Migration & Geschichte
Das Gastarbeiter-Erbe: Wie die Anwerbeprogramme der 1950er Jahre Deutschlands Migrationsgeografie bis heute praegen
Wer heute die Verteilung von Eingewanderten in Deutschland betrachtet, liest darin eine Landkarte der Industriegeschichte. Die Ballungszentren des Westens zeigen deutlich hoehere Migrationsanteile als der Osten — ein Muster, das vor mehr als sieben Jahrzehnten seinen Ursprung hat und bis in die Gegenwart fortwirkt.
1973
Anwerbestopp: Das Ende der offiziellen Gastarbeiterprogramme — mit bleibenden Folgen fuer die Demografie
1,2 Mio.
Personen wanderten 1992 nach Deutschland ein — der erste historische Zuwanderungsgipfel nach der Grenzoefffnung Osteuropas
200 Euro
Einkommensluecke pro Monat: Erwerbstaetige mit Migrationsgeschichte verdienen im Schnitt 1.800 Euro netto, ohne Migrationsgeschichte 2.000 Euro
50 %
Vollzeitquote bei Erwerbstaetigen mit Migrationsgeschichte — bei Personen ohne liegt sie bei 56 Prozent
2017
Trendwende: Erstmals zogen wieder mehr Menschen von West- nach Ostdeutschland als umgekehrt
84,4 Mio.
Menschen lebten Ende 2022 in Deutschland — rund 1,1 Millionen mehr als 2021, vor allem durch Zuwanderung aus der Ukraine.
7,2 Mio.
Menschen kamen bis 1973 durch die Anwerbeabkommen zum Arbeiten in die Bundesrepublik, etwa 4,3 Millionen kehrten im selben Zeitraum zurück.
2.
Platz belegen Ukrainerinnen und Ukrainer heute unter den ausländischen Bevölkerungsgruppen in Deutschland — hinter Menschen aus der Türkei.
−1,6 Mio.
Erwerbspersonen im Alter 20 bis 66 Jahre werden bis Mitte der 2030er-Jahre selbst bei hoher Nettozuwanderung fehlen.
>20 Prozentpunkte
sank der Anteil der Menschen mit großen Sorgen wegen Zuwanderung zwischen 2016 und 2021 — bei Frauen wie bei Männern.
Erwerbseinkommen im Vergleich
Warum leben in Koeln, Stuttgart oder im Ruhrgebiet anteilig viel mehr Menschen mit Einwanderungsgeschichte als in Erfurt, Schwerin oder Magdeburg? Die Antwort beginnt nicht in der Gegenwart, sondern in den Wirtschaftswunderjahrenjahren der fruehen Bundesrepublik. Die Gastarbeiterprogramme, die Westdeutschland ab den fruehen 1950er Jahren systematisch ausgebaut hat, haben die geografische Verteilung der Eingewanderten in diesem Land dauerhaft gepraegt — und praegen sie bis heute.
Die Anwerbeprogramme: Wie Westdeutschland seine Migrationsgeografie erschuf
Als die westdeutsche Wirtschaft in den 1950er Jahren boomte und der Arbeitskraeftemangel dringend wurde, schloss die Bundesrepublik eine Reihe von Anwerbeabkommen mit suedreuropaeischen und anatolischen Laendern: Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960), die Tuerkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Das System war auf temporaere Arbeitsmigration ausgelegt. Angeworbene Arbeitnehmer sollten kommen, die Fabriken am Laufen halten und irgendwann wieder gehen.
Die Realitaet entwickelte sich anders. Viele der sogenannten Gastarbeiter liessen sich dauerhaft in der Naehe der Betriebe nieder, in denen sie arbeiteten: Stahlwerke im Ruhrgebiet, Automobilfabriken in Stuttgart und Wolfsburg, Bergwerke in Nordrhein-Westfalen, Textilindustrie in Bayern. Sie holten ihre Familien nach. Gemeinden entstanden, Strukturen, soziale Netzwerke — und damit eine Geographie der Einwanderung, die sich tief in die Siedlungsstruktur der Bundesrepublik einschrieb.
