Was bedeutet "keine Einwanderungsgeschichte"?
Die Frage klingt einfacher, als sie ist: Wer zählt eigentlich zu den Menschen ohne Einwanderungsgeschichte? In der deutschen Bevölkerungsstatistik gehört zu dieser Gruppe, wer selbst in Deutschland geboren wurde und bei dem auch kein Elternteil als Ausländer, Aussiedler oder eingebürgerte Person nach Deutschland zugewandert ist. Es ist also eine Definition, die über die eigene Person hinausgeht und die familiäre Herkunft einschließt.
Dass diese Abgrenzung wichtig ist, zeigt sich schnell: Ein Mensch, der in München geboren wurde und dort aufgewachsen ist, dessen Großeltern aber in den 1960er-Jahren aus der Türkei als Gastarbeiter kamen, zählt statistisch zur Gruppe der Nachkommen von Eingewanderten — nicht zur Gruppe ohne Einwanderungsgeschichte. Umgekehrt zählt jemand, der selbst als Kind aus einem anderen Land nach Deutschland gezogen ist, zur Gruppe der Eingewanderten.
Diese Differenzierung ist kein bürokratisches Glasperlenspiel. Sie macht sichtbar, wie unterschiedlich Lebenschancen, Altersstrukturen und soziale Positionen in der deutschen Gesellschaft verteilt sind — und warum rohe Vergleiche ohne diese Unterscheidung oft in die Irre führen.
Eine alternde Mehrheit: Die Altersstruktur im Detail
Das markanteste Merkmal dieser Bevölkerungsgruppe ist ihr hohes Durchschnittsalter. Mit 47,2 Jahren ist sie im Schnitt erheblich älter als Eingewanderte (43,1 Jahre) und deutlich älter als die Nachkommen von Eingewanderten, die im Schnitt erst 20,3 Jahre alt sind. Dieser Abstand ist kein Zufall — er ist das Ergebnis jahrzehntelanger Bevölkerungsdynamik.
Konkret bedeutet das: Mehr als die Hälfte der Menschen ohne Einwanderungsgeschichte — nämlich 51,6 Prozent — ist mindestens 50 Jahre alt. Rund 38,4 Prozent sind zwischen 50 und 74 Jahre alt, befinden sich also in der Phase zwischen dem Ende des Erwerbslebens und dem Beginn des hohen Alters. Diese Konzentration auf ältere Jahrgänge hat weitreichende Folgen für das gesamte gesellschaftliche Gefüge.
Zum Vergleich: Bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind die Altersgruppen der 25- bis 60-Jährigen besonders stark besetzt. Rund 62 Prozent aller Eingewanderten gehören dieser mittleren Erwerbsaltersgruppe an — ein Spiegel dessen, dass Migration oft in der aktiven Lebensphase stattfindet, wenn Menschen Arbeit suchen oder Familien gründen wollen.
Diese strukturellen Altersunterschiede wirken sich auf fast alle Lebensbereiche aus: auf Rentenquoten, auf Bildungsabschlüsse, auf Erwerbsbeteiligung, auf Haushaltsgröße — und damit auch auf die Wahrnehmung und Messung sozialer Ungleichheit. Wer die Gruppen ohne diese Linse vergleicht, vergleicht Äpfel mit Orangen.
Erwerbsbeteiligung: Solide, aber nicht ohne Schatten
Wer in Deutschland ohne Einwanderungsgeschichte in die Mitte der Erwerbsbiografie tritt, findet grundsätzlich stabile Verhältnisse vor. Im Erwerbsalter zwischen 15 und 74 Jahren liegt die Erwerbsquote dieser Gruppe bei 70,7 Prozent — ein hoher Wert, der über Jahrzehnte gewachsen ist. Maßgeblich dazu beigetragen hat die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen: Seit 1993 ist die Erwerbsquote von Frauen um fast 13 Prozentpunkte gewachsen. Im Jahr 2023 lag sie bei 65,7 Prozent — leicht unter dem Höchstwert von 2019 (66 Prozent), aber auf historisch hohem Niveau.
Die Erwerbsquote der Männer lag zuletzt bei 74,5 Prozent und bewegt sich damit stabil auf dem Niveau, das sie nach einem zwischenzeitlichen Rückgang um 2005 wieder erreicht hat. Der Abstand zwischen Männern und Frauen beträgt weiterhin knapp 9 Prozentpunkte — ein strukturelles Muster, das sich trotz aller Fortschritte hartnäckig hält.
