Ein Blick in die deutschen Wohnverhaltnisse zeigt einen markanten Unterschied: Wahrend die Mehrheit der Bevolkerung ohne Einwanderungsgeschichte in kleinen Haushalten lebt — oft als Paar oder allein — teilen Eingewanderte ihr Zuhause deutlich haufiger mit mehreren Generationen unter einem Dach. Diese Diskrepanz ist messbar, gut belegt und vielschichtig erklarbar. Sie hangt zusammen mit Familienmodellen, die in vielen Herkunftslandern selbstverstandlich sind, mit wirtschaftlichen Zwangen auf dem Wohnungsmarkt und mit sozialen Netzwerken, die in der Fremde besonders wichtig sind.
Was bedeutet Mehrgenerationenhaushalt — und wer ist betroffen?
Ein Mehrgenerationenhaushalt ist ein Haushalt, in dem Angehorige verschiedener Generationen zusammenleben: Grosseltern, Eltern und Kinder unter einem Dach. In Deutschland gilt dies als eher ungewohnliche Wohnform — fur viele zugewanderte Familien ist es hingegen schlicht normal.
Die Zahlen sind eindrucklich: Mehr als sechs von zehn Eingewanderten leben in einem Haushalt mit mindestens vier Personen. Zum Vergleich: Nur knapp ein Viertel der Personen ohne Einwanderungsgeschichte erreicht diese Haushaltsgroe. Das ist kein marginaler Unterschied — es ist ein fundamentaler Kontrast in der Lebensrealitat.
Besonders auffallig: Fast 61 Prozent der Eingewanderten leben in einem klassischen Familienhaushalt mit Eltern und Kindern. Dieser Anteil liegt weit uber dem Durchschnitt der ubrigen Bevolkerung und spiegelt eine Familienpraferenz wider, die uber verschiedene Herkunftsgruppen hinweg beobachtbar ist — ob bei Familien aus der Turkei, dem ehemaligen Jugoslawien, aus Sudostasien oder aus afrikanischen Landern.
Warum leben Eingewanderte haufiger in grossen Haushalten?
Die Grunde fur diese Haushaltsstruktur sind vielfaltig und lassen sich nicht auf einen einzigen Faktor reduzieren. Im Kern spielen drei Dimensionen eine Rolle: kulturelle Praferenzen, wirtschaftliche Realitaten und die Funktion sozialer Netzwerke in der Einwanderungsgesellschaft.
Kulturelle Familienmodelle als Ausgangspunkt
In vielen Herkunftsgesellschaften ist das Zusammenleben mehrerer Generationen keine Ausnahme, sondern gesellschaftliche Norm. Die Idee, dass altere Eltern in ein Pflegeheim ziehen, wahrend die Kinder in einer eigenen Wohnung leben, ist in diesen Kulturen oft fremd — ja manchmal als Ausdruck von Gleichgultigkeit oder Respektlosigkeit verstanden. Fur Menschen, die aus solchen Gesellschaften nach Deutschland kommen, ist das gemeinsame Wohnen keine Einschrankung, sondern gelebte Werteentscheidung.
Gleichzeitig gilt: Je langer Menschen in Deutschland leben und je starker sie im neuen Umfeld sozialisiert werden, desto mehr passen sich die Haushaltsmodelle an den deutschen Standard an. Die zweite und dritte Einwanderergeneration lebt statistisch deutlich haufiger in kleinen Haushalten als die erste Generation.
Wirtschaftliche Zwange auf dem Wohnungsmarkt
Daneben spielt die wirtschaftliche Lage eine handfeste Rolle. Viele Eingewanderte sind auf dem Wohnungsmarkt strukturell benachteiligt. Diskriminierung bei der Wohnungsvergabe ist empirisch gut belegt: Bewerber mit auslandisch klingendem Namen bekommen seltener Ruckmeldungen auf Wohnungsangebote. Dazu kommen niedrigere Durchschnittseinkommen — das monatliche Nettoerwerbseinkommen von Erwerbstatigen mit Einwanderungsgeschichte liegt im Schnitt etwa 200 Euro unter dem Wert ohne Einwanderungsgeschichte.
