Frauen & Arbeitsmarkt

Mutterschaft als Hürde: Warum ukrainische Mütter mit Kleinkindern kaum in Arbeit kommen

Ukrainische Frauen mit Kleinkindern zwischen 0 und 2 Jahren waren anfangs zu nur 12 Prozent erwerbstätig — und das trotz oft akademischer Ausbildung. Was dahintersteckt.

Zahlen auf einen Blick

12 %
ukrainische Mütter mit Kind 0–2 Jahre erwerbstätig (Frühjahr 2023) — bei älteren Kindern: 63 %
17 %
ukrainische Frauen insgesamt erwerbstätig — vs. 81 % in der deutschen Gesamtbevölkerung
48 %
der geflüchteten Familien kamen mit mindestens einem Kind unter schulpflichtigem Alter
60 %
der Kinder lebten nur mit der Mutter in Deutschland — Väter verblieben in der Ukraine

Wer mit einem kleinen Kind flieht, hat vor allem ein Ziel: das Kind in Sicherheit bringen. An Arbeit denken die meisten zuerst nicht — und selbst wenn sie es wollen, stehen ihnen strukturelle Hürden im Weg, die zunächst kaum überwindbar erscheinen. Für ukrainische Mütter mit Kleinkindern ist die Erwerbsbeteiligung in Deutschland nicht deshalb so niedrig, weil sie nicht arbeiten wollen. Es liegt daran, dass die Voraussetzungen fehlen.

Auf einen Blick

Kind 0–2 J.
12 % der Mütter erwerbstätig (Frühjahr 2023), 23 % (Sommer 2023)
Kind 3–6 J.
63 % → 70 % erwerbstätig (Frühjahr bis Sommer 2023)
Alleinerziehend
53 % → 61 % erwerbstätig
Neue Länder/Berlin
Kita-Nutzung: 69 % → 71 % (Kind 3–6 J.)
Früheres Bundesgebiet
Kita-Nutzung: 46 % → 57 % (Kind 3–6 J.)

Der Kita-Platz entscheidet über den Jobzugang

Der Zusammenhang ist eindeutig: Je jünger das Kind, desto seltener ist die Mutter erwerbstätig. Das gilt für alle Mütter in Deutschland — aber bei Geflüchteten aus der Ukraine zeigt sich die Lücke besonders dramatisch. Mütter mit Kindern zwischen 0 und 2 Jahren kamen im Frühjahr 2023 nur auf eine Erwerbsquote von 12 Prozent. Zum Vergleich: Mütter mit Kindern zwischen 3 und 6 Jahren erreichten bereits 63 Prozent.

Der entscheidende Faktor ist die Kinderbetreuung. Ohne einen Kita-Platz ist Erwerbsarbeit für die meisten Mütter schlicht unmöglich. Die Kita-Nutzungsquoten stiegen im Beobachtungszeitraum deutlich — in den neuen Bundesländern und Berlin nutzten schon 70 Prozent der Kinder im Vorschulalter eine Kita. Im früheren Bundesgebiet lag die Quote mit 57 Prozent noch niedriger. Das erklärt, warum die Erwerbsbeteiligung im Osten höher ist als im Westen.

Für ukrainische Kleinkinder ist die Kita auch ein Ort der Sprachentwicklung — Kinder, die früh Deutsch lernen, nehmen der Mutter eine wichtige Sorge ab und ermöglichen ihr, selbst in Integrationskursen und schließlich im Beruf aktiv zu werden.

Kurzantwort: Ob eine ukrainische Mutter erwerbstätig ist, hängt vor allem daran, ob ihr Kind einen Kita-Platz hat. Mit Kleinkind unter drei Jahren und ohne Betreuung sind 88 % der Mütter nicht erwerbstätig — das ist kein Willensproblem, sondern ein strukturelles.

Allein mit Kindern: Wenn der Vater in der Ukraine bleibt

Die ukrainische Fluchtbewegung ist in ihrer Struktur ungewöhnlich: Wegen der Wehrpflicht durften Männer zwischen 18 und 60 Jahren die Ukraine nicht verlassen. Was das bedeutet, zeigen die Zahlen deutlich: Sechs von zehn der seit 2022 zugezogenen Erwachsenen waren Frauen — bei den Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter sogar sieben von zehn.

Das Ergebnis: 60 Prozent der Kinder, die mit ihren Müttern nach Deutschland kamen, lebten hier nur mit einem Elternteil. Die Väter sind in der Ukraine. Diese Mütter tragen allein die Verantwortung für Kindererziehung, Bürokratie und Alltag — in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache.

Trotzdem zeigt die Erwerbsbeteiligung bei Alleinerziehenden einen Aufwärtstrend: Im Frühjahr 2023 waren 53 Prozent erwerbstätig, im Sommer 2023 bereits 61 Prozent. Das spricht für die Resilienz dieser Frauen — und dafür, dass Unterstützungsangebote wirken, wenn sie vorhanden sind.

Kurzantwort: 60 % der Kinder ukrainischer Geflüchteter lebten in Deutschland nur mit der Mutter, da Väter wegen der Wehrpflicht nicht ausreisen durften. Trotzdem ist die Erwerbsbeteiligung Alleinerziehender gestiegen — von 53 % auf 61 % in nur einem halben Jahr.