Der Anwerbestopp von 1973 beendete die offiziellen Programme abrupt. Die Wirtschaftskrise infolge des Oelpreisschocks machte eine aktive Arbeitskrafterekrutierung aus dem Ausland nicht mehr opportun. Doch der Stopp hatte eine paradoxe Nebenwirkung: Wer sich noch im Land befand, ueberlegte zweimal, ob er freiwillig ausreiste — denn eine Rueckkehr koennte dauerhaft ausgeschlossen sein. Aus dem Wunsch, irgendwann heimzukehren, wurde fuer viele die Entscheidung zu bleiben.
Das Ruckkehrhilfegesetz von 1983 versuchte dem entgegenzuwirken, indem es finanzielle Anreize zur Ausreise bot. Die Resonanz blieb begrenzt. Die meisten Familien hatten sich inzwischen in Westdeutschland verwurzelt: Kinder besuchten deutsche Schulen, Eltern hatten Rentenanspruche aufgebaut, Nachbarschaften existierten. Rueckkehr war keine reelle Option mehr fuer Hunderttausende.
Das West-Ost-Gefaelle: Historisches Erbe trifft DDR-Geschichte
Die DDR kannte keine Gastarbeiterprogramme im westdeutschen Sinne. Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik, Kuba oder Angola kamen unter anderen Bedingungen und auf anderen Wegen nach Ostdeutschland — staerker staatlich gelenkt, weniger auf dauerhafte Ansiedlung ausgerichtet. Nach der Wiedervereinigung verliessen die meisten von ihnen das Land wieder.
Das Ergebnis dieser unterschiedlichen Geschichten: Die westdeutschen Laender und ihre Grossstaedte haben eine jahrzehntelange Infrastruktur der Einwanderung aufgebaut — Beratungseinrichtungen, interreligioese Strukturen, mehrsprachige Medien, gewachsene Communities. Ostdeutschland startete nach 1990 gewissermassen neu, ohne diese Substanz. Als ab Mitte der 2000er Jahre Zuwanderung auch in die ostdeutschen Laender zunahm, stiess sie auf eine gesellschaftliche Infrastruktur, die darauf kaum vorbereitet war.
Der Mikrozensus belegt dieses Muster statistisch eindeutig. Personen mit Einwanderungsgeschichte konzentrieren sich deutlich haeufer in den westdeutschen Bundeslaendern und deren Ballungszentren. In ostdeutschen Laendern liegt ihr Anteil an der Bevoelkerung erheblich niedriger. Das ist kein Zufall, sondern die direkte Fortsetzung der Migrationsgeografie, die in den 1950er bis 1970er Jahren gelegt wurde.
Wichtige Wegmarken der deutschen Migrationsgeschichte
- 1955
- Erstes Anwerbeabkommen mit Italien
- 1961
- Anwerbeabkommen mit der Tuerkei; gleichzeitig Bau der Berliner Mauer
- 1973
- Anwerbestopp infolge der Oelkrise
- 1983
- Ruckkehrhilfegesetz (begrenzte Wirkung)
- 1992
- Zuwanderungsgipfel mit 1,2 Mio. Personen (Osteuropa, Balkanfluechtlinge)
- 1993
- Asylrechtsverschaerfung (Aenderung Art. 16a GG)
- ab 2004
- EU-Osterweiterung: starke Zuwanderung aus Polen, Slowakei u.a.
- ab 2011
- Steigende Asylantragszahlen (Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea u.a.)
Neue Wellen, alte Muster: Von Jugoslawien bis zur EU-Osterweiterung
Die Geschichte der Einwanderung nach Deutschland verlief nicht linear. Nach dem Anwerbestopp 1973 und einer Phase relativer Abnahme erreichte die Zuwanderung 1992 einen ersten Hoehepunkt: 1,2 Millionen Menschen kamen in jenem Jahr nach Deutschland. Hintergrund war einerseits die Oeffnung der osteuropaeischen Grenzen nach 1989, andererseits der Buergerkrieg in Jugoslawien, der Hunderttausende in die Flucht trieb.
Die Asylrechtsverschaerfung von 1993 — die Aenderung von Artikel 16a des Grundgesetzes — unterbrach diesen Zufluss deutlich. Einreisen zum Zweck der Asylsuche gingen danach erheblich zurueck. Bis Mitte der 2000er Jahre blieb die Zuwanderung auf eher niedrigem Niveau und schwankte.