Wenn eine bezahlbare Wohnung schwer zu finden ist, ist das gemeinsame Wohnen als Familie nicht nur kulturelle Praferenz, sondern auch okonomische Notwendigkeit. Mehrere Erwachsene teilen sich eine Wohnung, die eine Einzelperson oder ein Paar allein kaum finanzieren konnte. Das senkt die Wohnkosten pro Kopf — aber es engt auch ein.
Soziale Netzwerke als Sicherheitsnetz
Ein dritter Faktor ist die Funktion des Familienverbands als soziales Sicherheitsnetz. In Landern, in denen staatliche Sozialleistungen weniger ausgebaut sind, ubernimmt die erweiterte Familie Aufgaben, die in Deutschland der Sozialstaat leistet: Kinderbetreuung, Pflege alterer Angehoriger, Unterstutzung in finanziellen Notlagen. Wer mit diesem Erfahrungshorizont nach Deutschland kommt, verlasst sich in Krisen zunachst auf die Familie — und lebt entsprechend nah beieinander.
Gerade in den ersten Jahren nach der Einwanderung, wenn Sprachkenntnisse noch wachsen, Behordengange kompliziert sind und das soziale Netz im Aufbau steckt, ist der Familienverbund oft der einzige stabile Anker. Zusammenwohnen bedeutet dann auch: Wissen teilen, Ressourcen bundeln, furobereinander da sein.
Soziale Folgen: Was bedeutet das fur Armut und soziale Teilhabe?
Grosse Haushalte sind keine zwangslaufig problematische Lebensform — aber sie erhohen unter bestimmten Bedingungen das Armutsrisiko und konnen soziale Teilhabe erschweren.
Beengte Wohnverhaltnisse als Kinderarmutsrisiko
Wenn funf oder sechs Menschen in einer Dreizimmerwohnung leben, fehlt es an Ruckzugsraumen. Kinder haben keinen ruhigen Platz fur Hausaufgaben. Jugendliche konnen sich nicht zuruckziehen, wenn sie einen eigenen Raum benotigen. Beengte Wohnverhaltnisse sind ein bekannter Risikofaktor fur schulischen Misserfolg — und damit fur spatere Bildungsarmut. Wer als Kind nie einen eigenen Schreibtisch hatte, ist im Bildungssystem strukturell benachteiligt.
Das trifft uberproportional Kinder aus eingewanderten Familien. Sie wachsen haufiger in Haushalten auf, in denen pro Person weniger Wohnflache zur Verfugung steht. Das ist keine Frage von Wertvorstellungen, sondern von Ressourcen — und Ressourcen sind ungleich verteilt.
Frauenerwerbstatigkeit in grossen Familien
Ein weiterer Aspekt betrifft die Erwerbsbeteiligung von Frauen. Eingewanderte Frauen haben eine deutlich niedrigere Vollzeiterwerbsquote als Frauen ohne Einwanderungsgeschichte — 34 Prozent gegenuber 39 Prozent, und bei Frauen aus bestimmten Herkunftsregionen wie der Turkei liegt die Nichterwerbstatigenquote noch hoher. Grosse Familienhaushalte mit Kindern verstarken diesen Effekt: Wenn Kinderbetreuung intern organisiert wird, bleibt oft eine erwachsene Person — meistens die Mutter — aus dem Erwerbsleben heraus.
Das hat unmittelbare wirtschaftliche Folgen. Wer nicht erwerbstatig ist, baut keine eigenen Rentenanspruche auf, hat keine finanzielle Unabhangigkeit und ist im Trennungsfall besonders exponiert. Altersarmut und familienabhangige Armut sind fur diese Gruppe besonders relevante Risiken.
