Migration & Demografie

43 vs. 20 Jahre: Was der Altersunterschied zwischen Eingewanderten und ihren Nachkommen bedeutet

Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind, sind im Durchschnitt 43 Jahre alt. Ihre in Deutschland geborenen Nachkommen sind im Schnitt 20 Jahre alt. Diese Luecke von mehr als zwei Jahrzehnten ist kein Zufall — sie praegt Bildungschancen, Erwerbsteilhabe und das soziale Gefuege ganzer Bevoelkerungsgruppen.

Schluesselzahlen

43,1 Jahre
Durchschnittsalter der Eingewanderten in Deutschland
20,3 Jahre
Durchschnittsalter der Nachkommen Eingewanderter — mehr als zwei Jahrzehnte juenger
47,2 Jahre
Durchschnittsalter der Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte
44,1%
Eingewanderte ohne berufsqualifizierenden Abschluss — vs. 11,8% ohne Einwanderungsgeschichte

Zwei Generationen, zwei Realitaeten

Wer "Menschen mit Migrationshintergrund" sagt, spricht ueber eine Gruppe, die intern fast nichts verbindet ausser dem statistischen Kriterium. Ein 57-jaehriger Ingenieur, der vor 30 Jahren aus Polen nach Deutschland kam, hat mit einem 19-jaehrigen Gymnasiasten, dessen Eltern aus der Tuerkei eingewandert sind, wenig gemeinsam — ausser: Beide tauchen in derselben Kategorie auf.

Die Altersstruktur zeigt diesen Unterschied deutlich. Eingewanderte — also diejenigen, die selbst nach Deutschland gezogen sind — sind durchschnittlich 43 Jahre alt. Ihre in Deutschland geborenen Nachkommen sind im Schnitt gerade einmal 20 Jahre alt. Das bedeutet: Die Nachkommengeneration steht grossteils noch am Anfang ihrer Bildungs- und Berufsbiografie. Ihre Chancen, Armut zu vermeiden, werden sich in den naechsten Jahren entscheiden — je nachdem, wie gut das Bildungssystem sie erreicht.

Kurzantwort: Eingewanderte sind im Schnitt 43 Jahre alt, ihre Nachkommen 20 Jahre. Diese Altersluecke zeigt, dass es sich um zwei grundlegend verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Ausgangssituationen und Perspektiven handelt.

Bildungsabschluesse: eine klaffende Luecke

Der auffaelligste Unterschied zwischen Eingewanderten und der uebrigen Bevoelkerung liegt bei der Berufsqualifikation. Rund 44 Prozent der Eingewanderten haben keinen berufsqualifizierenden Abschluss. In der Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte trifft das nur auf rund 12 Prozent zu.

Das klingt wie ein individuelles Defizit — ist aber oft ein systematisches. In vielen Herkunftslaendern existieren keine vergleichbaren Berufsausbildungssysteme. Wer im Handwerk oder in der Industrie gearbeitet hat, ohne formalen Abschluss, aber mit jahrzehntelanger Praxis, gilt in der deutschen Statistik als unqualifiziert. Das verzerrt das Bild erheblich.

Gleichzeitig haben Personen mit einseitiger Einwanderungsgeschichte — also Nachkommen, bei denen nur ein Elternteil eingewandert ist — eine bessere Qualifikationsstruktur: Gut die Haelfte hat einen nicht-akademischen Berufsabschluss, rund 62 Prozent der Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte verfuegen ebenfalls ueber einen solchen Abschluss. Der Unterschied wird kleiner — aber er besteht.

Kurzantwort: 44 Prozent der Eingewanderten haben keinen berufsqualifizierenden Abschluss, verglichen mit knapp 12 Prozent in der Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte. Ein Teil dieser Luecke erklaert sich durch unterschiedliche Bildungssysteme im Herkunftsland — nicht durch fehlende Kompetenz.

Erwerbsquoten im Dreiervergleich

Auch bei der Erwerbsteilhabe zeigen sich Unterschiede — und hier ist das Muster aufschluessreich:

Gruppe Erwerbsquote
Eingewanderte73,2%
Nachkommen Eingewanderter72,6%
Ohne Einwanderungsgeschichte82,8%

Der Abstand zur Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte ist real — rund 10 Prozentpunkte. Aber er erklaert sich nicht vollstaendig durch Qualifikationsluecken. Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, fehlende Netzwerke und unterschiedliche Familienkonzepte spielen ebenfalls eine Rolle. Gleichzeitig zeigen Eingewanderte und ihre Nachkommen fast identische Erwerbsquoten — was darauf hindeutet, dass sich der Nachteil in der zweiten Generation nicht automatisch auflost.

Kurzantwort: Die Erwerbsquote liegt bei Eingewanderten und Nachkommen bei rund 73 Prozent — zehn Punkte unter der Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte. Der Rueckstand uebertraegt sich in die zweite Generation, lost sich also nicht automatisch auf.

Recente Zuwanderung: juenger und mit anderen Profilen

Wer zwischen 2020 und 2023 nach Deutschland gezogen ist, ist im Durchschnitt 37 Jahre alt — und damit deutlich juenger als der Gesamtdurchschnitt der schon laenger hier lebenden Eingewanderten. Das liegt daran, dass Arbeitsmigration und Fluchtmigration vor allem junge Erwachsene betreffen.

Wer noch vor 1980 eingewandert ist, ist heute durchschnittlich 57 Jahre alt — also fast im Rentenalter. Diese Gruppe haelt oft niedrigere Rentenansprueche, weil die fruehen Einwanderungsjahrzehnte von Niedriglohnarbeit und geringem sozialem Schutz gepraegt waren. Altersarmut ist in dieser Gruppe ueberdurchschnittlich verbreitet.