Mit den EU-Osterweiterungen ab 2004 begann eine neue Phase. Polen, Slowaken, Rumaenen und Bulgaren konnten nun als EU-Buerger ohne buerokratische Huerde in Deutschland arbeiten. Viele taten das — und aehnlich wie einst die Gastarbeiter aus dem Sueden zog es auch diese Neuzuwanderer vor allem in die wirtschaftsstarken Regionen Westdeutschlands und die Ballungszentren mit bestehenden Community-Strukturen.
Ab 2011 stieg die Zahl der Asylsuchenden wieder an, in den Jahren 2015 und 2016 dramatisch. Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, aus Eritrea, Somalia, dem Iran, Pakistan und den Nachfolgestaaten Jugoslawiens stellten die groessten Gruppen. Auch diese Neuankoemmlinge folgten oft den schon bestehenden Netzwerken und liessen sich ueberwiegend in westdeutschen Staedten nieder, in denen Beratungseinrichtungen, Communities und Anlaufstellen bereits vorhanden waren.
Spaetatussiedlerinnen und Spaetataussiedler aus Rumaenien, Polen und den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion kamen nach der deutschen Wiedervereinigung ebenfalls in grosser Zahl. Ihre Aufnahme erfolgte ueber eigene rechtliche Kanaele, ihre raeumliche Verteilung folgte anderen Logiken — sie wurden haufig in bestimmte Regionen zugewiesen. Dennoch fuegten auch sie sich in das sich diversifizierende Gesamtbild ein.
Einkommensgefaelle und Armutsrisiken: Was das Erbe konkret bedeutet
Das historische Muster der Gastarbeit hat nicht nur geografische, sondern auch soziooekonomische Konsequenzen bis in die Gegenwart. Personen mit Einwanderungsgeschichte sind heute noch immer deutlich haeufiger von Armut bedroht als Menschen ohne — und zwar ueber alle Zeitabschnitte hinweg, fuer die Daten vorliegen.
Ein zentraler Faktor ist das Einkommensgefaelle. Erwerbstaetige mit Einwanderungsgeschichte verdienten zuletzt im Durchschnitt rund 1.800 Euro netto im Monat — knapp 200 Euro weniger als ihre Kollegen ohne Einwanderungsgeschichte, die auf durchschnittlich 2.000 Euro kamen. Diese Luecke klingt bescheiden, addiert sich aber ueber ein Erwerbsleben zu erheblichen Unterschieden in Vermoegenaufbau, Rentenanspruchen und Moeglichkeiten der sozialen Teilhabe.
Innerhalb der Gruppe der Eingewanderten gibt es grosse Unterschiede. Spaetatussiedlerinnen und Spaetaussiedler lagen mit durchschnittlich 2.100 Euro monatlichem Nettoerwerbseinkommen sogar etwas ueber dem Gesamtdurchschnitt. Personen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens erreichten 1.900 Euro. Beide Gruppen profitierten teils von deutschen Sprachkenntnissen, spezifischen Anerkenungsregeln oder laengerer Betriebszugehoerigkeitsdauer. Menschen aus anderen Herkunftsregionen lagen haeufig deutlich niedriger.
Vollzeit, Teilzeit, Nichterwerbstaetigkeit
Auch bei der Beschaeftigungsintensitaet zeigen sich systematische Unterschiede. Etwas mehr als die Haelfte der Personen ohne Einwanderungsgeschichte war vollzeitbeschaeftigt, bei Personen mit Einwanderungsgeschichte traf das auf etwa die Haelfte zu. Bei den Maennern arbeiteten fast drei Viertel ohne Einwanderungsgeschichte in Vollzeit, gegenueber rund zwei Dritteln mit. Bei den Frauen: 39 Prozent ohne Einwanderungsgeschichte in Vollzeit, 34 Prozent mit.
