Ein Vergleich, der nachdenklich macht
Menschen mit Migrationshintergrund tragen in Deutschland ein Armutsrisiko von rund 25 Prozent — fast jeder vierte. Bei der Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte liegt diese Quote bei 14 Prozent. Das ist kein marginaler Unterschied, sondern fast das Doppelte. Diese Luecke ist nicht neu, aber sie ist beharrlich.
Gleichzeitig ist "Migrationshintergrund" eine sehr heterogene Kategorie. Wer aus der EU nach Deutschland zieht und eine hohe Qualifikation mitbringt, steht vor anderen Herausforderungen als jemand, der als Gefluechteter anerkannt wurde und monate- oder jahrelang kein Recht auf Erwerbstaetigkeit hatte. Die Statistik fasst diese sehr unterschiedlichen Lebensrealitaeten in einer Zahl zusammen — und verdeckt dabei wichtige Unterschiede.
Arbeitsmarkt: Die Luecken im Detail
Die Kluft auf dem Arbeitsmarkt beginnt bei der Arbeitslosigkeit: Mit rund 11 Prozent liegt die Quote bei Menschen mit Migrationshintergrund mehr als doppelt so hoch wie bei jenen ohne — 5 Prozent. Das bedeutet nicht, dass eine Gruppe weniger arbeiten will, sondern dass strukturelle Barrieren bestehen: Sprachkenntnisse, Anerkennung auslaendischer Abschluesse, Diskriminierung bei Bewerbungen.
Auch wer Arbeit hat, steht haeufig unter schlechteren Bedingungen. Der Arbeiteranteil — also der Anteil derjenigen, die in handwerklichen oder koerperlich belastenden Taetigkeiten beschaeftigt sind — betraegt bei Menschen mit Migrationshintergrund rund 17 Prozent, verglichen mit 7 Prozent bei jenen ohne. Das bedeutet mehr Schwerarbeit, mehr Gesundheitsrisiken und kuerzere Erwerbsbiografien.
Beim Vollzeitanteil ist der Unterschied kleiner: 50 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten Vollzeit, gegenueber 56 Prozent ohne. Das klingt nach wenig — aber kombiniert mit niedrigeren Stundenloehn und weniger Aufstiegsmoeglichkeiten kumuliert sich dieser Unterschied zu einem deutlichen Einkommensgefaelle.
Einkommen und Berufsstruktur im Vergleich
| Merkmal | Mit Migrationshintergrund | Ohne Migrationshintergrund |
|---|---|---|
| Arbeitslosenquote | 11% | 5% |
| Arbeiteranteil | 17% | 7% |
| Vollzeitanteil | 50% | 56% |
| Nettoeinkommen (Ø) | 1.800 € | 2.000 € |
| Armutsrisikoquote | 25% | 14% |
Gefluechtete: eine besonders exponierte Gruppe
Innerhalb der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund sind Gefluechtete in besonderem Mass armutsgefaehrdet. Sie haben haeufig keine Anerkennung ihrer Qualifikationen, haben oft ein oder mehrere Jahre ohne Erwerbsmoeglichkeit verbracht und starten auf dem Arbeitsmarkt unter deutlich schlechteren Vorzeichen.
Nguyen, eine Sozialberaterin in Frankfurt, schildert die Muster, die sie taeglich sieht: Gut ausgebildete Menschen, die bei Null anfangen muessen, weil ihre Abschluesse nicht anerkannt werden. Menschen, die nach Jahren im Asylverfahren endlich arbeiten duerfen — und dann feststellen, dass ihre Deutschkenntnisse noch nicht ausreichen fuer den Beruf, den sie 20 Jahre lang ausgeubt haben. Jede dieser Stufen kostet Zeit, und Zeit kostet Rentenansprueche.
Was die Unterschiede erklaert — und was nicht
Ein Teil der Luecke erklaert sich durch nachvollziehbare Faktoren: Wer spaeter im Leben nach Deutschland zieht, hat weniger Zeit, Rentenansprueche aufzubauen. Wer das Bildungssystem in einem anderen Land durchlaufen hat, muss Abschluesse zuerst anerkennen lassen. Wer sprachliche Barrieren hat, kann nicht sofort alle Jobs bewerben.
Ein anderer Teil erklaert sich weniger gut: Diskriminierung bei Bewerbungen ist empirisch gut dokumentiert. Menschen mit fremdklingenden Namen erhalten bei gleicher Qualifikation seltener Einladungen zu Vorstellungsgespraechen. Das ist kein Einzelphaenomen, sondern ein systematisches Muster — und es vergroessert die Luecke zusaetzlich.
Auf einen Blick: Migranten und Arbeitsmarkt
- Armutsrisiko
- 25% bei Menschen mit Migrationshintergrund vs. 14% ohne
- Arbeitslosigkeit
- 11% vs. 5% — mehr als doppelt so hoch
- Einkommen (Netto Ø)
- 1.800 Euro vs. 2.000 Euro monatlich
- Arbeiteranteil
- 17% vs. 7% — koerperlich belastendere Beschaeftigung
- Besonders betroffen
- Gefluechtete, Personen ohne anerkannte Abschluesse
- Haeufiger Irrtum
- "Der Arbeitsmarkt ist neutral." Tatsaechlich belegen Studien, dass Menschen mit fremdklingenden Namen bei gleicher Qualifikation seltener eingeladen werden — Diskriminierung ist eine messbare Groesse.