Migration & Geschichte

Das Gastarbeiter-Erbe: Wie die Anwerbeprogramme der 1950er Jahre Deutschlands Migrationsgeografie bis heute praegen

Wer heute die Verteilung von Eingewanderten in Deutschland betrachtet, liest darin eine Landkarte der Industriegeschichte. Die Ballungszentren des Westens zeigen deutlich hoehere Migrationsanteile als der Osten — ein Muster, das vor mehr als sieben Jahrzehnten seinen Ursprung hat und bis in die Gegenwart fortwirkt.

Schluesselzahlen

1973
Anwerbestopp: Das Ende der offiziellen Gastarbeiterprogramme — mit bleibenden Folgen fuer die Demografie
1,2 Mio.
Personen wanderten 1992 nach Deutschland ein — der erste historische Zuwanderungsgipfel nach der Grenzoefffnung Osteuropas
200 Euro
Einkommensluecke pro Monat: Erwerbstaetige mit Migrationsgeschichte verdienen im Schnitt 1.800 Euro netto, ohne Migrationsgeschichte 2.000 Euro
50 %
Vollzeitquote bei Erwerbstaetigen mit Migrationsgeschichte — bei Personen ohne liegt sie bei 56 Prozent
2017
Trendwende: Erstmals zogen wieder mehr Menschen von West- nach Ostdeutschland als umgekehrt

Warum leben in Koeln, Stuttgart oder im Ruhrgebiet anteilig viel mehr Menschen mit Einwanderungsgeschichte als in Erfurt, Schwerin oder Magdeburg? Die Antwort beginnt nicht in der Gegenwart, sondern in den Wirtschaftswunderjahrenjahren der fruehen Bundesrepublik. Die Gastarbeiterprogramme, die Westdeutschland ab den fruehen 1950er Jahren systematisch ausgebaut hat, haben die geografische Verteilung der Eingewanderten in diesem Land dauerhaft gepraegt — und praegen sie bis heute.

Die Anwerbeprogramme: Wie Westdeutschland seine Migrationsgeografie erschuf

Als die westdeutsche Wirtschaft in den 1950er Jahren boomte und der Arbeitskraeftemangel dringend wurde, schloss die Bundesrepublik eine Reihe von Anwerbeabkommen mit suedreuropaeischen und anatolischen Laendern: Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960), die Tuerkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Das System war auf temporaere Arbeitsmigration ausgelegt. Angeworbene Arbeitnehmer sollten kommen, die Fabriken am Laufen halten und irgendwann wieder gehen.

Die Realitaet entwickelte sich anders. Viele der sogenannten Gastarbeiter liessen sich dauerhaft in der Naehe der Betriebe nieder, in denen sie arbeiteten: Stahlwerke im Ruhrgebiet, Automobilfabriken in Stuttgart und Wolfsburg, Bergwerke in Nordrhein-Westfalen, Textilindustrie in Bayern. Sie holten ihre Familien nach. Gemeinden entstanden, Strukturen, soziale Netzwerke — und damit eine Geographie der Einwanderung, die sich tief in die Siedlungsstruktur der Bundesrepublik einschrieb.

Der Anwerbestopp von 1973 beendete die offiziellen Programme abrupt. Die Wirtschaftskrise infolge des Oelpreisschocks machte eine aktive Arbeitskrafterekrutierung aus dem Ausland nicht mehr opportun. Doch der Stopp hatte eine paradoxe Nebenwirkung: Wer sich noch im Land befand, ueberlegte zweimal, ob er freiwillig ausreiste — denn eine Rueckkehr koennte dauerhaft ausgeschlossen sein. Aus dem Wunsch, irgendwann heimzukehren, wurde fuer viele die Entscheidung zu bleiben.

Das Ruckkehrhilfegesetz von 1983 versuchte dem entgegenzuwirken, indem es finanzielle Anreize zur Ausreise bot. Die Resonanz blieb begrenzt. Die meisten Familien hatten sich inzwischen in Westdeutschland verwurzelt: Kinder besuchten deutsche Schulen, Eltern hatten Rentenanspruche aufgebaut, Nachbarschaften existierten. Rueckkehr war keine reelle Option mehr fuer Hunderttausende.

