Wenn von Migranten-Kindern die Rede ist, denken viele an Menschen, die irgendwo zwischen zwei Kulturen leben — aber nicht ganz dazugehören. Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild. Die überwältigende Mehrheit der Kinder eingewanderter Eltern ist rechtlich vollständig Teil dieser Gesellschaft: Sie besitzen den deutschen Pass. Dennoch zeigen sich bei Bildung, Einkommen und sozialer Teilhabe Unterschiede, die auf strukturelle Ungleichheiten hindeuten — und die sich nicht einfach mit dem Erwerb der Staatsbürgerschaft auflösen.
Was bedeutet es, Nachkomme eingewanderter Eltern zu sein?
Die statistische Unterscheidung ist präzise: Als Nachkommen gelten Personen, die selbst nicht nach Deutschland eingewandert sind, aber mindestens ein Elternteil haben, das eingewandert ist. Haben beide Elternteile eine Einwanderungsgeschichte, spricht man von beidseitiger Einwanderungsgeschichte. Hat nur ein Elternteil diese Biografie, handelt es sich um einseitige Einwanderungsgeschichte.
Diese Unterscheidung ist mehr als Statistik. Sie bildet ab, wie unterschiedlich die alltägliche Lebenswirklichkeit sein kann: Wer in einem Haushalt aufwächst, in dem beide Eltern als Zugewanderte ankamen, kennt möglicherweise eine doppelte Verortung — zwischen der Herkunftskultur der Eltern und der eigenen deutschen Biografie. Wer hingegen nur ein eingewandertes Elternteil hat, wächst häufig in einem gemischten kulturellen Umfeld auf. Die Staatsangehörigkeit allein sagt wenig darüber, wie eine Person aufgewachsen ist und welche gesellschaftlichen Hürden sie kannte.
Wie viele Nachkommen haben die deutsche Staatsbürgerschaft?
Die Zahlen sind bemerkenswert eindeutig: Von den Nachkommen, deren beide Eltern nach Deutschland eingewandert sind, besitzen rund 95,9 Prozent die deutsche Staatsbürgerschaft. Knapp vier Prozent sind ohne deutschen Pass aufgewachsen — eine Minderheit innerhalb einer Minderheit, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft überrepräsentiert ist.
Bei den Nachkommen mit einseitiger Einwanderungsgeschichte, also jenen, bei denen nur ein Elternteil zugewandert ist, liegt die Quote der deutschen Staatsangehörigen bei 68,5 Prozent. Dieser niedrigere Wert erklärt sich teilweise dadurch, dass in dieser Gruppe mehr Personen aus binationalen Familien stammen und möglicherweise auch die Staatsangehörigkeit des anderen Elternteils besitzen — oder sich für diese entschieden haben.
Staatsangehörigkeit nach Einwanderungsgeschichte
- Beidseitig
- 95,9 % der Nachkommen (beide Eltern eingewandert) besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft
- Einseitig
- 68,5 % der Nachkommen (ein Elternteil eingewandert) sind Deutsche
- Trend
- Die Einbürgerungsquote in der zweiten Generation ist strukturell hoch — ein Zeichen weitreichender rechtlicher Integration
Was diese Zahlen auf den ersten Blick verbergen: Rechtliche Zugehörigkeit und soziale Zugehörigkeit sind nicht dasselbe. Ein Pass schützt nicht automatisch vor Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt, vor Diskriminierung im Bewerbungsverfahren oder vor dem erhöhten Armutsrisiko, das empirisch mit Einwanderungsgeschichte verknüpft ist. Die Staatsangehörigkeit ist der erste, aber nicht der letzte Schritt gesellschaftlicher Teilhabe.
Warum ist die Einbürgerungsquote so hoch?
Der Grund liegt im deutschen Staatsangehörigkeitsrecht. Kinder, die in Deutschland geboren werden, erwerben unter bestimmten Voraussetzungen automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft — auch wenn ihre Eltern keine deutschen Staatsangehörigen sind. Dieses Prinzip, bekannt als ius soli, ergänzt das traditionelle Abstammungsprinzip (ius sanguinis) und sorgt dafür, dass in Deutschland Geborene nicht allein aufgrund der Herkunft ihrer Eltern rechtlos gestellt werden.
