Warum leben in Koeln, Stuttgart oder im Ruhrgebiet anteilig viel mehr Menschen mit Einwanderungsgeschichte als in Erfurt, Schwerin oder Magdeburg? Die Antwort beginnt nicht in der Gegenwart, sondern in den Wirtschaftswunderjahrenjahren der fruehen Bundesrepublik. Die Gastarbeiterprogramme, die Westdeutschland ab den fruehen 1950er Jahren systematisch ausgebaut hat, haben die geografische Verteilung der Eingewanderten in diesem Land dauerhaft gepraegt — und praegen sie bis heute.
Die Anwerbeprogramme: Wie Westdeutschland seine Migrationsgeografie erschuf
Als die westdeutsche Wirtschaft in den 1950er Jahren boomte und der Arbeitskraeftemangel dringend wurde, schloss die Bundesrepublik eine Reihe von Anwerbeabkommen mit suedreuropaeischen und anatolischen Laendern: Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960), die Tuerkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Das System war auf temporaere Arbeitsmigration ausgelegt. Angeworbene Arbeitnehmer sollten kommen, die Fabriken am Laufen halten und irgendwann wieder gehen.
Die Realitaet entwickelte sich anders. Viele der sogenannten Gastarbeiter liessen sich dauerhaft in der Naehe der Betriebe nieder, in denen sie arbeiteten: Stahlwerke im Ruhrgebiet, Automobilfabriken in Stuttgart und Wolfsburg, Bergwerke in Nordrhein-Westfalen, Textilindustrie in Bayern. Sie holten ihre Familien nach. Gemeinden entstanden, Strukturen, soziale Netzwerke — und damit eine Geographie der Einwanderung, die sich tief in die Siedlungsstruktur der Bundesrepublik einschrieb.
Der Anwerbestopp von 1973 beendete die offiziellen Programme abrupt. Die Wirtschaftskrise infolge des Oelpreisschocks machte eine aktive Arbeitskrafterekrutierung aus dem Ausland nicht mehr opportun. Doch der Stopp hatte eine paradoxe Nebenwirkung: Wer sich noch im Land befand, ueberlegte zweimal, ob er freiwillig ausreiste — denn eine Rueckkehr koennte dauerhaft ausgeschlossen sein. Aus dem Wunsch, irgendwann heimzukehren, wurde fuer viele die Entscheidung zu bleiben.
Das Ruckkehrhilfegesetz von 1983 versuchte dem entgegenzuwirken, indem es finanzielle Anreize zur Ausreise bot. Die Resonanz blieb begrenzt. Die meisten Familien hatten sich inzwischen in Westdeutschland verwurzelt: Kinder besuchten deutsche Schulen, Eltern hatten Rentenanspruche aufgebaut, Nachbarschaften existierten. Rueckkehr war keine reelle Option mehr fuer Hunderttausende.
Das West-Ost-Gefaelle: Historisches Erbe trifft DDR-Geschichte
Die DDR kannte keine Gastarbeiterprogramme im westdeutschen Sinne. Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik, Kuba oder Angola kamen unter anderen Bedingungen und auf anderen Wegen nach Ostdeutschland — staerker staatlich gelenkt, weniger auf dauerhafte Ansiedlung ausgerichtet. Nach der Wiedervereinigung verliessen die meisten von ihnen das Land wieder.
Das Ergebnis dieser unterschiedlichen Geschichten: Die westdeutschen Laender und ihre Grossstaedte haben eine jahrzehntelange Infrastruktur der Einwanderung aufgebaut — Beratungseinrichtungen, interreligioese Strukturen, mehrsprachige Medien, gewachsene Communities. Ostdeutschland startete nach 1990 gewissermassen neu, ohne diese Substanz. Als ab Mitte der 2000er Jahre Zuwanderung auch in die ostdeutschen Laender zunahm, stiess sie auf eine gesellschaftliche Infrastruktur, die darauf kaum vorbereitet war.