Einsamkeit trotz enger Familie
Paradoxerweise zeigen Daten, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte trotz ihrer engeren Familienstrukturen haufiger unter Einsamkeit leiden als die ubrige Bevolkerung. Das klingt zunachst widerspruchlich, erklart sich aber durch mehrere Faktoren: Fehlende Teilhabe an gesellschaftlichen Institutionen, Sprachbarrieren, Ausgrenzungserfahrungen und das Fehlen von Freundschaften ausserhalb der eigenen Gruppe. Die Familie ist nah — aber die Gesellschaft bleibt auf Abstand. Dieser strukturelle Ausschluss aus dem breiten sozialen Leben ist eine eigenstandige Form sozialer Benachteiligung.
Haushaltsstruktur im Wandel: Was Daten uber Veranderungen zeigen
Die Familienstrukturen eingewanderter Bevolkerungsgruppen sind nicht statisch. Sie verandern sich mit der Aufenthaltsdauer, der wirtschaftlichen Integration und dem generationellen Wandel. Die mittlere Aufenthaltsdauer Eingewanderter in Deutschland liegt bei uber zwanzig Jahren — und je langer jemand im Land lebt, desto mehr nahern sich Haushaltsmodelle dem deutschen Durchschnitt an.
Generationeneffekt: Erste gegen zweite Generation
Kinder und Enkel von Eingewanderten — die sogenannte zweite und dritte Generation — ubernehmen vielfach die Lebensmodelle des Landes, in dem sie aufgewachsen sind. Sie leben haufiger in kleineren Haushalten, ziehen fruher aus dem Elternhaus aus und grunden selbst kleinere Kernfamilien. Der ausgepragte Mehrgenerationenhaushalt ist vor allem ein Phanomen der ersten Einwanderergeneration — also derjenigen, die selbst zugewandert sind.
Das zeigt: Haushaltsstruktur ist kein unveranderliches kulturelles Merkmal. Sie ist Teil eines langeren Integrationsprozesses, der sich uber Generationen erstreckt.
Herkunftsgruppenunterschiede
Nicht alle Eingewanderten leben gleich. Innerhalb der Gruppe gibt es erhebliche Unterschiede je nach Herkunftsregion, Bildungsstand und wirtschaftlicher Lage. Personen aus sudwest- und nordeuropaischen Landern leben statistisch naher am deutschen Haushaltsmodell als Zugezogene aus der Turkei, dem ehemaligen Jugoslawien oder aus aussereuropaischen Landern. Bildung und Einkommensniveau sind dabei starker erklarend als Herkunftskultur allein: Ein gut verdienender Akademiker mit Einwanderungsgeschichte wohnt statistisch ahnlich wie sein deutscher Kollege — wahrend ein schlecht bezahlter Hilfsarbeiter ohne Einwanderungsgeschichte ebenfalls in beengten Verhaltnissen leben kann.
Was falsch verstanden wird: Irrtumer und Klischees korrigieren
Rund um die Familienstrukturen eingewanderter Bevolkerungsgruppen existieren hartnackige Fehlannahmen, die weder der Datenlage noch den Lebenswirklichkeiten gerecht werden.
Irrtum 1: Grosse Familien sind ein Problem an sich
Mehrgenerationenhaushalte werden in der offentlichen Debatte manchmal pauschal als Zeichen mangelnder Integration oder als problematische Lebensform dargestellt. Das ist falsch. Zusammenwohnen kann Ressourcen bundeln, gegenseitige Unterstutzung ermoglichen und soziale Stabilitat schaffen. Das Problem entsteht dort, wo beengte Raumverhaltnisse mit niedrigem Einkommen und fehlenden Alternativen zusammentreffen — nicht das Familienmodell selbst ist das Problem, sondern die strukturellen Bedingungen, unter denen es gelebt wird.
Irrtum 2: Eingewanderte wollen gar nicht integriert sein
Die Tatsache, dass viele Eingewanderte in grosseren Familienhaushalten leben, wird manchmal als Ausdruck von Desintegrationswillen gedeutet. Das ubersieht, dass viele Aspekte der Haushaltsstruktur nicht auf freier Wahl beruhen, sondern auf Zwangen des Wohnungsmarkts, auf Diskriminierungserfahrungen und auf wirtschaftlichen Einschrankungen. Wer keine bezahlbare eigene Wohnung findet oder sich diese nicht leisten kann, hat schlicht weniger Optionen.
