Zwei Generationen, zwei Realitaeten
Wer "Menschen mit Migrationshintergrund" sagt, spricht ueber eine Gruppe, die intern fast nichts verbindet ausser dem statistischen Kriterium. Ein 57-jaehriger Ingenieur, der vor 30 Jahren aus Polen nach Deutschland kam, hat mit einem 19-jaehrigen Gymnasiasten, dessen Eltern aus der Tuerkei eingewandert sind, wenig gemeinsam — ausser: Beide tauchen in derselben Kategorie auf.
Die Altersstruktur zeigt diesen Unterschied deutlich. Eingewanderte — also diejenigen, die selbst nach Deutschland gezogen sind — sind durchschnittlich 43 Jahre alt. Ihre in Deutschland geborenen Nachkommen sind im Schnitt gerade einmal 20 Jahre alt. Das bedeutet: Die Nachkommengeneration steht grossteils noch am Anfang ihrer Bildungs- und Berufsbiografie. Ihre Chancen, Armut zu vermeiden, werden sich in den naechsten Jahren entscheiden — je nachdem, wie gut das Bildungssystem sie erreicht.
Bildungsabschluesse: eine klaffende Luecke
Der auffaelligste Unterschied zwischen Eingewanderten und der uebrigen Bevoelkerung liegt bei der Berufsqualifikation. Rund 44 Prozent der Eingewanderten haben keinen berufsqualifizierenden Abschluss. In der Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte trifft das nur auf rund 12 Prozent zu.
Das klingt wie ein individuelles Defizit — ist aber oft ein systematisches. In vielen Herkunftslaendern existieren keine vergleichbaren Berufsausbildungssysteme. Wer im Handwerk oder in der Industrie gearbeitet hat, ohne formalen Abschluss, aber mit jahrzehntelanger Praxis, gilt in der deutschen Statistik als unqualifiziert. Das verzerrt das Bild erheblich.
Gleichzeitig haben Personen mit einseitiger Einwanderungsgeschichte — also Nachkommen, bei denen nur ein Elternteil eingewandert ist — eine bessere Qualifikationsstruktur: Gut die Haelfte hat einen nicht-akademischen Berufsabschluss, rund 62 Prozent der Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte verfuegen ebenfalls ueber einen solchen Abschluss. Der Unterschied wird kleiner — aber er besteht.
Erwerbsquoten im Dreiervergleich
Auch bei der Erwerbsteilhabe zeigen sich Unterschiede — und hier ist das Muster aufschluessreich:
| Gruppe | Erwerbsquote |
|---|---|
| Eingewanderte | 73,2% |
| Nachkommen Eingewanderter | 72,6% |
| Ohne Einwanderungsgeschichte | 82,8% |
Der Abstand zur Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte ist real — rund 10 Prozentpunkte. Aber er erklaert sich nicht vollstaendig durch Qualifikationsluecken. Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, fehlende Netzwerke und unterschiedliche Familienkonzepte spielen ebenfalls eine Rolle. Gleichzeitig zeigen Eingewanderte und ihre Nachkommen fast identische Erwerbsquoten — was darauf hindeutet, dass sich der Nachteil in der zweiten Generation nicht automatisch auflost.
Recente Zuwanderung: juenger und mit anderen Profilen
Wer zwischen 2020 und 2023 nach Deutschland gezogen ist, ist im Durchschnitt 37 Jahre alt — und damit deutlich juenger als der Gesamtdurchschnitt der schon laenger hier lebenden Eingewanderten. Das liegt daran, dass Arbeitsmigration und Fluchtmigration vor allem junge Erwachsene betreffen.
Wer noch vor 1980 eingewandert ist, ist heute durchschnittlich 57 Jahre alt — also fast im Rentenalter. Diese Gruppe haelt oft niedrigere Rentenansprueche, weil die fruehen Einwanderungsjahrzehnte von Niedriglohnarbeit und geringem sozialem Schutz gepraegt waren. Altersarmut ist in dieser Gruppe ueberdurchschnittlich verbreitet.
Warum diese Zahlen gesellschaftlich wichtig sind
Die Nachkommen Eingewanderter sind mit durchschnittlich 20 Jahren eine junge Generation — grossteils in Ausbildung oder am Beginn des Berufslebens. Wie gut sie integriert werden, welche Chancen sie auf dem Arbeitsmarkt haben und wie das Bildungssystem sie unterstuetzt, wird in den naechsten Jahren entscheiden, ob sich soziale Ungleichheit ueber Generationen fortschreibt.
Alle Beteiligten — Schulen, Unternehmen, Behoerden — stehen vor der Aufgabe, nicht einfach gleich zu behandeln, sondern unterschiedliche Ausgangssituationen aktiv auszugleichen. Das ist keine Privilegierung, sondern Voraussetzung fuer Chancengerechtigkeit.
Auf einen Blick: Altersstruktur und Qualifikation
- Eingewanderte (Ø-Alter)
- 43,1 Jahre
- Nachkommen (Ø-Alter)
- 20,3 Jahre
- Ohne Einwanderungsgeschichte (Ø)
- 47,2 Jahre
- Fehlender Berufsabschluss
- 44,1% der Eingewanderten vs. 11,8% ohne Einwanderungsgeschichte
- Erwerbsquote
- 73,2% (Eingewanderte), 72,6% (Nachkommen), 82,8% (ohne MH)
- Haeufiger Irrtum
- "Ohne Abschluss heisst ohne Qualifikation." Viele Eingewanderte bringen umfangreiche Berufserfahrung mit — die das deutsche Anerkennungssystem nur unvollstaendig erfasst.