Besonders ins Auge faellt der Anteil nicht Erwerbstaetiger bei Frauen bestimmter Herkunftsgruppen. Frauen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens waren zu 14 Prozent nicht erwerbstaetig. Bei Frauen aus der Tuerkei stieg dieser Wert auf 19 Prozent. Frauen, die als Gefluechtete nach Deutschland gekommen waren, erreichten mit knapp 49 Prozent Nichterwerbstaetigkeit einen Wert, der fast funfmal so hoch lag wie bei Frauen ohne Einwanderungsgeschichte (rund 10 Prozent).
Diese Unterschiede sind nicht allein auf fehlende Qualifikationen zurueckzufuehren. Sie spiegeln eine Vielzahl struktureller Faktoren: Zugangshuerden zum Arbeitsmarkt, fehlende Kinderbetreuung, eingeschraenkte Sprachkompetenz, rechtliche Beschaeftigungsverbote in fruehen Asylphasen, diskriminierende Einstellungspraktiken sowie familiaere Rollenverteilungen, die aus Herkunftsgesellschaften mitgebracht und teils durch soziale Isolation in Deutschland konserviert wurden. Das Gastarbeitermodell der ersten Jahrzehnte hatte Familienzusammenfuehrung oft erst spat ermoeglicht und damit die weibliche Erwerbsbeteiligung strukturell verzögert.
Wichtig zu verstehen: Ein hoehereres Armutsrisiko bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist kein kulturelles Phaenomen, sondern das Ergebnis struktureller Benachteiligungen: schlechterer Bildungszugang, verzoegerte Sprachfoerderung, eingeschraenkte Berufsanerkennungswege und ein Arbeitsmarkt, der informelle Netzwerke statt formale Qualifikation bevorzugt. Wer diese Strukturen veraendern will, muss an diesen Stellschrauben ansetzen.
Ostdeutschland: Besondere Herausforderungen fuer spaet Zugewanderte
Dass Armutsrisiken bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte im Osten Deutschlands besonders ausgepraeegt sind, liegt an der Ueberlagerung zweier Benachteiligungslogiken. Ostdeutschland verzeichnet insgesamt ein niedrigeres Einkommensniveau, hoehere Armutsquoten und eine wirtschaftlich schwaechere Grundstruktur als die meisten westdeutschen Regionen. Wer als Migrantin oder Migrant in diese Strukturen eintritt — ohnehin mit erschwerten Startbedingungen —, traegt beide Risiken gleichzeitig.
Eingewanderte mit direkter Migrationserfahrung, also jene die selbst zugewandert sind (im Unterschied zu jenen, deren Eltern eingewandert sind), haben statistisch etwas hoehere Armutsrisiken als Personen der zweiten Generation. In Ostdeutschland ist dieser Unterschied besonders scharf ausgepraeegt. Das sind Hinweise darauf, dass die Integration des ersten zugewanderten Lebensabschnitts — Sprache lernen, Qualifikationen anerkennen lassen, Arbeit finden — in wirtschaftsschwachen Regionen schwerer gelingt als in Boomregionen mit angespanntem Arbeitsmarkt und hohem Bedarf an Arbeitskraeften.
Die innerdeutsche Binnenwanderung zeigt seit einigen Jahren eine interessante Verschiebung. Lange Jahre wanderten netto mehr Menschen aus Ostdeutschland nach Westen ab als umgekehrt. Seit 2017 kehrt sich dieser Trend um: Seither zieht es wieder mehr Menschen von West nach Ost. Im Jahr 2022 kamen von insgesamt rund 90.600 Menschen, die aus dem Westen in die ostdeutschen Laender zogen, 77 Prozent aus dem Erwerbsalter zwischen 18 und 64 Jahren — ein Drittel davon zwischen 18 und 29 Jahre alt. Das deutet auf junge, mobile Arbeitskraefte hin, die Lebensqualitaet und niedrigere Mietpreise suchen. Fuer die Integrationsinfrastruktur der ostdeutschen Laender ist das eine Chance, aber auch eine Herausforderung.
Was aus dem Gastarbeiter-Erbe folgt: Politische und gesellschaftliche Konsequenzen
Das Erbe der Anwerbeprogramme zeigt deutlich, dass Migrationspolitik langfristige strukturelle Wirkungen entfaltet, die weit ueber die urspruengliche politische Absicht hinausgehen. Die Bundesrepublik hatte Arbeitskraefte gerufen — und Menschen kamen, die blieben, Familien gruendeten und eine ganze Gesellschaft mitpraeegten. Daraus ergeben sich konkrete Schlussfolgerungen.