Kurzantwort: Die Gastarbeiterprogramme der Bundesrepublik ab den 1950er Jahren konzentrierten Einwanderung systematisch auf westdeutsche Industriestandorte. Der Anwerbestopp 1973 stoppte den Zustrom, aenderte aber nicht die raeumliche Verteilung der bereits Angekommenen. Das geografische Muster dieser Jahrzehnte wirkt bis heute nach.

Das West-Ost-Gefaelle: Historisches Erbe trifft DDR-Geschichte

Die DDR kannte keine Gastarbeiterprogramme im westdeutschen Sinne. Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik, Kuba oder Angola kamen unter anderen Bedingungen und auf anderen Wegen nach Ostdeutschland — staerker staatlich gelenkt, weniger auf dauerhafte Ansiedlung ausgerichtet. Nach der Wiedervereinigung verliessen die meisten von ihnen das Land wieder.

Das Ergebnis dieser unterschiedlichen Geschichten: Die westdeutschen Laender und ihre Grossstaedte haben eine jahrzehntelange Infrastruktur der Einwanderung aufgebaut — Beratungseinrichtungen, interreligioese Strukturen, mehrsprachige Medien, gewachsene Communities. Ostdeutschland startete nach 1990 gewissermassen neu, ohne diese Substanz. Als ab Mitte der 2000er Jahre Zuwanderung auch in die ostdeutschen Laender zunahm, stiess sie auf eine gesellschaftliche Infrastruktur, die darauf kaum vorbereitet war.

Der Mikrozensus belegt dieses Muster statistisch eindeutig. Personen mit Einwanderungsgeschichte konzentrieren sich deutlich haeufer in den westdeutschen Bundeslaendern und deren Ballungszentren. In ostdeutschen Laendern liegt ihr Anteil an der Bevoelkerung erheblich niedriger. Das ist kein Zufall, sondern die direkte Fortsetzung der Migrationsgeografie, die in den 1950er bis 1970er Jahren gelegt wurde.

Wichtige Wegmarken der deutschen Migrationsgeschichte

1955
Erstes Anwerbeabkommen mit Italien
1961
Anwerbeabkommen mit der Tuerkei; gleichzeitig Bau der Berliner Mauer
1973
Anwerbestopp infolge der Oelkrise
1983
Ruckkehrhilfegesetz (begrenzte Wirkung)
1992
Zuwanderungsgipfel mit 1,2 Mio. Personen (Osteuropa, Balkanfluechtlinge)
1993
Asylrechtsverschaerfung (Aenderung Art. 16a GG)
ab 2004
EU-Osterweiterung: starke Zuwanderung aus Polen, Slowakei u.a.
ab 2011
Steigende Asylantragszahlen (Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea u.a.)
Kurzantwort: Das West-Ost-Gefaelle bei der Verteilung von Eingewanderten spiegelt zwei unterschiedliche Staatsgeschichten. Westdeutschland baute ueber Jahrzehnte Einwanderungsstrukturen auf, die DDR kannte kein vergleichbares System. Dieses strukturelle Erbe ist bis heute in den regionalen Migrationsquoten ablesbar.

Neue Wellen, alte Muster: Von Jugoslawien bis zur EU-Osterweiterung

Die Geschichte der Einwanderung nach Deutschland verlief nicht linear. Nach dem Anwerbestopp 1973 und einer Phase relativer Abnahme erreichte die Zuwanderung 1992 einen ersten Hoehepunkt: 1,2 Millionen Menschen kamen in jenem Jahr nach Deutschland. Hintergrund war einerseits die Oeffnung der osteuropaeischen Grenzen nach 1989, andererseits der Buergerkrieg in Jugoslawien, der Hunderttausende in die Flucht trieb.

