Zwei von drei wohnungslosen Menschen ohne Unterkunft sind bereits seit mehr als einem Jahr auf der Strasse. Jede zehnte Person ist seit mindestens einem Jahrzehnt ohne eigenen Wohnraum. Die Daten zeigen, wie aus akuter Not ein verfestigter Ausschluss entsteht - und warum Grossstadte besonders betroffen sind.
Schluesselzahlen - Wohnungslosenbericht 2024
Wohnungslosigkeit entsteht haeufig durch ein kurzfristiges Ereignis: Mietschulden, Trennung, Entlassung aus Haft oder Psychiatrie, der Verlust des Arbeitsplatzes. Entscheidend ist, ob die Betroffenen in dieser Phase Unterstutzung erhalten - oder ob sich die Notlage festigt.
Die Befragung vom Februar 2024, die dem Wohnungslosenbericht zugrunde liegt, liefert erstmals systematische Daten zur Dauer der Wohnungslosigkeit in Deutschland. Das Ergebnis ist eindeutig: Fur die Mehrheit der Menschen, die vollstaendig ohne Unterkunft auf der Strasse leben, ist Wohnungslosigkeit kein voruebergehender Zustand mehr.
Wohnungslosigkeit tritt in sehr unterschiedlichen Formen auf. Bei offener Wohnungslosigkeit schlafen Menschen im Freien, in Notunterkuenften oder anderen Einrichtungen des Hilfesystems. Verdeckt wohnungslos sind Menschen, die vorubergehend bei Bekannten, Verwandten oder wechselnden Personen unterkommen - ohne eigenen Mietvertrag, ohne gesicherte Perspektive.
Diese Unterscheidung ist fur das Thema Langzeitwohnungslosigkeit zentral, denn die Zeitstrukturen unterscheiden sich erheblich. Bei Menschen ohne jede Unterkunft sind 65 Prozent seit mehr als einem Jahr in dieser Situation. Bei verdeckt wohnungslosen Menschen gilt das Gegenteil: 55 Prozent sind weniger als ein Jahr wohnungslos, 21 Prozent sogar weniger als drei Monate.
Dauer der Wohnungslosigkeit im Vergleich
Das Muster legt nahe: Wer keine Unterkunft findet und nicht in das Hilfesystem gelangt, bleibt dort. Verdeckte Wohnungslosigkeit ist haeufiger eine kurzfristige Zwischenstation; das Leben auf der Strasse oder in Notunterkuenften wird hingegen rasch zum verfestigten Zustand.
Die Daten des Wohnungslosenberichts belegen einen klaren Zusammenhang: Je laenger jemand wohnungslos ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er oder sie vollstaendig ohne Unterkunft lebt. Das Hilfesystem - Notunterkuenfte, betreutes Wohnen, Wohnheime - fangt zwar einen Teil der Betroffenen auf, aber die durchschnittliche Verweildauer von 122 Wochen zeigt, dass es fuer viele keine Durchgangsstation ist, sondern ein dauerhafter Lebensort.
Wer aus dem Hilfesystem wieder auf die Strasse geraet, findet sich oft in einer verschlechterten Ausgangssituation wieder. Mietschulden aus der Vergangenheit, ein negativer Schufaeintrag, fehlende Referenzen bei Vermietern und die psychische Belastung durch langjaehrige Instabilitaet erschweren die Wohnungssuche erheblich. Hinzu kommt, dass auf dem angespannten deutschen Wohnungsmarkt guenstige Wohnungen kaum verfuegbar sind - insbesondere in Grossstaedten.
Langzeitwohnungslosigkeit hat tiefgreifende Folgen fur die physische und psychische Gesundheit. Das dauerhafte Leben ohne sicheren Rueckzugsort fuehrt zu chronischem Stress, Schlafmangel und einer erhoehten Anfaelligkeit fuer Erkrankungen. Wer auf der Strasse lebt, hat zudem eingeschraenkten Zugang zu medizinischer Versorgung - sei es aus Unwissenheit uber Ansprueche, aus Scham oder weil entsprechende Anlaufstellen in der Naehe fehlen.