Erstens: Geografische Konzentrationen von Eingewanderten entstehen nicht durch Zufall, sondern folgen wirtschaftlichen und sozialen Logiken. Wer die Raeumlichkeit von Einwanderung verstehen will, muss Wirtschaftsgeschichte lesen. Wer sie veraendern will, braucht langfristige Strategien, keine kurzfristigen Verteilungsentscheidungen.
Zweitens: Das Einkommensgefaelle zwischen Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte ist hartnaeeckig, aber nicht unvermeidlich. Bessere Bildungszugaenge, konsequente Anerkennung auslaendischer Qualifikationen, Abbau diskriminierender Einstellungspraktiken und gezielte Sprach- und Berufsfoerderung koennen hier messbare Verbesserungen erreichen. Das ist keine Sozialpolitik als Selbstzweck, sondern wirtschaftliche Vernunft in einer Gesellschaft, die auf qualifizierte Arbeitskraefte angewiesen ist.
Drittens: Das Armutsrisiko bei eingewanderten Menschen ist das Ergebnis kumulativer Benachteiligungen, die fruehzeitige Intervention erfordern. Kinderarmut in Familien mit Einwanderungsgeschichte wirkt sich auf Bildungsbiografien aus, die wiederum spaetere Erwerbsmoeglichkeiten formen. Diese Verkettungen zu durchbrechen erfordert Investitionen in fruehe Bildung, Kita-Zugang und Schulsozialarbeit.
Viertens: Die raeumliche Ungleichheit zwischen West und Ost bei der Verteilung von Eingewanderten ist kein naturgegebener Zustand. Sie ist historisch erklaerbar und politisch gestaltbar. Die neue innerdeutsche Wanderungsdynamik seit 2017 bietet eine Chance, die Konzentrationen langfristig abzuflachen — wenn die Integrationsinfrastruktur in den ostdeutschen Laendern entsprechend ausgebaut wird.
Migration in Deutschland Überblick über Zuwanderung, Herkunftsgruppen, Arbeitsmarkt und Armut — mit allen weiterführenden Artikeln.
Migrationsmuster bis heute
Kurzantwort: Die geografische Prägung durch die Gastarbeiter-Anwerbung ist sichtbar geblieben, doch die heutige Zuwanderung wird von anderen Gruppen getragen als in den 1950er- und 1960er-Jahren.
Das Muster, das die Gastarbeiterprogramme in die westdeutsche Siedlungsgeografie eingeschrieben haben, wirkt bis in die Gegenwart nach. Gleichzeitig hat sich die Zusammensetzung der Zuwanderung nach Deutschland seit damals grundlegend verändert. Ende 2022 lebten 84,4 Millionen Menschen in Deutschland — rund 1,1 Millionen mehr als im Jahr davor. Der wesentliche Grund für diesen Anstieg war die starke Zuwanderung aus der Ukraine.
Damit sind Ukrainerinnen und Ukrainer heute die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland — hinter Menschen aus der Türkei, die als größte der klassischen Gastarbeiteranwerbestaaten historisch die stärkste Gruppe stellten. Länder wie Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, Marokko, Tunesien und das ehemalige Jugoslawien, die in den 1950er- und 1960er-Jahren die Anwerbeabkommen mit der Bundesrepublik geschlossen hatten, prägen zwar weiterhin die historisch gewachsenen Communities in Westdeutschland, sind aber bei der aktuellen Zuwanderung nicht mehr die dominierenden Herkunftsländer.
Die Zuwanderungsgeschichte Deutschlands verläuft damit in Wellen mit jeweils eigenen Ursachen: Arbeitskräfteanwerbung in den Wirtschaftswunderjahren, Fluchtbewegungen nach 1989 und im Zuge des Jugoslawienkriegs, EU-Osterweiterung ab 2004 und zuletzt die Fluchtmigration aus der Ukraine ab 2022.
Bevölkerungsentwicklung und Ausblick
Kurzantwort: Die Zahl der Erwerbspersonen wird bis Mitte der 2030er-Jahre sinken — auch bei starker Zuwanderung, was die strukturelle Bedeutung von Migration für den Arbeitsmarkt unterstreicht.
