dieser Weg ist weniger bekannt als das Abitur, führt aber an Fachhochschulen und Hochschulen — und ist für viele die einzige realistische Option.

Berufliche Schulen sind im Bewusstsein vieler Menschen mit Ausbildung verknüpft — nicht mit Studium. Aber sie öffnen auch den Zugang zur Hochschule. Die Fachhochschulreife und in manchen Fällen die allgemeine Hochschulreife können über berufliche Bildungswege erworben werden. Für Jugendliche, die nicht auf einem gymnasialen Weg in die Oberstufe gelangt sind, ist das oft die einzige Möglichkeit, ein Studium aufzunehmen.

Im Jahr 2022 erwarben rund 125.500 Jugendliche ihre Studienberechtigung auf diesem Weg. Das entspricht einem erheblichen Anteil aller Studienberechtigungen. Diese Zahl zeigt: Das berufliche Bildungssystem ist nicht nur Alternativpfad für diejenigen, die das Gymnasium nicht geschafft haben. Es ist auch ein Weg, der Bildungsaufstiege ermöglicht — gerade für Jugendliche, die früh in das System der Berufsvorbereitung eingemündet sind.

Anerkennung und gesellschaftlicher Status

Kurzantwort: Schulische Berufsausbildungen führen zu staatlich anerkannten Abschlüssen — aber sie genießen gesellschaftlich oft weniger Prestige als duale Ausbildungsberufe oder akademische Abschlüsse. Das spiegelt sich auch in der Entlohnung wider und hat Folgen für die Lebenschancen der Absolventinnen und Absolventen.

Ein staatlich anerkannter Berufsabschluss ist ein staatlich anerkannter Berufsabschluss — unabhängig davon, ob er dual oder schulisch erworben wurde. In der Praxis werden schulisch ausgebildete Fachkräfte teils anders wahrgenommen und entlohnt. Das hat historische Gründe: Das duale System hat eine starke Lobby durch die Betriebe, die ausbilden; schulische Ausbildungen haben diese institutionelle Unterstützung nicht in gleicher Weise.

Hinzu kommt: Viele schulisch ausgebildete Berufe sind in Bereichen angesiedelt, die gesellschaftlich geringere Wertschätzung erfahren — Pflege, Soziales, Betreuung. Diese Bewertung ist keine neutrale Einschätzung von Qualifikationsanforderungen. Sie ist historisch gewachsen und mit Geschlechterstereotypen verknüpft. Berufe, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden, wurden und werden systematisch niedriger bewertet — unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Unverzichtbarkeit.

Schulische Ausbildung: typische Berufsfelder

Pflege
Pflegefachfrau/-mann, Altenpflege, Kinderkrankenpflege
Therapie
Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie
Soziales
Sozialassistenz, sozialpädagogische Assistenz
Medizin
MTA, MTLA, medizinische Assistenz
Hauswirtschaft
Hauswirtschaft, Ernährung

Häufige Fragen zur schulischen Berufsausbildung

Was ist der Unterschied zwischen schulischer und dualer Berufsausbildung?

Im dualen System lernen Auszubildende im Wechsel zwischen Betrieb und Berufsschule und erhalten eine Ausbildungsvergütung. In der schulischen Berufsausbildung findet die Ausbildung vollständig oder überwiegend in der Schule statt, ergänzt durch Praktika. Eine Vergütung gibt es in der Regel nicht — Ausnahme sind seit der Reform einige Pflegeberufe.

Wie viele Jugendliche sind in schulischer Berufsausbildung?

Im Ausbildungsjahr 2022/23 befanden sich rund 384.500 Jugendliche in vollzeitschulischen Berufsausbildungen. Sie erwerben staatlich anerkannte Berufsabschlüsse in Gesundheits-, Pflege-, Therapie-, Sozial- und Assistenzberufen.

Bekommt man in der schulischen Berufsausbildung Geld?

In den meisten schulischen Ausbildungsgängen gibt es keine Ausbildungsvergütung. Ausnahme: In der Pflegeausbildung wurde das Schulgeld abgeschafft und durch eine Vergütung ersetzt. Für andere Ausbildungsgänge kann BAföG beantragt werden — aber das ist bürokratisch und erreicht nicht alle Berechtigten.

Kann man nach einer schulischen Ausbildung studieren?

Ja. Berufliche Schulen können die Fachhochschulreife oder allgemeine Hochschulreife vermitteln. Rund 125.500 Jugendliche erlangten 2022 ihre Studienberechtigung auf diesem Weg. Das berufliche Bildungssystem eröffnet damit auch akademische Karrierewege — besonders für Jugendliche, die nicht den gymnasialen Weg gegangen sind.

Warum sind Frauen in der schulischen Berufsausbildung so stark vertreten?

Die schulischen Berufsausbildungen konzentrieren sich auf Pflege-, Sozial- und Therapieberufe, die historisch als Frauenberufe galten. Diese gesellschaftliche Zuschreibung spiegelt sich in der Berufswahl wider. Gleichzeitig sind diese Berufe strukturell unterbewertet — niedrigere Entlohnung, fehlende Vergütung während der Ausbildung — was das Armutsrisiko für Frauen in diesen Berufen erhöht.

Welche Reform hat die Pflegeausbildung verändert?

Das Pflegeberufegesetz hat das Schulgeld in der Pflegeausbildung abgeschafft und eine Ausbildungsvergütung eingeführt. Zuvor mussten viele Pflegeauszubildende selbst für ihre Ausbildung zahlen — eine erhebliche Barriere für einkommensschwache Bewerberinnen und Bewerber. Die Reform hat die Pflegeausbildung zugänglicher und attraktiver gemacht.