Der Mikrozensus belegt dieses Muster statistisch eindeutig. Personen mit Einwanderungsgeschichte konzentrieren sich deutlich haeufer in den westdeutschen Bundeslaendern und deren Ballungszentren. In ostdeutschen Laendern liegt ihr Anteil an der Bevoelkerung erheblich niedriger. Das ist kein Zufall, sondern die direkte Fortsetzung der Migrationsgeografie, die in den 1950er bis 1970er Jahren gelegt wurde.
Wichtige Wegmarken der deutschen Migrationsgeschichte
- 1955
- Erstes Anwerbeabkommen mit Italien
- 1961
- Anwerbeabkommen mit der Tuerkei; gleichzeitig Bau der Berliner Mauer
- 1973
- Anwerbestopp infolge der Oelkrise
- 1983
- Ruckkehrhilfegesetz (begrenzte Wirkung)
- 1992
- Zuwanderungsgipfel mit 1,2 Mio. Personen (Osteuropa, Balkanfluechtlinge)
- 1993
- Asylrechtsverschaerfung (Aenderung Art. 16a GG)
- ab 2004
- EU-Osterweiterung: starke Zuwanderung aus Polen, Slowakei u.a.
- ab 2011
- Steigende Asylantragszahlen (Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea u.a.)
Neue Wellen, alte Muster: Von Jugoslawien bis zur EU-Osterweiterung
Die Geschichte der Einwanderung nach Deutschland verlief nicht linear. Nach dem Anwerbestopp 1973 und einer Phase relativer Abnahme erreichte die Zuwanderung 1992 einen ersten Hoehepunkt: 1,2 Millionen Menschen kamen in jenem Jahr nach Deutschland. Hintergrund war einerseits die Oeffnung der osteuropaeischen Grenzen nach 1989, andererseits der Buergerkrieg in Jugoslawien, der Hunderttausende in die Flucht trieb.
Die Asylrechtsverschaerfung von 1993 — die Aenderung von Artikel 16a des Grundgesetzes — unterbrach diesen Zufluss deutlich. Einreisen zum Zweck der Asylsuche gingen danach erheblich zurueck. Bis Mitte der 2000er Jahre blieb die Zuwanderung auf eher niedrigem Niveau und schwankte.
Mit den EU-Osterweiterungen ab 2004 begann eine neue Phase. Polen, Slowaken, Rumaenen und Bulgaren konnten nun als EU-Buerger ohne buerokratische Huerde in Deutschland arbeiten. Viele taten das — und aehnlich wie einst die Gastarbeiter aus dem Sueden zog es auch diese Neuzuwanderer vor allem in die wirtschaftsstarken Regionen Westdeutschlands und die Ballungszentren mit bestehenden Community-Strukturen.
Ab 2011 stieg die Zahl der Asylsuchenden wieder an, in den Jahren 2015 und 2016 dramatisch. Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, aus Eritrea, Somalia, dem Iran, Pakistan und den Nachfolgestaaten Jugoslawiens stellten die groessten Gruppen. Auch diese Neuankoemmlinge folgten oft den schon bestehenden Netzwerken und liessen sich ueberwiegend in westdeutschen Staedten nieder, in denen Beratungseinrichtungen, Communities und Anlaufstellen bereits vorhanden waren.
Spaetatussiedlerinnen und Spaetataussiedler aus Rumaenien, Polen und den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion kamen nach der deutschen Wiedervereinigung ebenfalls in grosser Zahl. Ihre Aufnahme erfolgte ueber eigene rechtliche Kanaele, ihre raeumliche Verteilung folgte anderen Logiken — sie wurden haufig in bestimmte Regionen zugewiesen. Dennoch fuegten auch sie sich in das sich diversifizierende Gesamtbild ein.
Einkommensgefaelle und Armutsrisiken: Was das Erbe konkret bedeutet
Das historische Muster der Gastarbeit hat nicht nur geografische, sondern auch soziooekonomische Konsequenzen bis in die Gegenwart. Personen mit Einwanderungsgeschichte sind heute noch immer deutlich haeufiger von Armut bedroht als Menschen ohne — und zwar ueber alle Zeitabschnitte hinweg, fuer die Daten vorliegen.