Das System trägt Früchte: Eine Generation, die in deutschen Schulen aufgewachsen ist, deutsche Institutionen kennt, die Sprache fließend spricht — sie ist juristisch Teil des Staatsvolkes. Das schafft Grundlagen. Aber es löst nicht alle Herausforderungen. Denn strukturelle Benachteiligungen, die oft mit Einwanderungsgeschichte korrelieren — geringere Netzwerke, niedrigere Haushaltseinkommen der Eltern, schlechtere Ausgangsbedingungen bei der Bildung — übertragen sich auch auf die nächste Generation, unabhängig vom Passstatus.
Hinzu kommt: Die Elterngeneration ist in vielen Fällen seit Jahrzehnten in Deutschland verwurzelt. Die mittlere Aufenthaltsdauer eingewanderter Personen beträgt rund 20 Jahre. Ihre Kinder kennen kein anderes Land, keine andere Heimat. Der hohe Anteil mit deutschem Pass spiegelt diese gelebte Realität wider.
Bildung und Chancen: Wo steht die zweite Generation?
Bildung ist der entscheidende Hebel zwischen sozialer Herkunft und gesellschaftlicher Teilhabe. Und hier zeigt sich ein deutlicher Fortschritt innerhalb der Einwanderungsgesellschaft: Nachkommen — also die zweite Generation — besuchen weitaus häufiger ein Gymnasium als Personen, die selbst eingewandert sind.
Rund 39,5 Prozent der Nachkommen mit beidseitiger Einwanderungsgeschichte gehen auf ein Gymnasium. Das ist ein erheblicher Unterschied zu Kindern, die selbst aus dem Ausland zugezogen sind. Bei Nachkommen mit einseitiger Einwanderungsgeschichte liegt der Gymnasialanteil sogar bei fast 47 Prozent — vergleichbar mit der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte.
Diese Entwicklung ist bedeutsam. Sie zeigt, dass die zweite Generation aufsteigt — zumindest auf dem Weg durch das Bildungssystem. Dennoch bleibt ein Abstand. Und ein Blick auf die Elternseite erklärt einen Teil davon: Wenn Eltern in bildungsfernen Berufen arbeiten, wenig Zeit für Hausaufgabenbegleitung haben, oder in Haushalten mit beengtem Wohnraum leben, dann übertragen sich diese Einschränkungen auf die schulischen Startbedingungen der Kinder.
Bildungsaufstieg in der zweiten Generation: Rund 39,5 % der Nachkommen mit beidseitiger Einwanderungsgeschichte besuchen ein Gymnasium. Bei einseitiger Einwanderungsgeschichte sind es fast 47 % — ein Wert, der an die Gymnasialquote der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte heranreicht. Der Bildungsaufstieg zwischen den Generationen ist real, aber nicht abgeschlossen.
Dabei spielt auch die Bildungsarmut eine Rolle, die sich in Deutschland entlang sozialer und regionaler Linien verteilt. Kinder aus Familien mit niedrigem Haushaltseinkommen haben schlechtere Chancen auf weiterführende Bildung — unabhängig davon, ob die Eltern zugewandert sind oder nicht. Der Unterschied liegt darin, dass Familien mit Einwanderungsgeschichte im Schnitt häufiger in einkommensschwächeren Verhältnissen leben.
Armut und Einkommen: Bleibt das Risiko bestehen?
Rechtliche Integration und wirtschaftliche Integration verlaufen nicht immer im gleichen Tempo. Personen mit Einwanderungsgeschichte — sowohl die erste als auch die zweite Generation — sind in Deutschland im Schnitt einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt. Das gilt für Nachkommen zwar in geringerem Maße als für selbst Eingewanderte, aber der Unterschied zur Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte bleibt messbar.
Wer selbst eingewandert ist, hat ein höheres Armutsrisiko als wer als Kind eingewanderter Eltern in Deutschland aufgewachsen ist. Diese Abstufung ist wichtig: Sie zeigt, dass Integration über Generationen hinweg wirkt. Gleichzeitig bedeutet sie, dass das Armutsrisiko nicht automatisch mit dem Erwerb der Staatsbürgerschaft erlischt.