Gleichzeitig sind psychische Erkrankungen und Suchtprobleme haeufig bereits Mitursache der urspruenglichen Wohnungslosigkeit. Die Frage, ob die Erkrankung der Wohnungslosigkeit vorausgegangen ist oder durch sie verursacht wurde, laesst sich oft nicht eindeutig beantworten - sie verscharfen sich gegenseitig. Das hat Konsequenzen fur den Schutz vor Gewalt: Menschen mit langer Obdachlosigkeitserfahrung sind haeufig weniger in der Lage, gefaehrlichen Situationen auszuweichen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Verfestigung auf der Strasse: Von denjenigen, die seit 10 oder mehr Jahren wohnungslos sind, leben 71 Prozent vollstaendig ohne Unterkunft auf der Strasse. Nur 27 Prozent dieser Gruppe sind verdeckt wohnungslos. Das zeigt: Wer sehr lange wohnungslos bleibt, verliert in der Regel auch den Zugang zu informellen Auffangnetzen wie Familienangehorigen oder Bekannten.
Die regionalen Unterschiede sind erheblich: In Grossstaedten gilt fur 27 Prozent der wohnungslosen Menschen ohne Unterkunft, dass sie seit mehr als fuenf Jahren in dieser Situation sind. In kleineren Gemeinden betraegt dieser Anteil nur 14 Prozent, in mittleren Gemeinden 15,5 Prozent.
Mehrere Faktoren erklaren, warum Langzeitwohnungslosigkeit ein urbanes Phaenomen ist. In Grossstaedten ist der Wohnungsmarkt am starksten angespannt - Leerstand ist selten, guenstige Wohnungen werden oft noch vor offizieller Ausschreibung vergeben. Gleichzeitig zieht das staedtische Hilfesystem Menschen aus dem Umland an: Notunterkuenfte, Beratungsstellen und medizinische Angebote fur wohnungslose Menschen konzentrieren sich in Ballungsraeumen. Das kann dazu fuehren, dass Menschen, die andernorts wohnungslos geworden sind, in Grossstaedten bleiben - und dort in die Langzeitwohnungslosigkeit geraten.
Die Analyse nach Gemeindegrossklassen liefert wichtige Hinweise fur die Sozialpolitik: Massnahmen zur Wohnraumsicherung und zur Praevention von Langzeitwohnungslosigkeit muessen in erster Linie in Grossstaedten ansetzen. Ein Bundeslaender-Vergleich zeigt, wie unterschiedlich die Versorgungsstrukturen innerhalb Deutschlands ausgepraegt sind.
Studien zur Wohnungslosigkeit zeigen, dass ein ausreichendes Angebot an guenstigem Wohnraum der effektivste Schutzfaktor gegen Langzeitwohnungslosigkeit ist. Ansaetze wie "Housing First" - die unmittelbare Versorgung mit stabilem Wohnraum ohne vorherige Bewaltigung anderer Probleme - haben in mehreren europaeischen Laendern den Anteil langjaehriger Obdachlosigkeit deutlich senken koennen. In Deutschland gibt es entsprechende Pilotprojekte, aber flaeechendeckend umgesetzt sind diese Konzepte noch nicht. Die Diskussion um die Umnutzung von Gewerbeimmobilien zu Wohnzwecken zeigt, wie die Suche nach Loesungen politisch verhandelt wird.
Der Vergleich nach Staatsangehoerigkeit ergibt ein vielschichtiges Bild. Bei deutschen wohnungslosen Menschen ohne Unterkunft sind 14,3 Prozent seit mehr als 10 Jahren wohnungslos - gegenueber 6,4 Prozent bei nichtdeutschen Wohnungslosen. Dieser Unterschied liegt unter anderem daran, dass nichtdeutsche wohnungslose Menschen haeufiger erst kurzfristig in Deutschland sind und noch keine langjahrige Obdachlosigkeitserfahrung aufgebaut haben.
Gleichzeitig offenbart die Befragung eine besonders preaere Situation: 61 Prozent der nichtdeutschen wohnungslosen Menschen ohne Unterkunft leben auf der Strasse - gegenueber einem geringeren Anteil bei deutschen Wohnungslosen, von denen mehr in verdeckter Wohnungslosigkeit aufgefangen werden. Rund 22.000 nichtdeutsche wohnungslose Menschen sind nicht institutionell untergebracht.