Die Asylrechtsverschaerfung von 1993 — die Aenderung von Artikel 16a des Grundgesetzes — unterbrach diesen Zufluss deutlich. Einreisen zum Zweck der Asylsuche gingen danach erheblich zurueck. Bis Mitte der 2000er Jahre blieb die Zuwanderung auf eher niedrigem Niveau und schwankte.

Mit den EU-Osterweiterungen ab 2004 begann eine neue Phase. Polen, Slowaken, Rumaenen und Bulgaren konnten nun als EU-Buerger ohne buerokratische Huerde in Deutschland arbeiten. Viele taten das — und aehnlich wie einst die Gastarbeiter aus dem Sueden zog es auch diese Neuzuwanderer vor allem in die wirtschaftsstarken Regionen Westdeutschlands und die Ballungszentren mit bestehenden Community-Strukturen.

Ab 2011 stieg die Zahl der Asylsuchenden wieder an, in den Jahren 2015 und 2016 dramatisch. Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, aus Eritrea, Somalia, dem Iran, Pakistan und den Nachfolgestaaten Jugoslawiens stellten die groessten Gruppen. Auch diese Neuankoemmlinge folgten oft den schon bestehenden Netzwerken und liessen sich ueberwiegend in westdeutschen Staedten nieder, in denen Beratungseinrichtungen, Communities und Anlaufstellen bereits vorhanden waren.

Spaetatussiedlerinnen und Spaetataussiedler aus Rumaenien, Polen und den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion kamen nach der deutschen Wiedervereinigung ebenfalls in grosser Zahl. Ihre Aufnahme erfolgte ueber eigene rechtliche Kanaele, ihre raeumliche Verteilung folgte anderen Logiken — sie wurden haufig in bestimmte Regionen zugewiesen. Dennoch fuegten auch sie sich in das sich diversifizierende Gesamtbild ein.

Kurzantwort: Jede grosse Einwanderungswelle nach Deutschland — Jugoslawienfluechtlinge 1992, EU-Osterweiterung ab 2004, Fluchtbewegungen ab 2011 — hat das bestehende Muster westlicher Konzentration eher verstaerkt als aufgebrochen, weil Netzwerke und Infrastruktur in westdeutschen Staedten laengst etabliert waren.

Einkommensgefaelle und Armutsrisiken: Was das Erbe konkret bedeutet

Das historische Muster der Gastarbeit hat nicht nur geografische, sondern auch soziooekonomische Konsequenzen bis in die Gegenwart. Personen mit Einwanderungsgeschichte sind heute noch immer deutlich haeufiger von Armut bedroht als Menschen ohne — und zwar ueber alle Zeitabschnitte hinweg, fuer die Daten vorliegen.

Ein zentraler Faktor ist das Einkommensgefaelle. Erwerbstaetige mit Einwanderungsgeschichte verdienten zuletzt im Durchschnitt rund 1.800 Euro netto im Monat — knapp 200 Euro weniger als ihre Kollegen ohne Einwanderungsgeschichte, die auf durchschnittlich 2.000 Euro kamen. Diese Luecke klingt bescheiden, addiert sich aber ueber ein Erwerbsleben zu erheblichen Unterschieden in Vermoegenaufbau, Rentenanspruchen und Moeglichkeiten der sozialen Teilhabe.

Innerhalb der Gruppe der Eingewanderten gibt es grosse Unterschiede. Spaetatussiedlerinnen und Spaetaussiedler lagen mit durchschnittlich 2.100 Euro monatlichem Nettoerwerbseinkommen sogar etwas ueber dem Gesamtdurchschnitt. Personen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens erreichten 1.900 Euro. Beide Gruppen profitierten teils von deutschen Sprachkenntnissen, spezifischen Anerkenungsregeln oder laengerer Betriebszugehoerigkeitsdauer. Menschen aus anderen Herkunftsregionen lagen haeufig deutlich niedriger.