Die demografische Entwicklung Deutschlands stellt den Arbeitsmarkt vor eine Herausforderung, die an die Ausgangslage der 1950er-Jahre erinnert. Damals fehlten Arbeitskräfte für die boomende Industrie, heute fehlen sie durch den demografischen Wandel: Die Zahl der Erwerbspersonen im Alter von 20 bis 66 Jahren wird in den kommenden Jahren sinken. Selbst bei hoher Nettozuwanderung ist bis Mitte der 2030er-Jahre eine Abnahme um 1,6 Millionen Erwerbspersonen zu erwarten.
Diese Zahl zeigt: Zuwanderung bleibt ein strukturell wichtiger Faktor für den deutschen Arbeitsmarkt — so wie sie es bereits in der Anwerbephase der Nachkriegsjahrzehnte war. Der Unterschied liegt in der Form: Während die Gastarbeiteranwerbung ein staatlich organisiertes, auf bestimmte Herkunftsländer begrenztes Programm war, ist die heutige Zuwanderung vielfältiger zusammengesetzt und stärker von Fluchtursachen wie dem Krieg in der Ukraine geprägt.
Einstellungswandel: Wie die Bevölkerung heute über Zuwanderung denkt
Kurzantwort: Die Sorgen der Bevölkerung wegen Zuwanderung sind zwischen 2016 und 2021 bei Frauen und Männern gleichermaßen um mehr als 20 Prozentpunkte gesunken.
Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Zuwanderung hat sich seit der Anwerbephase deutlich gewandelt. Zwischen 2016 und 2021 ist der Anteil der Menschen, die sich große Sorgen wegen Zuwanderung machen, bei Frauen und Männern gleichermaßen um mehr als 20 Prozentpunkte gesunken.
Dieser Rückgang zeigt eine langfristige Entwicklung: Themen, die in früheren Jahrzehnten — etwa während der Anwerbephase oder nach dem Zuwanderungsgipfel 1992 — kontrovers diskutiert wurden, werden heute von einem kleineren Teil der Bevölkerung mit großer Sorge betrachtet. Die Ursachen für diesen Wandel lassen sich aus den vorliegenden Daten allein nicht ableiten.
Quellen
- Crack Droge - meine böse Erfahrung | Hamburg Hauptbahnhof | Straßenleben Interview
- Becky Blanton 2009 TED Talks "The Year i was Homeless"
- § 7b: Erreichbarkeit | Bundesagentur für Arbeit
- Grundsicherungsgeld: Voraussetzungen, Einkommen und Vermögen | Bundesagentur für Arbeit
- Grundsicherungsgeld: Wohnen und Miete | Bundesagentur für Arbeit
- § 7: Leistungsberechtigte | Bundesagentur für Arbeit
- Handreichung Wohnungsnotfallhilfen im SGB II (MAGS NRW, Februar 2019) — Teil 3
- Handreichung Wohnungsnotfallhilfen im SGB II (MAGS NRW, Februar 2019) — Teil 2
- Handreichung Wohnungsnotfallhilfen im SGB II (MAGS NRW, Februar 2019) — Teil 1
- ZVR-Jahresbericht 2025 — Zentrales Vorsorgeregister (Bundesnotarkammer)
- ZVR-Statistik 2026 — Zentrales Vorsorgeregister (Bundesnotarkammer, Stand 30.06.2026)
- BAG W Statistikbericht 2023 (DzW-Dokumentation)
Häufige Fragen
Warum leben in Westdeutschland anteilig viel mehr Eingewanderte als in Ostdeutschland?+
Das ist direkte Folge der Industriegeschichte. Die Bundesrepublik schloss ab 1955 Anwerbeabkommen mit mehreren Laendern und rekrutierte gezielt Arbeitskraefte fuer ihre Fabriken, Bergwerke und Baustellen — die alle im Westen lagen. Die DDR hatte kein vergleichbares System. Als die Gastarbeiter blieben, entstanden in westdeutschen Industriezentren Communities, Netzwerke und Infrastruktur, die alle spaeter Zugewanderten ebenfalls anzogen. Dieses geografische Muster ist seither stabil geblieben.