Das bedeutet: Nichtdeutsche Wohnungslose haben haeufig weder Zugang zum formellen Hilfesystem noch zu informellen sozialen Netzwerken, die eine verdeckte Unterkunftsloesung ermoglichen. Sprachbarrieren, Unsicherheiten beim Aufenthaltsstatus und mangelnde Kenntnis der Hilfeangebote verscharfen diese Situation. Rechtliche Rahmenbedingungen - etwa der eingeschrankte Zugang zur Grundsicherung fur bestimmte Gruppen - spielen ebenfalls eine Rolle. Die Methodik der kleinraumigen Armutsmessung kann helfen, diese Gruppen besser sichtbar zu machen.
Fuer das Hilfesystem bedeutet das eine doppelte Herausforderung: Nichtdeutsche wohnungslose Menschen befinden sich einerseits seltener im institutionalisierten Bereich und sind dort damit schwerer erreichbar. Andererseits brauchen sie oft spezifische Unterstuetzung, die uber Sprachkenntnisse hinausgeht und rechtliche wie kulturelle Besonderheiten berucksichtigt.
Das Thema beruhrt auch die Diskussion um Geldstrafen und Ersatzfreiheitsstrafen: Wer wohnungslos ist, kann Geldstrafen seltener bezahlen und landet uberproportional haufig in Haft - was eine Reintegration weiter erschwert.
Eine einheitliche gesetzliche Definition gibt es in Deutschland nicht. In der Forschung und Sozialpolitik wird haeufig eine Dauer von mehr als einem Jahr als Schwellenwert verwendet. Der Wohnungslosenbericht 2024 zeigt, dass 65 Prozent der wohnungslosen Menschen ohne Unterkunft diesen Schwellenwert bereits ueberschritten haben. In der EU-Definition (ETHOS) und in internationalen Vergleichsstudien gilt eine Dauer von 12 Monaten oder mehr als Kriterium fuer Langzeitwohnungslosigkeit.
In Grossstaedten treffen mehrere Faktoren zusammen: Der Wohnungsmarkt ist am starksten angespannt, guenstige Wohnungen sind kaum verfuegbar. Gleichzeitig zieht das staedtische Hilfesystem Menschen aus dem Umland an. Wer in einer Grossstadt in das Hilfesystem eintritt, bleibt dort oft laenger - und hat schlechtere Chancen auf einen raschen Wohnungsuebergang. Der Anteil derer, die seit mehr als fuenf Jahren wohnungslos sind, liegt in Grossstaedten bei 27 Prozent, in kleineren Gemeinden bei nur 14 Prozent.
Die durchschnittliche Verweildauer im Wohnungsnotfallhilfesystem betraegt 122 Wochen - das entspricht mehr als zwei Jahren. Knapp 40 Prozent der untergebrachten Personen sind bis zu einem Jahr im System. Das bedeutet umgekehrt, dass die Mehrheit der Betroffenen laenger als ein Jahr auf eine dauerhafte Wohnloesung wartet. Die lange Verweildauer ist ein Hinweis darauf, dass das Hilfesystem in vielen Faellen keine schnelle Weitervermittlung in stabiles Wohnen ermoeglicht.
In Bezug auf extreme Langzeitwohnungslosigkeit (10 Jahre und mehr) trifft das zu: 6,4 Prozent der nichtdeutschen Wohnungslosen ohne Unterkunft sind seit mindestens einem Jahrzehnt wohnungslos, gegenueber 14,3 Prozent bei deutschen Wohnungslosen. Das liegt unter anderem daran, dass viele nichtdeutsche wohnungslose Menschen erst seit kurzerer Zeit in Deutschland sind. Gleichzeitig sind sie mit 61 Prozent deutlich haeufiger vollstaendig auf der Strasse - ohne institutionelle Unterkunft und oft ohne informelle Auffangnetze. Rund 22.000 nichtdeutsche wohnungslose Menschen in Deutschland sind nicht institutionell untergebracht.
Forschung und Praxis zeigen, dass die Bereitstellung von Wohnraum - ohne Vorbedingungen - der wirksamste Ansatz ist. Das Konzept "Housing First" hat in mehreren europaischen Laendern die Rate der Langzeitwohnungslosigkeit deutlich gesenkt. Daruber hinaus sind fruehzeitige Interventionen wichtig, bevor Wohnungslosigkeit chronisch wird: Mietschuldenberatung, niedrigschwellige psychosoziale Unterstuetzung und der Ausbau des sozialen Wohnungsbaus. In Deutschland gibt es bislang keine flaeechendeckende Housing-First-Strategie.