Kurzantwort: Neuere Zuwanderung (ab 2020) bringt im Schnitt juengere Menschen. Altere Eingewanderte, die vor 1980 kamen, sind heute fast im Rentenalter — und stark von Altersarmut bedroht, weil ihre Erwerbsbiografien von schlechten Arbeitsbedingungen und lueckenhaftem Rentenschutz gepraegt waren.

Warum diese Zahlen gesellschaftlich wichtig sind

Die Nachkommen Eingewanderter sind mit durchschnittlich 20 Jahren eine junge Generation — grossteils in Ausbildung oder am Beginn des Berufslebens. Wie gut sie integriert werden, welche Chancen sie auf dem Arbeitsmarkt haben und wie das Bildungssystem sie unterstuetzt, wird in den naechsten Jahren entscheiden, ob sich soziale Ungleichheit ueber Generationen fortschreibt.

Alle Beteiligten — Schulen, Unternehmen, Behoerden — stehen vor der Aufgabe, nicht einfach gleich zu behandeln, sondern unterschiedliche Ausgangssituationen aktiv auszugleichen. Das ist keine Privilegierung, sondern Voraussetzung fuer Chancengerechtigkeit.

Kurzantwort: Die juenge Nachkommengeneration steht am Beginn ihrer Biografie. Ob sich soziale Ungleichheit vererbt oder abbaut, haengt massgeblich davon ab, wie gut Bildungssystem und Arbeitsmarkt sie erreichen und foerdern.

Auf einen Blick: Altersstruktur und Qualifikation

Eingewanderte (Ø-Alter)
43,1 Jahre
Nachkommen (Ø-Alter)
20,3 Jahre
Ohne Einwanderungsgeschichte (Ø)
47,2 Jahre
Fehlender Berufsabschluss
44,1% der Eingewanderten vs. 11,8% ohne Einwanderungsgeschichte
Erwerbsquote
73,2% (Eingewanderte), 72,6% (Nachkommen), 82,8% (ohne MH)
Haeufiger Irrtum
"Ohne Abschluss heisst ohne Qualifikation." Viele Eingewanderte bringen umfangreiche Berufserfahrung mit — die das deutsche Anerkennungssystem nur unvollstaendig erfasst.

Haeufige Fragen zur Altersstruktur von Eingewanderten

Warum sind die Nachkommen Eingewanderter so viel juenger als die Eingewanderten selbst?
Viele Eingewanderte kamen als Erwachsene nach Deutschland — Arbeitsmigrantinnen und -migranten, Gefluechtete, Spaetkindler. Ihre Kinder wurden oft bereits in Deutschland geboren. Weil Zuwanderung haeufig im jungen Erwachsenenalter stattfindet, sind die hier geborenen Nachkommen statistisch deutlich juenger als die Elterngeneration. Das Durchschnittsalter der Nachkommen liegt dadurch bei rund 20 Jahren.
Bedeutet "kein Berufsabschluss", dass jemand keine Qualifikation hat?
Nein. Viele Eingewanderte haben jahrelange Berufserfahrung und praktische Kompetenzen, die in Deutschland statistisch nicht als Abschluss zaehlen, weil das duale Ausbildungssystem und entsprechende Zertifikate im Herkunftsland nicht existieren. Das deutsche Qualifikationsanerkennungssystem erfasst diese Kompetenzen oft nur unvollstaendig. Es gibt aber Programme zur Kompetenzfeststellung und Anerkennung auslaendischer Abschluesse.
Verbessert sich die Situation der Nachkommen gegenueber ihren eingewanderten Eltern?
Teilweise ja: Nachkommen haben besserem Zugang zum deutschen Bildungssystem, sprechen haeufig fliessend Deutsch als Muttersprache und kennen das gesellschaftliche System von Kindheit an. Gleichzeitig zeigen Studien, dass strukturelle Benachteiligungen — Diskriminierung, soziale Herkunft, Bildungsungleichheit — sich nicht automatisch in der zweiten Generation auflosen. Erwerbsquoten und Bildungsabschluesse unterscheiden sich noch immer merklich von der Bevoelkerung ohne Einwanderungsgeschichte.
Warum haben aeltere Eingewanderte besonders haeufig Altersarmut?
Wer vor 1980 nach Deutschland kam — oft als Gastarbeiter —, arbeitete haeufig in Niedriglohnbereichen, hatte weniger Moeglichkeiten zur Altersvorsorge und war laenger von Luecken im Rentensystem betroffen. Hinzu kommt, dass Rentenansprueche aus dem Herkunftsland oft gering oder schwer uebertragbar sind. Diese kumulative Benachteiligung schlaegt sich heute direkt in erhoehten Altersarmutsraten nieder.
Wie unterscheiden sich Eingewanderte aus der EU von jenen aus Drittstaaten?
EU-Buergerinnen und -Buerger geniessen Freizuegigkeit und koennen ohne Aufenthaltstitel arbeiten und leben. Ihre Qualifikationen sind haeufig einfacher anerkennbar. Eingewanderte aus Drittstaaten — insbesondere Gefluechtete — unterliegen komplexeren rechtlichen Rahmenbedingungen, haben laengere Wartezeiten bis zur vollen Arbeitsmarktteilhabe und stehen vor groesseren Huerdentechniken bei der Qualifikationsanerkennung. Diese Unterschiede spiegeln sich in den Einkommens- und Erwerbsdaten deutlich wider.