Vollzeit, Teilzeit, Nichterwerbstaetigkeit

Auch bei der Beschaeftigungsintensitaet zeigen sich systematische Unterschiede. Etwas mehr als die Haelfte der Personen ohne Einwanderungsgeschichte war vollzeitbeschaeftigt, bei Personen mit Einwanderungsgeschichte traf das auf etwa die Haelfte zu. Bei den Maennern arbeiteten fast drei Viertel ohne Einwanderungsgeschichte in Vollzeit, gegenueber rund zwei Dritteln mit. Bei den Frauen: 39 Prozent ohne Einwanderungsgeschichte in Vollzeit, 34 Prozent mit.

Besonders ins Auge faellt der Anteil nicht Erwerbstaetiger bei Frauen bestimmter Herkunftsgruppen. Frauen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens waren zu 14 Prozent nicht erwerbstaetig. Bei Frauen aus der Tuerkei stieg dieser Wert auf 19 Prozent. Frauen, die als Gefluechtete nach Deutschland gekommen waren, erreichten mit knapp 49 Prozent Nichterwerbstaetigkeit einen Wert, der fast funfmal so hoch lag wie bei Frauen ohne Einwanderungsgeschichte (rund 10 Prozent).

Diese Unterschiede sind nicht allein auf fehlende Qualifikationen zurueckzufuehren. Sie spiegeln eine Vielzahl struktureller Faktoren: Zugangshuerden zum Arbeitsmarkt, fehlende Kinderbetreuung, eingeschraenkte Sprachkompetenz, rechtliche Beschaeftigungsverbote in fruehen Asylphasen, diskriminierende Einstellungspraktiken sowie familiaere Rollenverteilungen, die aus Herkunftsgesellschaften mitgebracht und teils durch soziale Isolation in Deutschland konserviert wurden. Das Gastarbeitermodell der ersten Jahrzehnte hatte Familienzusammenfuehrung oft erst spat ermoeglicht und damit die weibliche Erwerbsbeteiligung strukturell verzögert.

Wichtig zu verstehen: Ein hoehereres Armutsrisiko bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist kein kulturelles Phaenomen, sondern das Ergebnis struktureller Benachteiligungen: schlechterer Bildungszugang, verzoegerte Sprachfoerderung, eingeschraenkte Berufsanerkennungswege und ein Arbeitsmarkt, der informelle Netzwerke statt formale Qualifikation bevorzugt. Wer diese Strukturen veraendern will, muss an diesen Stellschrauben ansetzen.

Kurzantwort: Personen mit Einwanderungsgeschichte verdienen im Schnitt 200 Euro weniger pro Monat als Personen ohne. Sie sind seltener vollzeitbeschaeftigt. Ihr Armutsrisiko liegt deutlich hoeher. Diese Ungleichheiten sind nicht unvermeidbar, sondern das Ergebnis spezifischer struktureller Barrieren, die politisch veraendert werden koennen.

Ostdeutschland: Besondere Herausforderungen fuer spaet Zugewanderte

Dass Armutsrisiken bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte im Osten Deutschlands besonders ausgepraeegt sind, liegt an der Ueberlagerung zweier Benachteiligungslogiken. Ostdeutschland verzeichnet insgesamt ein niedrigeres Einkommensniveau, hoehere Armutsquoten und eine wirtschaftlich schwaechere Grundstruktur als die meisten westdeutschen Regionen. Wer als Migrantin oder Migrant in diese Strukturen eintritt — ohnehin mit erschwerten Startbedingungen —, traegt beide Risiken gleichzeitig.

Eingewanderte mit direkter Migrationserfahrung, also jene die selbst zugewandert sind (im Unterschied zu jenen, deren Eltern eingewandert sind), haben statistisch etwas hoehere Armutsrisiken als Personen der zweiten Generation. In Ostdeutschland ist dieser Unterschied besonders scharf ausgepraeegt. Das sind Hinweise darauf, dass die Integration des ersten zugewanderten Lebensabschnitts — Sprache lernen, Qualifikationen anerkennen lassen, Arbeit finden — in wirtschaftsschwachen Regionen schwerer gelingt als in Boomregionen mit angespanntem Arbeitsmarkt und hohem Bedarf an Arbeitskraeften.