Sprachkurse und Arbeitsmarkt: Was Mütter besonders bremst

Zwei Drittel aller erwachsenen Geflüchteten aus der Ukraine besuchten Anfang 2023 einen Integrations- oder Sprachkurs. Das ist ein wichtiger Schritt — aber für Mütter mit Kleinkindern stellt sich sofort die nächste Frage: Wer betreut das Kind während des Kurses?

Viele Integrationskurse bieten keine parallele Kinderbetreuung. Das schließt Mütter mit Babys und Kleinkindern systematisch aus — nicht durch böse Absicht, sondern durch eine Infrastruktur, die nicht auf diese Gruppe ausgelegt ist. Dabei sind Deutschkenntnisse die wichtigste Voraussetzung dafür, einen qualifikationsadäquaten Job zu finden.

Die Folge ist eine Doppelbremse: Wer kein Deutsch spricht, findet keine Arbeit. Wer kein Kind betreuen lassen kann, kommt nicht in den Sprachkurs. Und wer kein Einkommen hat, bleibt auf Sozialleistungen angewiesen — und damit armutsgefährdet.

Kurzantwort: Für Mütter mit Kleinkindern entsteht eine doppelte Barriere: Ohne Kinderbetreuung kein Sprachkurs, ohne Sprachkurs kein Job, ohne Job kein Einkommen. Integrationskurse mit parallel verfügbarer Kinderbetreuung wären ein wirksamer Hebel.

Armutsgefährdung und was dagegen hilft

Mütter, die nicht erwerbstätig sind, leben von Sozialleistungen. Diese liegen strukturell unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle — was bedeutet, dass viele Mütter mit Kleinkindern aus der Ukraine statistisch armutsgefährdet sind, obwohl sie oft hochqualifiziert sind und mit Blick auf bessere Möglichkeiten nach Deutschland gekommen sind.

Was hilft:

  • Kitaplatzvermittlung: Jobcenter und Jugendämter können bei der Suche nach Betreuungsplätzen unterstützen.
  • Integrationskurse mit Kinderbetreuung: Manche Träger bieten parallele Betreuungsangebote — gezielt danach suchen.
  • Elterngeld und Kindergeld: Auch Geflüchtete mit vorübergehendem Schutzstatus haben in der Regel Anspruch auf Kindergeld.
  • Wohngeld: Bei geringem Einkommen kann Wohngeld beantragt werden, um die Wohnkosten zu senken.
  • Beratung: Wohlfahrtsverbände (AWO, Caritas, Diakonie) bieten sprachkundige Beratung für Geflüchtete an.
Kurzantwort: Ukrainische Mütter mit Kleinkindern sind überdurchschnittlich armutsgefährdet, weil fehlende Kinderbetreuung Erwerbsarbeit verhindert. Kitaplatzvermittlung, Integrationskurse mit Betreuung und Beratungsangebote der Wohlfahrtsverbände sind die wichtigsten Anlaufstellen.

Häufig gestellte Fragen

Warum können ukrainische Mütter mit Kleinkindern kaum arbeiten?

Der Hauptgrund ist fehlende Kinderbetreuung. Ohne Kitaplatz ist Erwerbsarbeit für Mütter von Kleinstkindern praktisch ausgeschlossen. Hinzu kommen Sprachbarrieren und die Tatsache, dass viele Mütter die einzige erwachsene Bezugsperson im Haushalt sind — die Väter konnten die Ukraine wegen der Wehrpflicht nicht verlassen.

Wie schnell steigt die Erwerbsbeteiligung mit dem Alter des Kindes?

Deutlich. Bei Kleinkindern unter 3 Jahren lag die Quote im Frühjahr 2023 bei 12 Prozent. Bei Kindern zwischen 3 und 6 Jahren waren bereits 63 Prozent der Mütter erwerbstätig — und bis Sommer 2023 stieg dieser Wert auf 70 Prozent. Der Kitaplatzzugang ist dabei der entscheidende Faktor.

Haben Alleinerziehende besondere Unterstützungsansprüche?

Ja. Alleinerziehende haben Anspruch auf Unterhaltsvorschuss (wenn der andere Elternteil keinen Unterhalt zahlt), auf den Alleinerziehenden-Entlastungsbetrag beim Steuerrecht und auf vorrangige Kitaplatz-Vermittlung in vielen Kommunen. Jobcenter können bei der Antragstellung helfen.

Gibt es Integrationskurse mit Kinderbetreuung?

In manchen Städten ja — aber nicht flächendeckend. Manche Träger organisieren parallel Betreuungsgruppen. Beim Jobcenter oder bei der zuständigen Ausländerbehörde kann nach entsprechenden Angeboten gefragt werden. Auch Wohlfahrtsverbände wie Caritas oder AWO kennen lokale Angebote.

Haben Geflüchtete Anspruch auf Kindergeld?

Geflüchtete mit einem Aufenthaltstitel (auch vorübergehender Schutz nach § 24 AufenthG) haben in der Regel Anspruch auf Kindergeld, wenn sie in Deutschland wohnen und das Kind im Haushalt lebt. Die Familienkasse der Bundesagentur für Arbeit ist zuständig.