Ein zentraler Faktor ist das Einkommensgefaelle. Erwerbstaetige mit Einwanderungsgeschichte verdienten zuletzt im Durchschnitt rund 1.800 Euro netto im Monat — knapp 200 Euro weniger als ihre Kollegen ohne Einwanderungsgeschichte, die auf durchschnittlich 2.000 Euro kamen. Diese Luecke klingt bescheiden, addiert sich aber ueber ein Erwerbsleben zu erheblichen Unterschieden in Vermoegenaufbau, Rentenanspruchen und Moeglichkeiten der sozialen Teilhabe.
Innerhalb der Gruppe der Eingewanderten gibt es grosse Unterschiede. Spaetatussiedlerinnen und Spaetaussiedler lagen mit durchschnittlich 2.100 Euro monatlichem Nettoerwerbseinkommen sogar etwas ueber dem Gesamtdurchschnitt. Personen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens erreichten 1.900 Euro. Beide Gruppen profitierten teils von deutschen Sprachkenntnissen, spezifischen Anerkenungsregeln oder laengerer Betriebszugehoerigkeitsdauer. Menschen aus anderen Herkunftsregionen lagen haeufig deutlich niedriger.
Vollzeit, Teilzeit, Nichterwerbstaetigkeit
Auch bei der Beschaeftigungsintensitaet zeigen sich systematische Unterschiede. Etwas mehr als die Haelfte der Personen ohne Einwanderungsgeschichte war vollzeitbeschaeftigt, bei Personen mit Einwanderungsgeschichte traf das auf etwa die Haelfte zu. Bei den Maennern arbeiteten fast drei Viertel ohne Einwanderungsgeschichte in Vollzeit, gegenueber rund zwei Dritteln mit. Bei den Frauen: 39 Prozent ohne Einwanderungsgeschichte in Vollzeit, 34 Prozent mit.
Besonders ins Auge faellt der Anteil nicht Erwerbstaetiger bei Frauen bestimmter Herkunftsgruppen. Frauen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens waren zu 14 Prozent nicht erwerbstaetig. Bei Frauen aus der Tuerkei stieg dieser Wert auf 19 Prozent. Frauen, die als Gefluechtete nach Deutschland gekommen waren, erreichten mit knapp 49 Prozent Nichterwerbstaetigkeit einen Wert, der fast funfmal so hoch lag wie bei Frauen ohne Einwanderungsgeschichte (rund 10 Prozent).
Diese Unterschiede sind nicht allein auf fehlende Qualifikationen zurueckzufuehren. Sie spiegeln eine Vielzahl struktureller Faktoren: Zugangshuerden zum Arbeitsmarkt, fehlende Kinderbetreuung, eingeschraenkte Sprachkompetenz, rechtliche Beschaeftigungsverbote in fruehen Asylphasen, diskriminierende Einstellungspraktiken sowie familiaere Rollenverteilungen, die aus Herkunftsgesellschaften mitgebracht und teils durch soziale Isolation in Deutschland konserviert wurden. Das Gastarbeitermodell der ersten Jahrzehnte hatte Familienzusammenfuehrung oft erst spat ermoeglicht und damit die weibliche Erwerbsbeteiligung strukturell verzögert.
Wichtig zu verstehen: Ein hoehereres Armutsrisiko bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist kein kulturelles Phaenomen, sondern das Ergebnis struktureller Benachteiligungen: schlechterer Bildungszugang, verzoegerte Sprachfoerderung, eingeschraenkte Berufsanerkennungswege und ein Arbeitsmarkt, der informelle Netzwerke statt formale Qualifikation bevorzugt. Wer diese Strukturen veraendern will, muss an diesen Stellschrauben ansetzen.
Ostdeutschland: Besondere Herausforderungen fuer spaet Zugewanderte
Dass Armutsrisiken bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte im Osten Deutschlands besonders ausgepraeegt sind, liegt an der Ueberlagerung zweier Benachteiligungslogiken. Ostdeutschland verzeichnet insgesamt ein niedrigeres Einkommensniveau, hoehere Armutsquoten und eine wirtschaftlich schwaechere Grundstruktur als die meisten westdeutschen Regionen. Wer als Migrantin oder Migrant in diese Strukturen eintritt — ohnehin mit erschwerten Startbedingungen —, traegt beide Risiken gleichzeitig.