Die innerdeutsche Binnenwanderung zeigt seit einigen Jahren eine interessante Verschiebung. Lange Jahre wanderten netto mehr Menschen aus Ostdeutschland nach Westen ab als umgekehrt. Seit 2017 kehrt sich dieser Trend um: Seither zieht es wieder mehr Menschen von West nach Ost. Im Jahr 2022 kamen von insgesamt rund 90.600 Menschen, die aus dem Westen in die ostdeutschen Laender zogen, 77 Prozent aus dem Erwerbsalter zwischen 18 und 64 Jahren — ein Drittel davon zwischen 18 und 29 Jahre alt. Das deutet auf junge, mobile Arbeitskraefte hin, die Lebensqualitaet und niedrigere Mietpreise suchen. Fuer die Integrationsinfrastruktur der ostdeutschen Laender ist das eine Chance, aber auch eine Herausforderung.

Kurzantwort: In Ostdeutschland treffen die hoeheren Armutsrisiken von Eingewanderten auf eine Region, die selbst strukturell benachteiligt ist. Das erzeugt besonders hohe Armutsbetroffenheit bei Migranten mit direkter Einwanderungserfahrung. Gleichzeitig kehrt sich seit 2017 die innerdeutsche Wanderungsrichtung um — was fuer die Integrationspolitik neue Implikationen hat.

Was aus dem Gastarbeiter-Erbe folgt: Politische und gesellschaftliche Konsequenzen

Das Erbe der Anwerbeprogramme zeigt deutlich, dass Migrationspolitik langfristige strukturelle Wirkungen entfaltet, die weit ueber die urspruengliche politische Absicht hinausgehen. Die Bundesrepublik hatte Arbeitskraefte gerufen — und Menschen kamen, die blieben, Familien gruendeten und eine ganze Gesellschaft mitpraeegten. Daraus ergeben sich konkrete Schlussfolgerungen.

Erstens: Geografische Konzentrationen von Eingewanderten entstehen nicht durch Zufall, sondern folgen wirtschaftlichen und sozialen Logiken. Wer die Raeumlichkeit von Einwanderung verstehen will, muss Wirtschaftsgeschichte lesen. Wer sie veraendern will, braucht langfristige Strategien, keine kurzfristigen Verteilungsentscheidungen.

Zweitens: Das Einkommensgefaelle zwischen Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte ist hartnaeeckig, aber nicht unvermeidlich. Bessere Bildungszugaenge, konsequente Anerkennung auslaendischer Qualifikationen, Abbau diskriminierender Einstellungspraktiken und gezielte Sprach- und Berufsfoerderung koennen hier messbare Verbesserungen erreichen. Das ist keine Sozialpolitik als Selbstzweck, sondern wirtschaftliche Vernunft in einer Gesellschaft, die auf qualifizierte Arbeitskraefte angewiesen ist.

Drittens: Das Armutsrisiko bei eingewanderten Menschen ist das Ergebnis kumulativer Benachteiligungen, die fruehzeitige Intervention erfordern. Kinderarmut in Familien mit Einwanderungsgeschichte wirkt sich auf Bildungsbiografien aus, die wiederum spaetere Erwerbsmoeglichkeiten formen. Diese Verkettungen zu durchbrechen erfordert Investitionen in fruehe Bildung, Kita-Zugang und Schulsozialarbeit.

Viertens: Die raeumliche Ungleichheit zwischen West und Ost bei der Verteilung von Eingewanderten ist kein naturgegebener Zustand. Sie ist historisch erklaerbar und politisch gestaltbar. Die neue innerdeutsche Wanderungsdynamik seit 2017 bietet eine Chance, die Konzentrationen langfristig abzuflachen — wenn die Integrationsinfrastruktur in den ostdeutschen Laendern entsprechend ausgebaut wird.