Die strukturellen Ursachen sind vielfältig. Viele Eltern der zweiten Generation kamen als Gastarbeiter, Geflüchtete oder Familiennachzügler nach Deutschland — oft ohne formale Qualifikationen, die hierzulande anerkannt wurden, oft in schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen. Diese Ausgangslage prägt das Familienkapital, das weitergegeben wird: nicht nur Geld, sondern auch soziale Netzwerke, Kenntnisse über Bildungswege, Zugang zu institutionellen Ressourcen.
Personen mit Einwanderungsgeschichte sind öfter in Teilzeit beschäftigt als ohne — und bei Frauen ist der Unterschied besonders ausgeprägt. Frauen mit Einwanderungsgeschichte weisen höhere Anteile an Nichterwerbstätigkeit auf, was sich direkt auf das Haushaltseinkommen und damit auf die Chancen der Kinder auswirkt. Wer in einem Haushalt aufwächst, in dem das Einkommen unter Druck steht, trägt diesen Druck als strukturelle Last mit in das eigene Erwachsenenleben.
Häufige Missverständnisse zur zweiten Generation
Rund um das Thema Nachkommen eingewanderter Eltern kursieren Vereinfachungen, die dem tatsächlichen Bild widersprechen. Ein verbreitetes Missverständnis: Wer keinen deutschen Pass hat, gehört nicht dazu — wer einen hat, ist vollständig integriert. Beides ist falsch.
Die Mehrheit der Nachkommen ist rechtlich vollständig Teil dieser Gesellschaft. Gleichzeitig zeigen Daten, dass formale Zugehörigkeit allein strukturelle Benachteiligungen nicht aufhebt. Integration ist kein Schalter, der umgelegt wird, wenn ein Dokument ausgestellt wird — sie ist ein gesellschaftlicher Prozess, der Bildungssystem, Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt und soziale Netzwerke umfasst.
Ein weiteres Missverständnis: Die zweite Generation ist eine homogene Gruppe. Das ist sie nicht. Herkunftsland der Eltern, Bildungsgrad, Aufenthaltsstatus, regionale Lage, Zeitpunkt der Einwanderung — all das variiert erheblich. Ein Kind türkischer Gastarbeiter-Nachkommen in einer westdeutschen Industriestadt hat eine andere Biografie als ein Kind syrischer Geflüchteter, die erst 2015 kamen. Beide gehören zur zweiten Generation — aber ihre Startbedingungen unterscheiden sich grundlegend.
Und schließlich: Einbürgerung ist keine Einbahnstraße in Richtung Assimilation. Viele Nachkommen pflegen bewusst mehrere kulturelle Identitäten — und das ist keine Integrationsverschiebung, sondern gelebte Normalität in einer Gesellschaft, die durch Einwanderung geformt wurde und weiter geformt wird.
Was bedeutet das für Armutspolitik und gesellschaftliche Teilhabe?
Der hohe Anteil deutscher Staatsbürger unter Nachkommen eingewanderter Eltern ist eine gute Nachricht. Er zeigt, dass das Rechtssystem Zugehörigkeit nicht dauerhaft verwehrt. Aber er darf nicht als Anlass dienen, strukturelle Nachteile kleinzureden.
Eine wirksame Sozialpolitik, die Kinderarmut bekämpfen will, muss die Lebensrealität von Familien mit Einwanderungsgeschichte im Blick behalten. Das bedeutet: frühe Bildungsförderung, die tatsächlich alle Kinder erreicht; Beratungsangebote, die sprachliche und kulturelle Barrieren abbauen; ein Arbeitsmarkt, der Qualifikationen anerkennt und nicht diskriminiert; ein Wohnungsmarkt, der Familien nicht systematisch benachteiligt.
Die zweite Generation steht an einem entscheidenden Punkt: Sie ist rechtlich angekommen, sozial auf dem Weg. Was aus diesem Weg wird, hängt nicht allein von individueller Anstrengung ab — es hängt davon ab, ob die Gesellschaft die Strukturen schafft, die echte Chancengleichheit ermöglichen. Soziale Teilhabe ist kein Geschenk — sie entsteht dort, wo Hindernisse systematisch abgebaut werden.