Was war der Anwerbestopp von 1973 und welche Wirkung hatte er?+
Nach der Oelkrise 1973 beendete die Bundesrepublik die offiziellen Gastarbeiterprogramme. Neue Anwerbungen aus Nichtmitgliedslaendern wurden eingestellt. Der Effekt war paradox: Viele Gastarbeiter, die eigentlich nur vorueckergehend bleiben wollten, entschieden sich nun, dauerhaft zu bleiben — aus Angst, bei Ausreise nicht mehr einreisen zu duerfen. Statt weniger Migranten blieben mehr. Die Familienzusammenfuehrung setzte danach erst richtig ein.
Verdienen Menschen mit Einwanderungsgeschichte wirklich deutlich weniger?+
Im Durchschnitt ja. Erwerbstaetige mit Einwanderungsgeschichte verdienen monatlich netto rund 1.800 Euro, ohne Einwanderungsgeschichte sind es 2.000 Euro. Innerhalb der Gruppe gibt es allerdings grosse Spannbreiten: Spaeataussiedler liegen mit 2.100 Euro ueber dem Gesamtdurchschnitt, andere Gruppen deutlich darunter. Die Einkommensluecke erklaert sich durch niedrigerwertige Beschaeftigung, geringere Vollzeitquoten und fehlende Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen.
Warum ist das Armutsrisiko fuer Eingewanderte in Ostdeutschland besonders hoch?+
Weil sich zwei Benachteiligungslagen ueberlagern. Ostdeutschland hat insgesamt niedrigere Einkommen, hoehere Armutsquoten und weniger gut bezahlte Arbeitsstellen als die meisten westdeutschen Regionen. Wer als Eingewanderter dort startet, traegt beide Benachteiligungen gleichzeitig. Dazu kommt, dass die Integrationsinfrastruktur — Sprachkurse, Beratungsstellen, Community-Netzwerke — in Ostdeutschland historisch weniger ausgebaut ist als im Westen.
Hat sich die innerdeutsche Wanderungsbewegung in den letzten Jahren veraendert?+
Ja, und das ist bemerkenswert. Jahrzehntelang wanderten netto mehr Menschen aus Ostdeutschland in den Westen ab. Seit 2017 gilt das Gegenteil: Seither ziehen durchgaengig mehr Menschen von Westdeutschland in die ostdeutschen Laender. 2022 kamen von rund 90.600 West-Ost-Umziehenden 77 Prozent aus dem Erwerbsalter, ein Drittel war zwischen 18 und 29 Jahre alt. Das deutet auf junge Arbeitskraefte hin, die Mietpreise und Lebensqualitaet abwaegen. Fuer die Integrationslandschaft in Ostdeutschland hat diese Entwicklung relevante Implikationen.
Wie viele Gastarbeiter kamen insgesamt nach Deutschland?+
Bis 1973 kamen durch die Anwerbeabkommen 7,2 Millionen Menschen zum Arbeiten in die Bundesrepublik. Etwa 4,3 Millionen von ihnen kehrten im gleichen Zeitraum wieder in ihre Heimatländer zurück.
Welche Bevölkerungsgruppe hat die Gastarbeiter als größte Zuwanderungsgruppe heute abgelöst?+
Ukrainerinnen und Ukrainer sind heute die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland — hinter Menschen aus der Türkei, die historisch die größte Gruppe unter den ehemaligen Gastarbeiteranwerbestaaten bildeten.
Hat sich die Einstellung der Deutschen zur Zuwanderung seit den 2010er Jahren verändert?+
Ja. Zwischen 2016 und 2021 sank der Anteil der Menschen mit großen Sorgen wegen Zuwanderung bei Frauen und Männern gleichermaßen um mehr als 20 Prozentpunkte.
Warum ist die Zahl der Erwerbspersonen in Deutschland rückläufig?+
Der demografische Wandel führt dazu, dass die Zahl der Erwerbspersonen im Alter von 20 bis 66 Jahren sinkt. Selbst bei hoher Nettozuwanderung wird bis Mitte der 2030er-Jahre ein Rückgang um 1,6 Millionen erwartet.