Ein weiterer deutlicher Trend: Der Übergang in den Ruhestand verschiebt sich. Über die letzten zwei Jahrzehnte ist das durchschnittliche Renteneintrittsalter spürbar gestiegen. Die gesellschaftliche und rechtliche Entwicklung — Anhebung des Renteneintrittsalters, Förderung längerer Erwerbstätigkeit — schlägt sich in den Zahlen nieder. Für viele Menschen bedeutet das: mehr Jahre im Arbeitsleben, aber auch mehr Zeit, um Rentenansprüche aufzubauen.
- Definition
- Personen, die selbst in Deutschland geboren sind und bei denen kein Elternteil zugewandert oder eingebürgert ist
- Bevölkerungszahl
- 58,7 Millionen (rund 70 % der deutschen Gesamtbevölkerung, Stand 2023)
- Durchschnittsalter
- 47,2 Jahre — die älteste der drei statistischen Bevölkerungsgruppen
- Anteil 50+
- 51,6 % sind 50 Jahre oder älter
- Erwerbsquote
- 70,7 % (Frauen: 65,7 %; Männer: 74,5 %)
- Berufsposition
- 51 % in mittleren oder höheren Angestelltenberufen (vs. 41 % bei Personen mit Einwanderungsgeschichte)
- Häufiges Missverständnis
- Nicht alle sozialen Unterschiede zwischen Gruppen spiegeln Diskriminierung wider — ein erheblicher Teil erklärt sich allein durch die unterschiedliche Altersstruktur
Berufsposition und soziale Lage: Mehr Angestellte, kaum Beamte ohne Migrationshintergrund
Ein auffälliger Unterschied zwischen den Bevölkerungsgruppen zeigt sich bei der beruflichen Stellung. Rund 51 Prozent der Erwerbstätigen ohne Einwanderungsgeschichte arbeiten in mittleren oder höheren Angestelltenberufen. Bei Personen mit Migrationshintergrund liegt dieser Anteil bei 41 Prozent — ein Unterschied von zehn Prozentpunkten, der Folgen für Einkommen, soziale Sicherheit und Aufstiegschancen hat.
Besonders auffällig ist die Beamtenstelle: Während Personen ohne Einwanderungsgeschichte hier deutlich öfter vertreten sind, ist der Zugang für Menschen mit Migrationshintergrund strukturell eingeschränkt. Beamtenstatus setzt in aller Regel die deutsche oder eine EU-Staatsangehörigkeit voraus. Wer erst später eingebürgert wurde oder noch keine Staatsbürgerschaft besitzt, ist aus diesem Beschäftigungsbereich weitgehend ausgeschlossen.
Das wirkt sich nicht nur auf den gegenwärtigen Lebensstandard aus, sondern auch auf die langfristige Absicherung. Beamte genießen Pensionsansprüche, die außerhalb des gesetzlichen Rentenversicherungssystems liegen — und damit eine andere Art der Altersvorsorge als Angestellte oder Selbstständige. Wer keinen Zugang zu diesem System hat, ist für sein Alter stärker auf die gesetzliche Rente angewiesen, deren Niveau in den vergangenen Jahrzehnten real gesunken ist.
Soziale Ungleichheit in Deutschland ist also nicht nur eine Frage der Einkommensunterschiede im Hier und Jetzt — sie ist auch eine Frage des Zugangs zu bestimmten Beschäftigungsformen und der damit verbundenen Absicherung. Mehr dazu, wie sich diese Muster auf die Alterssicherung auswirken, findet sich im Bereich Altersarmut.
Warum Gruppenvergleiche ohne Alterskorrektur in die Irre führen
Wer die Lebensverhältnisse verschiedener Bevölkerungsgruppen miteinander vergleicht — Bildungsabschlüsse, Erwerbsquoten, Rentenansprüche, Einkommenshöhe — stößt unweigerlich auf starke Unterschiede. Die naheliegende Frage lautet dann: Woran liegt das? Diskriminierung? Institutionelle Hürden? Mangelnde Unterstützung?
Die Antwort ist oft komplexer. Ein erheblicher Teil der beobachteten Unterschiede erklärt sich schlicht durch die sehr unterschiedliche Altersstruktur der Gruppen. Die Nachkommen von Eingewanderten sind im Schnitt erst 20,3 Jahre alt — mitten in Ausbildung und Studium, noch nicht im Beruf angekommen, noch weit entfernt von Renteneintritt und Vermögensaufbau. Wenn diese Gruppe weniger Bildungsabschlüsse auf dem Markt vorweisen kann, liegt das nicht zwingend an schlechterem Zugang — es liegt oft daran, dass sie schlicht noch zu jung ist, um sie abgeschlossen zu haben.