Irrtum 3: Die Kinder profitieren automatisch vom Familienverbund
Grossfamilienstrukturen bieten Kindern Geborgenheit, Sprache und soziale Einbettung. Gleichzeitig konnen sie strukturelle Nachteile mit sich bringen, wenn beengter Wohnraum das Lernen erschwert oder wenn die familiare Einbindung die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausserhalb der Familie begrenzt. Fur Kinderarmut ist die Haushaltsgrosse allein keine schatzende oder benachteiligende Variable — entscheidend sind die damit verbundenen wirtschaftlichen Moglichkeiten und Bildungschancen.
Was hilft: Ansatzpunkte fur mehr Chancengleichheit
Wer die Situation eingewanderter Familien verbessern will, muss an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen. Keine einzelne Massnahme lost die Vielschichtigkeit des Problems.
Auf dem Wohnungsmarkt braucht es mehr bezahlbaren Wohnraum — gerade in Grostadten, wo viele Eingewanderte konzentriert leben. Dazu gehoren anonymisierte Bewerbungsverfahren, die Diskriminierung bei der Wohnungsvergabe reduzieren, und eine starkere Forderung des sozialen Wohnungsbaus. Das Wohngeld als Instrument der Unterstutzung ist wichtig, reicht allein aber nicht aus.
Fur die Bildungssituation von Kindern in grossen Haushalten sind ausserschulische Lernorte entscheidend: Stadtteilbibliotheken mit ruhigen Lernarmen, Hausaufgabenhilfe, Ganztagsschulen mit eigenen Lernplatzen. Diese Angebote verringern den Nachteil, der entsteht, wenn es zu Hause keinen eigenen ruhigen Schreibtisch gibt.
Fur Frauen in grossen Familienhaushalten, die aus der Erwerbstatigkeit herausgehalten werden, sind niedrigschwellige Kursangebote, flexible Kinderbetreuung und Beratungsangebote in mehreren Sprachen wichtig. Grundsicherungsleistungen mussen so gestaltet sein, dass sie Wege in den Arbeitsmarkt offnen, nicht verschliessen.
Und schliesslich: Fur Einsamkeit braucht es Begegnungsorte — Nachbarschaftscafes, Quartierszentren, Sportvereine, kulturelle Angebote, die Menschen unterschiedlicher Herkunft verbinden. Wer in einer grossen Familie lebt, aber gesellschaftlich isoliert ist, braucht Brucken in die Mehrheitsgesellschaft — keine Ratschlage zur Wohnraumreduzierung.
Fakten auf einen Blick
- Definition
- Mehrgenerationen- oder Grosshaushalte sind Haushalte mit vier oder mehr Personen, oft mit Kindern und Eltern sowie weiteren Familienmitgliedern unter einem Dach.
- Betroffene
- 61,2 Prozent aller Eingewanderten in Deutschland leben in Haushalten mit 4+ Personen; 60,7 Prozent in klassischen Familienhaushalten mit Eltern und Kindern.
- Vergleich
- Bei Personen ohne Einwanderungsgeschichte leben nur 23,6 Prozent in Haushalten dieser Grosse — weniger als halb so viele.
- Entwicklung
- Die Haushaltsgrosse nimmt mit steigender Aufenthaltsdauer und uber Generationen hinweg ab; zweite und dritte Generation lebt naher am deutschen Durchschnitt.
- Haeufige Ursachen
- Kulturelle Familienmodelle, wirtschaftliche Zwange auf dem Wohnungsmarkt, Diskriminierung bei Wohnungsvergabe, Funktion der Familie als soziales Sicherheitsnetz.
- Missverstandnis
- Grosse Familienhaushalte werden oft als Integrationsproblem gedeutet — tatsachlich sind sie haufig Reaktion auf strukturelle Einschrankungen, nicht Ausdruck von Integrationsunwillen.
Migration in Deutschland Überblick über Zuwanderung, Herkunftsgruppen, Arbeitsmarkt und Armut — mit allen weiterführenden Artikeln.