Eingewanderte mit direkter Migrationserfahrung, also jene die selbst zugewandert sind (im Unterschied zu jenen, deren Eltern eingewandert sind), haben statistisch etwas hoehere Armutsrisiken als Personen der zweiten Generation. In Ostdeutschland ist dieser Unterschied besonders scharf ausgepraeegt. Das sind Hinweise darauf, dass die Integration des ersten zugewanderten Lebensabschnitts — Sprache lernen, Qualifikationen anerkennen lassen, Arbeit finden — in wirtschaftsschwachen Regionen schwerer gelingt als in Boomregionen mit angespanntem Arbeitsmarkt und hohem Bedarf an Arbeitskraeften.
Die innerdeutsche Binnenwanderung zeigt seit einigen Jahren eine interessante Verschiebung. Lange Jahre wanderten netto mehr Menschen aus Ostdeutschland nach Westen ab als umgekehrt. Seit 2017 kehrt sich dieser Trend um: Seither zieht es wieder mehr Menschen von West nach Ost. Im Jahr 2022 kamen von insgesamt rund 90.600 Menschen, die aus dem Westen in die ostdeutschen Laender zogen, 77 Prozent aus dem Erwerbsalter zwischen 18 und 64 Jahren — ein Drittel davon zwischen 18 und 29 Jahre alt. Das deutet auf junge, mobile Arbeitskraefte hin, die Lebensqualitaet und niedrigere Mietpreise suchen. Fuer die Integrationsinfrastruktur der ostdeutschen Laender ist das eine Chance, aber auch eine Herausforderung.
Was aus dem Gastarbeiter-Erbe folgt: Politische und gesellschaftliche Konsequenzen
Das Erbe der Anwerbeprogramme zeigt deutlich, dass Migrationspolitik langfristige strukturelle Wirkungen entfaltet, die weit ueber die urspruengliche politische Absicht hinausgehen. Die Bundesrepublik hatte Arbeitskraefte gerufen — und Menschen kamen, die blieben, Familien gruendeten und eine ganze Gesellschaft mitpraeegten. Daraus ergeben sich konkrete Schlussfolgerungen.
Erstens: Geografische Konzentrationen von Eingewanderten entstehen nicht durch Zufall, sondern folgen wirtschaftlichen und sozialen Logiken. Wer die Raeumlichkeit von Einwanderung verstehen will, muss Wirtschaftsgeschichte lesen. Wer sie veraendern will, braucht langfristige Strategien, keine kurzfristigen Verteilungsentscheidungen.
Zweitens: Das Einkommensgefaelle zwischen Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte ist hartnaeeckig, aber nicht unvermeidlich. Bessere Bildungszugaenge, konsequente Anerkennung auslaendischer Qualifikationen, Abbau diskriminierender Einstellungspraktiken und gezielte Sprach- und Berufsfoerderung koennen hier messbare Verbesserungen erreichen. Das ist keine Sozialpolitik als Selbstzweck, sondern wirtschaftliche Vernunft in einer Gesellschaft, die auf qualifizierte Arbeitskraefte angewiesen ist.
Drittens: Das Armutsrisiko bei eingewanderten Menschen ist das Ergebnis kumulativer Benachteiligungen, die fruehzeitige Intervention erfordern. Kinderarmut in Familien mit Einwanderungsgeschichte wirkt sich auf Bildungsbiografien aus, die wiederum spaetere Erwerbsmoeglichkeiten formen. Diese Verkettungen zu durchbrechen erfordert Investitionen in fruehe Bildung, Kita-Zugang und Schulsozialarbeit.
Viertens: Die raeumliche Ungleichheit zwischen West und Ost bei der Verteilung von Eingewanderten ist kein naturgegebener Zustand. Sie ist historisch erklaerbar und politisch gestaltbar. Die neue innerdeutsche Wanderungsdynamik seit 2017 bietet eine Chance, die Konzentrationen langfristig abzuflachen — wenn die Integrationsinfrastruktur in den ostdeutschen Laendern entsprechend ausgebaut wird.
Migration in Deutschland Überblick über Zuwanderung, Herkunftsgruppen, Arbeitsmarkt und Armut — mit allen weiterführenden Artikeln.