Kurzantwort: Das Gastarbeiter-Erbe ist nicht nur Geschichte. Es praegt heutige Einkommensunterschiede, raeumliche Verteilungen und Armutsrisiken. Politische Interventionen in Bildung, Berufsanerkennung und Diskriminierungsabbau koennen die Muster veraendern — wenn sie langfristig angelegt werden und strukturelle Ursachen adressieren.

Haeufige Fragen zum Gastarbeiter-Erbe und zur Migrationsgeografie Deutschlands

Warum leben in Westdeutschland anteilig viel mehr Eingewanderte als in Ostdeutschland?

Das ist direkte Folge der Industriegeschichte. Die Bundesrepublik schloss ab 1955 Anwerbeabkommen mit mehreren Laendern und rekrutierte gezielt Arbeitskraefte fuer ihre Fabriken, Bergwerke und Baustellen — die alle im Westen lagen. Die DDR hatte kein vergleichbares System. Als die Gastarbeiter blieben, entstanden in westdeutschen Industriezentren Communities, Netzwerke und Infrastruktur, die alle spaeter Zugewanderten ebenfalls anzogen. Dieses geografische Muster ist seither stabil geblieben.

Was war der Anwerbestopp von 1973 und welche Wirkung hatte er?

Nach der Oelkrise 1973 beendete die Bundesrepublik die offiziellen Gastarbeiterprogramme. Neue Anwerbungen aus Nichtmitgliedslaendern wurden eingestellt. Der Effekt war paradox: Viele Gastarbeiter, die eigentlich nur vorueckergehend bleiben wollten, entschieden sich nun, dauerhaft zu bleiben — aus Angst, bei Ausreise nicht mehr einreisen zu duerfen. Statt weniger Migranten blieben mehr. Die Familienzusammenfuehrung setzte danach erst richtig ein.

Verdienen Menschen mit Einwanderungsgeschichte wirklich deutlich weniger?

Im Durchschnitt ja. Erwerbstaetige mit Einwanderungsgeschichte verdienen monatlich netto rund 1.800 Euro, ohne Einwanderungsgeschichte sind es 2.000 Euro. Innerhalb der Gruppe gibt es allerdings grosse Spannbreiten: Spaeataussiedler liegen mit 2.100 Euro ueber dem Gesamtdurchschnitt, andere Gruppen deutlich darunter. Die Einkommensluecke erklaert sich durch niedrigerwertige Beschaeftigung, geringere Vollzeitquoten und fehlende Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen.

Warum ist das Armutsrisiko fuer Eingewanderte in Ostdeutschland besonders hoch?

Weil sich zwei Benachteiligungslagen ueberlagern. Ostdeutschland hat insgesamt niedrigere Einkommen, hoehere Armutsquoten und weniger gut bezahlte Arbeitsstellen als die meisten westdeutschen Regionen. Wer als Eingewanderter dort startet, traegt beide Benachteiligungen gleichzeitig. Dazu kommt, dass die Integrationsinfrastruktur — Sprachkurse, Beratungsstellen, Community-Netzwerke — in Ostdeutschland historisch weniger ausgebaut ist als im Westen.

Hat sich die innerdeutsche Wanderungsbewegung in den letzten Jahren veraendert?

Ja, und das ist bemerkenswert. Jahrzehntelang wanderten netto mehr Menschen aus Ostdeutschland in den Westen ab. Seit 2017 gilt das Gegenteil: Seither ziehen durchgaengig mehr Menschen von Westdeutschland in die ostdeutschen Laender. 2022 kamen von rund 90.600 West-Ost-Umziehenden 77 Prozent aus dem Erwerbsalter, ein Drittel war zwischen 18 und 29 Jahre alt. Das deutet auf junge Arbeitskraefte hin, die Mietpreise und Lebensqualitaet abwaegen. Fuer die Integrationslandschaft in Ostdeutschland hat diese Entwicklung relevante Implikationen.