Umgekehrt ist die Gruppe ohne Einwanderungsgeschichte die älteste: Sie hat längere Erwerbsbiografien hinter sich, mehr Zeit gehabt, Berufserfahrung und Rentenansprüche aufzubauen. Ein direkter Vergleich ohne Berücksichtigung dieser Altersstruktur würde Verzerrungen erzeugen, die nichts über tatsächliche Chancengleichheit aussagen.
Das bedeutet nicht, dass es keine Ungleichheiten gibt — die gibt es, und sie sind real und dokumentiert. Aber eine seriöse Bestandsaufnahme muss die demografische Zusammensetzung der Gruppen im Blick behalten, um nicht zufällige Alterseffekte mit struktureller Benachteiligung zu verwechseln. Mehr dazu, wie Bildungsarmut und soziale Herkunft zusammenhängen, lesen Sie im entsprechenden Bereich dieser Website.
Rentnerquote und die Zukunft der sozialen Sicherung
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte ist 50 Jahre oder älter. Das bedeutet: Ein wachsender Anteil nähert sich dem Rentenalter oder hat es bereits überschritten. Die Rentnerquote in dieser Gruppe ist deutlich höher als in der Einwanderergruppe oder bei den Nachkommen — was kaum verwundert, wenn man die Altersverteilung kennt.
Für die gesetzliche Rentenversicherung hat das direkte Konsequenzen. Die Finanzierung des Rentensystems hängt davon ab, dass ausreichend viele Menschen im erwerbsfähigen Alter in das System einzahlen. Wenn eine Bevölkerungsgruppe überproportional aus älteren Menschen besteht, die bereits Leistungen beziehen, verschiebt sich das Verhältnis von Beitragszahlern zu Empfängern — und damit die Belastung für alle. Zuwanderung und die Kinder von Eingewanderten spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige stabilisierende Rolle.
Gleichzeitig ist nicht jede Rentnerin und jeder Rentner ohne Einwanderungsgeschichte automatisch gut versorgt. Auch in dieser Gruppe gibt es erhebliche Unterschiede. Wer in Niedriglohnbranchen gearbeitet hat, wessen Erwerbsbiografie durch Pflege, Teilzeit oder Arbeitslosigkeit unterbrochen wurde, oder wer keine private Vorsorge aufgebaut hat, steht im Alter vor denselben Fragen wie Menschen aus anderen Bevölkerungsgruppen. Das Thema Altersarmut betrifft die deutsche Gesellschaft in ihrer ganzen Breite — unabhängig von der Herkunftsfrage.
Was diese Zahlen gesellschaftspolitisch bedeuten
Die statistische Betrachtung der Gruppe ohne Einwanderungsgeschichte ist kein Selbstzweck. Sie ist Voraussetzung dafür, gesellschaftliche Debatten auf einem soliden Fundament zu führen. Wer über Integration spricht, über soziale Gerechtigkeit, über die Zukunft des Rentensystems oder über Chancengleichheit im Bildungswesen, braucht genaue Kenntnis darüber, wer in diesem Land lebt, wie alt diese Menschen sind und welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen.
Eine alternde Bevölkerungsmehrheit, deren Angehörige im Schnitt 47 Jahre alt sind und häufig in mittleren und höheren Angestelltenpositionen arbeiten oder bereits in Rente sind, hat andere Bedürfnisse und andere politische Prioritäten als eine jüngere, heterogene Gruppe, die sich im Aufbau befindet. Das prägt politische Mehrheiten, Investitionsentscheidungen und den Umgang mit sozialen Risiken.
Gleichzeitig wäre es ein Fehler, diese Gruppe als homogene Masse zu betrachten. Auch unter den 58,7 Millionen Menschen ohne Einwanderungsgeschichte gibt es armutsgefährdete Menschen, Menschen ohne ausreichende Rentenansprüche, Menschen, die von steigenden Wohnkosten verdrängt werden oder deren Kinder schlechtere Startbedingungen haben als andere. Armut kennt keine Herkunft — sie folgt anderen Mustern: schlechte Ausbildung, prekäre Arbeit, fehlende soziale Netzwerke, chronische Krankheit.
Ein tieferes Verständnis der sozialen Lage in Deutschland erfordert deshalb beides: die strukturierte Betrachtung nach Bevölkerungsgruppen, um Muster zu erkennen — und den Blick auf den einzelnen Menschen, um diese Muster nicht mit Schicksalen zu verwechseln. Wie Einkommensungleichheit in Deutschland entstanden ist und wächst, lesen Sie in einem eigenen Abschnitt auf dieser Website.